Darum geht es
„Wenn er jetzt jedoch sagt, er sei überlastet, und würde gerne seine Mutter einladen, werde ich ziemlich wütend…“ Wie finden wir als Paar einen Umgang mit unterschiedlichen Kapazitäten und unterschiedlichen Lösungsvorstellungen?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Ich habe folgendes Problem: Schwanger mit Kind Nr.2, unsere erste ist jetzt 2,5 Jahre alt. Bei uns ist die berufliche Rollenverteilung nicht unbedingt klassisch, sprich ich bin Geschäftsführerin in einem internationalen Konzern und mein Partner arbeitet in der Stadtverwaltung. Dementsprechend haben wir uns aus finanziellen Gründen auch ausgemacht, beim ersten Kind halbe-halbe bei der Elternzeit zu machen. Jedoch ist mir seit der Geburt unseres Kindes aufgefallen, dass mein Partner immer, wenn ich meinte ich sei überlastet, damals war ich mit Kind zuhause, und er arbeitete Vollzeit, nicht Hilfe anbot, sondern meinte ich soll seine Mutter, also meine Schwiegermutter, um Unterstützung fragen. Das war jedoch nicht der Punkt, sondern ich hätte mir gewünscht, dass er mir hilft, schließlich war es auch seine Entscheidung, ein Kind in die Welt zu setzen.

Wir sind dann 300km von seiner Familie weggezogen, näher zu meiner Familie, auch eine gemeinsame Entscheidung. Dann kam es immer wieder vor, als ich Vollzeit arbeitete, und er Teilzeit, dass seine Mutter auf unsere Tochter aufpasste. Anfangs auch noch mit meinem Einverständnis, da es jedoch aufgrund der Entfernung bedeutete, 2 Tage und Nächte je Woche mit meiner Schwiegermutter unter einem Dach zu leben, wurde mir das schnell zu viel. Habe dann nach 8 Monaten die Stunden in meiner Arbeit auf das gleiche Ausmaß, wie er hat, reduziert, und den Baby-Sitting Part der Schwiegermutter übernommen.

Nun bekomme ich immer wieder in Situationen, wo mein Partner überlastet ist, zu hören, ich sei selbst schuld, weil ich diese externe Hilfe abgeschafft habe. Für mich fühlte es sich jedoch nie nach Hilfe an. Mein Partner hat derzeit rund 10h in der Woche Kinderdienst, an allen Wochentagen zusammen, sprich Montag – Sonntag, die restliche Zeit bin ich mit unserer Tochter unterwegs. Ist auch dem Fakt geschuldet, dass wir ein Haus renovieren, und er oft noch was im Haus macht. Wenn er jetzt jedoch sagt, er sei überlastet, und würde gerne seine Mutter einladen, werde ich ziemlich wütend, weil ich nicht ganz verstehe, wie man ein Kind in die Welt setzen kann, und dann bei 10h Betreuungszeit in der Woche auch dann noch der Meinung sein kann, man ist überlastet. Ich überweise ihm auch monatlich Geld, da ich nun mal sehr gut verdiene. Ich sehe jedoch keinen Punkt mehr, wo ich ihn entlasten könnte, weil seine Überlastung einfach aus Haushalt, dem eigenen Teilzeitjob und Sachen im Haus machen besteht, und ich nicht gewillt bin, ihn von den 10h Kinderbetreuung auch noch zu entlasten. Wäre auch aus finanziellen Gründen bei uns nicht möglich.

Ich kann das Thema der Überlastung einfach nicht nachvollziehen, da mein Job sehr stressig ist, ich das Kind dennoch die meiste Zeit in der Woche habe und den Großteil im Haushalt mache, weil ich im Home-Office bin, er jedoch nicht. Unsere Tochter ist unter der Woche vormittags in externer Betreuung.

Manchmal habe ich das Gefühl, er macht alles lieber, als Zeit mit mir und unserer Tochter zu verbringen. Und die Lösung von allen seinen Problemen ist die Einladung seiner Mutter, was ich nicht mehr ertrage. Ich verstehe, dass es ihn stört, dass wir keine externe Hilfe haben, aber unsere Tochter blieb auch nur in 50 % der Fälle bei ihrer Oma, ansonsten musste ich spontan alle Termine verschieben und einspringen. Somit war es für mich keine Option, Oma als Betreuerin zu haben. Externe Kinderbetreuung im Kindergarten funktioniert jedoch gut, und ich habe auch das Gefühl, dass sie dort gut gefördert ist.

