Ehrlich gestellt.
Mein Mann und ich haben tatsächlich ein Thema, das uns und unsere Ehe schon belastet, seit unsere Tochter ca. 9 Monate alt war (jetzt ist sie fast 3). Ich habe mich damals nach langem hin und her Überlegen selbständig gemacht. Er hat mich von Anfang an darin bestärkt und unterstützt. Die Selbständigkeit läuft auch sehr, sehr gut, ich habe aber gleichzeitig meine Tochter noch daheim betreut (das wollte ich auch so) und sie startet jetzt in den Kindergarten. Wir haben außerdem vor 6 Monaten noch ein 2. Kind bekommen und wie das so ist in der Selbständigkeit, ruht die natürlich nicht, sondern die Arbeit läuft weiter. 😉
Wir haben sehr viel Unterstützung durch die Großeltern, die unsere Tochter häufig betreut haben bzw. mich unterstützt haben, wenn ich Termine hatte und in der Zwischenzeit auf sie aufgepasst haben. Sie haben aber selber oft Termine und natürlich nicht immer Zeit und ich will ihre Zeit auch nicht überstrapazieren und sie 5 Tage die Woche 3 bis 4 Stunden am Tag in Anspruch nehmen (was auch von ihrer Seite aus gar nicht möglich wäre).
Mein Mann und ich haben daher von Anfang an ausgemacht, dass er mich unterstützt, indem er jede Woche 1 Tag pro Woche die Möglichkeit wahrnimmt, Home Office zu machen, so dass wir uns an diesem Tag mit Arbeiten abwechseln können. Dies hat er aber bis heute so gut wie nie umgesetzt (die Male kann ich an 2 Händen abzählen).
Das liegt insbesondere daran, dass er das Gefühl hat, er müsse in der Arbeit Präsenz zeigen und sich beweisen (er ist hochrangige Führungskraft in einem sehr erfolgreichen, großen Unternehmen) und er macht sich Gedanken, dass die KollegInnen/MitarbeiterInnen denken, dass er im Home Office nicht wirklich arbeitet. Ich verstehe seine Gedanken auch total. Gleichzeitig benötige ich dringend Arbeitszeit, da die Nachfrage immer größer wird und ich Zeit zum Abarbeiten brauche.
Also ist es meistens so, dass ich am Wochenende bzw. Abends oder sehr frühmorgens arbeite, wenn er da ist und auf die Kinder schauen kann bzw. diese schlafen. Das ist allerdings sehr, sehr anstrengend für mich, da ich aufgrund der Kinder und der Carearbeit auch sehr müde bin und mich am Wochenende auch gerne mal ausruhen würde. Gleichzeitig möchte ich aber meine Selbständigkeit nicht aufgeben, da sie mir viel Selbstwirksamkeit gibt.
Auch ist es so, dass, wenn ich dann arbeite (am WE oder Abends), natürlich die Kinder da sind (ich arbeite rein im Home Office). Das heißt, meine Tochter kommt oft zu mir ins Zimmer, ruft auch nach mir, will zu mir und mein Mann hindert sie nicht daran, sodass sie meine Arbeit oft unterbricht.
Also kommt es sehr oft zu Konflikten mit meinem Mann, da ich ihm vorwerfe, dass er sich nicht an unsere Vereinbarung hält, und ich keine Arbeitszeit habe; und er ist häufig gestresst von der Arbeit und kommt nicht aus seiner Haut, dass er gegenüber der Arbeit das Gefühl hat, Präsenz zeigen zu müssen.
Er beruft sich jetzt auch schon oft darauf, dass es jetzt einfacher wird, wenn die Große im Kindergarten ist, ich habe aber natürlich in der Zeit unseren Sohn, der jetzt auch immer mobiler wird und weniger schläft als am Anfang, sodass ich bezweifle, dass ich in der Zeit viel schaffen werde.
Ich habe sogar schon mal einen Vertrag aufgesetzt, mit den Vereinbarungen, die wir getroffen haben, und dass ich auch ein Recht auf ungestörte Arbeitszeit habe, aber das hat bisher leider wenig gebracht. Das Thema belastet uns nun schon seit 2 Jahren und ich befürchte, dass wir keine Lösung finden bis der Kleine ebenfalls im Kindergarten ist (in 3 Jahren). So lange halte ich es jedoch nicht mehr aus, sodass ich trotzdem manchmal überlegt habe, meine Selbständigkeit aufzugeben, was ich aber auch nicht will.
