Darum geht es
Wenn der Familienalltag uns überrollt, fühlt wird die eigene Paarbeziehung mehr und mehr zur Zweckgemeinschaft. Wo ist die Liebe hin? Und wie holen wir sie zurück?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hej lieber Domenik und liebes Family lab Team!

Auf deinen „Aufruf“ hin mag ich auch einfach mal ein Thema loswerden.

Es geht darum, wie man in einer Beziehung überhaupt noch erkennen kann, ob man sich liebt, oder eben nicht mehr, oder ob einfach alles unter so viel Ballast aus dem Alltag verschüttet wurde.

Wir sind vor fast 4 Jahren ausgewandert, da war unser erstes Kind gerade 2 1/2 Monate alt. Nach knapp 1 1/2 Jahren kam dann Nummer 2. Wir haben hier keine Familie, niemanden. Die beiden gehen 3-4h pro Tag in den Kindergarten und mehr möchten wir eigentlich auch nicht, weil wir einfach so viel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen wollen, so lange es geht. Mein Mann arbeitet Vollzeit im Homeoffice, damit wir uns trotzdem auch im Laufe des Tages immer mal kurz sehen können.

Nun habe ich aber irgendwie seit Jahren das Gefühl, wir leben nur noch in einer Zweckgemeinschaft. Irgendwie war unsere Beziehung vielleicht nie geprägt von tiefgehenden Gesprächen, aber wir hatten halt jeden Tag den gesamten Nachmittag nach der Arbeit, gemeinsame freie Tage, ein Bett nur für uns zwei. Jeden Tag hat man sich einen Abschiedskuss gegeben, abends im Bett kuscheln können, zusammen Dinge erlebt und auch einfach nur mal in Ruhe einen Film gesehen. Früher haben wir am Wochenende irgendwie immer auf der Couch gefrühstückt und dabei einen Film gesehen. Oder im Urlaub Lego-Harry Potter auf dem Laptop gezockt… ich vermisse das so sehr. Wir haben im Jahr, in dem wir ausgewandert sind, geheiratet, aber seitdem habe ich immer häufiger das Gefühl, dass wir uns nur noch schaden. Ich werde oft ausfallend, schreie und beleidige (das arbeite ich für mich aktuell auf, so dass es besser wird). 

Mein Mann wiederum kann null Gefühle zeigen, hat auch immer die Meinung, es wäre alles super. Dabei bin ich oft so verzweifelt.

Ich will ihn nicht um eine Umarmung anbetteln müssen, sondern auch einfach mal wieder gesehen werden, gehalten werden, wie früher.

Er war immer für mich da, hat mir einen Tee gemacht, wenn ich es brauchte, war einfach da. Und jetzt? Sehen wir uns manchmal den ganzen Tag nicht in die Augen, weil man immer am rödeln und machen und tun ist. Ich denke dann immer, dass ich ihn doch eigentlich liebe! (Oder lieben sollte!?) Aber ich spüre nur noch Traurigkeit, Einsamkeit, Distanz. Wenn man mal die Gelegenheit hat, sich wirklich nah zu sein, intim zu sein, dann ist davon spätestens am nächsten Morgen nichts mehr übrig. Und dann denke ich, bin ich eigentlich mit ihm zusammen, weil ich ihn liebe? Oder weil es halt die Umstände so verlangen.

Ich will doch mit ihm zusammen sein, aber wir sind so verschüttet von Chaos, Kleinkindern, Alltag und dann bleibt von so einer Beziehung nichts mehr übrig, obwohl man sich doch eigentlich geheiratet hat, Kinder zusammen wollte… das wird einem immer wie das höchste Gut in einer Beziehung verkauft. Und wir lieben sie auch wirklich über alles und würden sie niemals missen wollen. Aber die Beziehung ist dann gefühlt, für uns zumindest, vorbei.

Das war jetzt echt viel Text, aber auch etwas schwer, das kurz und knapp zusammenzufassen.

Aber vielleicht geht es ja auch vielen anderen Familien ähnlich und mein Anliegen und eure Antwort könnte anderen und mir auch helfen! 