Zusammenfassend divergieren einfach unsere Ansichten: Er hätte am liebsten 100% Entlastung vom Kind, ich hätte gern so viel Zeit mit Kind wie möglich, und dass, wenn ich die Zeit nicht mit dem Kind verbringe, er sie verbringt. Habe keine Ahnung, wie das mit einem zweiten Kind weitergehen soll.

Die Antwort
unserer Expertin.
Ich habe kein Verständnis für deine Überlastung
Isabel Schärer — FamilyLab Deutschland

Liebe Fragestellerin, 

vielen Dank für Deine offene und ehrliche Schilderung. In Deinen Zeilen ist spürbar, wie erschöpft, wütend und gleichzeitig auch traurig Du bist. Das Gefühl, dass Dein Partner „alles andere lieber macht“ macht deutlich, wie belastend die Situation gerade für Dich ist. Das darfst Du auf jeden Fall ernst nehmen. Im Folgenden möchte ich Dir Impulse anbieten, die Dir und Euch vielleicht eine andere Sicht auf Euch als Paar und Eure Situation ermöglichen, sowie Ideen für Gespräche, die Euch wieder näher zueinander bringen können.

In fast allen Familien gibt es irgendwann einen Moment, in dem Eltern über Belastung, Verantwortung und Entlastung streiten. Dahinter steckt jedoch oft mehr als nur die Frage der Organisation. Häufig geht es um eine grundlegende Frage, die eigentlich längst beantwortet schien: „Wie wollen wir Familie leben?“

Vor der Elternschaft haben viele Paare recht konkrete Vorstellungen davon, wie Familienleben aussehen soll und wie wir als Eltern sein wollen. Wenn wir dann Eltern sind, fühlt sich manches anders an oder ist auch einfach anders als erwartet. Bedürfnisse verändern sich und plötzlich werden Unterschiede sichtbar, die vorher keine Rolle gespielt haben. Wunsch und Realität prallen aufeinander. Nicht selten geraten Paare dann in einen Ressourcenkampf und entfernen sich immer weiter voneinander. Ihr dürft diesen Moment als Chance sehen, Euch nochmal kennenzulernen und auch nochmal erneut damit auseinanderzusetzen, wie Ihr Familie, Verantwortung und gemeinsame Elternschaft versteht und schließlich leben wollt. 

Verbundenheit statt Kampf

Beim Kampf gewinnt einer und beide verlieren. Finden wir gemeinsame Wege, fühlen wir uns verbunden und gewinnen beide. Wir alle empfinden unterschiedliche Situationen unterschiedlich. Dein Partner findet die Unterstützung seiner Mutter als entlastend, Du als anstrengend. Wichtig ist, dass Ihr nicht in einen Streit darüber geratet, ob die Unterstützung der Schwiegermutter nun entlastend ist oder nicht. Dann steckt ihr in einer Diskussion um „richtig“ und „falsch“ fest und seht Euch schnell in einer Situation, in der Ihr Euch und Eure Sichtweise und Gefühle vor dem Anderen verteidigt und Euch rechtfertigt.

Jeder Mensch will gesehen, akzeptiert und angenommen werden so wie er ist – ein ganz existentieller Antrieb. Wenn Euer Ziel ist, die eigene Überzeugung durchzusetzen, führt das nur dazu, dass einer seine Grenzen ganz sicher überschreiten muss. Das ist keine gemeinsame Lösung. Ein solcher Kampf entfernt Euch voneinander und schwächt Euch als Paar. In Fragen, die Euch als Paar oder Eure Familie betreffen, ist es wichtig anzuerkennen und wirklich zu hören, wie jeder von Euch ganz persönlich die Situation wahrnimmt, ohne dies zu bewerten. Nur so schafft Ihr eine Basis, auf der Ihr eine Lösung finden könnt, die Euch beide entlastet. Eine gemeinsame Lösung ist es, wenn es für Euch beide okay ist oder Ihr gemeinsam eine Entscheidung trefft, in dem Wissen, dass dies jetzt über die Grenzen von einem von Euch geht. Das sollte allerdings nicht zu oft, zu lang oder zu einseitig der Fall sein.

