Ehrlich gestellt.
Ich schildere euch gerne unseren immer wiederkehrenden Struggle, wo wir einfach nicht weiterkommen:
Unsere Situation ist die, dass mein Mann sehr viel arbeitet, ca. 70-80 Stunden pro Woche und dabei sehr viel Verantwortung hat. Auch am Wochenende. Durch meinen Beruf muss auch ich jedes zweite Wochenende arbeiten, wenn auch nicht so viel.
Wir haben 2 Kinder, einen 10 jährigen Jungen, der vermutlich eine Neurodivergenz hat und eine fast 5 jährige Tochter.
Zwar haben wir das nie so besprochen, aber es ist auf jeden Fall so, dass mein Mann für unsere finanzielle Absicherung zuständig ist und ich für alles andere.
Ich versorge die Kinder, habe den kompletten Mental Load alleine, dazu ein Haus und einen (pflegeintensiven) Hund, dazu meine eigene Selbständigkeit, die auf ein Minimum reduziert ist.
Nun ist es so, dass ich innerlich gegen diese Regelung rebelliere, das seit vielen Jahren auch immer wieder thematisiere. Ich bin gesundheitlich angeschlagen, habe zu wenig Zeit für mich und auch die Paarzeit kommt viel zu kurz, ist oftmals gar nicht existent. Wir treten auf der Stelle.
Mein Mann ist sehr belastet, durch die fordernde Arbeit auf einem hohen Stresslevel. Wenn er nach Hause kommt, mit leerem Akku, kann er selten aufladen. Unsere Stimmung in der Familie ist oftmals angespannt, durch meinen eigenen belasteten Zustand und die aufreibenden Verhaltensweisen unseres Sohnes.
Er wünscht sich definitiv mehr Familienzeit, mehr Paarzeit und auch gerne mehr Zeit für sich, wobei er das immer an letzte Stelle stellt. Er hat Visionen. An die ich nicht mehr glaube.
Wir kommen einfach nicht raus, aus dem Zustand, aus unserem ewigen Kampf um Zeit. Zeit für sich selber (mein Bedürfnis), Familienzeit, Aufteilung der Aufgaben, Paarzeit. Gefühlt funktioniert unser System Familie gerade nicht. Druck bringt nichts, drohen möchte ich nicht. Hin-und hergerissen zwischen Rebellion, Resignation und leiser Hoffnung.
Liebe Grüße, Annika
unserer Expertin.
Liebe Annika,
vielen Dank für deine Offenheit und dein Vertrauen. Mein spontaner Impuls, als ich deine Nachricht gelesen habe, war: tief Ein- und Ausatmen. Ich habe großen Respekt, für das, was ihr dort leistet. Der Tag hat nur 24 Stunden und wie du euer gemeinsames Leben beschreibst, klingt das wirklich sehr herausfordernd. Wie schön, dass du dir Unterstützung suchst, wenngleich ich glaube, dass dies eher ein Marathon, als ein Sprint ist, den ihr vor euch habt. Ihr habt euch dieses System viele Jahre vertraut gemacht, da braucht es ein bisschen Atem und Zeit, diese Muster wieder zu verändern.
Da du keine konkrete Frage formuliert hast, gehe ich im Folgenden sehr allgemein auf die Beobachtungen ein, die ich durch das Lesen glaube zu machen. Dies ist nun von sehr weit weg, durch meine Brille geschaut und muss nicht passen. Mich würde, würden wir nun voreinander sitzen, natürlich genau dies interessieren. Was ist dein konkreter oder expliziter Wunsch? Was ist dein Anliegen? Mit welchem Ziel formulierst du deine Gedanken in diesem Schreiben? Da ich zu wenig über die Perspektive deines Mannes weiß, werde ich mich im Folgenden vor allem auf dich beziehen.
Eure Situation
Du beschreibst, dass du gesundheitlich angeschlagen bist, dein Mann durch sein hohes Stresslevel auch sehr belastet ist. Hinzu kommt eine mögliche Neurodivergenz eures Sohnes. Viele der von dir beschriebenen Symptome – Erschöpfung, Anspannung, das Gefühl von „leeren Akkus“ oder Gereiztheit – sind Ausdruck davon, dass Euer System dauerhaft im Alarmzustand ist. Dies wirkt sich auf das gesamte Familiensystem aus. Ich würde vermuten, dass euch diese Anspannung durch den gesamten Tag begleitet, und ich glaube, dass das sehr erschöpfend ist.
