Darum geht es
Ich möchte morgens ins Büro gehen, ohne im Kopf durchzugehen, ob die Matschhosen noch passen oder ob das Bastelpapier reicht. Wie kann ich diesen Mental Load an meinen Mann abgeben?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Gleichberechtigte Elternschaft. Geteilte Verantwortung. Geteilter Haushalt.

Wörter, die überall auftauchen – und trotzdem weiß ich manchmal nicht, wie wir das eigentlich schaffen sollen.

Im Moment beschäftigt mich das Thema Aufteilung sehr. Wir haben vor elf Monaten unseren zweiten Sohn bekommen, der Große ist fast vier. Meine Bedingung für ein zweites Kind war klar: Ich mache das erste Jahr Elternzeit, stille – und danach bist du dran.

Du übernimmst das zweite Jahr.

Gesagt, getan. Mein Mann war einverstanden, und in einem Monat ist es so weit: Ich gehe wieder (fast) Vollzeit arbeiten, und er startet in seine Elternzeit. Der Große ist bis 14 Uhr im Kindergarten, der Kleine zuhause – die Betreuung ist also geregelt.

Aber was ist mit dem Rest?

Haushalt, klar – das sieht man. Aber was ist mit all den unsichtbaren Dingen, die tagtäglich anstehen? Die Fragen, die sich niemand stellt, bis sie plötzlich dringend sind:

Haben beide genug Kleidung für die Jahreszeit?

Brauchen wir neue Schuhe?

Was schenken wir zu Geburtstag oder Weihnachten?

Welche Spielsachen müssen aussortiert oder rotiert werden?

Haben wir genug Bastelmaterial?

Was schenken wir zum nächsten Kindergeburtstag?

Welche Kurse wollen die Kinder belegen?

Und so weiter… die Liste ist endlos.

Wie übergibt man so etwas? Natürlich könnte ich einfach sagen: „Mach du das.“

Aber genau da liegt das Problem. Wenn ich’s ihm sage, tut er’s oft nicht – und am Ende mache ich es wieder, weil ich nicht will, dass unsere Kinder mit zu kleinen Schuhen rumlaufen oder ohne Geschenk zum Geburtstag erscheinen. Für ihn ist das alles halb so wild. „Die Kinder sagen schon, wenn der Schuh drückt“, meint er.

Ich glaube, mein Dilemma ist klar: Ich möchte meinen Mental Load abgeben – wirklich abgeben – und die Rolle übernehmen, die er gerade hat. Nicht im Sinne von weniger Liebe oder Verantwortung für die Kinder, sondern in Bezug auf die familiären Aufgaben. Ich möchte morgens ins Büro gehen, ohne im Kopf durchzugehen, ob die Matschhosen noch passen oder ob das Bastelpapier reicht.

Ich will meinen Kopf frei haben. Ich will konzentriert arbeiten können. Ich will wie ein Vater sorgenlos ins Büro gehen.

Die Antwort
unserer Expertin.
Ich will wie ein Vater sorgenlos ins Büro gehen!
Katharina Siebert — FamilyLab Deutschland

Liebe Schreibende, 

in deinem Text stecken sehr viel Energie, Klarheit und Bewusstsein dafür, was du dir für dich und deine Familie wünschst. Diese Kraft wird dir bestimmt helfen, jetzt wieder in deinem Job anzukommen. Ich hoffe, der Start ist gelungen und dass ihr als Familie einen Weg findet, diese Übergangsphase gut gemeinsam zu gestalten.

Für die Zeiten, in denen es vielleicht mal etwas mühsamer wird, habe ich ein paar Gedanken, die ich gerne mit dir teilen möchte und ich steige direkt in dein Schreiben ein. 

Eure Situation

Wenn ich dich richtig lese, dann warst du in den letzten Jahren größtenteils für euer „Familienmanagement“ zuständig und dein Mann hat größtenteils das „Arbeitsmanagement“ übernommen. Nun wechselt ihr die Jobs. Das ist ein kleiner und sehr präziser Satz, denn nichts Geringeres passiert gerade bei euch, als eine komplette Verschiebung des etablierten Systems. Und das ist viel. Du schreibst, dass ihr beide einverstanden seid mit diesem Rollenwechsel. Das sind gute Voraussetzungen. Auch wenn die Aufgaben nicht völlig neu für euch sind, verändert sich doch das Gesamtgefüge eurer Verantwortung. Und wie bei jedem Rollenwechsel – im Beruf wie in der Familie – ist es realistisch, dass eine gewisse Eingewöhnungszeit entsteht. Für dich, für ihn, für euch als Team.