Du schreibst zu Beginn, dass Du Dir gewünscht hättest, dass er Dir hilft, statt seine Mutter ins Boot zu holen, wenn Du von Deiner Überlastung sprichst. Dieser Wunsch ist sehr nachvollziehbar und gleichzeitig steckt da vielleicht noch mehr dahinter. Überprüfe gerne, ob und was mit Dir resoniert: 

Geht es darum, dass Du dich nicht gesehen fühlst, wenn er Dir eine für Dich unpassende Lösung vorschlägt? 

Geht es Dir darum, dass Du wünschst, dass er gerne Zeit mit seiner Tochter verbringt? 

Geht es Dir darum, dass Eure Tochter so wenig wie möglich fremdbetreut wird?

Wünschst Du Dir, dass Dein Partner mehr Verantwortung bei der Organisation des Familienalltags übernimmt? 

Wünschst Du Dir mehr emotionale Unterstützung und Anerkennung?

Vielleicht hat er Deinen Ausdruck der Überlastung als Vorwurf verstanden oder vielleicht hat er eine schnelle Lösung anbieten wollen. Das findet Ihr nur heraus, wenn Ihr darüber sprecht. Wenn Ihr nicht darüber sprecht, bleibt für Dich vielleicht der Eindruck bestehen, dass er sich der Verantwortung entzieht und für Ihn vielleicht, dass er es Dir nie recht machen kann. 

Es ist wichtig, sich bewusst zu werden, was wir eigentlich gerade brauchen und worum es uns gerade wirklich geht, sonst vermischt sich alles und es wird ein unübersichtlicher Wirrwarr. Wenn wir dann wissen, was uns wichtig ist, können wir es auch klarer benennen, was wiederum die Chance erhöht, dass wir über das Gleiche sprechen und damit dafür, überhaupt eine Lösung zu finden. 

Du könntest sowas sagen wie: 

„Wenn ich Dir sage, dass ich überlastet bin, wünsche ich mir Anerkennung, was ich alles trage und Deine Schulter zum Anlehnen. Wenn Du mir dann Deine Mutter als Hilfe vorschlägst, fühle ich mich nicht gesehen.“ 

Oder: „Wenn ich Dir sage, dass ich überlastet bin, meine ich damit eigentlich, ich fühle mich alleine mit der ganzen Organisation und ich wünsche mir ein gemeinsames Nachdenken darüber, wie eine gute Lösung aussehen kann. Ich brauche Deine Unterstützung, Lösungen zu finden, die mich entlasten und mich entlastet anderes als dich.“  

Beitrag und Anerkennung

Jeder von uns leistet nach seinen Möglichkeiten einen Beitrag zur Familie und wünscht sich, dass dieser gesehen und anerkannt wird. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass jeder etwas anderes beisteuern kann oder vielleicht auch möchte. Das hängt einmal davon ab, wo unsere körperlichen, kognitiven und emotionalen Kompetenzen liegen und zum anderen, welche Vorstellung von Familie und unserer Rolle innerhalb der Familie wir haben. Der eine empfindet körperliche Aufgaben als anstrengend, der andere emotionale Nähe oder ständige Interaktion. Manche organisieren gut, andere arbeiten gerne praktisch.

Entscheidend ist deshalb die Frage, was kann und möchte jeder beitragen? Welche Kompetenzen, Vorlieben sowie Erwartungen und auch Vorstellungen haben wir eigentlich?

Du scheinst Dir mehr gemeinsame Familienzeit zu wünschen. Bei Deinem Partner scheint das derzeit anders zu sein. Das bedeutet nicht, dass er Euch nicht liebt. Findet heraus, ob das grundsätzlich so ist oder bereits eine Reaktion auf Eure Dynamik miteinander.

Versucht zu entdecken, was euch gemeinsam Freude bereitet. Das kann vielleicht auch einen Abschied von einer bestimmten Vorstellung bedeuten. Vielleicht für jetzt, vielleicht für immer. Wichtig ist, an der Stelle zu überprüfen, ob ihr damit leben könnt oder nicht. Diese bewusste Entscheidung ist wichtig, da ihr sonst vielleicht Kompromisse schließt, die nicht echt sind. So würden wir weiter hoffen, dass es sich irgendwann ändert oder wir den anderen irgendwann überzeugen können. 

