Darum geht es
Freundschaften unter Kindern sind etwas Wundervolles – und zugleich keine Selbstverständlichkeit. Wie unterstützen wir unsere Kinder, Freunde zu finden? Oder: Müssen wir das überhaupt?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo zusammen,

Momentan mache ich mir mehr und mehr Gedanken über Freundschaften. Ich selber hatte nie eine „beste“ Freundin oder einen super engen Freundeskreis. Ich habe meinen Halt in Sportteams gefunden, aber nicht unbedingt in der Schule. Auch in meinen jüngeren Jahren kann ich mich nicht an Freundschaften erinnern, die mich lange begleitet haben. Daher bin ich bei diesem Thema verunsichert, was in dem Alter normal ist, wann sich Freundschaften bilden, wie man es unterstützen kann und so weiter.

Mein Sohn (4 Jahre im Juli) war schon immer ein wenig sensibler, er braucht in Gruppen etwas länger, um aufzutauen. Wenn er dann da ist, hat er Spaß. Im Kindergarten hat er morgens beim Ankommen nie einen Ankerpunkt, er weiß nicht, wohin er laufen soll, mit wem er spielen soll. Beim Spielplatz spielt er oft alleine oder wechselt seine Ansprechpartner. 

Ich mache mir Sorgen, dass er zu sensibel ist, manchmal zu willensstark, manchmal zu chaotisch und er nicht gemocht wird. Wie kann ich ihn da unterstützen, wie kann ich ihm helfen, Freunde zu finden und nicht alleine zu sein? 

Vielen Dank! Ich würde mich freuen, wenn das Thema Freundschaften einmal thematisiert wird.

Die Antwort
unserer Expertin.
Wird mein Kind Freunde finden?
Heidy de Blum — FamilyLab Deutschland

Vielen Dank für diese berührende und wichtige Frage. Gerne möchte ich das Thema „Freundschaften“ ein wenig genauer beleuchten. Zunächst möchte ich einen zeitlichen Überblick geben, wie sich Freundschaften je nach Entwicklungsstand zeigen und dann möchte ich gerne darauf eingehen, was dies konkret für eure Familie bedeuten kann.

Die ersten Jahre (0-3)

In den ersten Lebensjahren sind Babys und Kleinkinder häufig sehr an anderen Kindern interessiert. Sie beobachten die „Größeren“, lächeln andere Kinder an und imitieren vielleicht auch andere Kinder.
In dieser Lebensphase gibt es jedoch noch wenig gemeinsames Spiel und eher ein „nebeneinander“ als ein gezieltes Spiel zusammen. Doch bereits in diesen ersten Jahren, ist schon deutlich sichtbar, dass es große Unterschiede gibt. Es gibt Zweijährige, die großen Kindern stundenlang begeistert zusehen können und anfangen, alles zu imitieren, was sie dort erleben. Genauso gibt es Kinder in diesem Alter, die einfach gerne für sich die Welt erkunden.
Bereits hier wird also klar, wenn wir uns die unterschiedlichen Entwicklungsstufen betrachten: Es ist ein kunterbuntes Spektrum und Temperament und Wesensart spielen immer eine große Rolle.

Freundschaften im engeren Sinne entstehen in diesem Alter selten.

Die Vorschulzeit

Ab dem dritten Lebensjahr können wir immer mehr Interaktion und gemeinsames Spiel unter Kindern beobachten. Das Spiel prägt Freundschaften in dieser Altersstufe besonders.
Kinder spielen mit anderen Kindern, die ähnliche Interessen haben. Es entstehen Vorlieben und sie freuen sich darauf, bestimmte Kinder wiederzusehen.

Ab diesem Zeitpunkt ist es auch unglaublich wichtig, dass Kinder mit anderen Kindern Kontakt haben.
Denn hier passiert so viel. Das gemeinsame Spiel ist der Lern- und Entwicklungsraum unserer Kinder. Wir glauben häufig, dass wir Erwachsenen es sind, die unseren Kindern Werte vermitteln müssen, ihnen zeigen sollen, wie man Konflikte löst und mit anderen Menschen umgeht. Und ja, wir spielen mit Sicherheit eine große Rolle, aber Kinder lernen eben auch unglaublich viel voneinander. Sie lernen dies im aktiven Tun und im Beobachten. Sie lernen, Grenzen zu setzen und Grenzen zu wahren.
Am liebsten orientieren sich Kinder dabei an anderen, die ihnen schon ein kleines Stückchen voraus sind. Deshalb sind altersgemischte Gruppen besonders wertvoll, die Älteren zeigen den Jüngeren den nächsten Entwicklungsschritt. Ganz ohne Erklärungen – einfach durch das gemeinsame Spiel.

Die Schulzeit

Mit dem Schuleintritt und den darauffolgenden Jahren wählen Kinder oft bewusster ihre Freundschaften. Die gemeinsamen Interessen bleiben ein Verbindungsglied, aber sie verstehen auch immer mehr, dass es Kompromissbereitschaft, Vertrauen und gegenseitiges Verständnis braucht, um Freundschaften zu pflegen.

In der Jugend erhalten Freundschaften noch mal eine ganz andere Bedeutung. In dieser Zeit geht es darum, Stück für Stück die eigene Identität außerhalb des Elternhauses zu entwickeln. Eltern sind deshalb nicht automatisch unwichtig für die Jugendlichen, aber die Freundesgruppe ist ein großer und wichtiger Teil in dieser Lebensphase.

