Ehrlich gestellt.
Wir leben in folgender Patchwork-Konstellation: mein Mann hat eine Tochter (13 Jahre) aus früherer Beziehung, wir haben noch zwei gemeinsame Kinder (1&3). Die große Tochter ist jedes zweite Wochenende bei uns. Sie lebt mit ihrer Mutter (und weiterem Geschwister) etwa 20 km entfernt. Bisher hatten wir das Gefühl, dass sie gerne bei uns ist und es auch genießt, hier andere „Freiheiten“ zu haben und eben weniger vom Alltag (und damit einhergehenden Verpflichtungen) zu Hause. Es bestand immer ein sehr vertrauensvolles und inniges Verhältnis, gerade zwischen meinem Mann und seiner Tochter. Natürlich gab und gibt es in dieser Konstellation auch schon immer viel Gesprächs- und Klärungsbedarf, viele Absprachen. Das klappt zugegebener Maßen mal mehr und mal weniger gut. Aber es ruckelt sich dann immer irgendwie ein.
Nun ist es so, dass seit einigen Monaten die Große immer seltener zu den Wochenenden zu Besuch ist, da sie sich jetzt (verständlicherweise) auch oft lieber mit ihren Freunden trifft.
Nun hat sie uns, beziehungsweise meinem Mann eröffnet, dass sie sich bei uns zunehmend weniger gesehen fühlt und auch deshalb nicht mehr so gern komme. Sie müsse sich immer unterordnen und es gehe oft mehr um die kleinen Geschwister (die sie aber sehr liebt). Sie wünsche sich, dass auch mehr Rücksicht auf ihre Interessen und Vorstellungen genommen wird und sie nicht immer nur „dazwischen gequetscht“ wird (so ihre Worte). Das haben wir erst mal so angenommen und ihr auch gesagt, wie schön wir es finden, dass sie so ehrlich mit uns über ihre Gefühle spricht, denn das ist ihr offensichtlich nicht leicht gefallen. Uns hat das gleichzeitig sehr traurig gemacht, dass sie so fühlt, auch weil wir eigentlich das Gefühl hatten, schon viel nach ihr auszurichten und z.B. auch flexibel in Abhol/Bringzeiten zu sein oder auch ihre Freunde bei uns immer herzlich eingeladen sind. Auch Urlaube haben wir schon oft so geplant, dass sie auf jeden Fall mitkommen kann, und dafür auch (teils große) Umwege in Kauf genommen.
Trotzdem fragen wir uns jetzt insgesamt: Wie können wir miteinander gut in Kontakt und im Gespräch bleiben, wenn persönliche Besuche wahrscheinlich (auf Grund ihres Teenageralters) immer seltener werden? Wir wollen uns nicht voneinander entfremden, wenn man dann auch kaum noch gemeinsame Zeit hat. Unsere finanzielle Lage lässt es zur Zeit leider auch nicht zu, an den Papa-Wochenenden (und auch sonst) sonst welche großen Freizeitaktivitäten anzubieten (wie sie es aber von zu Hause bei ihrer Mutter kennt). Wie können wir trotzdem etwas bieten, sodass sie auch auf ihre Kosten kommt? Möglicherweise vertauscht sie auch unsere mangelnden finanziellen Möglichkeiten mit mangelnder Zuwendung und „falscher“ Priorisierung?
Und wie können wir gut auf ihre Bedürfnisse und Wünsche eingehen, auch wenn wir noch zwei Kleinkinder hier haben und wir ja auch die Beziehung der Geschwister untereinander stärken wollen.
Wie viel Verantwortung kann man auch ihr zutrauen, mit uns im Kontakt zu bleiben? Wenn wir uns nicht regelmäßig bei ihr melden würden, würden wir gar nichts von ihr hören, außer sie braucht etwas von uns. Kann man von ihr nicht auch „erwarten“, dass sie etwas zur Pflege dieser Beziehung beisteuert?
unserer Expertin.
Liebe Fragestellerin,
danke für deinen Text! In dieser Frage gibt es zwei große Themen: Patchworkfamilie und Pubertät. Lass uns schauen, was beide Bereiche mit sich bringen und wie sie in eurer aktuellen Situation zusammenhängen!
