Darum geht es
Eigentlich mag mein Kind Sportkurse. Tanzen, Fußball – wir haben schon einiges probiert, aber sie macht nicht wirklich mit. Sollte ich konsequent sein, nach einem anderem Sport suchen oder es einfach lassen?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Team der Elternberatung.   

Meine Tochter ist fast fünf Jahre alt und geht seit etwa zwei Jahren zum Tanzen. Schon von Anfang an hatten wir immer wieder dieselbe Schwierigkeit: Sobald wir dort sind, möchte sie nicht von mir weggehen und macht oft nicht mit. Natürlich war das für mich okay, da sie damals ja auch erst 3 Jahre alt war und zudem gibt es Tage, an denen ich verstehe, dass sie keine Lust hat oder sich unsicher fühlt – aber inzwischen wirkt es fast wie ein festgefahrenes Muster. Sobald wir beim Tanzen sind und ich dabei bin, „funktioniert“ es nicht mehr.

Dabei ist sie eigentlich ein sehr bewegungsfreudiges Kind. Sie rennt, springt und bewegt sich total gerne. Deshalb haben wir zusätzlich ein Bambini-Training beim örtlichen Fußballverein ausprobiert. Dort sind sogar ihre besten Kindergartenfreundinnen dabei. Ich hatte wirklich das Gefühl, das könnte perfekt für sie sein.

Beim ersten Training war sie begeistert, hat die ganze Stunde toll mitgemacht und hatte sichtbar Spaß. Am Ende durfte sich jedes Kind etwas aus einer Süßigkeitenbox nehmen – offenbar gehört das dort immer dazu. Seitdem dreht sich für meine Tochter alles nur noch um diese Süßigkeit. Sie möchte zwar weiterhin hingehen, macht aber beim Training kaum noch mit und wartet eigentlich nur auf den Moment am Ende.

Was mich zusätzlich beschäftigt: Ich habe inzwischen Angst, dass sich dieses Verhalten generell so manifestiert hat, dass es auch bei jedem neuen Angebot wieder genauso laufen würde. Dass sie irgendwann aus Prinzip nicht mehr mitmacht, weil sich dieses Muster über die Jahre so eingebürgert hat. Deshalb frage ich mich inzwischen sogar, ob es überhaupt Sinn macht, noch weitere Dinge auszuprobieren – oder ob wir dadurch nur immer wieder dieselbe Erfahrung machen.

Ich merke inzwischen, wie mich das belastet und frustriert. Einerseits weiß ich, dass ihr Bewegung und soziale Kontakte unglaubliche Freude machen. Andererseits habe ich das Gefühl, dass sich dieses „Nicht-Mitmachen“ immer weiter festsetzt. Vor allem als sie kürzlich im Bezug auf das bevorstehende  Kindergartenfest sagte, beim gemeinsam einstudierten Lied für die Eltern wird sie nicht mitmachen. Deshalb frage ich mich:

  • Wie gehe ich damit um, ohne ständig Druck aufzubauen?
  • Sollte ich konsequent sagen: Wer nicht mitmacht, bekommt auch keine Belohnung (im Bezug auf das Fußball)?
  • Oder verstärke ich damit das Problem nur noch mehr?
  • Wie kann ich sie unterstützen, wieder aus eigenem Antrieb mitzumachen?
  • Macht es Sinn, jetzt bewusst erstmal eine Pause von solchen Gruppenangeboten zu machen und es erst zur Schulzeit nochmal zu versuchen, wenn sie komplett selbst entscheiden kann. 
  • Oder wäre gerade Kontinuität wichtig, damit sie aus diesem Muster wieder herausfindet?

Im Moment habe ich kaum noch Lust mit ihr zu diesen Angeboten zu gehen, bin aber gleichzeitig genervt, weil mir die Ideen fehlen die Nachmittage zu füllen, da sie da immer nach Spielkontakten sucht, die ich ihr natürlich nicht täglich ermöglichen kann. 

