Ehrlich gestellt.
Ich habe eine Weile überlegt, ob ich die Frage stelle, weil es – wie mir scheint – ein ausgespartes Thema ist und ich auch die Privatsphäre meines Partners wahren möchte. Aber es ist mir ein Bedürfnis für mich und andere, die (nicht vorhandene) Sexualität zu thematisieren. Und zwar nicht als „Ich bin die Frau und habe Migräne“, sondern ausgehend von meinem Partner, der seit der Geburt unseres Sohnes vor 2 Jahren schlicht kein Interesse mehr hat an Sex.
Ich habe es schon mehrmals thematisiert, neckisch, stichelnd, verständnisvoll und einfühlend. Aber weder kann ich ihn bedrängen, noch verführen, noch kommt er von selbst auf mich zu nach Wochen des Nicht-Thematisierens. Es ist nicht nur die Überwindung einer Müdigkeit-Faulheit am Abend, sondern das Thema, dass keine Energie zur Lustentwicklung vorhanden zu sein scheint.
Mein Partner ist sehr engagiert mit unserem Sohn, hat über mehrere Strecken auch Stunden reduziert (beide arbeiten dann 80%), versorgt ihn, macht Essen und räumt auf. Ich kann regelmäßig raus abends und an Wochenenden für Hobbies, Sport und Treffen – insofern schätze ich mich sehr glücklich.
Aber ich leide schon länger unter der fehlenden Verbundenheit, die über gelegentliche Umarmungen und Bussis hinausgeht.
Leider haben auch Gespräche über unsere „Sprache der Liebe“ (er: Zweisamkeit und Gespräche, ich: Körperkontakt und Gespräche) die Situation bisher nicht geändert.
Ich rede mir ein, dass unsere Situation bestimmt kein Einzelfall ist und bestimmt auch etwas mit der starken Verantwortungsübernahme und der daraus resultierenden Erschöpfung seinerseits (so wie halt bisher i.d.R. das Problem der Mütter) zu tun hat.
Ist das also das Risiko, der Preis des „kein Sex mehr“, bei einer gleichberechtigten Elternschaft??
Ich freue mich über eure Expertise und Einschätzung der Lage..
Viele Grüße
unserer Expertin.
Liebe Fragestellerin,
vielen Dank für Deine Offenheit und Deinen Mut, dieses Thema anzusprechen.
Was du beschreibst, ist tatsächlich etwas, das viele Paare nach der Geburt Ihres Kindes erleben, nur dass es bei euch (anders als oft thematisiert) den Vater betrifft. Das Thema der sexuellen Unlust des Mannes wird noch immer selten angesprochen. Viele Männer definieren ihre Männlichkeit über ihre Potenz. Wenn die Libido ruht, wird das gerne verschwiegen – aus Unsicherheit und Scham, aber auch aus Angst vor den Reaktionen des Umfeldes. Umso wichtiger ist es, dass es angesprochen und nicht tabuisiert wird, denn Ihr seid nicht allein mit dieser Herausforderung.
Vielen Dank also, dass Du es ansprichst!
Vater statt Mann und Mutter statt Frau
Dass das Paar aus dem Kontakt kommt und körperliche Nähe und Intimität verloren gehen, sollte nicht der Preis für eine gleichberechtigte Elternschaft sein.
Natürlich verändert sich die Beziehung durch ein Kind, die Bedürfnisse der Eltern geraten in den Hintergrund, was anfangs für das Neugeborene eine überlebenswichtige Funktion hat. Wichtig ist, dass die Eltern wieder zueinander zurückfinden und ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse wieder wahrnehmen, erkennen und ausdrücken können. Denn auch das ist wichtig für die Kinder: Eltern, die zufrieden sind.
Es kommt also in den ersten Monaten oder auch Jahren zu einer Rollenverschiebung. Die Frau ist Mutter, der Mann ist Vater. Die Paarbeziehung verändert sich nach der Geburt eines Kindes stark – die Partner bekommen völlig neue Rollen und Aufgaben, und auch das Gefühl der Verantwortung ist eine ganz neue, nicht erprobte Erfahrung. Das gehört dazu, ist normal und darf sein. Es kommt nicht nur zu diesen offensichtlichen Rollenveränderungen, auch der Körper stellt sich auf die Elternschaft ein, vor allem hormonell. Und das nicht nur bei der Frau.
Gleichzeitig kann es sein, dass durch diese hormonelle Umstellung die sexuelle Motivation in den Hintergrund tritt. Dies ist einerseits sinnvoll, andererseits wirkt es sich auch auf die Selbstwahrnehmung und das Selbstbewusstsein als Mann aus.
