Ehrlich gestellt.
Hallo,
ich weiß nicht ganz, wie weit ich ausholen soll mit meiner Frage, aber ich fange einfach mal an. Zum Hintergrund: Mein Mann hat seit 5 Jahren Depressionen, die sich in Aggressionen mir und teilweise den Kindern gegenüber äußern. Obwohl er seit Jahren in Therapie ist, wird sein Zustand gerade eher schlimmer als besser. Auch Medikamente scheinen nicht zu helfen.
Wenn er wütend wird, gibt er mir oder den Kindern die Schuld und wird dabei teilweise ziemlich beleidigend, verletzend und ist nicht mehr ansprechbar. Abmachungen zu solchen Situationen, die wir vorher getroffen haben, genauso wie Grenzen, die ich in dem Moment ausspreche, dringen nicht durch seine Wut durch. Wenn sich seine Wut gegen mich richtet, gerate ich oft in eine Schockstarre und gehe meiner aktuellen Tätigkeit (meistens kochen o.ä.) im Autopilot nach. Wenn die Kinder ins Schussfeld geraten, werde ich selbst wütend und möchte sie beschützen. Das gibt ihm wiederum das Gefühl, bloßgestellt zu werden und er wird noch aggressiver. In beiden Fällen bin ich oft mehrere Tage danach so erschöpft, dass es mir schwerfällt, meinen Alltag zu bewältigen.
Meine Frage: Wie kann ich damit umgehen, wenn er durch seine Wut und Krankheit meine Grenzen und unsere Abmachungen nicht respektieren kann? Wie kann ich mich und die Kinder schützen, ohne ihn bloßzustellen? Wie kann ich es schaffen, dass ich gesundheitlich nicht unter seiner Wut leide und seine Aussagen nicht persönlich nehme, die er in seiner Wut zwar durchaus als Waffe benutzt, aber sich im Normalzustand nicht mal mehr daran erinnert? Ich weiß, dass ich ihn nicht heilen kann und dass er selbst an seiner Impulskontrolle arbeiten muss. Dennoch kann ich nicht einfach abwarten, bis er das geschafft hat, da ich bis dahin nicht jedes Mal in diesen Erschöpfungszustand geraten möchte.
unserer Expertin.
Vielen Dank für deine Frage und für den Mut, deine Situation zu teilen.
Puh, das ist wirklich eine harte Nummer. Ich kann mich so gut in dich hineinversetzen und nachfühlen, wie du dein Familienleben erlebst: Dieses dauernde „Stimmungen wahrnehmen“, dieses Beobachten. Dieses schnelle Einschreiten, wenn es zum Beispiel mit den Kindern eskaliert.
Ein ständiger Tanz auf rohen Eiern, wenn die Stimmung mal phasenweise gut ist, um ja nicht die Beziehung oder das Familienmiteinander zu gefährden. Nie genau zu wissen, wann die Stimmung kippt. Grenzen zu benennen, um dich selbst und die Kinder zu schützen und im selben Moment Angst zu haben, deinen Mann damit bloßzustellen oder die Situation noch weiter eskalieren zu lassen.
Das ist das Erste, was ich dir gerne von ganzem Herzen mitgeben möchte: Dieses Gesamtpaket ist unfassbar viel. Und du trägst da gerade ganz viel alleine auf deinen Schultern.
Seine Selbstverantwortung
Und gleichzeitig möchte ich bei all dem Verständnis für die Erkrankung deines Mannes, das ich habe, eine Sache ganz klar sagen:
Und sie darf auch nicht dazu führen, dass du dich selbst immer mehr aufopferst, um alles zusammenzuhalten.
Ja, bestimmt ist seine Wut ein Zeichen dafür, dass seine Grenzen überschritten wurden.
Und ja, bestimmt sorgt die Depression dafür, dass er nicht so belastbar ist. Dass er Lautstärke, Anforderungen oder Konflikte nicht so gut oder so lange aushalten kann, wie ein psychisch gesunder Mensch.
Aber: Die Verantwortung für seine Grenzen liegt bei ihm selbst.
Und gerade wenn er weiß, dass er schneller an seine Grenzen kommt, liegt es in seiner Verantwortung, besonders achtsam damit umzugehen.
Also nicht: Über die eigenen Grenzen gehen, alles in sich aufstauen und später explodieren.
Sondern: Früh wahrnehmen, wenn etwas zu viel wird. Sich nach Absprache zurückziehen. Bedürfnisse benennen. Unterstützung holen. Verantwortung übernehmen, bevor andere verletzt werden.
