Ehrlich gestellt.
Was mich mit zunehmender Auseinandersetzung der eigenen Themen mehr beschäftigt, ist, wie man mit den Dingen umgeht, die dann so aufploppen. Also je mehr ich akzeptiere, dass alle (Kind, Mann, ich) so sind, wie sie sind und eben immer das geben was sie geben können, desto mehr frage ich mich: Wie gehe ich damit um, dass das Ergebnis dann trotzdem eine Überforderung ist? Oder eine Unzufriedenheit? Oder zu Frustration führt. Wenn ich akzeptiere, dass man den anderen nicht ändern kann – wie wird das nicht automatisch zu einem: Ich ändere einfach alles an mir, wenn mich etwas stört.
Beispiel: Wir befinden uns hier recht regelmäßig in „Wer macht eigentlich mehr?“- Diskussionen. Beide fühlen sich da schnell nicht gesehen, wir legen unseren Fokus auf sehr unterschiedliche Dinge und priorisieren dementsprechend anders. Mich macht es rasend, mit welcher Ruhe und Geduld da Prozesse ausgeführt werden, die für mich gerade überhaupt nicht dran sind und andersherum.
Gleichzeitig kommen wir immer wieder zu dem Schluss: Jeder gibt sein Bestes, jeder steuert etwas bei und dennoch ist der Alltag häufig anstrengend, zu fordernd, jeder hat das Gefühl nicht genug zu geben und immer noch etwas machen zu müssen.
Gleiches gilt für unterschiedliche Bedürfnisse im Miteinander: Ich bräuchte viel mehr Austausch, Verbindung, Gemeinsames und Rückzug alleine. Mein Mann braucht einfach Ruhe und ist entspannter, wenn er abends einfach kurz mal am iPad alleine atmen kann, als dann noch in Zwiegespräche einzutauchen. Wer wäre ich, ihm vorzuschreiben, dass das jetzt umgesetzt wird. Gleichzeitig fühlt es sich nicht gut an, da zurückzustecken oder einen Kompromiss zu verlangen, wo ich doch weiß, dass ihm das einfach weniger bedeutet oder er da keine Lust hat.
Also allgemein würde ich sagen: Wie akzeptiert man Dinge, findet Frieden damit, die einen wirklich stören, scheinbar aber nicht zu verändern sind? Wie z.B. Herangehensweisen, Prioritäten, Austausch oder einfach allgemein Bedürfnisbefriedigung. Richtig aufregend wird es ja dann, wenn noch ein drittes Bedürfnis vom Kind dazu kommt. Wie entscheidet man dann noch, welches Bedürfnis am wichtigsten ist? Und wie oft? Und mit welcher Konsequenz?
Mich macht das oft so wütend, dass ich nur noch nörgele oder mein Bedürfnis gar nicht mehr zum Ausdruck bringe, weil es ja eh so unterschiedlich oder nicht erfüllbar ist. DAS war auf jeden Fall nicht der richtige Ansatz, kann ich verraten.
Häufig bekommt dann jemand über einen Auslöser Emotionen ab, die gar nicht zu der Situation gehören und man befindet sich schnell in so einem Teufelskreis aus verschobenen Reaktionen, die nicht zu dem Verhalten passen. Diese Mechanik zu überwinden oder da auf Neustart zu drücken fällt uns extrem schwer, erst Recht ohne den Austausch, der da mal in Ruhe und mit Ressourcen auf beiden Seiten stattfinden muss.
Danke und viele Grüße
unserer Expertin.
Deine Frage, was nach der Erkenntnis kommt, dass man den anderen nicht verändern kann, ist schnell zu beantworten: Die Erkenntnis, dass man auch sich selbst nicht einfach so verändern kann. Wie du ja selbst schon erlebt hast, ist es keine Lösung, zu versuchen, alles an sich selbst zu ändern oder Bedürfnisse zu unterdrücken. Das funktioniert nicht. Dazu müsstest du dich selbst aufgeben und zum Glück weigerst du dich, das zu tun. Du schreibst zum Ende deiner Frage, dass ihr in einem Teufelskreis aus verschobenen Reaktionen steckt, aus dem ihr nicht wieder herausfindet, schon gar nicht ohne den Austausch, der mit Ressourcen und Ruhe stattfinden müsste. Auch das funktioniert nicht. Ihr werdet euch die Zeit nehmen und die Ressourcen schaffen müssen, wenn ihr etwas ändern wollt.
