Ehrlich gestellt.
Bei uns ist das große Thema immer wieder der Mental Load… Wir haben eine Tochter, sie ist 3 Jahre und mitten in der Autonomiephase, was mich echt an meine Grenzen bringt.
Ich merke allerdings, wenn ich ausgeglichen und zufrieden bin, geht das alles ganz gut und ich kann ruhig und zugewandt bleiben.
Immer wieder kommt es daher zu Konflikten, weil jeder denkt, er hatte den anstrengenderen Tag hinter sich. Mich stört gar nicht die Aufgabenverteilung, da ich in Teilzeit arbeite und mehr zu Hause bin, mache ich dort automatisch mehr. Und in vielen Bereichen mache ich die Dinge auch lieber selbst. Ich kümmere mich um Wäsche, Einkaufen und Kochen. Er kümmert sich um alles was mit Müll und Entsorgung zu tun hat, Küche aufräumen, alle handwerklichen sowie technischen Sachen. Jeder das, was ihm besser liegt. Fürs Putzen kommt 1x die Woche jemand, was eine super Entlastung ist.
Was mich so immens stresst, ist diese mentale Last, immer an alles zu denken und alles zu wissen.
Mein Mann und ich leben die Elternrolle sehr gleichberechtigt und auch im Haushalt passt die Aufteilung super für uns, allerdings erdrückt es mich, dass ich immer alles wissen „muss“ und an alles denken muss.
Hier ein paar Beispiele:
– Wann steht die nächste U-Untersuchung an? Muss da auch geimpft werden?
– Brauchen wir neue Kleidung oder Schuhe? Welche Größe hat sie überhaupt gerade?
– Wo ist denn noch frische Unterwäsche, wenn im Schrank keine mehr ist?
– Brauchen wir heute schon die Winterjacke oder reicht die andere noch?
Die Liste könnte endlos weitergehen…
Er macht wie gesagt viel, aber er denkt einfach nicht mit bzw. voraus und egal wie ich es ihm erkläre – er versteht einfach nicht, wo das Problem liegt oder was mich so stört. Er macht ja immerhin so viel. Ich bin wirklich verzweifelt, wie ich ihm klarmachen soll, dass es nicht die Aufgaben an sich sind, sondern das Daran-denken und immer alles im Kopf haben zu müssen.
Ich würde mich wirklich über ein paar Tipps freuen – ich denke dieses Problem kennen leider viele Eltern!
Die Antwort
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
zunächst einmal vielen Dank für Ihre Frage und Offenheit, gerade dieses Thema ist in so vielen Familien präsent und es beschäftigt uns noch mehr, wenn wir vom Paar zur Familie werden. Wie schön, dass Sie und Ihr Mann bisher so einen guten Weg gefunden haben, die Elternrolle gleichberechtigt zu leben und Sie die Aufgaben, was zum Beispiel den Haushalt betrifft, schon so zufriedenstellend aufteilen können. Und doch haben vor allem wir Frauen den unfassbar hohen Anspruch an uns selbst, Muttersein, Partnerschaft und Job unter einen Hut zu bringen und all diese Bereiche inklusive dazugehörender Aufgaben für uns gut zu schaffen und alles im Blick und im Kopf zu haben.
Unsichtbare Belastung im Kopf
Wir fühlen uns in diesem Kontext so verantwortlich! Wir kümmern uns ganz automatisch um alles Organisatorische, denken voraus und in Kombination mit noch zusätzlicher Berufstätigkeit und wenig Zeit für Selbstfürsorge fliegt es uns regelmäßig um die Ohren, das heißt, wir fühlen uns erschöpft und überfordert. Dazu kommt, wie von ihnen beschrieben, die emotional zugewandte Begleitung Ihrer Tochter bei allen auftretenden (oft auch heftigen) Gefühlen sowie die Unterstützung bei Regulation in akuten Stresszuständen, dem sogenannten Emotional Load.
Ich selbst kenne die Problematik aus meinem Familienkontext so gut, vor allem, wenn die Kinder noch kleiner sind und noch so viel mitgedacht und organisiert werden muss. Regelmäßig waren mein Mann und ich sprichwörtlich in einer Art „Wettbewerb“, wer das Meiste für die Familie erledigt. Einmal hatte jeder von uns tatsächlich eine Liste mit Zeitangaben angefertigt, um es dem Gegenüber transparent und deutlich zu machen, welche Aufgaben im Zusammenhang mit den Kindern und dem Haushalt schon übernommen werden. Rückblickend hat sich in diesen Momenten keiner von uns beiden für den jeweils anderen wertvoll gefühlt, mit dem, was er tut und für die Familie leistet.
Oft haben wir als Paar etwas Wichtiges verloren, ohne es bemerkt zu haben.
Und natürlich hat uns diese Liste auch nicht wirklich weitergeholfen. Wir hatten an diesem Punkt einfach übersehen, dass jeder von uns sich sowieso schon in seinem Rahmen bestmöglich für die Familie einbringt.
