Darum geht es
Zwar haben wir manchmal noch Sex, aber es ist eigentlich nicht das, was man sich in einer Paarbeziehung wünscht. Ich möchte wieder begehrt werden! Ist das überhaupt realistisch neben dem Alltag mit kleinen Kindern?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Speziell seit der Geburt unseres zweiten Sohnes gibt es zwischen uns ein starkes Ungleichgewicht der Sexualität. Auch darüber haben wir nun schon sehr häufig gesprochen und auch gestritten. Das Thema Mental Load wird hier sicher mit rein spielen, nur bin ich mir nicht ganz sicher, ob es nur das ist. Meine Frau fühlt sich nur noch selten körperlich zu mir hingezogen.

Wir sind jetzt seit ca. 10 Jahren zusammen, seit 6 Jahren verheiratet und haben einen Sohn mit 4 und einen mit 2 Jahren. Natürlich existiert zwischen uns nicht mehr das „Feuer“, dass es vor 10 Jahren gab. Nur macht es mir sehr zu schaffen, dass meine Bedürfnisse in meiner Sexualität und besonders mein Bedürfnis von meiner Partnerin körperlich begehrt zu werden nicht mehr erfüllt werden. Das heißt nicht, dass wir gar keinen Sex haben. Nur ist dieser zum einen für meine Bedürfnisse sehr selten und zum anderen fühle ich mich trotzdem nicht begehrt. Letzteres hat meine Partnerin auch schon bestätigt, dass sie mich in dieser Hinsicht zur Zeit einfach nicht wirklich attraktiv findet. Weil uns beiden bewusst ist, dass Sexualität für uns beide ein wichtiger Aspekt ist (zur Zeit für sie nicht, aber sie hofft/meint, dass sich das ändern kann/wird), haben wir uns gegenseitig die Erlaubnis gegeben, sollte es zu so einer Situation kommen, auch mit jemanden anderes Sex haben zu dürfen.

Für mich ist die Erlaubnis eigentlich nicht wichtig. Ich habe darüber auch schon nachgedacht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich Intimität und Begehren nicht von einer anderen Frau, sondern von meiner Frau haben möchte. Zudem, bei unserer jetzt zur Verfügung stehenden Zeit, ist es quasi unmöglich, zumindest denke ich das, ohne eine gewisse Rücksichtslosigkeit der Zeit des jeweils anderen gegenüber, dieses Bedürfnis mit einem anderen Menschen zu erfüllen. Das Beispiel, auf das diese Erlaubnis Anwendung finden könnte, ist auch eher, dass einer von uns nächstes Jahr mal wieder alleine auf einem Festival ist und dort ggf. eine solche Situation entstehen könnte. Da ich mich allerdings gut kenne, denke ich zum einen, dass ich kein Mensch bin, der solche Situationen herbeiführen oder annehmen kann, wobei ich mir das schon eher vorstellen könnte. Zum Anderen denke ich auch, dass ein einmaliges Techtelmechtel nicht mein Bedürfnis nach Intimität und Begehren erfüllt. 

Ich bin bei dieser Thematik ehrlich gesagt, sehr ratlos und habe für mich nur folgende Ansatzpunkte:

1. Vertrauen und hoffen, dass es sich ändern kann

2. Meine Frau Platz und Ruhe vor meinem Begehren geben 

3. Mehr Mental Load übernehmen. Wobei ich einmal ganz klar herausstellen möchte, dass ich nicht mehr Mental Load übernehmen möchte, in der Hoffnung, dass sie mich dann wieder mehr begehrt. Ich führe den Punkt hier nur auf, weil sie selbst mal gesagt hat, dass auch das damit zusammenhängen könnte.

Die Antwort
unseres Experten.
Ich möchte wieder begehrt werden!
Mario Kappenstein — FamilyLab Deutschland

Lieber Leser,

du sprichst etwas aus, was viele Männer nur heimlich denken:
„Ich sehne mich danach, wieder begehrt zu werden – als Mann, als Liebhaber, als jemand, der mehr ist als der, der Windeln wechselt und Termine im Kalender hält.“

Und doch klingt in deinen Zeilen etwas mit, das viele Männer kennen:

„Ich wünsche mir, dass sie mich wieder will – und gleichzeitig weiß ich nicht, wie ich das verändern kann.“

Eine unbequeme Wahrheit gleich zu Beginn:
Begehren lässt sich nicht einfordern. Es lässt sich nicht logisch herleiten, verhandeln oder durch Fleiß wiederbeleben.
Begehren braucht in der Regel Raum für Freiheit, Spannung und Neugier.

Und dieser Raum ist – gerade mit kleinen Kindern – oft vollständig belegt. Vielen Paaren in einer Langzeitbeziehung mit – aber auch ohne – Kindern geht es so wie euch: Nähe und Intimität stellen sich nicht mehr von selbst ein, wie zu Beginn eurer Partnerschaft, sondern benötigen aktives Dazutun, um (wieder) erblühen zu können.