Vielleicht habt ihr hierzu einen Rat.
Vielen Dank und liebe Grüße
unserer Expertin.
Wenn es mein Mann wäre, würde ich etwas Grundsätzliches klären wollen: Gemeinsames Sorgerecht bedeutet gemeinsame Sorgepflicht.
Ihr beide seid gleichermaßen für eure Kinder verantwortlich, und auch dafür, eine gute Betreuungslösung zu finden. Wenn dein Mann dich lediglich „unterstützt“, und manchmal noch nicht mal das, übernimmt er nicht die Verantwortung, die ihm mit seiner Elternschaft zufällt. Damit lässt er dich mit dieser Verantwortung alleine. Und darüber würde ich reden wollen.
Dialog: Sich selbst und den anderen besser kennen lernen
Ich würde mich mit Zeit und Ruhe zusammensetzen wollen, um die verschiedenen Gedanken und Meinungen zu diesem Thema auf den Tisch zu legen, ohne das Ziel einer Lösung – einander nur verstehen wollen. Bei mir würde das in etwa so klingen:
„Auf mich wirkt es so, als würdest du denken, ich sei dafür verantwortlich, eine Betreuung für die Kinder zu finden. Und wenn ich keine finde, kann ich nicht arbeiten. Siehst du das so?“
„Ich habe den Eindruck, es ist dir wichtiger, was deine Kolleginnen und Kollegen über dich denken, als unsere gemeinsame Verantwortung für die Kinder zu tragen. Wie siehst du das?“
Und dann würde ich sehr interessiert wissen wollen, wie mein Partner darüber denkt.
Die Schwierigkeit bei einem solchen Dialog ist, das Ganze nicht als Vorwurf zu meinen, und auch nicht als Vorwurf zu hören. Es ist aus meiner Sicht hilfreich, wenn jeder sich dabei selbst überprüft: Schwingt in meinen Sätzen ein Vorwurf mit? Fühle ich mich angegriffen, obwohl der andere mich nur verstehen will?
Es sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, ob ich mich angegriffen fühle oder ob ich angegriffen wurde. Wenn in meiner Frage auch nur der Hauch eines Vorwurfs liegt, dann ist das ein Angriff auf mein Gegenüber, weil ich ihn damit verkehrt mache. Die Botschaft dahinter lautet: Sei anders, verhalte dich anders! Und das ist verletzend.
Es kann aber auch sein, dass ich in mir drinnen nur ehrliches Interesse spüre, sich der andere jedoch angegriffen fühlt. Im ersten Fall ist es wichtig, dass ich die Verantwortung für meinen Angriff übernehme, im zweiten Fall ist es wichtig, dass der andere die Verantwortung für sein Gefühl, angegriffen worden zu sein, übernimmt.
Häufig gehen dann Diskussionen los, ob man angegriffen wurde oder sich nur angegriffen fühlt. Auch hier: Es geht um Interesse, nicht um Definition. Wenn wir unterschiedliche Sichtweisen haben, ist es unglaublich wichtig, diese in einer gleichwürdigen Weise nebeneinander zu stellen. „So ist es für dich, so ist es für mich“, ohne herausfinden zu wollen, wer Recht hat und wer die ganze Sache richtig sieht.
Ich weiß, das ist echt für Fortgeschrittene. Ich selbst habe mehrere Jahrzehnte gebraucht, das einigermaßen gut in mir zu entwickeln. Aber hey, wenn es gut läuft, habt ihr noch viele Jahre, um das zu entwickeln, und dieser Konflikt ist eine Einladung auf dem Weg dorthin. Und glaubt mir, dort ist es schön, weil wir dort sicher sind.
