Darum geht es
Wir haben regelmäßig Streit am Esstisch, ausgehend von der unhöflichen Kommunikation meines Mannes. Was kann ich tun außer zurückschießen oder runterschlucken?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Folgendes Setting: wir Eltern sind Anfang 40 und haben zwei Töchter im Alter von 17 und 15 und zwei Söhne im Alter von 10 und 7. Besonders beim Frühstück oder Abendessen entstehen oft Situationen, in denen wir Eltern nicht so gut miteinander umgehen.

Sei es, weil er gestresst von der Arbeit nach Hause kommt und dann umso mehr gestresst ist, weil ich gleich wieder gehen muss, weil ich oft abends Proben habe, oder weil er gleich wieder gehen muss, weil Elternabend ist… Ich unterrichte tagsüber zu Hause und die Kinder kommen der Reihe nach von der Schule und haben natürlich ihre Bedürfnisse. Ich bin dann also abends auch oft sehr durch und meckere viel, weil überall Zeug rumliegt etc.

Jedenfalls spricht er dann nicht besonders höflich mit mir. Ich habe dann jedes Mal die Wahl, mich darüber aufzuregen und einen Riesenstreit zu verursachen oder einfach die Klappe zu halten. Ich finde beides fürchterlich. Die erste Variante führte in der Vergangenheit häufig zu wahnsinnig schlimmen Streits, bis dahin, dass die Jungs rausgerannt sind und die Mädels geweint haben. Oder noch schlimmer, die Jungs irgendwann scheinbar unbekümmert spielen gegangen sind und die Mädels sich auf meine Seite geschlagen haben und wir quasi drei Frauen gegen einen Mann waren, was zu tagelanger depressiver Stimmung bei ihm führte. „Keiner mag mich, ich bin der blöde, ihr seid glücklicher ohne mich, ich mache hier alles kaputt…“ Aber keine Entschuldigung oder Einsicht seinerseits. 

Bei der zweiten Variante, wenn ich meine Verletzung durch die Unhöflichkeit runterschlucke, bereitet mir großes Bauchschmerzen, weil ich meinen Töchtern Emanzipation vorleben möchte und sie sind nicht blöd, sie spüren das alles. Und inzwischen ist es auch so, dass, wenn ich nichts sage, sie dann sagen, „Warum bist du so unhöflich zu Mama?“ Ich möchte aber manchmal um des lieben Friedens Willen nichts sagen, weil ich weiß, dass es in der akuten Situation ganz fürchterlich für alle Beteiligten werden würde, wenn ich meine Gefühle jetzt äußern würde. 

Mein Konflikt ist also der, dass unsere großen Töchter schon sehr viel verstehen und ihrem Vater Paroli bieten und sich nahezu immer auf meine Seite schlagen und mein Mann dadurch sich so unter Druck gesetzt fühlt, dass er gar nicht mehr vernünftig reagieren kann. Und ich den Kleinen aber gerne friedliche gemeinsame Essenszeiten geben möchte. Da wir nicht so viel Zeit zu zweit haben, möchte ich oft die schöne Zeit nicht mit so einem Paargespräch aufs Spiel setzen. Bei unseren 14-tägigen „we-listen-and-don‘t-judge-Runden mit allen sagen eigentlich alle immer, dass sie sich einen höflicheren Umgang wünschen.

Ich hoffe, dass war jetzt nicht zu lang und ausführlich. 

Ich danke dir und euch für die super wichtige Arbeit, die ihr macht. 

Liebe Grüße!

Die Antwort
unserer Expertin.
Papa, warum bist du so unfreundlich zu Mama?
Dr. Nicole Wilhelm — FamilyLab Deutschland

Hallo und vielen Dank für deine Frage. In eurer Familie wünschen sich alle einen höflicheren Umgang, und ich freue mich sehr, dass du das angehen möchtest, um es für alle schöner zu machen. 

Du schreibst, wenn dein Mann unhöflich zu dir ist, hättest du die Wahl, dich darüber aufzuregen oder es runterzuschlucken. Ich möchte dir von einem weiteren Weg erzählen, von dem ich selbst lange Zeit nicht wusste, dass es ihn überhaupt gibt. Ich saß in der Ausbildung bei Jesper Juul, und eine Teilnehmerin fragte ihn, ob er die vier Werte noch mal erklären könnte, die hätte sie gerade nicht so hintereinander. Ich fand das dermaßen unverschämt, denn die Voraussetzung für diese Ausbildung war ja, dass wir sämtliche Werke von Jesper gelesen haben sollten. Doch Jesper sprach in aller Ruhe und ohne Vorwurf über seine Werte. 