Die Antwort
unserer Expertin.
Lieben wir uns eigentlich noch?
Dr. Nicole Wilhelm — FamilyLab Deutschland

Hallo liebe Fragestellerin,

meine kurze Antwort ist: Ich würde nichts überstürzen wollen, gemeinsame Erlebnisse schaffen und schauen, was passiert. Die lange ist folgende: 

In meinem Freundeskreis hat ein Paar nach 25 Jahren nochmals eine Hochzeitsfeier ausgerichtet, um ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen. Daraufhin sagte eine andere Freundin: „Ich würde meinen Mann nicht noch mal heiraten.“ Auf meine Frage, warum sie dann noch mit ihm zusammenleben würde, meinte sie: „Naja, das Haus und so.“ 

Das wäre überhaupt nichts für mich. Wenn ich den anderen nur noch für meine Bedürfnisse „benutze“, und ihn nicht mehr darüber freue, dass er in meinem Leben ist, mein Herz immer mal wieder einen kleinen Hüpfer macht, wenn ich ihn sehe, dann wollte ich kein gemeinsames Leben. 

Deshalb freut es mich sehr, dass du darüber nachdenkst, ob ihr zusammen seid, weil ihr euch als Menschen liebt und das Leben miteinander feiern wollt, oder ob der andere nur noch eine Funktion hat. Solche Fragen helfen aus meiner Sicht, damit man nicht irgendwann dort landet. 

Nicht Entweder-oder, sondern Sowohl-als-auch

Wenn man so junge Kinder hat, ist ja klar, dass man sich gegenseitig dringend braucht. Doch es ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Also die Tatsache, dass ihr einander braucht, bedeutet ja nicht, dass ihr euch nicht liebt. Eine effiziente Zweckgemeinschaft zu haben, ist für mich etwas sehr Hilfreiches. Es nimmt viel Stress aus einer Beziehung, wenn Verantwortungsbereiche und damit die Aufgaben klar und gut verteilt sind. Alles andere führt nach meiner Erfahrung nur zu zusätzlichem mental load. 

Stress führt oft zu falschen Schlüssen

Zwei Kinder, Aufbau eines neuen Lebensumfeldes, ohne unterstützende Familie… da kann der Verstand schon mal Murks machen. Denn wenn so viel los ist, sucht unser Verstand nach der Ursache für den ganzen Stress. Und dann läuft der Mann durch die Küche, und man denkt: „Der war’s!“ Unser Verstand zieht dann einfach die falschen Schlüsse, und daraus entstehen oft ungünstige Handlungen. 

Stell dir ein Wassergefäß vor: unten ist Schlamm, darüber Wasser. Du rührst mit einem Stock kräftig um – dann hast du trübe Brühe. Das passiert in einem so belebten Alltag ständig, weil ständig umgerührt wird, und dann kann man eben nicht klar sehen. Deshalb würde ich an deiner Stelle nichts überstürzen, sondern erst einmal spüren, was eigentlich in mir und zwischen uns los ist und was uns guttäte.

Was tun?

Du schreibst, dein Mann hätte „die Meinung, alles wäre super.“ Deshalb wäre mein erster Schritt, ihn in meine Welt einzuladen und ihm zu sagen, wie es mir geht. Und ich finde, du beschreibst es in deinem Text so schön. Für mich wäre es ein guter Anfang, ihn gemeinsam zu lesen. 

Es geht für mich um die Transformation eurer Beziehung, denn natürlich ist eine Beziehung mit Kindern eine andere als davor. Eure alte Beziehung gibt es nicht mehr, so wie im Sommer der Frühling vorbei ist. Das zu erkennen und anzuerkennen, ist für mich Teil eines guten Weges, wenn man gemeinsam alle Jahreszeiten miteinander erleben will. 

In einer neuen Beziehungsphase gilt es, eine neue Verbindung zu schaffen. „Wir sehen uns manchmal den ganzen Tag nicht in die Augen“, schreibst du. Das ist für mich eine superhilfreiche Beobachtung. Wenn du dir vorstellst, ihr würdet euch in die Augen gucken, oder ihr es einfach mal macht: Ist es angenehm oder unangenehm? Wenn es angenehm ist, dann habt ihr es durch den beschleunigten Alltag vielleicht einfach nur vergessen und euch buchstäblich „aus den Augen verloren“.

Wenn es dagegen unangenehm ist, ist es aus meiner Sicht hilfreich zu erforschen, warum ich Blicke vermeide, beziehungsweise was ich damit vermeiden will. 