Ich würde mir sehr wünschen, besser zu verstehen, was hinter diesem Verhalten steckt und wie ich sie liebevoll begleiten kann, ohne dass Sport und Bewegung jedes Mal zu einem Machtkampf werden.

Die Antwort
unserer Expertin.
Warum macht mein Kind bei Sportkursen nicht mit?
Britta Peitz — FamilyLab Deutschland

Vielen Dank für deine Nachricht!

Ich kann gut nachvollziehen, dass eure Sportkurs-Situation dich frustriert. Eigentlich sollte das Nachmittagsprogramm ja etwas Schönes sein, deiner Tochter Freude und dir Entlastung bringen. Du schreibst, dass es dich „belastet und frustriert“ und dass du „kaum noch Lust hast“ mit deiner Tochter zu solchen Angeboten zu gehen. Innerlich nimmt dich die Situation also offenbar ganz schön mit! Aber woher kommt das eigentliche Problem?
Beim Lesen deiner Nachricht musste ich an etwas denken, das mir selbst schon oft geholfen hat und das ich auch in meinen Beratungen immer wieder benutze: den Gedankenwirkungskreis.

Der Gedankenwirkungskreis

Oft beginnt dieser mit einem einzelnen kleinen Gedanken. Vielleicht ist es bei dir inzwischen schon: „Bitte nicht schon wieder.“ Oder: „Heute klappt es bestimmt wieder nicht.“

Und dann läuft im Kopf schon der ganze Film, bevor ihr überhaupt beim Training angekommen seid.

Du stellst dir vor, wie deine Tochter wieder nicht mitmacht, wie du sie motivieren musst, was die anderen Eltern denken und wie du am Ende wieder genervt nach Hause fährst. Hinzu kommt noch die Sorge, dass sich Verhaltensweisen festigen und sich deine Tochter schon jetzt Muster angewöhnt, die du fürchtest – insgesamt also ein gewaltiger Wirbel aus sorgenvollen inneren Bildern.

Aus den Gedanken entstehen Gefühle. Anspannung, Unsicherheit, Frust oder Enttäuschung. Und diese Gefühle beeinflussen wiederum unser Verhalten. Wir werden angespannter, reden mehr auf unser Kind ein, versuchen zu motivieren oder zu überzeugen und werden vielleicht irgendwann ungeduldig. Kinder spüren das. Und dann kann genau das passieren, was wir eigentlich verhindern wollten. Deine Tochter zieht sich noch mehr zurück, macht noch weniger mit und du denkst hinterher: „Ich wusste doch, dass es wieder so laufen würde.“ So schließt sich der Kreis.

Weg vom Kopfkino

Für mich ist der Gedankenwirkungskreis vor allem eine gute Hilfestellung, um zu erkennen, dass ich eine Abkürzung nehmen kann. Nicht, um das Kopfkino jetzt auch noch auseinanderzunehmen und alles analysieren zu müssen; eher im Gegenteil. Wenn ich bemerke, dass die sorgenvollen Gedanken wieder zu rattern beginnen, sage ich mir: „Ah, da ist mein Kopfkino. Ich sehe es. Und jetzt lasse ich es auch wieder ein Stück ziehen.“ Um dann die viel spannendere Frage zu stellen: Was brauche ich gerade?

Vielleicht brauchst du weniger Druck. Vielleicht einen Moment Ruhe. Vielleicht einfach die Erlaubnis, dass es heute nicht klappen muss. Vielleicht merkst du auch: Ich bin gerade genauso angespannt wie mein Kind.
Ich habe den Eindruck, dass der Gedankenwirkungskreis dir helfen könnte, auch für dich eine Abkürzung zu sehen, weg vom Kopfkino und zurück ins Hier und Jetzt. Mir selbst hat dieses Konzept sehr geholfen und deshalb nutze ich es auch in meinen Beratungen.

Beim nächsten Training könntest du dich vielleicht einfach einmal fragen:

Fühlt sich mein Kind gerade wohl?
Fühle ich mich gerade wohl?
Und was brauche ich jetzt?