So kann es bei manchen Männern sein, dass durch die starke Identifikation mit der Vaterrolle Potenz und Libido sinken und sie sich dadurch als unzulänglich empfinden, weil diese Aspekte so oft mit Männlichkeit assoziiert werden.
Eine andere Möglichkeit ist, dass der Mann seine Partnerin nicht mehr als Frau, sondern nur noch als Mutter seines Kindes sieht, und damit entsprechend traditioneller Stereotype als etwas reines, unantastbares, das es zu respektieren gilt. Sowohl das eine als auch das andere benennen und thematisieren zu können, fällt Männern häufig schwer.
Könnt Ihr Euch die Zeit nehmen, über Eure Rollen und deren Einfluss zu sprechen? Du könntest ein Gespräch etwa so beginnen:
„Seit unserer Elternschaft empfinde ich mich mehr als Mutter, als als Frau – wie nimmst Du mich wahr?“
„Wie nimmst Du Dich selber wahr? Welche Rollen, eigenen Ansprüche, aber auch (unerfüllte) Wünsche und Bedürfnisse prägen Deinen Alltag?“
„In welchen Situationen fühlst Du Dich in unserer jetzigen Lebensphase besonders männlich?“
„Fühlst Du Dich von mir als Mann gesehen und wertgeschätzt?“
Sollte dies das Thema sein, das ihn bewegt, baust Du unbeabsichtigt stärker Druck auf, als Du es möchtest und drängst ihn in die Enge, wenn Du ihn auf Euren Mangel an Sexualität ansprichst. Egal, auf welche Art Du es tust, es verunsichert oder kränkt ihn möglicherweise gar. Sollte es derzeit schwierig sein, so tief ins Gespräch zu kommen, könntest Du ihn auch von Dir aus verstärkt in seiner Männlichkeit sehen, wahrnehmen und anerkennen. Komplimente, die sich auf ihn in seiner Rolle als Mann und Liebhaber beziehen, stärken sein Selbstbewusstsein und führen ihm vor Augen, dass er nicht nur die Vaterposition in Eurer Familie hat.
In Deiner Art der Fragestellung erkenne ich deutlich, dass Du genug Feingefühl hast, um ihm in diesen Gesprächen oder mit diesen Komplimenten nicht den Eindruck zu vermitteln, dass Du ihn drängst oder er das Gefühl bekommt, Eure Intimität ist ein weiterer Punkt in seinem Alltag im Beruf, als Hausmann und Vater, an dem er liefern muss.
So ein Gespräch oder ein paar anerkennende Äußerungen, wirken sicher nicht sofort elektrisierend, aber sie sind ein Anfang, um wieder in den Kontakt zu kommen.
Kontaktloser Umgang
Sprecht Ihr über andere Themen? Seid Ihr auf anderen Ebenen im Kontakt? Wann und wie fühlt Ihr Euch verbunden? Was erzeugt emotionale Nähe? Gibt es gemeinsame Erlebnisse? Was aus Eurer gemeinsamen Vergangenheit ist hintenüber gefallen und kann neu aufleben?
Ihr scheint mir als Eltern und Organisatoren eines familiären Alltags bestens zu funktionieren – mir stellt sich die Frage, ob es andere Schnittstellen zwischen Euch gibt und ob der fehlende körperliche Kontakt Euren generell kontaktlosen Umgang miteinander symbolisiert.
Könnt Ihr Euch als Paar mehr in den Vordergrund stellen? Ihr wart zuerst da und Euer Sohn braucht vor allem Eltern, die als Mann und Frau glücklich miteinander sind. Sprecht miteinander, schafft Begegnungen! In Gesprächen, die besonders von Ich-Botschaften und Berichten aus der eigenen Gefühlswelt geprägt sein sollten, geht es nicht nur darum, das Offensichtliche anzusprechen, sondern auch gemeinsam zu erforschen, was darunter liegt.
Mögliche Impulse wären, das eigene Erleben zu schildern:
„Ich fühle mich…“
„Mich beschäftigt/bewegt…“
„Ich wünsche mir weniger/mehr/weiterhin … in meinem Leben“
„Ich habe Angst, dass …“
„Mich macht gerade … besonders glücklich“
Oder Fragen nach der Innenwelt des Partners zu stellen:
„Wie sieht es in Dir aus, was beschäftigt Dich?“
„Was macht Dir in Deiner Freizeit gerade viel Freude?“
„Was in Deinem Job belastet Dich?“
„Wie fühlst Du Dich in Deinem jetzigen Lebensabschnitt?“
„Wovon hättest Du gerne mehr bzw. weniger?“
„Was wünscht Du Dir (weiterhin)?“
„Was brauchst Du, um noch zufriedener zu sein?“
„Ich würde gerne verstehen, wie Du es wahrnimmst, dass sich unsere Beziehung verändert hat.“
Diese Art der Gespräche sind besonders erfolgreich und verbindend, wenn jeder bei sich und in seiner eigenen Welt bleibt, den anderen nicht kritisiert, Vorwürfe macht oder versucht, für ihn Lösungen zu finden. Bleibt offen und neugierig!