Gemeinsame Erlebnisse

Du schreibst, dass Eure Beziehung noch nie geprägt war von tiefgehenden Gesprächen. Ihr scheint eine andere Verständigungsebene zu bevorzugen, deshalb sind es neben solchen Dialogen (die bei euch vielleicht nicht so wichtig sind?) für mich auch gemeinsame Erlebnisse, die neue Verbindung schaffen. Diese vielen Erlebnisse, die du in deinem Brief beschreibst: Wollt ihr das wieder gemeinsam tun, oder was ganz anderes? Und was braucht es dafür, um diesen Freiraum zu haben? Was in eurem Alltag ist zu viel, zu nervig und wäre gut zu verändern? Denn wenn man mit dem Rücken an der Wand steht, kann man nicht tanzen. Da kann es sein, dass man erst ein bisschen entrümpeln muss, um Platz zu haben oder etwas hinzufügen muss (zum Beispiel 4 Stunden in der Woche mehr in der Kita und dafür zufriedene Eltern – ich glaube das ist ein guter Deal für Kinder). Denn ich habe den Eindruck, dass euch vor allem diese Zeit zu zweit fehlt.

Ich lese oft: Beziehung ist Arbeit. Wenn ich das Gefühl hätte, es ist Arbeit mit meinem Mann zusammen zu leben, das wäre ja schrecklich! Natürlich braucht es Hinwendung, Zeit und den Wunsch, sich zu begegnen, doch das will ich ja. Und ich glaube, wenn es sich wie Arbeit anfühlt, kann es sein, dass es in meinem Leben zu viele Dinge gibt, die ich glaube tun zu müssen. Ich lese Kindern gerne vor, doch wenn aus dem Wollen ein Müssen wird – „Ich muss noch vorlesen!“ – dann, weil mein Alltag zu voll ist. 

Fokus als Gegenmittel zum Alltagstsunami

Deshalb hat es für mich auch etwas mit Fokus zu tun. Was ist mir wichtig im Leben? Wofür will ich mir Zeit nehmen? Denn man hat ja nie Zeit, wenn man sie sich nicht nimmt. Der Alltagstsunami fegt nämlich dann die wirklich wichtigen Dinge weg. 

Besonders wichtig finde ich auch, entscheidende Momente der Partnerschaft zu erkennen und ernst zu nehmen. Zeit zu haben, wenn der andere mich wirklich braucht. Mein Sohn kam einmal von der Schule nach Hause, und ich sah in seinem Gesicht, dass es ihm nicht gut geht. Da habe ich den Topf vom Herd gezogen und mich ihm zugewandt. Und ich glaube, das verpassen wir oft bei unseren Partnern und Partnerinnen, denn die sind ja schon groß und können warten – denkt man. Doch in verletzten, gestressten Momenten sind wir meist selbst ganz klein. Uns wirklich Zeit zu nehmen, wenn dem anderen etwas auf der Seele brennt, das finde ich sehr wichtig. „Er war immer für mich da.“ – also gibt es diese Qualität in eurer Beziehung, nur gerade eben ein bisschen verdeckt durch den Alltag? 

Was, wenn er nicht da wäre? 

Mein Mann hatte seine Kaffeemaschine mit auf Dienstreise genommen, weil er an einem Laden vorbeikam, der diese Maschine kalibrieren kann. Wenn ich durch die Küche lief, an dem leeren Kaffeemaschinenplatz vorbei, wurde mir mein Herz schwer, weil mir bewusst wurde, wie es wäre, wenn er nicht mehr da wäre, wenn ich mich nicht mehr mit ihm unterhalten könnte, ihn nicht mehr berühren könnte. 

Und für mich beantwortet dein Text diese Frage: Was wäre, wenn er nicht da wäre? Du vermisst ihn, er fehlt dir.

Und deshalb, finde ich, ist dein Text eigentlich eine Liebeserklärung an deinen Mann.

Er ist zwar da, doch eure Verbindung, geknüpft durch viele kleine, schöne Erlebnisse – so wie früher – fehlt, und ich glaube, daran ist der Alltagstsunami schuld. Ich wollte deshalb an eurer Stelle wieder Freiraum schaffen für Zeit, die nur euch beiden gehört, und dann schauen, was geschieht.

So, das waren meine Gedanken dazu, ich hoffe, sie waren für dich hilfreich, und ich wünsche dir viel Freude bei eurem Weg. 

Herzliche Grüße

Nicole