Wenn Nähe plötzlich unsexy wird

Nach der Geburt eines Kindes verändert sich die sexuelle Dynamik fast immer – nicht, weil die Liebe verschwindet, sondern weil sich die Energie zwischen den Partnern neu verteilt.
Der Körper, der früher mit Lust, Spiel und gegenseitigem Begehren verbunden war, wird nun zum Ort von Fürsorge, Milchflecken, Nähe und Müdigkeit.

Zärtlichkeit bekommt eine andere Bedeutung: Sie ist nicht mehr Ausdruck von Begehren, sondern oft ein Zeichen von Geborgenheit und Verlässlichkeit.

Sinngemäß nach Esther Perel, einer renommierten Paar- und Sexualtherapeutin, lässt sich sagen: Die erotische Energie – diese Mischung aus Lebendigkeit, Neugier, Verspieltheit und Verbundenheit – verschwindet nach der Geburt nicht. Sie richtet sich nur neu aus: hin zu den Kindern.

Das, was einst zwischen den Partnern floss, geht nun in die Beziehung zu den Kindern. Die erotische Spannung, die von Freiheit, Neugier und Distanz lebt, verwandelt sich in eine fürsorgliche Nähe. Diese Nähe ist tief – aber selten erotisch.

Für viele Frauen fühlt es sich während der Zeit mit kleinen Kindern so an, als würde ihnen ihr Körper im Moment kaum noch selbst gehören. Er ist beansprucht, übermüdet, funktional. Und wenn dann der Partner mit Lust kommt, fühlt sich das schnell wie eine weitere Erwartung an. Nicht, weil sie ihn nicht liebt, sondern weil sie sich selbst kaum spürt.

Ein blinder Fleck, den viele Männer kennen

Ich habe viele Männer begleitet, die an dieser Stelle einen inneren Konflikt mit sich tragen: Sie wollen sich nicht beschweren, sie wissen, dass ihre Partnerin erschöpft ist. Und doch fühlen sie sich ungeliebt, abgewiesen, manchmal sogar überflüssig.

Was sie gerne übersehen: Oft steckt hinter dem Wunsch nach Sex eigentlich ein anderes Bedürfnis: Bestätigung.

Das Gefühl, gut genug zu sein. Das Gefühl, wieder gesehen zu werden – als Mann, nicht nur als Vater.

Das Problem ist: Dieses Bedürfnis ist zutiefst menschlich – aber in der Form von Bedürftigkeit wirkt es selten erotisch.

Von der Bedürftigkeit zur Verantwortung

Wenn du willst, dass deine Frau dich wieder begehrt, dann beginne nicht damit, auf sie zu warten – sondern damit, Verantwortung zu übernehmen.
Viele Männer ziehen sich im Familienalltag innerlich zurück: Sie arbeiten, organisieren, funktionieren – und gleichzeitig rutscht ein großer Teil der emotionalen und fürsorglichen Verantwortung, der sogenannte Mental Load, zu ihren Partnerinnen hinüber.

Oft entsteht dabei eine Spirale, die beide erschöpft:
Sie sagt sinngemäß: „Lass mal, ich mach das schon“ – und denkt vielleicht noch: „Weil wenn du es machst, passt es meistens nicht.“
Er spürt die (oft unausgesprochene) Kritik, fühlt sich überflüssig und denkt: „Dann soll sie es eben selbst machen.“

So ziehen sich beide in ihre Ecken zurück – sie in die Überforderung, er in die Ohnmacht.
Zurück bleibt Frust auf beiden Seiten.

Und irgendwann steht die unausgesprochene Dynamik im Raum:
Sie fühlt sich allein gelassen und innerlich leer.
Er fühlt sich abgewiesen, nicht begehrt und nutzlos.
In dieser Mischung aus Erschöpfung entsteht oft stiller Groll.
Für Erotik bleibt da meist kaum noch Platz und so schwindet nach und nach die Intimität – und mit ihr das Gefühl, sich wirklich noch als Liebespaar zu begegnen.

Gleichwürdigkeit heißt, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten in gleichem Maße wichtig sind – nicht, dass sie immer und zu jeder Zeit erfüllt werden müssen.

Genau diese Gleichwürdigkeit fehlt dort, wo einer von beiden in der Bedürftigkeit festhängt.
Bedürftigkeit sagt: „Ich will, dass du mir gibst, was mir fehlt.“
Verantwortung sagt: „Ich kümmere mich darum, was ich brauche – ohne dich dafür verantwortlich zu machen.“

Frage dich ehrlich:
Was an dieser Dynamik liegt in meiner Verantwortung?
Was kann ich verändern, anstatt darauf zu warten, dass meine Partnerin sich verändert?

Mit deinen drei geäußerten Ansatzpunkten – mehr Raum geben, zuversichtlich sein und mehr Mental Load übernehmen – liegst du meines Erachtens genau richtig.
Wenn du als Mann beginnst zu erkennen, was du brauchst, und das nicht mehr als Forderung an deine Frau richtest, wird sie innerlich aufatmen können. Das ist kein psychologischer Trick, sondern ein Akt der Reife.

