Ehrlich gestellt.
Hallo!
Wir haben jeden Abend das gleiche Problem: meine 4 jährige Tochter möchte nicht so recht essen, steht immer wieder auf, erzählt ohne Punkt und Komma, spielt mit ihrem kleinen Bruder… Wir sagen ihr immer wieder, dass jetzt Abendbrot-Zeit ist und es danach ins Bett geht. Irgendwann sagt sie, dass sie satt sei. Ich frage dann, ob sie wirklich satt ist, so satt, dass sie ins Bett kann und sie sagt ja.
Wir stehen dann auf gehen ins Bad, machen uns mit vielen Unterbrechungen und Diskussionen bettfertig und dann sagt sie:
Und das fast jeden Abend. Ich könnte explodieren bei dem Satz und bin so ratlos! Einerseits möchte ich sie beim Abendbrot nicht zum Essen zwingen und ihr den Spaß beim Essen bewahren, andererseits ist es so kein Zustand. Aber sie dann hungrig ins Bett zu schicken, bringe ich auch oft nicht übers Herz. Was können mein Mann und ich tun? Die Abende werden mittlerweile echt zur Belastungsprobe!
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
schon beim Lesen der Frage konnte ich spüren, wie belastend diese Situation inzwischen für eure gesamte Familie geworden ist und wie viel Druck dadurch bei euch Eltern entsteht, weil der „Erfolg des Abends“ vom „Erfolg am Esstisch” abzuhängen scheint. Nach einem langen Tag ist bei allen Beteiligten die Luft raus, die Ressourcen sind knapp und eigentlich wünschen wir uns nur, dass alles harmonisch und geregelt abläuft. Gleichzeitig wollen unsere Kinder noch spielen, erzählen und sind oft nicht bereit, dass der Tag zu Ende geht. Dieser Übergang in die Nacht fällt ihnen oft schwer. Und dann ist da noch die elterliche Erwartung, dass das Kind nach dem Essen mit vollem Bauch bereit ist fürs Bett.
So wie ich eure Schilderung lese, kommt euer Stress vor allem von dieser Sorge, dass eure Tochter sich nicht ausreichend satt isst. Ihr fragt immer wieder nach, natürlich mit dem Blick darauf, dass sie später nicht hungrig ins Bett gehen soll und sich die Ins-Bett-geh-Situation nicht unnötig verzögert. Gleichzeitig ist es euch wichtig, dass sie ein gutes und gesundes Verhältnis zum Essen entwickelt. Diesen Spagat zu meistern, versuchen viele Eltern. Ich möchte mit euch in zwei Schritten auf eure Situation schauen: Zuerst, wie Führung am Esstisch aussehen kann und ihr den Druck aus der Situation nehmen könnt. Und danach, was Führung bedeutet, wenn sie trotzdem nach dem Zähneputzen im Bad steht und sagt: „Ich habe Hunger!”.
Die Atmosphäre am Essenstisch
Vielleicht könnte es zunächst schon etwas an der Situation am Tisch verändern, den Druck von eurer Seite aus dieser Situation herauszunehmen. Ihr als Eltern entscheidet, was auf den Tisch kommt – also welche Lebensmittel ihr anbietet – und wann gegessen wird. Eure Kinder dürfen selbst entscheiden, ob und wie viel sie davon essen möchten. Ihr bietet eurer Tochter die Möglichkeit, sich satt zu essen, aber es ist gar nicht nötig zu kontrollieren, ob sie das auch wirklich tut. Vielleicht wird schon dadurch das Abendessen für euch alle ein Stück entspannter.
Wenn wir uns einmal vorstellen, wie sich diese Situation für uns Erwachsene anfühlen würde, wenn uns beim Essen immer wieder jemand fragen würde, ob wir wirklich satt sind, ob wir denn auch genug gegessen haben und ob das jetzt tatsächlich für die ganze Nacht reichen wird – uns würde das vermutlich eher den Appetit verderben.