Und da war ich in eben dieser Zwickmühle: Sag ich ihr jetzt, dass ich das völlig unmöglich finde, eine Zeitverschwendung für alle, die sich vorbereitet haben, oder halte ich die Klappe und ärgere mich im Stillen? Ich habe mich im Stillen geärgert und in der Pause mit meiner Freundin gelästert. 

Wege in die Verantwortung

Im Verlaufe der Ausbildung hat Jesper dann zum Thema Eigenverantwortung gesagt: „Entweder ich übernehme die Verantwortung für meine Grenzen, Bedürfnisse, Wünsche – oder ich bin das Opfer, und der andere ist schuld.“ 

Der Moment war die Freischaltung einer neuen Dimension in meinem Gehirn, denn ich habe gedacht: Das mache ich ständig. STÄNDIG!!! Hier in der Fortbildung, indem ich mich als Opfer der Teilnehmerin wähne und sie verkehrt mache, und insbesondere auch bei meinem Mann: Mein Mann macht etwas, ich fühle mich als Opfer und er ist für mich der Schuldige. Und seitdem hat mich dieser Satz nie wieder losgelassen. Ab da begann mein Weg, die Verantwortung für mich und mein Wohlergehen zu übernehmen und dieses alte Muster abzulegen.

Heute, so viele Jahre danach, gelingt es mir schon ganz gut, auch wenn in emotionalen Momenten dieses alte, in meiner Kindheit erworbene Muster immer mal wieder durchkommt. Wenn wir Werte, die wir nicht in die Wiege gelegt bekommen haben, nachträglich in unserem Leben etablieren wollen, dauert es eben ein wenig. Doch es lohnt sich, dranzubleiben: Wenn ihr als Eltern anfangt, die Verantwortung für euch und eure Beziehungsqualität zu übernehmen, ist das wohltuend für euch und auch für eure Kinder. Denn wenn Eltern die Verantwortung für ihre Paarbeziehung und ihr Wohlergehen nicht übernehmen, bürden sie diese ihren Kindern auf. Auch wenn wir Erwachsenen das nicht wollen: Wenn wir die Verantwortung für uns und unsere Beziehungen nicht übernehmen, landet diese in Form von Schuldgefühlen bei den Kindern. Wenn ihr euch als Eltern entscheidet, diese Verantwortung jetzt zu übernehmen, ist es aus meiner Sicht eine gute Idee, das euren Kindern auch zu sagen, zum Beispiel könnte das so klingen: „Wir haben gesehen, dass ihr uns helfen wolltet, besser miteinander klarzukommen, und wir danken euch sehr dafür. Es tut uns leid, dass wir euch das zugemutet haben. Wir wissen jetzt, es ist unsere Aufgabe, uns darum zu kümmern, und das werden wir jetzt tun.“ 

Mein Erkenntnisprozess

Mein erster Schritt auf diesem Weg war, dass ich gesagt habe, was ich will und was nicht, also zum Beispiel: „Ich will freundlich angesprochen werden.“ Doch oft waren diese Worte kein bisschen authentisch, denn ich habe dabei nicht über mich gesprochen, sondern über ihn. Der Subtext war: „Du behandelst mich schlecht.“ Authentizität bedeutet jedoch auszudrücken, wie es in mir aussieht, und nicht dem anderen zu sagen, was ich über ihn denke. Das in mir spüren zu lernen, was das eine ist und was das andere, war eine weitere Baustelle. 

Und dann habe ich gemerkt, dass es zu kurz gegriffen ist, wenn ich lediglich meinen Standpunkt klar mache, selbst wenn dieser authentisch und ohne Vorwurf gegenüber dem anderen ist. 

Was gefehlt hat, war mein echtes Interesse am Standpunkt meines Gegenübers, dieses: „Wie geht es dir in dieser Situation?“

Als mir das Fehlen meines Interesses aufgefallen ist, habe ich über mich selbst geschmunzelt.

Wie konnte ich erwarten, dass der andere sich für meine Welt interessiert, wenn ich überhaupt nicht bereit war, mich auch für seine Welt zu interessieren?