Ich kenne Familien, in denen ein Elternteil eine schwere Autoimmunerkrankung oder ein post-Covid-Syndrom bekommen hat und sich dadurch viel weniger in die Familie einbringen kann, als zuvor. Das gibt es. Und ja, das ist schrecklich und hat einen riesengroßen Einfluss auf die Familie.
Natürlich kann es sein, dass dein Mann in seiner Wut kaum noch erreichbar ist. Dass er emotional überflutet ist. Dass er sich später nur bruchstückhaft erinnert. Aber nur weil wir etwas im Nachhinein erklären und vielleicht sogar nachvollziehen können, ist es nicht automatisch entschuldigt.
Ob jemand einen über den Durst getrunken hat, seine Wut nicht im Griff hat oder dissoziiert, also nicht mehr ansprechbar ist, wenn ihn seine Emotionen überwältigen: All das verändert nichts daran, dass sein Verhalten verletzt, Angst macht und Beziehungen belastet. Im schlimmsten Fall zerstört es sie. Die Wirkung ist da. Und daran bist du nicht schuld.
Du musst auch nicht dafür sorgen, seine Aussagen nicht persönlich zu nehmen. Denn natürlich treffen sie dich. Du bist seine Frau und verletzende Aussagen tun weh. Die Verantwortung für seine Wut und sein Verhalten trägt dein Mann. Auch dann, wenn es ihm psychisch schlecht geht.
Und deshalb ist es wichtig, einmal klar auszusprechen:
Es ist nicht selbstverständlich, unter solchen Umständen in einer Beziehung zu bleiben. Eine Beziehung kann nur dann tragfähig bleiben, wenn Schutz, Verantwortung und echte Veränderungsbereitschaft gesehen und ernst genommen werden.
Dein Selbstschutz
Und ich glaube, genau hier wird es für dich besonders schwer, bei dir selbst zu bleiben. Vor allem dann, wenn viele dieser Situationen sich für dich bedrohlich anfühlen und dich selbst so sehr an deine Grenzen bringen.
Wenn du beschreibst, dass du im Autopilot funktionierst und einfach weiter kochst oder weitermachst, klingt das für mich auch nach einer Art Schutzreaktion deines Systems. So, als würden in dem Moment alle deine Gefühle abgeschaltet, damit du irgendwie durch die Situation kommst. Es zeigt, wie sehr solche Situationen auch dich emotional überfluten.
Und kein Wunder, bist du danach oft mehrere Tage so erschöpft, dass es dir schwerfällt, deinen Alltag zu bewältigen. Das zeigt mir vor allem, wie stark die Belastung ist, unter der du seit langer Zeit stehst und wie groß deine Not in den jeweiligen Situationen ist.
Ich glaube deshalb, dass Unterstützung für dich sehr wichtig wäre. Damit du gut begleitet und gehalten für dich lernen kannst, wie du gut für dich sorgen kannst. Ich komme weiter unten im Text nochmal darauf zurück.
Du musst nicht immer alles aushalten
Und zu diesem Für-dich-Sorgen gehört auch, die Verantwortung wieder dorthin zurückzugeben, wo sie hingehört.
Wenn du dich dauerhaft – bewusst oder unbewusst – als Puffer oder „Boxsack“ für seine Wut zur Verfügung stellst, weil „er es ja nicht so meint“ oder „sich später nicht erinnert“, nimmst du deinem Mann ungewollt auch einen Teil seiner Selbstverantwortung ab. Und damit auch die Möglichkeit, etwas zu verändern, seine bisherige Unterstützung zu hinterfragen und sich weiterzuentwickeln.
Ihm Verantwortung zuzutrauen bedeutet auch, ihm zuzutrauen, dass er sich Hilfe holt, die Therapieform verändert oder seine externe Unterstützung intensiviert, wenn es notwendig wird. Denn wenn sich sein Zustand trotz jahrelanger Therapie eher verschlechtert, dann darf das ernst genommen werden.
Vielleicht braucht es eine andere therapeutische Ausrichtung (statt Verhaltenstherapie beispielsweise Tiefenpsychologie oder systemische Therapie, statt Gruppentherapie auch Einzeltherapie). Eine intensivere Begleitung (ambulante Psychotherapie kann zum Beispiel auch zwei mal pro Woche stattfinden). Eine stationäre Behandlung oder mehr Entlastung.