Denn deine Frau ist in dieser Phase eures Lebens – zwei kleine Kinder, zehn Jahre Beziehung – selbst an ihrer Grenze und vermutlich stark belastet. Es hilft euch beiden nicht, wenn du mit einem „Ja, aber ich auch!“ um Aufmerksamkeit oder mehr Raum für dein Begehren kämpfst.

Du kannst Größe zeigen, indem du sie entlastest – nicht, um etwas dafür zu bekommen, sondern weil du Verantwortung übernehmen willst. Wenn sie spürt, dass deine Unterstützung kein Tauschgeschäft ist („Ich helfe, damit ich Sex bekomme“), kann sie sich wieder sicher fühlen. Sicherheit ist eine wichtige Grundlage für echtes Begehren.

Das, was jetzt gebraucht wird, ist kein „Alphamann“ und kein „Nice Guy“, sondern ein erwachsener Mann.
Einer, der weiß, was er will, aber nicht fordert.
Einer, der Halt gibt, ohne zu kontrollieren.
Ein Mann, der seine Bedürfnisse kennt – und sie trotzdem für eine gewisse Zeit zurückstellen kann, ohne sich zu verlieren.

Vielleicht ist das eine reife Form von Männlichkeit: nicht rücksichtslos zu nehmen, was man will, sondern bewusst zu geben, was wirklich gebraucht wird – ohne dabei sich selbst zu verraten.

Wenn sich Türen öffnen

Ihr habt euch gegenseitig die Erlaubnis gegeben, auch außerhalb eurer Beziehung Sexualität zu erleben.
Das ist mutig – und zugleich für die meisten Paare sehr herausfordernd.

Ich verstehe euren Versuch als Suche nach Entlastung, nicht als Flucht.
Und trotzdem gilt: Eine Öffnung wird eher tragen, wenn sie aus innerer Fülle entsteht – nicht aus Mangel, nicht als Kompensation für fehlende Nähe. Wer sich nach außen öffnet, ohne sein Herz in der eigenen Beziehung weit zu halten, riskiert, dass Begegnungen im Außen Nähe versprechen – und zu Hause Leere hinterlassen.

Du schreibst, dass du mit keiner anderen Frau sexuell intim sein möchtest. Du wünschst dir, dass ihr beide euch wieder begegnet – als Mann und Frau, nicht nur als Eltern.
Ich möchte euch gerne einen Gedanken mitgeben: 

Solange der innere Schmerz über das „Nicht-Begehrt-Werden“ ungelöst bleibt, kann jede Begegnung im Außen leicht zur Betäubung werden – statt zur Befreiung.

Das heißt nicht, dass ihr die Idee verwerfen müsst. Aber bevor ihr sie lebt, klärt miteinander, was euch wirklich fehlt: körperliche Lust, emotionale Nähe, Bestätigung oder Freiheit.
Dann entscheidet bewusst, ob ihr etwas ausprobiert – oder ob ihr zuerst lernen wollt, euch wieder gegenseitig zu begehren und wie die Rahmenbedingungen konkret für euch aussehen könnten.

Vielleicht geht es gar nicht darum, neue Körper zu spüren, sondern den eigenen wieder lebendig werden zu lassen.

Eigene Wünsche und Bedürfnisse spielerisch erkunden

Das Drei-Minuten-Spiel (nach dem Wheel of Consent von Betty Martin)

Eine einfache, spielerische Übung, um Berührung und Grenzen neu zu entdecken.
Beide Partner stellen sich folgende beiden Fragen, die dann jeweils ausgehandelt und 3 min gespielt werden:

1) „Wie möchtest du, dass ich dich drei Minuten lang berühre?“
2) „Wie möchtest du mich drei Minuten lang berühren?“

Eine Person beginnt, stellt Frage 1 und handelt mit der anderen Person aus, wie das stimmig aussehen könnte. Dann wird das 3 min lang gespielt. Anschließend stellt dieselbe Person die zweite Frage und wieder wird ausgehandelt und 3 min lang gespielt. Danach kommt die andere Person dran und stellt ihrerseits die Frage 1 und anschließend natürlich auch Frage 2. So spielt ihr insgesamt vier mal 3 min. Seid bei euren Anfragen und Wünschen so konkret wie möglich – und übernehmt Verantwortung dafür, was ihr möchtet und nicht möchtet.

Diese vier Varianten (geben/erhalten, nehmen/erlauben) öffnen oft eine völlig neue Erfahrung: Intentionen können klarer und bewusster erlebt und eingefahrene Dynamiken neu verhandelt werden.

(Hinweis: Wer sich vertiefend damit beschäftigen möchte, findet Material dazu auf www.bettymartin.org.)

Reife Sexualität braucht Mut

Begehren ist kein Dauerzustand. Gerade als Eltern wird es komplexer – aber auch reifer, wenn ihr bewusst damit umgeht.

Vielleicht kannst du dir beim nächsten Mal, wenn sich Ärger oder Sehnsucht meldet, kurz die Frage stellen:

„Was wünsche ich mir wirklich – Nähe oder Bestätigung?“

Wenn du den Mut findest, darüber zu sprechen, ohne etwas einzufordern, kann etwas Neues beginnen.

Mit herzlichen Grüßen
Mario Kappenstein