Darum geht es
Ich bin eher Typ Chaot und mein Mann ist ein Ordnungsfanatiker. Unsere Zeit zu Hause ist geprägt von Sticheleien, Kritik und Unverständnis auf beiden Seiten.

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo liebes Beratungsteam, 

Wir leben in der eher „altmodischen“ und verbreiteten Konstellation, dass mein Mann  Vollzeit arbeitet und ich mit unserer 4,5 jährigen und unserer 1,5 jährigen Tochter in  Elternzeit zu Hause bin und auch danach in Teilzeit arbeiten gehen werde. Das bedeutet natürlich automatisch, dass ich den Großteil des Haushalts, die Care Arbeit und den Mental Load trage. Jetzt bin ich aber leider eher Typ Chaot und mein Mann ist ein Perfektionist  und Ordnungsfanatiker.Er macht wirklich sehr viel im Haushalt in seiner Freizeit, kommt  nach der Arbeit nach Hause und es wird sofort losgelegt mit kochen, aufräumen, putzen. Auch ich nehme mir eigentlich kaum Auszeiten von allem und trotzdem reicht es ihm nicht. Eigentlich wird jeden Tag kritisiert, dass es unordentlich und chaotisch oder dreckig ist.  

Natürlich liegt bei uns mal Staub rum, der Müll ist voll oder abends ist eine Pfanne nicht gespült, aber abgesehen davon haben wir einen sehr ordentlichen und sauberen Haushalt, das bestätigen mir auch meine Mama Freundinnen, die regelmäßig zu Besuch sind. Die Ansprüche meines Mannes kann ich aber leider so gut wie nie erfüllen und das führt auf beiden Seiten zu extrem viel Frust und den immer wieder gleichen Diskussionen. So oft  wünsche ich mir von ihm, dass er seine Ansprüche runterschraubt und einfach akzeptiert,  dass wir beide unser Bestes geben, aber man mit zwei kleinen Kindern nun mal keinen  dauerhaft perfekten Haushalt haben kann.

Auch unsere Kinder spüren diesen Frust natürlich  und meine Tochter hat schon immer Angst, was wohl der Papi wieder sagt, wenn sie ihren Becher verschüttet. 

Freunde und Familie haben ihm auch schon gesagt, dass er gelassener werden soll und einfach akzeptieren muss, dass es nicht immer perfekt ist, aber er kommt aus seinen gelernten Strukturen einfach nicht raus, genauso steckt in mir immer noch manchmal ein  Chaot, der dann viele Dinge, die ihn stören, einfach nicht sieht oder gerne mal 5 Dinge anfängt und keines davon beendet. 

Ich wünsche mir vielleicht ein paar praktische Alltags-Tipps, Lösungsansätze oder Ähnliches, die uns helfen könnten, mehr Harmonie im Alltag zu finden, denn oft ist unsere Zeit zu Hause geprägt von Sticheleien, Kritik und sehr viel Unverständnis und Unzufriedenheit auf beiden Seiten. 

Vielen Dank und viele Grüße! 

Die Antwort
unserer Expertin.
Ich kann es dir nicht rechtmachen!
Dr. Nicole Wilhelm — FamilyLab Deutschland

Hallo liebe Fragestellerin, 

danke für dein uns geschenktes Vertrauen. Ich hoffe, meine Antwort ist für dich sinnvoll. 

Ein Satz in deiner Beschreibung, der mich besonders anspricht, ist, dass deine Tochter Angst vor der Reaktion ihres Vaters hat, wenn sie ihren Becher umschüttet. Deshalb denke ich ebenso wie du, es wäre eine gute Idee, in eurem Miteinander als Paar etwas zu verändern. 

Für mich ist Zuhause ein Ort, an dem ich mich sicher, willkommen und frei fühlen will. Wenn ich dort Angst habe, etwas falsch zu machen, fühlt es sich eher an wie der erste Besuch bei den Schwiegereltern, stets bedacht, sich „gut zu benehmen“. Das ist Stress pur. So sollte sich Familie aus meiner Sicht nicht anfühlen, für niemanden. Und wenn Kinder so ein Verhalten zeigen, geht es den Erwachsenen meist auch nicht so gut. 

Um eine andere Stimmung in eurer Familie zu entwickeln, braucht es für mich neben dem Wunsch nach Veränderung auch den Willen, zu verstehen, was los ist, und letztlich auch die Bereitschaft, das eigene Verhalten zu verändern.  

Wunsch nach Veränderung 

Den ersten Schritt bist du schon gegangen. Du siehst, dass eine Veränderung allen gut täte und hast dich auf den Weg gemacht. Sieht dein Mann das auch so? Denn wenn ihr nicht beide im selben Boot sitzt, und du alleine ruderst, kommst du nicht wirklich voran. Um die Qualität eurer Beziehung zu verbessern, braucht es dazu die Bereitschaft von euch beiden, denn ihr beide seid jeweils zu 100%  verantwortlich für das Familiensystem, das ihr gemeinsam geschaffen habt, und ihr könnt es nur gemeinsam verändern. 

Manche Menschen wollen zwar, dass sich etwas verändert – sie wollen es anders haben – doch davon ändert sich ja nichts.

Eine Veränderung wird es nur geben, wenn ihr beide bereit seid, euer eigenes Verhalten zu überdenken und zu verändern – anstatt den anderen anders haben zu wollen.  

Nicht alle Menschen sind dafür bereit, denn um sich zum Beispiel von der Angst eines Kindes als klare Rückmeldung berühren zu lassen, braucht es innere Stabilität. Ein Vater sagte mal: „Wenn ich mir das anschaue, haut es mir die Füße weg.“ Das zeigt, dass Menschen auch gute Gründe haben, etwas nicht zu sehen und anzugehen. Ohne  sicheren Stand kann man nichts anpacken. Deshalb ist das für mich der erste Haltepunkt: Seid ihr beide bereit, das Geschenk, das eure Tochter euch mit ihrer Rückmeldung gibt, auszupacken? 

