Ehrlich gestellt.
Mein Mann und ich haben eine wiederkehrende Diskussion. Er fühlt sich von mir „ungerecht behandelt“. Sein Hauptthema ist, dass ich seiner Meinung nach mit allen anderen Menschen höflicher und freundlicher kommuniziere, als mit ihm. Außerdem kann ich bei anderen Leuten besser in eine Diskussion gehen und deren Meinung akzeptieren oder annehmen, während er das Gefühl hat, dass ich bei ihm schnell aggressiv werde und seine Meinung und Ansichten, wenn sie nicht der meinen entspricht, nicht gelten lasse.
Es stimmt, dass ich bei ihm sehr schnell aggressiv reagiere und auch seine Ansichten oft nicht gelten lassen will. Ich habe ihm auch schon gesagt, dass ich bei ihm logischerweise anders reagiere, da wir eine andere Beziehung zueinander haben und ich mich (ähnlich wie Kinder bei ihren Eltern), bei ihm sicher fühle und daher kein Blatt vor den Mund nehme. Diese „Erklärung“ für mein Verhalten kann er zwar nachvollziehen, aber so nicht akzeptieren. Warum bin ich bei dem Menschen, der mir am nächsten steht, so „respektlos“? Kommt das häufiger in Paarbeziehungen vor? Was können wir tun, um unsere Kommunikation zu verbessern? Für Tipps und Input sind wir dankbar.
unserer Expertin.
Ich finde dein Anliegen wirklich schön formuliert! Das ist das Erste, was ich zurückmelden möchte. Es ist frei von Schuldzuweisungen und Vorwürfen. Auch wenn dieses Thema euch wiederkehrend begegnet, hört es sich nicht festgefahren an. Du betrachtest die Situation genauso, wie ich es tun oder empfehlen würde oder wie ich langfristig gesehen mit dem Anliegen umgehen würde.
Du stellst dir die Fragen: Warum reagiere ich bei meinem Mann „schnell aggressiv und lasse seine Ansichten nicht gelten?“ und warum „verhalte ich mich respektlos“?
Deine Grundhaltung
Es gibt also eine Kritik, und du lässt sie zu und hinterfragst selbstkritisch, warum das so ist. In eurem Fall empfindet ihr ja beide sogar gleich, aber es hört sich ganz so an, als wärst du mit deinem Blick bei dir und möchtest dich verstehen und etwas über dich herausfinden. Und das ist der Weg, der wirklich eine Veränderung mit sich bringt. Die Haltung in deiner Reflexion ist es, die ich richtig gut finde.
Der Mensch ist von seiner Natur her vielschichtig, und es braucht mindestens ein ganzes Leben und ganz viele Begegnungen, um diese Vielschichtigkeit zu ergründen, zu erleben und zu füllen. Genau dafür sind Beziehungen so wichtig, um dieser Vielschichtigkeit gerecht zu werden. Durch zwischenmenschliche Beziehungen kann dies schneller gelingen. Deswegen lese ich deine Frage und bin dabei erfreut und denke: eine gute Situation mit ganz viel Offenheit und Raum. Wie schön.
Denn was soll ich dir jetzt sagen? Etwa, wie du besser kommunizieren sollst? Soll ich Strategien aufzählen, die dich in Gesprächen mit deinem Mann beruhigen könnten oder wie du an deiner Geduld arbeiten kannst? Natürlich gibt es gute Kommunikationsregeln. Aber es bleiben Empfehlungen und Strategien, die angewendet werden müssen – und ich bin mir ganz sicher, es sind keine dabei, die du nicht schon kennst. Aber die eigentliche Frage ist ja: Warum greifst du in immer derselben Situation nicht auf diese Strategien zurück?
Es gibt dafür wahrscheinlich einen Grund. Und für mich hört es sich so an, als würdest du den gerne ausgraben – und darüber freue ich mich.
Wenn ich deine Frage lese, ist es fast so, als würde ich mit euch auf einer Parkbank im Sonnenschein sitzen und zuhören, wie ihr euch unterhaltet: neugierig und ratlos beschreibt ihr die Situation und seid miteinander im Gespräch. So ist es gut. Denn nicht der Konflikt ist das eigentliche Problem, sondern wie ihr damit umgeht.
Ursachen in der eigenen Biographie
Wieso passiert das immer wieder?
Als Erstes kann ich dir zurückmelden: Das ist in ganz vielen Partnerschaften so!
In innigen Beziehungen zeigen wir oft Seiten von uns, die wir im Kontakt mit Leuten, die uns nicht so nahe stehen, kontrollieren können. Und wir sind auch komplizierter in engen Beziehungen. Das ist so. Nähe macht kompliziert, denn in Partnerschaften dürfen tiefere und ungefiltertere Seiten von uns zum Vorschein kommen. Je enger die Beziehung, umso verletzlicher sind wir oder lassen dies zu. Auch das ist kein Ausnahmefall, sondern eher die Regel – auch wenn es paradox klingt.
Das nimmst du ja selbst wahr und hast es auch so formuliert.