Mehr musst du aus dem Gedankenwirkungskreis gar nicht machen. 

Verständnis für dein Kind

Beim Lesen deiner Nachricht hatte ich nie den Eindruck, dass deine Tochter den falschen Sport macht. Im Gegenteil. Du beschreibst ein bewegungsfreudiges, fröhliches und sehr soziales Mädchen. Sie rennt, springt und spielt gerne, ihre Freundinnen sind beim Fußball dabei. Eigentlich passt dort ziemlich viel. Vielleicht braucht sie einfach noch Zeit, um wirklich anzukommen, um Vertrauen aufzubauen, um eine Beziehung zur Trainerin oder zum Trainer entstehen zu lassen.

Gruppensituationen können auch für sozial aufgeschlossene Kinder herausfordernd sein. Ich würde deshalb nicht nur auf das Verhalten deiner Tochter schauen, sondern auch darauf, wie viel dort eigentlich gleichzeitig auf sie einwirkt. Viele Kinder brauchen in einer Gruppe mehr Zeit, um anzukommen, besonders wenn viele Menschen, Geräusche, Erwartungen und neue Situationen zusammenkommen. Vielleicht ist sie auch ein Kind, das Reize besonders intensiv wahrnimmt. Das muss überhaupt keine Erklärung sein und schon gar keine Schublade. Aber vielleicht lohnt es sich, einmal zu beobachten: Wann wird es ihr zu viel? Wann zieht sie sich zurück? Und wann kann sie ganz bei sich sein?

Auch hier würde ich wieder bei den Fragen landen: Fühlt sich mein Kind gerade wohl? Fühle ich mich wohl? Und was brauchen wir gerade?

Möglicherweise ist auch der genaue Unterschied zwischen freiem Spielen und einer angeleiteten Gruppe interessant. Deine Tochter sucht den Kontakt zu anderen Kindern, möchte ihre Freundinnen sehen und spielt gerne mit ihnen. Beim Fußball und beim Tanzen ist die Situation aber eine andere. Dort gibt es einen Ablauf, eine Trainerin oder einen Trainer, Regeln und die Erwartung, dass alle mitmachen. Beim freien Spielen entscheidet sie selbst, was sie macht, mit wem sie spielt und wann sie eine Pause braucht. In einer Gruppe muss sie sich auf vieles gleichzeitig einstellen.

Das heißt nicht, dass sie nicht gerne in Gruppen ist. Es kann einfach sein, dass ihr das Mitmachen schwerer fällt als das Zusammensein. Ich würde deshalb einmal genauer hinschauen, was eigentlich der schwierige Teil für sie ist. Ist es das Weggehen von dir? Das Mitmachen vor allen anderen? Die Vorgaben der Trainerin? Oder ist sie nach einem langen Kindergartentag einfach schon voll mit Eindrücken und braucht erst einmal etwas anderes?

Ganz mit der Ruhe

Du musst das auch nicht sofort herausfinden. Beobachte sie ein bisschen, wenn ihr gerade nicht auf dem Weg zum Training seid. Du kannst sie auch einfach fragen: „Was findest du beim Fußball schön und was findest du doof?“ Ohne sie dabei überzeugen zu wollen, dass sie doch eigentlich mitmachen müsste.

Dass sich die Hobbys von Kindern sehr unerwartet entwickeln können, kenne ich aus meiner eigenen Familie. Bei uns sind wir inzwischen beim Segeln angekommen. Und das war ausnahmsweise einmal nicht meine Idee. Dort sehe ich dieses besondere Leuchten in den Augen. Niemand muss antreiben. Niemand muss erinnern. Die Vorfreude kommt von ganz allein. Ich finde das immer wieder spannend, weil ich vorher ziemlich viele Vorstellungen davon hatte, welcher Sport unseren Kindern gefallen könnte. Ausgerechnet das Segeln war nicht dabei.