Dennoch könnte dann eine Stunde später im Bett natürlich wieder der Satz kommen, bei dem du – wie du schreibst – explodieren könntest: „Ich habe Hunger.“ Dazu kommen wir gleich.
Für Kinder sind gemeinsame Mahlzeiten viel mehr als Sättigung: Es ist Beziehung und ein Ort für soziales Lernen. Sie erleben dabei vieles: Wie gestalten wir in unserer Familie die Mahlzeiten? Wie ist die Stimmung zwischen den Erwachsenen? Wie begegnen wir uns am Tisch? Wie sprechen wir miteinander? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Bedürfnissen um und wie werden Konflikte ausgetragen und gelöst? Und natürlich auch: Wie viel Freude und Leichtigkeit erleben sie bei den Erwachsenen?
Kinder beobachten uns dabei sehr genau und spüren, was zwischen den Zeilen passiert und los ist. Sie lernen nicht nur durch das, was wir ihnen sagen, sondern vor allem durch das, was sie am Tisch erleben. Gemeinsame Mahlzeiten werden damit zu einem Spiegel unseres Familienlebens – und genau deshalb darf es auch mal laut, chaotisch und unperfekt sein.
Wenn wir die gemeinsamen Mahlzeiten für uns angenehm und entspannt gestalten, entsteht viel eher ein Rahmen, in dem Kinder gerne dabei sind – und das freiwillig. Wenn aber der wichtigste Gedanke in euren Elternköpfen ist: „Sie muss sich bitte, bitte, bitte unbedingt ordentlich satt essen, denn sonst steht uns ein stressiger Abend bevor!“, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Anspannung auch schon beim Essen für alle spürbar ist.
2 Tipps für den Alltag
1: Sättigende Snacks
Ihr schreibt, dass eure Tochter am Tisch mit so vielen anderen Dingen beschäftigt ist und das Essen dabei in den Hintergrund rückt. Vielleicht könntet ihr deshalb darauf achten, dass sie einen Teil ihres Kalorienbedarfs bereits über den Tag und die anderen Mahlzeiten und Snacks deckt. Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass sie am späten Nachmittag noch ein Brot oder einen anderen sättigenden Snack bekommt. Somit hängt nicht alles daran, dass sie ausgerechnet beim Abendessen ausreichend isst, sondern ihre Nahrungsaufnahme verteilt sich über den ganzen Tag.
2: Freiwilligkeit und Ankerlebensmittel
Als meine Kinder noch klein waren, haben wir sie nicht dazu verpflichtet, mit uns zu essen. Für sie war klar, sie können jederzeit dazukommen, wenn wir am Tisch sitzen. Manchmal haben sie dann doch mitgegessen, manchmal nicht. Für uns war beides völlig in Ordnung. Gleichzeitig hatte ich sogenannte „Ankerlebensmittel“ vorbereitet – also Lebensmittel, die bei meinen Kindern eigentlich immer gingen – zum Beispiel Brot, Semmel, Brezel oder Maiswaffel.
Wenn der Hunger dann später doch kam, konnte ich darauf unkompliziert zurückgreifen, ohne jedes Mal noch einmal großen Aufwand betreiben oder neues Essen zubereiten zu müssen. Für uns war das ein gangbarer Weg, der für die ganze Familie gepasst hat.
Euer Rahmen – eure Verantwortung
Natürlich könnt ihr als Eltern aber genauso sagen: „Uns ist es wichtig, dass wir gemeinsam am Tisch sitzen und essen.“ Wir dürfen als Eltern einen solchen Rahmen festsetzen und entscheiden, dass die Kinder für diese Zeit am Tisch sitzen bleiben. Natürlich dürfen wir uns wünschen, dass sie sich bei dieser Gelegenheit satt essen.