Außerdem werden in engen Beziehungen alte Bindungsmuster aktiviert, und deshalb reagieren wir oft intensiver und manchmal auch impulsiver. Wir greifen in unseren Partnerschaften oft auf Kommunikationsmuster aus unseren Herkunftsfamilien zurück. Dies geschieht meist unbewusst.
Wenn ihr also da auf der Bank im Sonnenschein sitzt und euch unterhaltet, könntet ihr auch mal darüber reden, wie eure Eltern miteinander diskutiert haben.
Wie hast du kontroverse Diskussionen zwischen deinen Eltern als Kind erlebt?
Das wird bei euch beiden unterschiedlich gewesen sein. Dies kann eine Möglichkeit sein, sich der Antwort auf deine Frage zu nähern.
Ursachen in der aktuellen Beziehung
Meistens ist es aber auch so – und das gilt tatsächlich für euch beide –, dass das, was uns am Partner stört, mit uns selbst zu tun hat.
Bei der Art, wie du dein Anliegen formulierst, wird für mich deutlich, dass es bei Diskussionen mit deinem Mann weniger um das Inhaltliche geht als bei Diskussionen mit Freunden. Es hört sich ein bisschen nach einem Machtkampf an, der bei weniger nahen Bekannten nicht auftritt – oder nicht nötig ist? Das formuliere ich bewusst als Frage.
Deine stärkere Reaktion bei deinem Mann könnte weniger mit ihm als Person zu tun haben, sondern damit, was seine Aussagen in dir auslösen. Das meine ich damit, wenn ich schreibe, dass es etwas mit dir selbst zu tun hat.
Auch dein Mann darf sich die Frage stellen:
Warum fühle ich mich von dir weniger gehört oder gesehen?
Jetzt ist es aber so, dass du beschreibst, dass dein Mann und du gleich empfinden und dass ihr beide das Gefühl habt, dass du in eurer Beziehung anders argumentierst oder agierst als mit Freunden. Das würde eher dafür sprechen, dass du bei deinem Mann auf etwas reagierst, um das es inhaltlich gar nicht geht.
Gibt es in eurer Beziehung ein empfundenes Machtgefälle? Beruflich oder in Bezug auf die Kinder oder ein anderes Thema? Wie steht es in eurer Beziehung um eure Gleichwertigkeit? Gibt es unausgesprochene Unzufriedenheiten bei dir – mit dir selbst oder in Bezug auf deinen Mann?
Es geht ums „gelten lassen“, hast du geschrieben – wird etwas von dir irgendwo nicht gelten gelassen und du kämpfst um deine Anerkennung? Und gar nicht ums Recht haben bei einem bestimmten Thema?
Was könnt ihr konkret tun?
Bevor du aktiv dein Verhalten veränderst, wäre es natürlich hilfreich zu wissen, warum du so reagierst. Das heißt: Du bist schon mitten auf dem Weg, etwas über dich zu erfahren, und die Beziehung zu deinem Mann hilft dir dabei.
Oft ist es so, dass, wenn du erkannt hast, worum es eigentlich geht, du intuitiv anders handelst – und das, ohne dass du es dir bewusst vorgenommen hast oder dich irgendwo zusammenreißen musst.
An welchem Punkt wirst du genau ungeduldig oder aggressiv? Ist es von Anfang an so oder steigert es sich im Laufe des Gesprächs? Beobachte dich und schaue noch einmal genau hin. Das bringt eine bewusste Aufmerksamkeit mit sich – auch in der jeweiligen Situation. Und das ist immer sehr viel wert: sensibel und aufmerksam zu sein, aber ganz bei sich.
Und nun am Ende doch noch eine bekannte Strategie:
Probiert doch in Gesprächen aus, immer den Einwand und das Gesagte des jeweils anderen zu wiederholen. Eigentlich ist dies primär dazu da, Missverständnisse zu vermeiden. In eurem Fall ist es aber in erster Linie eine Möglichkeit, das, was der andere gesagt hat, zu wiederholen, um es gelten zu lassen.
Dein Mann fühlt sich als Erstes gehört, denn du wiederholst ja das, was du von ihm verstanden hast. Zum anderen hilft es dir, nicht immer sofort zu reagieren. Denn zunächst gibst du das, was bei dir angekommen ist, in deinen eigenen Worten wieder. Ich bin mir ganz sicher, dass dies die Dynamik verändern wird.
Dein Mann fühlt sich gehört, und du reagierst nicht sofort mit eigenen Argumenten.
Und manchmal bringt es auch Frieden mit sich, wenn der Partner die Gedanken des anderen mit seinen Worten beschreibt und dann vielleicht sagt:
„Ah, so siehst du das! Und ich sehe das wirklich ganz anders – und das ist völlig okay, und ich kann das aushalten.“
Und wenn ihr so auf eurer Parkbank in der Sonne sitzt, kommt ihr vielleicht zu dem Schluss, dass ihr nicht einer Meinung sein müsst und niemand den anderen überzeugen muss. Denn dann – wenn alle einer Meinung sind – ist das Leben viel weniger bunt.
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