Ohne Einsatz kann und wird sich nichts grundlegend verändern.
Wie du schreibst, erlebt ihr immer wieder Überforderung, Unzufriedenheit, Frustration. Das ist einerseits völlig normal, denn wenn man mit Menschen zusammenlebt, prallen unweigerlich unterschiedliche Vorlieben, Gewohnheiten und Abneigungen aufeinander. Familienleben bedeutet heutzutage außerdem, dass sich zwei Erwachsene und ein oder mehrere Kinder mehr oder weniger allein organisieren müssen. Dadurch kommt es zwangsweise zu Erschöpfung und dem Gefühl von Überforderung, auch ohne dass man besonders unterschiedlich ist. Umso wichtiger ist es, immer wieder nachzuschauen, was jedem Einzelnen wirklich (!) wichtig ist. Dann kann man sich loslösen von allem „weil es nunmal so sein muss“, „weil es immer so war“ oder „weil es alle so machen“ und anfangen, in Alternativen zu denken, statt in Gegensätzen.
Vom Kompromiss zum Konsens
Ich kann dir keinen Rat geben, wie du so vieles akzeptieren kannst, mit dem du unzufrieden bist. Was ich aber tun kann ist, dir Anregungen zu geben, wie die Unzufriedenheit vielleicht etwas reduziert werden kann.
Meine Vermutung ist, dass ihr sehr häufig Kompromisse macht. Beim Kompromiss machen beide Seiten Abstriche von dem, was ihnen wichtig ist. Beide haben das Gefühl, nicht das zu bekommen, was sie eigentlich wollen. Häufig ist es eine Partei, die mehr gibt, als die andere oder zumindest das Gefühl hat, häufiger zurückzustecken. Und nach einer Weile kommt es zum Streit, wenn einer von beiden „eine Rechnung aufmacht“, nach dem Motto ich habe jetzt soundso oft zurückgesteckt, jetzt bist du dran. Der Kompromiss führt zwar oft zu einer schnellen Lösung, aber beide Seiten zahlen einen Preis. Und dann kommt es zu dem Gefühl, immer noch nicht genug zu geben, zu Frustration, aufgestauter Wut und Explosion durch andere Auslöser.
Beim Konsens geht es darum, einen Weg zu finden, der für beide Parteien gleichermaßen passt, zu dem beide von ganzem Herzen ja sagen können. Das ist langwieriger und oft ist der Kompromiss eine Zwischenstufe auf dem Weg zum Konsens. Hierfür braucht es einen Dialog, ein gegenseitiges Kennenlernen und Aufnehmen dessen, was der oder die andere fühlt und was ihr oder ihm wirklich wichtig ist. Dialog führen bedeutet, zu erforschen, was man selbst fühlt und braucht, das dem anderen mitzuteilen und dann dem anderen zuzuhören, das Gehörte in die eigenen Überlegungen einzubeziehen und dann wieder neu zu überlegen und zu sprechen.
Hier bin ich, wer bist du?
Ich möchte euch einladen, folgendes Gerüst dafür zu nutzen: Hier bin ich – wer bist du?