Wenn ihr euch für diesen Weg entscheidet, gehört es für mich auch dazu, die Verantwortung für die eventuell aufkommenden Konflikte zu übernehmen. Denn sobald wir als Eltern eine bestimmte Struktur vorgeben, können wir auch damit rechnen, dass es Widerstand geben kann. Dann liegt es an uns, zu überlegen, wie wir diese Mahlzeiten so gestalten können, damit es für uns und für die Kinder gut passt.
Ganz gleich, für welches „Setting“ ihr euch als Familie entscheidet, so schützt es euch natürlich nicht vor dem Satz eurer Tochter: „Ich habe Hunger!“. Und dass der einem richtig auf die Nerven gehen kann, wenn nach einem langen Tag die Luft raus ist und man gerade schon Zähne geputzt hat, kann ich gut verstehen. Meine Gedanken, damit umzugehen, sind folgende:
Ihr könntet den Satz einfach so zur Kenntnis nehmen und sagen: „Ja, ich habe dich gehört“, oder einfach nur abnicken. Punkt. Ohne euch dabei verpflichtet zu fühlen, sofort proaktiv tätig zu werden oder eine Lösung zu präsentieren. Vielleicht noch ergänzend: „Ja, beim Abendessen ist es schön, wenn wir zusammen sind und da gibt es so viel zu erzählen, dass man manchmal gar nicht zum Essen kommt, ich weiß.“ Punkt. Wenn man diese Gelassenheit nicht gewohnt ist, fühlt es sich die ersten Male sicher ungewohnt an, aber auch das ist eine völlig legitime Reaktion und fügt dem Kind keinen Schaden zu.
Vielleicht könnt ihr mit der Zeit herausfinden, ob der Hunger in diesem Moment einen anderen Ursprung hat? Wird das Verlangen nach Essen weniger, wenn ihr für den Abend noch gemeinsame Zeit wie kuscheln, lesen oder einen anderen gemütlichen Ausklang ankündigt?
Auch für uns Erwachsene ist es ja manchmal gar nicht so einfach zu unterscheiden, ob wir wirklich Hunger haben, oder ob es Langeweile, Frust oder etwas anderes ist, was sich dahinter verbirgt. Wie wertvoll, wenn ihr gemeinsam Schritt für Schritt Hunger eventuell auch als ein Signal einordnet, welches für verschiedene andere Bedürfnisse stehen könnte.
Vielleicht könnt ihr als Eltern schon im Vorfeld absprechen und planen, wie ihr mit dieser Information an diesem Tag umgehen möchtet:
Habt ihr an dem Tag noch Ressourcen und es ist für euch in Ordnung, dann vielleicht noch einen Apfel oder ein übriges Brot vom Abendessen auch später anzubieten? Okay! Dann gehört nur dazu, nochmals die Zähne zu putzen. Und wenn euch der Tag viel abverlangt hat und ihr am Abend einfach keine Kapazitäten mehr habt, darf auch eine klare und dennoch freundliche Grenze sein:
„Heute gibt es nichts mehr zu essen. Morgen früh gibt es wieder Frühstück.“
Was euch dabei helfen kann, ist der Blick auf den gesamten Tag: Was und wieviel hat eure Tochter bereits gegessen? Das könnte bei der Abwägung hilfreich sein.
Aber egal für welchen Weg ihr euch entscheidet – und die Entscheidungen brauchen nicht immer gleich ausfallen, unsere Tage sind ja auch nicht gleich – die Verantwortung für die Entscheidung und somit die Qualität unserer Beziehungen tragen wir als Eltern. Führung bedeutet nicht, streng zu sein, sondern mit Klarheit zum eigenen Weg zu stehen.
Auch bei diesem Thema gibt es nicht die eine richtige Lösung, die für alle Familien passt.
Vielmehr lohnt es sich, zu überlegen: Wie möchten wir als Familie unsere Mahlzeiten und unser Miteinander gestalten, was ist uns wichtig und welche Atmosphäre möchten wir dabei für uns und unsere Kinder schaffen?
In diesem Sinne alles Gute!
Herzlichst,
Sandra Kleber
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