Nachfolgend möchte ich nun einige Impulse mit ihnen teilen, die Ihre Beziehung als Paar stärken und dazu beitragen können, wieder in konstruktive Gespräche zu kommen:
Die Basis ist das „Wir“
Setzen Sie sich mit Ihrem Partner bewusst zu einem Zwiegespräch zusammen. Jeder von Ihnen redet für fünf Minuten (man kann z.B. einen Wecker stellen) darüber, wie es ihm gerade in der jetzigen Situation geht, was er braucht. Der Andere hört nur zu, bewertet nicht, beurteilt nicht, fällt vor allem nicht ins Wort (…..ja, aber!…….). Dann wird getauscht.
Es geht dabei darum, von sich zu reden, ohne Vorwürfe, ohne dass unser Gegenüber dazwischen redet, uns stattdessen zuhört. Dies fördert das Verstehen, Verstandenwerden, das Zuhören und auch das Ein- und Mitfühlen. Wir fühlen uns gesehen und wahrgenommen.
Diese Gespräche sind wertvolle Zeit, in der Sie sich um Ihr „WIR“ kümmern. Damit schaffen wir Verbundenheit, weit weg von „Wettbewerbsgedanken“.
Verantwortung klar definieren
Statt nur einzelne Tätigkeiten zu verteilen, können wir uns in regelmäßigen Abständen (wöchentlich/2-wöchentlich) zusammensetzen um zu besprechen, welche To do´s in nächster Zeit anstehen (U-Untersuchungen, neue Kleidung, Termine etc.) und wer von uns für welche Aufgaben verantwortlich ist. Verantwortungsbewusstsein ist ein zentraler Wert in der Familie und setzt voraus, dass wir diese Aufgaben zuverlässig erledigen. Dies verhindert ständiges Nachdenken über Details und den Druck, an alles denken zu müssen.
In diesem Zusammenhang finde ich auch den Begriff der persönlichen Verantwortung wichtig, das heißt, wahrzunehmen und zu erkennen, wann ich zuvor vereinbarte Aufgaben eventuell nicht erledigen kann (ich spüre meine Grenzen/Bedürfnisse, Zeitdruck) und dies dann klar meinem Partner zu kommunizieren, um vielleicht eine neue Verteilung zu ermöglichen oder auch Unterstützung zu bekommen.
Die U-Untersuchungen sind ein gutes Beispiel für eine solche Verantwortungszuteilung oder etwa auch die E-Mail-Kommunikation mit der Kita. Je klarer ein Aufgabenbereich abgegrenzt werden kann, desto leichter wird es auch, ihn guten Gewissens abzugeben – oder eben zu übernehmen. Und für den Partner, der es nicht gewohnt ist, automatisch Mental Load auf sich zu nehmen, kann es zudem motivierend sein, statt immer neuer, einzelner Aufgaben einen konkreten Verantwortungsbereich zu übernehmen. Er kann dann gewiss sein: „Das ist meine Domäne!“
Prioritäten setzen
Manche Aufgaben müssen wir nicht sofort erledigen, da diese nicht zeitnah anstehen.
Welche To do´s können wir vielleicht sogar ganz weglassen oder an andere Personen delegieren? (Viele Kinderärzte z.B. erinnern an Impfungen und U-Termine via App)
Auch hier hilft es uns, im Gespräch zu bleiben.
Eine gute Möglichkeit, mit der wir Klarheit in unsere familiären To do´s bringen können ist, diese gemeinsam zu priorisieren und in folgende Kategorien einzuteilen:
- wichtig und dringlich
- wichtig, aber nicht dringlich
- nicht wichtig, aber dringlich
- nicht wichtig und nicht dringlich
Diese Abwägungen täglich alleine im Kopf machen zu müssen, ist ein großer Teil des Mental Loads. Schon das Sichtbarmachen durch Aufschreiben und gemeinsames Draufschauen kann da einen wirklich großen Unterschied machen! Auch hier wird oft schon Entlastung spürbar. Und übrigens müssen nicht nur anstrengende Aufgaben organisiert und priorisiert werden. In manchen Wochen gehört vielleicht auch der gemeinsame Filmabend mit Essen vom Lieferservice und anschließendem Schaumbad zur Kategorie „wichtig und dringlich“.
Ich glaube, anzuerkennen, dass jeder in seinem Rahmen immer sein Bestes gibt, ist ein erster Schritt für mehr „Milde“ und Verständnis in Beziehungen und der Beginn einer gleichwürdigen Kommunikation. Das Bewusstsein darüber ist ein erster Schritt auf dem Weg zu einer ausgewogenen Aufgabenverteilung, bei der keiner dauerhaft überfordert ist und gleichzeitig Raum für persönliche Entfaltung bleibt.
Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!
Sandra Kleber
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