Verstehen, was los ist 

Im nächsten Schritt geht es für mich darum zu verstehen, um was es wirklich geht. Das Thema Ordnung ist es, denke ich, nicht. Was steckt hinter diesem ganzen Tamtam um Unordnung? 

Paare haben ständig unterschiedliche Vorstellungen über alles Mögliche. Ihr seht ja auch äußerlich total unterschiedlich aus, das ist innen drin genauso. Und so habt ihr eben auch unterschiedliche Vorstellungen, wie viel Ordnung notwendig ist, um sich wohlzufühlen. 

Mein Mann zum Beispiel liebt Ordnung. Ich mag Ordnung auch gerne, doch fällt es mir schwerer, diese herzustellen und ich bin auch weniger bereit, dafür Lebenszeit zu investieren. Als unsere Kinder jung waren, hatten wir ein ähnliches Modell wie ihr, und bevor mein Mann nach Hause kam, gab es die „Turbo-Zeit“. Das war eine Viertelstunde, wo wir gute Musik angemacht haben und alle zusammen wie verrückt aufgeräumt haben, jeder so viel, wie er geschafft hat, um einen Rahmen zu schaffen, in dem auch mein Mann sich wohl fühlt. So hat sich jeder von uns ein bisschen bewegt:  Wir haben aufgeräumt und er hat über die verbliebene Unordnung hinweggesehen. Ich schreibe das nicht, um zu zeigen, wie toll wir das  gemacht haben (glaube mir, wir haben andere Baustellen), sondern um zu zeigen, dass wenn ein Paar für längere Zeit in einem destruktiven Konflikt feststeckt, dann geht es um etwas anderes.  

1000 gute Gründe 

Was die Ursache für euer Symptom „Streit um Unordnung“ ist, weiß ich natürlich nicht, ich kenne euch ja nicht einmal. Was ich jedoch ganz sicher weiß: Dahinter verbirgt sich ein guter Grund, und es gibt 1000 gute Gründe, warum Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Jeder Mensch möchte mit seinem Verhalten etwas Gutes bewirken, für sich und andere. Lediglich die Wege, die wir wählen, um das zu erreichen, sind manchmal ungünstig. Es sind oft Verhaltensmuster, die wir entwickelt haben, um als Kinder mit dem Verhalten unserer nahen Bindungspersonen klarzukommen. Früher haben sie uns geholfen, heute stehen sie uns zuweilen im Weg. Die gute Nachricht: Wir sind jetzt erwachsen und können andere Wege gehen. 

Das eigene Verhalten verändern

Ein guter erster Schritt könnte sein, dass ihr gemeinsam beschließt, auf Kritik zu verzichten. Denn um sich auf einem solchen Weg zu begegnen, braucht es Sicherheit. Es ist wie bei einem Baby: Nur wenn es sich sicher fühlt, geht es in die Erkundung. Deshalb ist es für mich essenziell, Familie zur kritikfreien Zone zu erklären. Denn Kritik ist ein krasses Familiengift. Sie zerstört Beziehungen – die Beziehung, die wir zu uns selbst haben und auch die Beziehung, die wir miteinander haben. Deshalb sollte Kritik aus meiner Sicht vor allem in Familien keinen Raum haben, denn sie ist verletzend und zersetzend.  

Besonders für Kinder ist Kritik zerstörerisch. Denn Kinder können nicht unterscheiden, ob sie eine Rückmeldung bekommen aufgrund ihres Verhaltens (Ich kippe den Becher um.) oder aufgrund ihrer Person (Bin ich ein wertvoller Mensch?). Wenn Kinder für ihr Verhalten kritisiert werden, und sei es auch nur mit einem Blick, dann ist das schmerzhaft für sie, weil sie sich so verkehrt und damit nicht wertvoll für ihre Eltern fühlen. Bei den allermeisten  Erwachsenen hat Kritik die gleiche Wirkung.  

Deshalb denke ich, eine klare Entscheidung von euch Eltern, mit Kritik und gegenseitiger Abwertung aufzuhören, wäre hilfreich, und stattdessen in echte Dialoge zu kommen.  

Wann hat unser Streit angefangen? War es schon vor den Kindern so? Was hat sich mit unserer Elternschaft verändert? Wie geht es mir in unserer Familie? Fühle ich mich als wertvoller Teil der Gemeinschaft oder habe ich das Gefühl, nicht gesehen und nicht gewürdigt zu werden? Wann werte ich mich oder mein Gegenüber ab? Wie kommt es dazu? Was brauche ich, damit es mir gut geht? 

Wie wollen wir unsere gemeinsame Zeit gestalten, wie viel Freiraum brauche ich, wie viel du? Was würde uns Freude machen? 

Die meisten Menschen sind nicht geübt, in einen solchen persönlichen Austausch zu kommen, und manchmal hilft es (gemeinsam?) zu lesen, wie persönliche Sprache und Dialoge klingen können. Eine gute Inspiration dazu ist für mich das Buch von Jesper  Juul „Was Familien trägt – Werte in Erziehung und Partnerschaft.“  

Vielleicht habt ihr Lust, gemeinsam wie zwei Schatzsucher nach den „guten Gründen“ Ausschau zu halten, indem ihr euch selbst und einander besser kennenlernt und schaut, was ihr braucht und was euch guttut, und Wege zu finden für ein freundliches, zugewandtes, unterstützendes und wertschätzendes Miteinander. 

Ich wünsche euch eine erfolgreiche Schatzsuche! 

Nicole