Dein eigener Umgang mit Freundschaften

Wenn wir nun auf deinen vierjährigen Sohn blicken, so steht er noch ziemlich am Anfang dieser ganzen Reise rund um das Thema Freundschaften. Wie wertvoll, dass du dir schon jetzt Gedanken zu diesem Thema machen willst. Dabei möchte ich dich gerne unterstützen. Denn die Erfahrungen, die du selbst in deiner Kindheit und Jugend gemacht hast, prägen natürlich den Blick, den du auf deinen Sohn in diesem Bereich hast.

Es lohnt sich also zu reflektieren: Wie ging es mir in meiner Kindheit und Jugend mit der Art und Weise, wie ich Freundschaften erlebt habe?
Hat mir etwas gefehlt oder ging es mir gut? Wie ist es heute? 

Welche Freundschaften habe ich und habe ich das Gefühl, dass es so in meinem Leben passt? Bei wem möchte ich mich vielleicht schon lange mal wieder melden?

Aus deiner Frage kann ich nicht herauslesen, ob sich die Art und Weise, wie du Freundschaften erlebt hast, für dich gut angefühlt hat. Aber es wäre wichtig, dass du dies noch einmal für dich prüfst. Falls es nicht so war, ist es wertvoll, sich das bewusst zu machen. Vielleicht kannst du auch erspüren, ob du jetzt noch etwas in deinem Leben ändern möchtest. Denn wir sind natürlich auch immer Vorbild für unsere Kinder. Sie erleben bei uns ein Beispiel, wie man Freundschaften gestalten kann. 

Der individuelle Weg deines Kindes

Du fragst danach, was „normal“ ist in Bezug auf das Bilden und Haben von Freundschaften und ich muss dazu ganz klar sagen – „normal“ gibt es nicht. Wenngleich ich hier aufzeigen kann, was wir ganz klar in den Entwicklungsphasen beobachten können, so ist es für jeden einzelnen Mensch einfach so individuell, wie Freundschaften gelebt, gepflegt, erlebt und gebraucht werden.

Es gibt Menschen, die haben eine beste Freundin oder Freund, der sie wirklich vom Kindergarten an durch das ganze Leben begleitet. Genauso gibt es Menschen, die niemals eine beste Freundin oder einen besten Freund hatten und sich aber – vielleicht wie du – durch ein Sportteam sehr gehalten fühlen. Andere wiederum haben die engsten Freundschaften zu einem Bruder oder einer Schwester.
Du siehst schon, die Bandbreite ist einfach riesig. 

Wenn wir uns fragen, was für eine bestimmte Altersspanne „normal“ ist, dann richtet sich unser Blick nach außen, der Fokus geht weg vom eigenen Kind. Deshalb möchte ich dich dazu einladen eine neue Frage über deinen Sohn entstehen zu lassen:

„Wer bist du?“

Das klingt so simpel und dennoch steckt so viel in dieser Frage. Denn sie ermöglicht es, nicht aus unserer eigenen Perspektive heraus auf unsere Kinder zu blicken. Du kannst ganz offen und voreingenommen neugierig sein. Bereits jetzt hast du schon viele dieser Beobachtungen geschildert und ich habe den Eindruck, dass sich in diese Beobachtungen eine Sorge mit eingeschlichen hat. Das ist absolut verständlich, denn du als Elternteil willst natürlich, dass dein Kind gut im Leben zurechtkommt und dass er von anderen gemocht wird.
Dennoch ist er erst 4 Jahre alt und steht ja noch ganz am Anfang. Du beschreibst, er wechselt noch oft Spielpartner und weiß gar nicht so genau, wie er am Morgen im Kindergarten ins Spiel findet.
Kannst du diese Situation auch mit einer Art Kompetenzbrille betrachten?
Er sucht am Morgen noch, er nimmt sich die Zeit um anzukommen, er probiert verschiedene Dinge aus und irgendwann passt es für ihn. Dann ist er angekommen und hat Spaß – ganz in seinem eigenen Rhythmus. Das darf so sein. Wir haben alle unseren eigenen Rhythmus, wie schön, wenn wir ihn spüren und ausleben dürfen.

Du beschreibst, dass du unsicher bist, wie du ihn gut begleiten kannst, wenn es um Freundschaften geht. Auch das sehe ich als absolute Ressource. Du weißt nicht „wie das geht“ – wunderbar. Denn keiner von uns, weiß wie das eigene Kind sein wird, wenn es um das Thema Freundschaften geht. Und mit dieser Haltung kannst du ihn wunderbar begleiten:

„Ich weiß nicht, wie es bei dir sein wird, aber ich bin neugierig und ich bin an deiner Seite und wenn du Unterstützung brauchst. Dann überlegen wir gemeinsam was hilfreich sein kann.“

Dann kannst du neugierig erforschen, wer dein Sohn ist, ob er viele soziale Kontakte braucht oder nicht. Ob er vielleicht mal einen besten Freund haben wird oder eine beste Freundin? Ob er dir ähnelt in der Art und Weise, wie er Freundschaften eingeht, oder ob er es vielleicht völlig anders angeht? Und diese Neugier darf bleiben, denn unsere Kinder präsentieren ja über die Jahre hinweg auch völlig neue Seiten. Du kannst dich mit dem Vertrauen verbinden, dass er seinen ganz individuellen Weg finden wird.
„Wer bist du?” Diese Frage wird euch eine hilfreiche Basis sein, auf dem wundervollen Weg durch die spannende Welt der Freundschaften.