Teenagerbedürfnisse
Die Pubertät ist die zweite große Autonomiephase. Eine Zeit, in der Teenager auf Identitätssuche sind, ihre Rolle in der Peergroup suchen und experimentieren. In dieser wichtigen Entwicklung von Gehirn und Körper, in dieser Großbaustelle von „Wer bin ich und wer will ich eigentlich sein?“ haben sie immer noch ein sehr wichtiges Bedürfnis: Beziehung. Beziehung durch Gleichwürdigkeit, Vertrauen, Erfüllung der Grundbedürfnisse „wahrgenommen werden“, „verstanden werden“ und „geliebt werden“. Und zwar genau so wie ich bin – AUCH in der Pubertät, vor allem AUCH von den Eltern. Nicht nur von der Peergroup.
Nur weil unsere Kinder Teenager werden und in die Pubertät kommen, heißt es noch nicht, dass wir als Eltern abgeschrieben sind. Nur die Rolle verändert sich. Wir werden zu Sparringpartnern, zu einem Übungsfeld und bleiben, wie auch bereits in der Kleinkindzeit, der sichere Hafen. Der sichere Hafen basiert auf Beziehung – die wir Eltern im besten Fall schon all die Jahre davor aufgebaut haben. Jetzt zahlt es sich aus. In einer stabilen Beziehung, die auf bedingungsloser Liebe basiert, darf ich meine eigenen Entscheidungen treffen, ohne die Angst haben zu müssen, abgelehnt, abgewertet oder gar fallen gelassen zu werden.
Jesper Juul sagt: „Mit Eintreten der Pubertät ist Erziehen nicht mehr möglich. Es ist der Moment, wo wir die Früchte unseres Umgangs mit dem Kind ernten.“
Eure Tochter hat sich getraut, Euch zu sagen, wie sie sich fühlt und ihr ebenso – eine sehr gute Basis für die Pubertät!
Patchworkbedürfnisse
Eine Patchworkfamilie ist immer ein Experiment, Lebensjahr für Lebensjahr geht es darum, neu auszutarieren, neu zu kommunizieren, und gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Optimal ist eine offene und ehrliche Kommunikation zwischen den Eltern – zum Beispiel über die Verhaltensveränderung der Tochter, die nun nicht mehr regelmäßig alle 14 Tage kommen möchte. Wie erlebt es die Mutter? Wie erlebt sie die Entwicklung? Schwingt eine Konkurrenz oder Eifersucht zwischen den Elternteilen mit oder gerät das Kind noch immer in Loyalitätskonflikte? Die Erwachsenen dürfen ein Team sein. In jedem Familiensystem dürfen eigene Regeln und Grenzen gelebt werden, die Kinder lernen diese schon früh und adaptieren in der Pubertät genau die Werte zu ihren eigenen, die sie als sinnvoll erachten.
Sehr wichtig ist außerdem eine klare Rollenklärung: Nur weil die Tochter alle 14 Tage zu Papa kommt, bedeutet es ja nicht gleich, dass Papa-Wochenenden ein reines Entertainmentprogramm sind. Der Alltag läuft, es gibt Einkäufe zu erledigen, Haushalt, und gleichzeitig darf natürlich das Wochenende auch an die Wünsche und Bedürfnisse der 13-Jährigen ein wenig ausgerichtet werden, um eben ihr Bedürfnis nach „gesehen und gehört werden“ zu erfüllen. Es geht hier um eine gesunde Mitte. Die Kleinkinder dürfen dabei nicht untergehen, im Gegenteil: Vorleben, dass alle Beteiligten Bedürfnisse haben, auch die Eltern, kann für das Teenagermädchen nur von Vorteil sein. Sie braucht ein authentisches Wochenende mit authentischem Papa und ehrlichem Familienleben. Zu dem sie sich aber selbst entscheidet – nicht gezwungen wird.