Ins Tun kommen

Deine Frage „Wie übergibt man sowas?“bindet die gesamte Komplexität eurer Situation. Vielleicht helfen dir folgende Gedanken dabei, diesen Übergang achtsam und bewusst zu gestalten:

1) Im Moment kann es hilfreich sein, Druck aus eurem System zu nehmen und euch etwas zu verlangsamen: Ihr müsst nicht heute oder morgen wissen, wie ihr euer Familienmanagement für das komplette nächste Jahr handhaben werdet. Veränderungen dürfen sich entwickeln. Schaut in Ruhe auf euch und eure Kapazitäten und überlegt gemeinsam: 

  • Was ist mir als deine Frau / dein Mann für die nächsten 4 Wochen (den Zeitraum bestimmt natürlich ihr) der Übergangszeit besonders wichtig, nicht mehr tun zu müssen oder besonders wichtig, lernen zu dürfen etc. … 
  • Was wünsche ich mir von Dir…
  • Welche neuen Aufgaben möchte ich dir anvertrauen – und wie fühlt sich das für mich an?
  • Was bin ich bereit zu geben, damit wir diesen Übergang gut hinbekommen? 

Solche Fragen unterstützen euch darin, gleichwürdig auf eure Bedürfnisse zu schauen. Es geht nicht darum, alles sofort richtig zu machen, sondern um eine neue langfristige Vereinbarung. 

2. Bei vielen Paaren passiert es, dass sie Aufgaben neu verteilen, aber ihre etablierten Rollen nicht abgeben. In eurem Fall könnte das bedeuten, dass du deinem Mann sagst, dass er ab jetzt für die Geburtstagsgeschenke zuständig ist, du ihn aber ab 1 Woche vor dem nächsten Kindergeburtstag täglich daran erinnerst, ein Geschenk zu kaufen. Du gibst also vordergründig eine Aufgabe ab, bleibst innerlich aber verantwortlich. Du verlässt also nicht deine (alte) Rolle. Damit bedienst du (unbewusst) euer etabliertes System. Vielleicht kannst du für dich beobachten: 

In welchen Momenten merke ich, dass ich mich noch zuständig fühle?
Welche Gedanken tauchen dabei auf?
Welche Gefühle tauchen dabei auf?
Wofür ist es gut, dass ich noch in der verantwortlichen Rolle bin?
Wofür ist es gut, diese Rolle jetzt zu verlassen?

Diese Selbstbeobachtung ist kein Vorwurf an dich, sondern eine Möglichkeit, bewusster zu spüren, wo dein Einfluss auf das System liegt – und wo du neue Entscheidungen ausprobieren kannst.

3. Ich gehe noch etwas weiter: Wenn du „wie ein Vater sorgenlos ins Büro gehen“ möchtest, dann nimm diesen Wunsch sehr ernst. Diesen Wunsch haben viele Elternteile, die die Care-Arbeit und Mental-Load-Arbeit stemmen. Jetzt macht ihr Beide Veränderung möglich und du darfst aufhören, wie eine Mutter zu handeln, die Mental-Load-Aufgaben übernimmt, ohne dass dein Mann dich darum bittet. Das klingt hart, aber nur so kannst du deinem Wunsch nach Sorglosigkeit näherkommen. 