Du scheinst zu spüren, dass sich in eurem Familiensystem wirklich etwas ändern muss. Auch eure Kinder spüren dies und werden euch dies in vielen Momenten spiegeln. Kinder, die die Eltern im wahrsten Sinne des Wortes herausfordern, haben in der Regel eine große Not in sich und wollen gehört werden. Wenn du die Perspektive deiner Kinder einnimmst: Mit welchen Augen, mit welchen Gefühlen blicken sie auf euch als Eltern? Wie geht es den beiden Kindern mit euch?
Wenn ich dich richtig lese, dann kommt bei mir ein bisschen Verzweiflung und auch ein bisschen Wut an: „Sage ich noch „ja“ zu dem, was wir damals beide stillschweigend „vereinbart“ haben?“
Viele Paare erleben im Laufe ihrer Beziehung Phasen, in denen die Belastungen zu groß werden und das Gefühl entsteht, festzustecken. Oft haben die Paare es viele Jahre versäumt, WIRKLICH miteinander ins Gespräch zu gehen und ihre Bedürfnisse und Wünsche an die Partnerschaft klar zu formulieren.
Stehst du vielleicht gerade an diesem Punkt, dieses Arrangement neu verhandeln zu wollen? Dies geht euch ohne „Druck und Drohen“ und genau dazu möchte ich dich gerne einladen. Viel zu oft glauben wir, dass Bedürfnisse und Wünsche an die Partnerschaft nicht legitim sind. Wir haben ja auch schlichtweg selten von unseren Eltern gelernt, unsere eigenen Bedürfnisse angemessen zu äußern und Wünsche an unser Gegenüber zu formulieren.
Ins Tun kommen
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul prägte 4 zentrale Werte, die mir während des Lesens deines Briefes direkt in den Sinn gekommen sind: Authentizität, Gleichwürdigkeit, Integrität und Eigenverantwortung. Vielleicht unterstützen dich die folgenden Ideen dabei ins Tun zu kommen: (Da du keine konkrete Frage formuliert hast, kann ich auch total falsch liegen. Dieses Risiko gehe ich jetzt ein.)
GLEICHWÜRDIGKEIT
In eurer Familie hat sich eine unausgesprochene Rollenverteilung eingeschlichen. Dein Mann sorgt für das finanzielle Überleben, du sorgst für das emotionale und organisatorische Funktionieren eurer Familie. Diese Übereinkunft funktioniert nur dann, wenn ihr euch beide damit wohlfühlt und ihr die Lasten als gerecht verteilt empfindet.
Gleichwürdigkeit bedeutet NICHT, dass alle anfallenden Aufgaben 50:50 geteilt werden müssen! Es geht ums miteinander Reden, Aushandeln, Vereinbaren: Ist das, was wir beide täglich in diese Paarbeziehung, in diese Familie „reingeben“ gleichwürdig verteilt? Sind wir gleichwürdige Partner und empfinden wir unseren „Einsatz“ für das Familienleben als gerecht? Ich nehme dich so wahr, als würdest du dem nicht mehr zustimmen.
AUTHENTIZITÄT
Wenn dem so ist, dass du eurer stillen Übereinkunft nicht mehr zustimmst, dann ist es wichtig, dass du dich authentisch zu deinen Gefühlen und Bedürfnissen verhältst und deinen Mann zu einem Gespräch einlädst. Es ist mir wichtig, dass es hierbei NICHT um das Austauschen von Vorwürfen geht. Vielmehr ist es die Chance, sich wirklich gegenseitig zu sehen und anzuerkennen. „…, so, wie wir gerade miteinander leben, funktioniert es für mich nicht mehr. Bisher habe ich … getan. Jetzt merke ich, dass sich in mir etwas verändert. Lass uns uns bitte dazu austauschen.“
Fragt euch gegenseitig, wie es euch gerade WIRKLICH geht miteinander. Es geht nicht darum, deinen Mann von deiner Sichtweise zu überzeugen. Vielmehr habt ihr die Chance, euch mitzuteilen und euch gemeinsam da abzuholen, wo ihr jetzt gerade miteinander steht.