Vielleicht seid Ihr auch in einen Teufelskreis geraten, zu dem Ihr beide beitragt. Solche Dynamiken entstehen oft, wenn sich beide mit ihrem Beitrag nicht gesehen oder gewürdigt fühlen. Der eine hat das Gefühl, trotz aller Bemühungen nie genug oder nichts richtig machen zu können, fühlt sich dadurch weniger wertvoll für seine Familie, worauf Rückzug eine Folge sein kann. Der andere fühlt sich alleinverantwortlich und mit der eigenen Belastung ebenfalls nicht gesehen. Dadurch wächst der Wunsch nach mehr Unterstützung und Verständnis, während angebotene Lösungen oft nicht passend erscheinen oder das Gefühl verstärken, nicht wirklich verstanden zu werden – wodurch sich das Gefühl, nicht genug zu sein, verstärkt, was zu weiterem Rückzug führt. 

So vervielfachen sich Rückzug, Frust und Enttäuschung auf beiden Seiten immer weiter. Dieser Teufelskreis kann sowohl beginnen, wenn einer der Partner den Beitrag wirklich nicht anerkennt oder auch, wenn wir selbst uns an die Situation anpassen, obwohl wir es nicht möchten. 

Vielleicht machst Du derzeit tatsächlich mehr, weil Du es kannst, aber eigentlich nicht mehr möchtest. Dafür möchtest Du mehr Anerkennung. Und vielleicht zieht er sich zurück, weil er nicht das geben kann, was er selbst gerne beitragen würde und fühlt sich deswegen weniger wertvoll. Ein Ausstieg daraus wird möglich, wenn beide beginnen, die eigenen Bedürfnisse und den Beitrag des anderen wieder wahrzunehmen und anzuerkennen.

Wunsch und Realität

Es kann sein, dass Ihr Elternschaft sehr unterschiedlich erlebt und unterschiedliche Vorstellungen davon habt, wie Ihr Alltag und Familie leben wollt.

Die zentralen Fragen sind deshalb: Wer kann und möchte welchen Beitrag leisten? Und wie kann es Euch beiden dabei langfristig gut gehen?

Manche Situationen wirken zunächst auch unlösbar, etwa wenn finanzielle oder organisatorische Grenzen dazukommen. Dann kann es helfen, sich bewusst zu machen, dass bestimmte Phasen vor allem überbrückt werden müssen und beide sich für eine Zeit stärker anpassen, als ihnen eigentlich guttut. Es ist dann zwar keine perfekte Lösung und gleichzeitig kann es entlastend sein, diese Phase bewusst gemeinsam zu tragen, auch im Wissen, dass das nicht für immer so bleiben muss.

Statt Stunden, Verantwortung oder Leistung gegeneinander aufzurechnen, kann es hilfreicher sein, den Blick darauf zu richten, was Euch als Paar wieder verbindet und was jeder von Euch braucht, um sich wohlzufühlen. Dafür braucht es neben Familienzeit auch Zeit als Paar, damit Ihr Euch als Paar nähren könnt. Eure Partnerschaft ist die Basis des Familienlebens. Dafür braucht es nicht viel Zeit, sondern vor allem, dass Ihr einander zugewandt und liebevoll seid, Euch gegenseitig hört, seht, akzeptiert und anerkennt.

Um herauszufinden, wie Ihr zukünftig zu viert Familie leben möchtet, können folgende Fragen helfen:

  • Was bedeutet Elternschaft für jeden von Euch? Was genießt ihr und was nicht?
  • Wie viel Familienzeit wünscht Ihr Euch? 
  • Wie sollte gemeinsame Zeit aussehen, damit sie sich für Euch gut anfühlt? 
  • Wie viel Kraft hat eigentlich jeder von Euch? Und wie sehr schwankt diese?
  • Welche Aufgaben empfindet Ihr als angenehm und welche nicht?
  • Was strengt Euch an, was entlastet Euch, was gibt Euch Kraft?
  • Wie könnt Ihr Euch als Paar nähren?

Lasst einander aussprechen, bewertet die Sicht, Gefühle oder Vorschläge des anderen nicht. Wenn Ihr Euch gegenseitig wieder sehen und akzeptieren könnt, stellt sich auch wieder Verbundenheit ein und ermöglicht Euch, für Eure Herausforderung gemeinsame Lösungen zu finden.

Ich wünsche Euch Geduld, Humor, Neugier, euch wiederzuentdecken, Kreativität beim Herausfinden, wie Ihr Familie zu viert leben wollt und Freude aneinander sowie auf die kommende Zeit.