Ehrlich gestellt.
Liebes Beratungsteam,
unsere Tochter ist gerade 3 Jahre alt geworden. Wir versuchen ihr bei vielen Dingen, bei denen es für uns in Ordnung ist, Entscheidungsfreiheit zu lassen. Daher darf sie sich auch selbstständig aus ihrem Kleiderschrank aussuchen, was sie tragen will. Mit etwa 2 Jahren habe ich ihr immer 2 Outfits herausgelegt und sie konnte sich daraus etwas aussuchen. Seit sie ihren Schrank selbst öffnen kann, hat sie freien Zugriff auf ihre Anziehsachen und will sie allein aussuchen. Das klappte bisher auch immer sehr gut. Wenn ein Teil vom Vortag noch nicht schmutzig war, habe ich ihr gesagt: „Für morgen brauchst du dir keine neue Hose aussuchen, diese hier ist noch sauber.“ Das war immer in Ordnung und sie hat sich nur die fehlenden Teile parat gelegt für den nächsten Morgen.
Seit etwa 3 Wochen haben wir aber regelmäßig Drama und Geschrei, spätestens am Morgen, dass dieses oder jenes angeblich plötzlich nicht mehr passt oder ihr nicht mehr gefällt. Sie will unbedingt etwas Neues anziehen und schreit und tobt vor Wut. Begleiten und dann danach anziehen klappt nicht. Sie besteht darauf, dass das Teil kneift, zu groß ist und so weiter. Ich will sie aber auch nicht mit meiner körperlicher Überlegenheit in ihre Klamotten stecken.
Mittlerweile habe ich wirklich Wäscheberge und weiß kaum, wie ich diese bewältigen soll. Wir sind immerhin ein 4-Personen-Haushalt. Es gibt nämlich noch ein 4-Monate altes Baby. Außerdem ärgert es mich sehr, dass alles, was ich schon ordentlich gefaltet in den Schrank geräumt habe, dann wieder rausgezogen und schließlich doch nicht angezogen wurde.
Mein Mann sieht das Problem leider gar nicht und ist daher auch nicht an einer Lösung interessiert. Klar, er hat ja auch mit der Wäsche nichts am Hut. Er findet es toll, dass sie mit 3 Jahren schon selbst ihre Kleidung aussucht und genau weiß, was sie tragen will und was nicht.
Ich bin es leid, jeden Tag mit diesem Drama zu beginnen, was sich dann durch den ganzen Morgen zieht, bis wir alle aus dem Haus gehen. Kind wütend auf Mama, Mama wütend aufs Kind, Papa wütend, weil Mama wütend ist. Scheiß Situation und so komplett gegen unseren Anspruch als bindungsorientiert erziehende Familie, aber irgendwie kommen wir da gerade nicht raus. Vielleicht könnt ihr uns helfen.
Vielen Dank und liebe Grüße.
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
„…bis wir dann morgens alle wütend aufeinander aus dem Haus gehen.“
Dieses Szenario mit all den starken Gefühlen fordert so viel Energie, dass man fast den Rest des Tages braucht, um sich davon zu erholen. Vielen Dank für den Blick auf euer morgendliches Drama, ich bin sicher, sehr viele Eltern kennen das.
Gewohnte Systeme und neue Freiheiten
Am Anfang deiner Nachricht beschreibst du, wie gelungen das gemeinsame Auswählen am Abend noch vor kurzem war, und wie leicht deine Tochter dann morgens mit dem Anziehen starten konnte. Und ich lese daraus die Hoffnung, die viele Eltern haben, dass diese gelungene Routine nun doch bitte so fortgesetzt werden sollte. Oft wird daran gemessen, ob man als elterliches Vorbild erfolgreich war. Und dann wächst das Kind über diese Erfahrung im Zusammenspiel mit Mama und den angebotenen Regeln hinaus, wittert Freiheit durch neue Kompetenzen (den Schrank selbst öffnen können) und beginnt ganz neugierig und selbstbezogen die Grenzen auszudehnen und zu überschreiten. Das tut deine Tochter nicht als Angriff gegen deine Regeln, also nicht gegen dich. Dein Kind macht das für sich selbst.
Ihr Interesse daran ist wohl durch Rollenspiele zusätzlich erwacht. Sie hat erlebt, dass ihre zunehmende Selbständigkeit beim Anziehen bisher sehr wohlwollend von euch begleitet wurde. Nun will sie noch mehr Freiraum, will selber machen! Ihr Forschungsfeld liegt nun mehr und mehr bei ihr selbst. Wie fühle ich mich heute mit diesen Kleidern? Wie reagiert Mama und Papa darauf, wie die Freund*innen in der Kita? Selbst wenn wir uns mit Kommentaren zurückhalten, erkennt sie doch durch unsere Mimik Unterschiede und Stimmungen. Es ist die Zeit, in der Kinder beginnen, sich durch Kleidung auszudrücken. Manche tragen über lange Phasen nur Grün mit Rot, andere lieben diese besonderen Schuhe, auch wenn sie überhaupt nicht zu den Wetterprognosen der Erwachsenen passen.