Das Herzstück eines solchen Dialoges ist der aufrichtige Wunsch, herausfinden zu wollen, wie der andere die Welt sieht – und die eigenen Projektionen und Vorwürfe aufmerksam im Blick zu behalten. Es ist wie eine Dehnübung. Wenn ich anfange, einen Muskel zu dehnen, zieht und zerrt das unglaublich, doch nur so gibt es mehr Bewegung. Und auszuhalten, dass der andere eine Meinung hat, mit der ich vielleicht nicht einverstanden bin, das zieht und zerrt im Inneren genauso. Es geht also im ersten Schritt um das Aushalten verschiedener Ansichten und Meinungen, ohne gleich darauf zu reagieren, ohne die Absicht, eine Lösung herbeizuführen, sondern im ersten Schritt geht es nur um das Verstehen. Auf diese Weise wird es wahrscheinlicher, dass alle sich eingeladen fühlen, sich ehrlich zu zeigen.
Wenn wir unsere Sichtweisen nebeneinandergestellt haben, sehe ich klarer, was ich vom anderen haben kann und was nicht. Dann kann ich schauen, wie ich damit umgehen will.
Akzeptanz und Entscheidung
Und wenn er seine elterliche Verantwortung nicht übernimmt? Wenn er sein Verhalten nicht ändert? Ja, das ist sein gutes Recht, er ist ein freier Mensch. Er kann im Rahmen des Grundgesetzes tun, was immer er tun will. Vielleicht ist man versucht zu denken: „Er müsste doch… Er sollte doch… Es sind ja auch seine Kinder…“ Aber er hat, so wie jeder Mensch, das Recht auf eigene Sichtweisen und Handlungen. Das kann man gut finden oder nicht, doch genauso ist es. Das bedeutet für mich Respekt: Anzuerkennen, dass jeder es so gut macht, wie es ihm möglich ist, und dass jeder das Recht auf seine eigenen Entscheidungen hat.
Wenn ich vom anderen, aus welchen Gründen auch immer, nicht haben kann, was ich mir wünsche oder was ich brauche, dann kann ich entweder weiter kämpfen und versuchen, den anderen zu verändern – doch das ist selten eine schöne Sache und führt auch meist nicht zur wirklichen Veränderung – oder ich kann akzeptieren, was ist und schauen, wie ich damit umgehen möchte.
Ich finde eine solche Betrachtungsweise deshalb so hilfreich, weil es deutlich macht:
Ich kann zwar nicht entscheiden, wie der andere sich verhält, doch ich kann schauen, wie ich mit Verhaltensweisen anderer Menschen umgehe.
Für welches Problem will ich mich entscheiden? Denn Probleme haben wir immer, egal, was wir tun. Doch wir können entscheiden, welches Problem wir lieber haben wollen.
Angenommen ich akzeptiere, dass mein Partner sich in diesem Punkt nicht bewegt und ich die Betreuung alleine verantworten muss (Problem 1) – oder ich will so nicht weitermachen, weil ich festgestellt habe, dass ich nicht nur in der Betreuung alleine gelassen werde (Problem 2) oder ich gehe einfach mal ins Handeln und schaue, was passiert (Problem 3) und so weiter.
Ich persönlich bin sehr pragmatisch und würde mich für Problem 3 entscheiden. Mein erster Schritt wäre, mein Arbeitszimmer einfach abzuschließen. Wenn ich arbeite, kommt keiner rein. Ich mache Musik an, dann höre ich das Gebrüll von draußen nicht so laut. Mit der Zeit werden die Kinder (und mein Mann) akzeptieren, dass ich gerade nicht verfügbar bin. Schließlich bin ich kein Selbstbedienungsladen, der 24/7 offen hat, und bei dem sich jeder nach Lust und Laune bedienen kann.
Handeln beginnt oft mit der Entscheidung, nicht immer lieb und nett zu sein. Oder wie Christiane Mathies sagt: „Wenn das Schaf die Grenze verteidigt, wird das nichts.“ Es braucht auch einen inneren Wolf, nicht bösartig, tollwütig und gemein, sondern einen, der deutlich macht: Hier ist meine Grenze und ich lasse nicht zu, dass du die überschreitest. Oder wie es auf einem Zettel an meiner Pinnwand zu lesen ist: „Nö, einfach nö.“ Es gibt einfach Dinge, die lasse ich nicht zu.
Vielleicht habt ihr Lust, gemeinsam diesen Text zu lesen und zu schauen, was das in euch auslöst?
Herzliche Grüße
Nicole
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