Und beim Segeln merke ich auch immer wieder etwas, das ich für mich als Mutter ziemlich spannend finde. Wir Eltern wollen oft so gerne helfen, dass wir manchmal schon anfangen, die Segel unserer Kinder mit zu trimmen, bevor sie überhaupt selbst herausgefunden haben, wie der Wind gerade steht. Wir sagen, was sie besser machen könnten, greifen ein, wenn etwas nicht funktioniert, und wollen ihnen die Erfahrung ersparen, dass ein Boot eben auch einmal nicht so fährt, wie man es sich vorgestellt hat.

Dabei ist genau das doch ein Teil des Lernens. Das eigene Gefühl dafür zu entwickeln, welcher Wind gerade da ist, was das Boot macht und was ich selbst verändern kann. Wenn wir ständig mitsteuern, nehmen wir unseren Kindern auch ein Stück dieser Erfahrung ab.

Ganz oft brauchen Kinder nicht noch mehr Anleitung, sondern die Möglichkeit, selbst herauszufinden, was sich für sie richtig anfühlt.

Deshalb würde ich im Moment an deiner Stelle gar nicht versuchen, die eine richtige Entscheidung zu finden. Bleibt sie beim Tanzen? Geht sie weiter zum Fußball? Macht ihr erst einmal Pause? Ich würde eher schauen, wie es ihr damit geht und wie es dir damit geht. Gibt es kleine Momente, in denen sie Spaß hat? Fühlt sie sich wohl? Wird es mit der Zeit leichter oder wird es für euch beide immer mehr zu einem Kampf?

Und dann ist da noch die Süßigkeit am Ende. Auch die würde ich ein Stück weit aus dem Kopfkino herausnehmen. Deine Tochter hat beim ersten Training erlebt, dass es am Ende eine Süßigkeit gibt. Natürlich findet sie das toll. Und natürlich kann das für eine Weile zum wichtigsten Teil des Trainings werden. Aber ich würde daraus keine große Erziehungsfrage machen. Sie muss die Süßigkeit nicht erst verdienen, indem sie mitmacht. Und du musst sie ihr auch nicht wegnehmen. Die Süßigkeit darf einfach eine Süßigkeit sein.

Denn auch hier kann schnell wieder ein ganzer Film entstehen: Sie macht nicht mit, also bekommt sie keine Süßigkeit. Oder sie macht mit, damit sie eine bekommt. Und plötzlich dreht sich alles um die Belohnung. Ich würde sie deshalb einfach nicht weiter zum Thema machen. Sie bekommt ihre Süßigkeit und fertig. Dann bleibt wieder mehr Raum für die eigentliche Frage: Was macht deiner Tochter Spaß? Wo fühlt sie sich wohl? Wann kommt dieses Leuchten, das du bei ihr eigentlich kennst?

Ob ihr eine Pause machen oder dabeibleiben solltet, lässt sich von außen nicht eindeutig beantworten. Ich würde weniger darauf schauen, ob sie sofort begeistert mitmacht, sondern darauf, ob es kleine Momente gibt, in denen sie sich wohlfühlt, ob langsam Vertrauen wächst und ob sie irgendwann beginnt, aus eigener Freude heraus mitzumachen. Entwicklung verläuft selten geradlinig.

Und du darfst dir selbst auch ein bisschen Druck herausnehmen. Du musst nicht herausfinden, welcher Sport jetzt für die nächsten Jahre der richtige ist. Du kannst ausprobieren, beobachten und auch wieder etwas verändern, wenn du merkst, dass es für euch nicht passt.

Wenn du beim nächsten Training merkst, dass du schon wieder mitten im Kopfkino bist, dann einfach kurz anhalten und dich fragen:

Fühlt sich mein Kind wohl?
Fühle ich mich wohl?
Und was brauche ich gerade?

Vielleicht ist genau das die Abkürzung aus dem Gedankenwirkungskreis, die dir in diesen Situationen gut tun kann. 

Alles Liebe, Britta