Aber all das kannst du nicht für ihn übernehmen. Und du kannst nicht ausgleichen oder kompensieren, was er gerade nicht schafft. Schon gar nicht, wenn der Preis dafür ist, dass du dich selbst immer mehr erschöpfst.
Und auch eure Kinder erleben diese Dynamik mit. Kinder erleben nicht nur die Wut selbst, das Geschrei und die Vorwürfe. Sie erleben auch, wie Erwachsene mit ihren Grenzen und mit Grenzüberschreitungen umgehen und ob Schutz und Sicherheit überhaupt möglich ist.
Deine Kinder dürfen erleben, dass das Verhalten ihres Vaters nicht in Ordnung ist. Vielleicht nachzuvollziehen, aber niemals zu rechtfertigen oder zu entschuldigen.
Und das heißt nicht, dass du dich nun noch mehr vor sie werfen und gegen deinen Mann „kämpfen“ musst, sondern dass du dir über deine Grenzen bewusst wirst und ihr als Elternpaar Klarheit für euch findet, wie ihr eure Beziehung gestalten könnt und wollt.
Kinder müssen nicht nur vor Wut geschützt werden, sondern auch vor der Annahme, Liebe bedeute, Aggression und Gewalt aushalten zu müssen.
Und genau hier geht es nicht nur um die einzelnen Wutausbrüche. Es geht auch um die Frage, wie ihr als Paar grundsätzlich mit Konflikten umgeht.
Auseinandersetzungen gehören zu Beziehungen dazu. Sie sind notwendig, weil sie sichtbar machen, dass etwas nicht mehr funktioniert und sich verändern muss. Ein gut durchlebter Konflikt kann eine Beziehung weiterbringen und im besten Fall zu mehr Nähe und Verbundenheit führen.
Aber dafür braucht es Augenhöhe.
Schwierig wird es, wenn in jeder Auseinandersetzung sofort das Gegenüber entwaffnet wird. Wenn auf Grenzen oder Klärungsbedarf mit Sätzen reagiert wird wie: „Du stellst mich vor den Kindern bloß“, „Immer bin ich schuld“ oder „Ist ja klar, dass das jetzt wieder kommt.“
Denn dadurch wird die eigentliche Auseinandersetzung oft beendet, bevor sie überhaupt beginnen kann. Plötzlich geht es nicht mehr darum, was passiert ist und was sich verändern muss. Sondern darum, wer schuld ist, wer sich rechtfertigen muss und wer sich zurücknimmt. Wie ein Pausenknopf.
Und so drehen sich viele Paare über Jahre im Kreis und haben gleichzeitig das Gefühl, überhaupt nicht mehr vom Fleck zu kommen. Wenn ihr beide füreinander und für eure Familie gut sein möchtet, dann darf Augenhöhe wieder ein wichtiges Ziel für eure Beziehung werden.
Und Augenhöhe bedeutet nicht, dass beide gleich belastbar sein müssen. Aber es bedeutet, dass beide Verantwortung für sich und ihr Verhalten übernehmen.
Dafür komme ich mal wieder mit meinem Lieblingssatz um die Ecke: Ein gutes ICH und ein gutes ICH ergeben ein gutes WIR.
Das bedeutet: Du sorgst für deine Grenzen und Bedürfnisse. Und er sorgt für seine Grenzen und Bedürfnisse.
Dieses Verharren in „Seit Jahren habe ich halt die Depression“ ist kein gutes Für-sich-Sorgen. Und dieses „Ihr seid schuld, dass es mir nicht besser geht“ ist auch keine Verantwortung für die eigenen Grenzen.
Sei mutig und traue ihm zu, dass er sich weiterentwickeln kann.
Deshalb komme ich am Ende noch einmal auf deine Unterstützung zurück: Ich glaube, dass sie für dich sehr wichtig wäre. Eine ganz eigene Unterstützung – unabhängig von der Therapie deines Mannes.
Ein Ort, an dem es einmal nicht darum geht, deinen Mann zu stabilisieren, Konflikte abzufedern oder alles zusammenzuhalten.
Sondern darum, wie es eigentlich dir geht. Was du brauchst. Wo deine Grenzen liegen. Und was du und deine Kinder brauchen, um sicher zu sein.
Denn du hast sehr lange sehr viel getragen. Du musst damit nicht alleine bleiben.
Und du musst auch nicht erst zusammenbrechen, um deine Grenzen ernst nehmen zu dürfen.
Alles Liebe,
Sara
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