INTEGRITÄT
Ich meine deutlich zu lesen, dass du deinen Teil der Vereinbarung so nicht mehr tragen kannst und willst. Das ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass deine Integrität – also die Übereinstimmung zwischen deinem Inneren und deinem äußeren Handeln – leidet. Wenn wir dauerhaft gegen unsere eigenen Bedürfnisse leben, zahlen wir einen hohen Preis: für unsere Gesundheit, unsere Beziehung und unser Wohlbefinden.
Integrität kannst du dir vorstellen wie einen Vorgarten zu deinem Ich (das Haus). Dieser Vorgarten muss durch dich gehegt und gepflegt werden, Menschen müssen anklopfen, bevor sie ihn betreten. Du entscheidest, wen du in deinen Vorgarten, in deinen Raum einlädst. Du bist verantwortlich für diesen. Du musst diesen also auch schützen. Schütze dich. Schütze dein Bauchgefühl, deine Intuition für dich und gehe nicht permanent über dich hinüber. Zeitweise können wir das im Leben tun (müssen), dauerhaft zahlst du hierfür jedoch einen hohen Preis auf Kosten eurer Gleichwürdigkeit, deiner Authentizität und eben auch deiner Integrität.
EIGENVERANTWORTUNG
Eigenverantwortung braucht immer auch ein bisschen Mut, die eigene Situation ehrlich zu betrachten und die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Das bedeutet auch, sich von alten, unausgesprochenen Vereinbarungen zu verabschieden, die nicht mehr passen. Das muss kein „Druck oder Drohen“ sein. Es geht vielmehr darum, wirklich für sich und seine Bedürfnisse einzustehen. Dein Mann wird, wie du es schreibst, so absorbiert von seiner Arbeit sein, dass er womöglich kein Interesse an einer Veränderung dieser Situation hat. Das ist aus seiner Sicht auch nachvollziehbar. Wenn es dir aktuell jedoch nicht mehr gut geht, dann musst du für dich sorgen und klar benennen, was du jetzt von ihm brauchst und was du geben kannst, damit ihr gemeinsam in Lösungen kommen könnt. Wir müssen lernen, uns explizit zu unseren Bedürfnissen zu verhalten und die Verantwortung für unser eigenes Wohlbefinden übernehmen. Wenn du etwas verändern möchtest, dann ist vielleicht jetzt ein guter Moment, euer Arrangement neu zu verhandeln.
Ihr könnt gemeinsam überlegen: Welche Aufgaben können wir anders verteilen? Wo können wir Unterstützung von außen holen? Welche Erwartungen an uns selbst und aneinander sind vielleicht überholt oder unrealistisch? Bleibt im Hier und Jetzt und bleibt dabei möglichst konkret. Oft verlieren sich die Paare in Ängsten und Gedanken, dass etwas nicht geht, weil in 6 Monaten ein Schulwechsel oder Ähnliches ansteht. Dann muss man in 6 Monaten genau dieses Gespräch wieder führen. Jetzt gerade könnt ihr gemeinsam schauen, wo der Korridor ist, in dem ihr aktuell Veränderungsmöglichkeiten habt.
Es geht nicht darum, sofort Lösungen zu finden, sondern erst einmal darum, sich gegenseitig zuzuhören und anzuerkennen, wie es jedem Einzelnen geht.
Zu guter Letzt
Abschließend ist es mir wichtig zu schreiben, dass es nicht darum geht, in schnellster Zeit riesige Veränderungen herbeizuführen. Euer System ist jahrelang gewachsen und hat sich etabliert. Ihr habt jetzt die Chance, euer Zusammenleben neu zu besprechen, zu erfahren, was euch gerade bewegt, was euch wichtig ist, wo jeder was reingeben kann, wo vielleicht auch nicht.
Vielleicht ist eine Einladung auf einen gemeinsamen Spaziergang an der Stelle auch niederschwelliger, als ein Gespräch, sich gegenübersitzend am Küchentisch 😊.
Liebe Annika, ich wünsche dir alles Gute und Mut dir dein Herz zu fassen und ganz klar zu benennen, was du dir aus deiner Sicht anders wünschst und welche Ideen du hast, dem dann ein bisschen näher zu kommen.
Herzliche Grüße,
Katharina Siebert
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