Das ist eine Übung, die du ganz entspannt für dich allein auf dem Sofa machen kannst. Um spürbarer zu machen, worum es geht, strecke deine eine Hand zu einer Seite aus und überlege:
Hier bin ich: Was will ich, was brauche ich, was ist mir wichtig, wie fühle ich mich jetzt und in der Situation, um die es gerade geht? Wie geht es mir damit, dass ich genau so bin und fühle, wie ich es jetzt gerade wahrnehme? Hör dir selbst wohlwollend und nicht bewertend zu. Erforsche, was auftaucht. Nimm an, was kommt. Und wenn möglich, versuche immer tiefer zu gehen: Warum ist mir das wichtig? Und wenn die Antwort darauf kommt, wieder fragen: Warum? So lange, bis du da ankommst, wo es kein weiteres Warum mehr gibt. Suche dir hierzu gegebenenfalls eine kompetente Begleitung, denn oftmals stecken Bedürfnisse dahinter, die in der eigenen Kindheit nicht befriedigt wurden und jetzt unbewusst dein Handeln beeinflussen.
Dann kommt Schritt zwei. Dazu streckst du die andere Hand zur anderen Seite aus, stellst dir die andere Person vor und überlegst:
Wer bist du: Was willst du, was brauchst du, was ist dir wichtig, wie fühlst du dich in dieser Situation und wie geht es dir mit dem, was ich dir gerade mitgeteilt habe? Da gib alles rein, was du bisher von deinem Partner gehört und wahrgenommen hast und über ihn weißt.
Spüre jetzt einmal nach, wie weit eure Positionen auseinander liegen, indem du deine Hände weiter zusammen oder auseinander bewegst. Das ist eure Ausgangsposition, so ist es derzeit. Das ist nicht gut oder schlecht, es ist einfach so. Vermutlich habt ihr bisher hier aufgehört und einen Kompromiss gefunden, oder aufgegeben. Doch ihr könnt dies als Ausgangspunkt für eine spannende Entdeckerreise nutzen.
Es geht darum, sich gegenseitig näher kennenzulernen; mehr darüber zu erfahren, was für mich und den anderen wichtig ist und darüber in einen Dialog zu kommen. Einen Dialog zu führen ist ein bisschen wie Zopf flechten. Man nimmt zwei einzelne Stränge und es entsteht etwas Neues. Wenn du nun deine eine Hand nimmst und das integrierst, was du eben auf der anderen Seite wahrgenommen hast, kannst du dich dieser Seite ein Stück nähern und eine neue Erkenntnis teilen. Dann wieder auf die andere Hand gehen, integrieren, was du eben gehört hast, eine neue Erkenntnis teilen und so weiter, bis sich die Hände irgendwann in der Mitte treffen und du eine Lösung findest. Das kann schnell gehen, aber auch lange dauern, je nachdem wo ihr beide gerade steht.
Mit diesem Gerüst könnt ihr auch einen Dialog führen. Für wichtige Themen kann so ein Prozess Monate dauern. Wichtig ist aber, dass er geführt wird. Und natürlich kann auch der Moment kommen, in dem man ehrlich zu sich selbst und seinem Partner sein muss, wenn man irgendwann feststellt, dass die Gemeinsamkeiten zu gering sind. Auch dabei kann der Dialog helfen. Durch den wertschätzenden Umgang miteinander kommen Bedürfnisse klarer zum Vorschein und es wird im Zweifel deutlich, wenn zu viele Bedürfnisse beim besten Willen nicht kompatibel sind. Dann kann der Konsens auch sein, sich im Guten zu trennen und eine gute Basis zu schaffen, auf der man weiter gemeinsam Eltern sein kann, ohne Paar sein zu müssen.
Ich möchte euch ermutigen, euch Zeit zu nehmen, eure Dialoge wirklich zu Ende zu führen – in der Gewissheit, dass es bessere Lösungen gibt als Kompromisse, bei denen man die eigenen Bedürfnisse zurückstellen muss. Auch wenn das viel Zeit, Offenheit und Geduld erfordert.
Ja, ihr könnt euch nicht gegenseitig nach den eigenen Wünschen verändern. Das bedeutet aber keinesfalls, dass alles immer so bleiben muss, wie es ist.
Veränderung kann nur in jedem von euch entstehen, nicht von außen. Durch den Willen zum Dialog, eure Liebe und viel Zeit. Und am besten führt sie euch jeweils zu dem „ich“, das ihr wirklich sein und nie wieder aufgeben wollt.
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