Konkret: Gestaltet das Wochenende so, wie es sich auch für Euch Erwachsene gut anfühlt – denn alles andere führt zu eigener Integritätsverletzung. Erst brodelt es ein wenig in uns, dann köchelt es immer mehr und letztlich wird daraus ein Streit, in dem es – zugespitzt formuliert – um die „undankbare Bonustochter“ geht. Dabei braucht es vorher den Blick auf die eigenen Bedürfnisse und Grenzen. Auf Handlungsebene können solche Wochenenden also sehr unterschiedlich aussehen: Nur Papa-Tochter-Zeit, mal alle gemeinsam. Vielleicht bekommt die Tochter auch Verantwortung und passt auf die Kleinen auf, damit Elternzeit ermöglicht wird. Sie könnte sich dadurch sehr wichtig und wertvoll fühlen. Fühlt da ehrlich in Euch rein, was dieses Wochenende für Euch als Familie überhaupt dran ist. Und was möglich ist. Und das, was ihr vorhabt, kommuniziert ihr. Ein bisschen wie eine Menü-Karte.
Vertrauen in eure Beziehungen
Das Wichtigste, was alle Beispiele beinhalten: Beziehung. Wenn die Beziehung sich für alle Beteiligten sicher anfühlt, entsteht Vertrauen. Und ganz konkret an alle (Bonus-)Eltern: Habt Vertrauen in diese Beziehung! Wenn sie sich weniger meldet, wenn sie weniger kommt: Vertraut. Vertraut darauf, dass sie dann kommt, wenn sie Euch wirklich braucht. Klar, in der Pubertät braucht man Geld, neue Klamotten oder Ähnliches. Aber hier ist gemeint: „Wenn mal alles schief geht, ich nicht mehr weiter weiß oder verloren bin, dann werde ich kommen. Gerade seid ihr nicht mein Fokus“. Das könnten Gedanken der Tochter sein. Und das ist ok. Es ist ihr gutes Recht. Und es ist wichtig, dies zu respektieren. Auch zu kommunizieren, wie es sich für Euch anfühlt – das habt Ihr ja getan – doch nicht ablehnend oder abwertend, sondern gleichwürdig. Ihre Integrität darf gewahrt werden. Mit Druck entsteht nur Gegendruck, der sich wiederum in Beziehungsproblemen niederschlägt. Akzeptiert ihren Rhythmus der Besuche, bleibt gleichzeitig in Kontakt, ohne übergriffig zu sein. Zeigt Euch interessiert. Leichter gesagt als getan, ja. Das eigene Gefühl zeigt den richtigen Weg.
Sehr häufig findet mit Teenagern die Kontaktpflege über deren Medium statt. WhatsApp, Sprachnachrichten, kurze gifs, ein lustiges Video von Papa am Morgen, wenn die Tochter gerade müde im Bus sitzt. Sie lächelt – er bekommt keine Antwort – aber sie sind in Beziehung. Mini-Rituale, an die sich die Tochter noch später erinnern wird: Das abendliche alberne Foto des Bolognesemundes der 1-Jährigen und eine normale Alltagsnachricht der Bonusmama.
Eine Antwort? Kann kommen, muss aber nicht. Unsere Erwartung? Am besten keine. Wir dürfen als Eltern lernen, uns in der Pubertät zurückzulehnen und dennoch da zu sein. Wenn die 13-jährige Tochter sich gesehen und gehört fühlt, normal genervt ist von ihren Eltern, ein soziales Peergroup-Leben aufbaut, sich ab und zu zurückmeldet und dann kommt, wenn es wirklich für sie wichtig und richtig ist; das ist Teenagerverhalten.
Das Wichtigste: Vertrauen in die Beziehung. Vertrauen, dass sie auch die kleinen Geschwister lieb hat auf ihre Weise. Vertrauen, dass Papa immer Papa bleiben wird, egal was das Leben bringt. Patchwork darf sich leicht anfühlen, auch Pubertät. Kreative, ehrliche Kommunikation kann ein Weg sein.
Und der wichtigste Vertrauensbereich: die eigenen elterlichen Fähigkeiten – dass wir bis hierhin unser Bestes gegeben haben. Und es somit gut wird.
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