Manchmal ist es hilfreich, diesen Rollenwechsel klar auszusprechen. Nicht, um Druck aufzubauen, sondern um euch beiden Orientierung zu geben: 

„Mir ist es wichtig, weniger mentale Arbeit zu übernehmen. Deshalb möchte ich bestimmte Bereiche ab jetzt komplett an dich übergeben. Hierzu gehören U-Untersuchungen, Kindergeburtstage, Anziehsachen, … Ich halte mich da ab jetzt komplett raus. Ich weiß, dass es Themen gibt, bei denen es mir schwerer fällt loszulassen. Hier werde ich mich wahrscheinlich ab und zu einbringen, da ich selbst noch im Lernprozess bin. Bei den anderen Bereichen möchte ich mich gerne komplett zurückziehen, außer du fragst mich aktiv.“

Damit machst du transparent, was du brauchst, und gleichzeitig lässt du deinem Mann den Raum, seine eigenen Wege zu entwickeln. Das darfst du lernen dürfen. Das muss dir nicht sofort gelingen. Hab auch mit dir etwas Geduld und sieh es als Entwicklungsprozess, dich jetzt ein Stück weit von diesen Aufgaben abzugrenzen und ins Vertrauen zu gehen, dass dein Mann das machen wird. Verantwortung abzugeben ist ein massiver Lernprozess. 

4. Dein Mann wird Dinge anders machen als du. Nicht besser, nicht schlechter – einfach anders. Er muss seine eigenen Erfahrungen und Fehler machen dürfen und das müsst ihr beide aushalten lernen, auch wenn das Geschenk für den nächsten Kindergeburtstag dann vielleicht fehlt. Vielleicht fehlt es auch nicht, er holt es nur am Tag des Geburtstages selbst, weil das besser zu seiner Art von Familienorganisation passt und fährt auf dem Weg zum Kindergeburtstag am Spielzeugladen vorbei. Oder er entschiedet sich, aus der Not heraus, etwas zu basteln. Das ist seine Verantwortung. Und es ist deine Verantwortung, dich genau da nicht einzubringen. Diese Unterschiedlichkeit kann entlastend sein, wenn ihr sie nicht als Konkurrenz, sondern als zwei legitime Lösungswege betrachtet.

Für dich könnte es hilfreich sein zu reflektieren:

Welche Erwartungen habe ich an mich, wenn ich beruflich wieder einsteige?
Welche Erwartungen habe ich an meinen Mann – und sind sie realistisch oder eher Ausdruck meines eigenen Anspruchs?
Was passiert in mir, wenn ich sehe, dass Dinge anders gemacht werden, als ich es tun würde?
Wofür ist es gut, dass ich diese Dinge bisher gemacht habe?
Wie könnte ich meinen inneren Druck benennen, ohne ihn sofort weiterzugeben?
Was befürchte ich im schlimmsten Fall – und wie gravierend wäre das wirklich?

Solche Fragen können dir helfen, dich innerlich neu zu sortieren und Vorstellung und Wirklichkeit voneinander zu unterscheiden. Wenn sich manches unordentlicher oder ungewohnt anfühlt, bedeutet das nicht automatisch Chaos. Oft ist es einfach der Zustand eines Systems, das sich neu ausrichtet. 

Zu guter Letzt

Ich wünsche dir und deinem Mann, dass ihr diesen Übergang gemeinsam bewältigt – mit gegenseitigem Vertrauen, mit Geduld füreinander und mit Blick darauf, dass ihr beide gerade euer Beste gebt und in eurer Familienbiografie Neuland betretet. Du wünschst dir weniger Mental Load – und dieser Wunsch ist wichtig und verdient Raum. Gleichzeitig darf auch dein Mann seine neue Rolle entwickeln, mit seinen Stärken, seiner Art und seinem Tempo.

Das wird sich am Anfang vielleicht nicht gut anfühlen. Wenn du jahrelang diese Familie gemanagt hast, dann wirst du vielleicht das Gefühl haben, dass du im Chaos landest. Dann tritt einen Schritt zurück: Ist es wirklich Chaos, oder fühlt es sich vielleicht innerlich gerade so an, weil es ungelernt ist und im Außen ist es „nur“ etwas durcheinander und anders? Genau dort liegt euer gemeinsamer Entwicklungsraum. Wenn ihr euch dabei wohlwollend begegnet, werdet ihr nach und nach spüren, dass sich die Last anders verteilt – nicht perfekt, aber tragfähig.

Ich hoffe, dass meine Gedanken dich unterstützen können und dir nicht zu forsch erscheinen. Veränderungen dieser Art brauchen Zeit, Nachsicht und guten Austausch über eure inneren Zustände, Ängste, Hoffnungen. 

Herzliche Grüße aus Köln, 
Katharina Siebert