Dieses Bedürfnis nach „selber machen“, was altersgemäß stimmig ist, stört nun deine Erwartung, dass das lange geübte und gut gelernte Auswählen zur Entlastung am Morgen fortgesetzt werden kann. Du hoffst auf einen leichten Start durch die „Absprache“, die doch schon so gut geklappt hat. Jedoch lebt deine Dreijährige noch sehr deutlich im JETZT und was gestern Abend ein guter gemeinsamer Prozess des Auswählens war, kann dann am neuen Morgen nicht immer eingehalten werden.
Dein Kind spürt zwar die Erwartung, dass sie mitmachen soll, kann sich aber noch nicht in dich hineinfühlen. Sie kann sich nicht vorstellen, wie viel Mühe es dich kostet, die Wäscheberge zu bewältigen. Vielmehr hat sie das Gefühl, es geht um sie als Person, um ihre Entscheidungshoheit über sich selbst.
Und so entzündet sich morgens bei euch zur Zeit ein Machtkampf:
Auf der einen Seite darüber, wie viel sie bestimmen darf, ob sie gesehen wird, wie sie ist. Und auf der anderen Seite über dein Bedürfnis nach Einhalten der Regeln und damit einem reibungslosen Start in den Tag.
Viele Veränderungen zugleich
Nun schreibst du auch, dass nicht nur die Persönlichkeitsentwicklung deiner Tochter voranschreitet, sondern auch ein Geschwisterkind geboren wurde. Und mit diesem Hinweis kommt für mich noch eine weitere Perspektive dazu. Mit einem viermonatigem Baby ist deine körperliche Anstrengung gewaltig, besonders mit dem Anliegen einer bindungsorientierten Begleitung. Und da verrutschen doch manchmal die Ansprüche. Die erst dreijährige wird zur „großen Schwester“ und meist unbewusst wünschen Eltern sich mehr Hilfe durch „Wohlverhalten“. Gleichzeitig haben manche Eltern Gewissensbisse, dass nicht mehr genug Zeit für die „Großen“ da ist.
Wie auch immer das bei euch gerade ist. Ihr seid in einer neuen Findungsphase als Familie. Denn manches, was mit einem Kind gut geklappt hat, braucht jetzt ein anderes Vorgehen. Gleichzeitig habt ihr aber auch schon so viel Routine im Elternsein entwickelt, die für die ganze Familie sehr hilfreich und stärkend sein wird.
Dein Frust über die zusätzliche Arbeit, den diese ungestüme Kleiderwahl deiner Tochter auslöst, bringt mich auf den Gedanken, dass vielleicht bei euch als Paar eine Neujustierung der Aufgaben hilfreich sein kann. Du schreibst, dein Mann sehe das Problem nicht. Denn was er sieht, ist eine Dreijährige, die genau weiß, was sie tragen will. Den Mehraufwand, den das mit sich bringt, trägst allerdings du.
Viele Eltern sprechen davon, dass die Liebe mit jedem Kind zwar wächst, aber die Liste der Aufgaben genauso. Deswegen ist es nicht nur hilfreich, sondern notwendig, gemeinsam zu reflektieren, welche Aufgaben jetzt anders verteilt werden könnten. „Er hat mit der Wäsche nichts am Hut“, könnte sich wandeln in ein „und abends räumt er mit der Tochter den Schrank auf“. Dann kann sie morgens frisch entscheiden, die guten Sachen vom Vortag liegen wieder im Schrank bereit und dein Partner trägt den Mehraufwand mit.
Einen weiteren Gedanken möchte ich zu der Anfangsphase mit einem neuen Geschwisterkind noch anbieten. Hinter dem ausführlichen Auswahlprozess am Morgen könnte auch das Bedürfnis stehen, mehr Zeit mit Mama zu haben, da die Arme ja gerade oft belegt sind. Selbst wenn das in ärgerlicher Stimmung mündet, hat sie dann doch Aufmerksamkeit bekommen, um die Kinder in dieser Zeit kämpfen.
Die neuen Reibungen eures morgendlichen Aufbruchs könnt ihr also auch als Nebeneffekte des Wandels in eurer Familie verstehen, vielleicht als Mischung all dieser Faktoren: Die Persönlichkeitsentwicklung eurer Tochter mit ihrem Streben nach Selbstständigkeit und Mitbestimmung, die Ankunft des Geschwisterkindes, das nun einen ordentlichen Teil der Aufmerksamkeit braucht, die vorher die große Schwester bekommen hat und nicht zuletzt die neue Ressourcenaufteilung für euch als Eltern, mit der ihr euch erstmal arrangieren dürft.
Vielleicht mit neuen Aufgabenverteilungen zwischen euch Eltern, neuen Freiheiten oder Regeln für eure Tochter am Morgen oder bewusster Quality-Time, damit sich die frischgebackene große Schwester gesehen fühlt.
Ich wünsche euch einen guten Übergang in den neuen Alltag zu viert.
Herzlich
Astrid Draxler
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