Auch Eure weitere Familienplanung könnte ein Aspekt der Abstinenz Deines Mannes sein. Seid Ihr Euch darüber einig, ob es noch mehr Kinder geben soll? Vermeidet er unbewusst eine weitere Schwangerschaft? Dieses Thema könnt Ihr gut in die Gespräche über Euch und Eure Innenwelten aufnehmen.
Wenn es Paaren nicht gelingt, diese Gespräche zu führen, sei es, weil einer gar nicht möchte oder weil es in Streitereien endet, ist es sinnvoll, sich Unterstützung in Form von Moderation von außen zu holen. Eine Paarberatung bzw. -therapie bietet einen geschützten Raum, um wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.
Es gibt noch weitere kleinere Tricks, sich als Paar wieder näherzukommen:
Kleine Botschaften aus dem Alltag: Hinterlasst Euch Nachrichten auf Zettelchen, am Spiegel oder über einen digitalen Messanger.
Geheimsprache: Vereinbart ein „Codewort“, das nur Ihr kennt, mit dem Ihr Euch vor Eurem Kind, vor Euren Gästen, Freunden, Verwandten oder Nachbarn unverfänglich sagt, dass Ihr den anderen gerade mehr als nur als Elternteil wahrnehmt und wollt.
Berührungen: Fasst Euch kurz an, wenn Ihr Euch begegnet, streicht Euch über Rücken oder Taille – kurz; zeigt Euch körperlich, dass Ihr Euch wahrnehmt.
Rituale: Wir haben immer so viel Zeit, wie wir uns nehmen! Nehmt Euch jeden Tag 15-30 Minuten Zeit füreinander. Trinkt gemeinsam einen Tee, mixt Euch einen Drink, tanzt zusammen, umarmt Euch für einige Minuten! Das ist natürlich schön, wenn Ihr alleine seid, geht aber auch, wenn Euer Sohn dabei ist – er wird es lieben!
Reminder: Gestaltet gemeinsam ein Poster, eine Collage oder ähnliches auf dem steht: „Wir sind mehr als Eltern“ und hängt es an einem geeignetem Platz in Eurem gemeinsamen Zuhause auf.
Bewusste Abstinenz: Streichelt oder massiert Euch mit dem festen Vorsatz, dass es nicht erotisch wird.
Hübsch machen: Zieht Euch mindestens einmal die Woche etwas an, das nicht pragmatisch für Haushalt, Kind und Beruf ist, sondern für jeden selbst und für den Partner attraktiv wirkt.
Kinderbetreuung: Es ist ein echtes Invest für die Beziehung und die ganze Familie, Geld für einen Babysitter auszugeben oder Verwandte und Bekannte mit in die Betreuung einzubeziehen, um Euch exklusive Paarzeit zu ermöglichen!
Unspektakuläre Dates: Wenn Ihr einen Paarabend habt, legt nicht zu viele Erwartungen herein. Ihr müsst nicht in Höchstgeschwindigkeit durch eine Ausstellung rauschen, das angesagteste Restaurant besuchen und danach noch einen Kinofilm konsumieren! Geht spazieren, setzt Euch in eine Bushaltestelle oder treibt zusammen Sport.
Nur Ihr beide könnt entscheiden, wie lange dieser Zustand für Euch tragbar ist. Manchmal braucht Veränderung Zeit – gerade, wenn einer emotional blockiert ist. Doch wenn der Mangel an körperlicher Nähe für Dich eine tiefe Belastung bleibt und er keinerlei Bereitschaft zeigt, daran zu arbeiten, ist es wichtig, das klar zu benennen und für sich selbst zu sorgen.
Eine liebevolle, erfüllende Partnerschaft lebt nicht nur von Organisation und Verantwortung, sondern auch von Nähe, Intimität und Verbundenheit.
Ich hoffe, diese Gedanken helfen Dir, einen nächsten Schritt zu finden – sei es in einem Gespräch, einer neuen Form von Begegnung oder mit professioneller Unterstützung. Ich wünsche Euch gutes Gelingen!
Kommentare für Mitglieder
Diskutiere mit anderen Eltern — Kommentare sind Teil der Mitgliedschaft.
7 Tage kostenlos testen →