Schon verrückt, was man alles nicht sehen kann, dachte ich bei mir. Also habe ich angefangen, mich neugierig der Welt des anderen zuzuwenden, einmal tief durchzuatmen und mutig zu fragen: „Wie geht es dir in unserem Streit? Wie fühlst du dich? Wieso warst du so wütend auf mich?“ 

Unsere Eisberge

Im Kirgisischen bedeutet das Wort Dialog „Ein offenes Wort mit freundlichem Gesicht“. Das gefällt mir, denn so ein Dialog ist für mich eine echte Begegnung, wo wir uns einander zeigen und einander wirklich wahrnehmen, in freundlicher Anerkennung der guten Absicht aller Beteiligten. Wir alle haben unsere Baustellen, und echte Partnerschaft entsteht für mich dann, wenn wir uns diese Baustellen nicht länger vorwerfen, sondern uns gegenseitig helfen, hier ein bisschen voranzukommen. Das geht nur jenseits von Kritik und Vorwürfen. Jesper Juul hat mal gesagt: „Eisberge bringt man nur durch Wärme zum Schmelzen.“ Und wir alle haben den ein oder anderen Eisberg in uns, wir alle wurden verletzt, und was uns hilft, ist die Wärme eines anderen Menschen. 

Wenn dein Mann sagt: „Ihr seid glücklicher ohne mich. Ich mache hier alles kaputt.“, habe ich die Vorstellung eines großen Eisberges, und Eisberge sind ja unter der Oberfläche noch viel größer. Natürlich ist er, weil heute erwachsen, verantwortlich dafür, was aus diesem Eisberg resultiert, wie zum Beispiel das unhöfliche Verhalten dir gegenüber, und er ist auch verantwortlich, daran etwas zu verändern. 

Wir alle sind für unsere jeweiligen Eisberge zwar nicht in der Entstehung verantwortlich – das sind und waren Menschen, die unsere Kindheit gestaltet haben – doch jetzt sind wir erwachsen und haben deshalb auch die Verantwortung, wie wir mit diesen Eisbergen umgehen. Gehen wir gegen uns selbst, oder gegen andere? Oder verlassen wir dieses Muster des Dualismus (wer verhält sich richtig, wer falsch – wer ist das Opfer, wer der Täter…) und versuchen, zu einem echten Miteinander zu finden? 

Ich werde dir hier etwas von dem schreiben, was für mich hilfreich war, in meine Verantwortung zu kommen, und vielleicht ist es für dich inspirierend. 

Einen großen Anteil daran, hier gut voranzukommen, hatte und hat eine liebe Freundin. Wenn es mir nicht gelingt, einem anderen Menschen gleichwürdig und eigenverantwortlich zu begegnen – ich also zum Beispiel denke, mein Mann hat Schuld – rufe ich sie an. Wir reden dann darüber, was eigentlich passiert ist, was mich verletzt hat, ob ich verletzt wurde oder mich verletzt fühle (was ja ein grooooßer Unterschied ist), wie ich es so sagen könnte, dass der andere auch was damit anfangen kann, und auch darüber, was wohl in ihm los sein könnte… 

Ich fühle mich auf diese Weise gesehen und verstanden und verstehe mich auch selbst besser. Mit dieser Klarheit kann ich dann in den Austausch mit dem anderen Menschen gehen. Denn häufig scheitern Dialoge, weil beide Beteiligten erst mal gesehen und verstanden werden wollen:

„Hör mir doch mal zu – nein, hör du mir jetzt erst mal zu…“ 

Auch das Lesen der Dialoge in Jesper Juuls Büchern hat mir sehr dabei geholfen, in dieses neue Denken und Fühlen hineinzuwachsen. Ganz oft dachte ich: Ach so klingt das. Die Einheit aus Klarheit, Authentizität und Freundlichkeit hat mich fasziniert. Leseempfehlung: „Was Familien trägt“ von Jesper Juul. 

Und du bist ja nicht alleine. Du musst das nicht alleine schaffen, du hast einen Partner an deiner Seite. Es ist nach meiner Erfahrung viel leichter, wenn man sich gemeinsam auf den Weg macht. Vielleicht gelingt es dir, deinen Partner einzuladen, gemeinsam mit dir neue Wege zu gehen, und falls nicht: Einfach mal loslaufen, oft kommt der andere dann hinterher. 

Herzliche Grüße 

Nicole