Ehrlich gestellt.
Mich beschäftigt die Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit in der Beziehung! Meine Frau spricht viele Themen berechtigt in Bezug auf Erziehung an, hat aber keine Kapazitäten, meine Antwort zu hören oder sogar Sichtweisen zu sehen oder verstehen!
Oft stimme ich ihr im Grundsatz zu: Zum Beispiel in Bezug auf gesunde und nicht einseitige Ernährung der Kinder. Im Grundsatz stimmen wir überein. Aber die Art und Weise, wie sie es den Kindern gegenüber erklärt, würde ich gerne anders formulieren. Meine Einwände und Meinungen werden nicht gehört! Es wird gleich „gegen“ meine Aussage argumentiert beziehungsweise unterstellt, mich würde es nicht interessieren.
Nach den oft anstrengenden Tagen bleibt uns abends, wenn die Kinder schlafen, kaum ruhige Zeit, um ohne Ablenkung miteinander zu sprechen. Wenn wir dann reden, geht’s meist mit einem Thema los – aber schnell kommen viele andere Punkte dazu, die meine Frau beschäftigen oder stören. Ich schaffe es dann nicht so richtig, das Gespräch bei einem Thema zu halten. Für mich fühlt es sich oft wie ein Rundumschlag an, und meistens eher einseitig. Nach einer Weile höre ich dann nur noch zu und breche das Gespräch teilweise ab, weil ich nicht mehr richtig weiterweiß.
Ich würde meiner Frau gerne vermitteln, dass wir bei vielen Dingen gar nicht so weit auseinanderliegen – aber dass es sich oft nach einer Schwarz-Weiß-Betrachtung anfühlt, ohne Mittelweg oder Kompromiss. Dazu kommt, dass wir meistens müde sind und schon mit unseren „Vorannahmen“ in die Gespräche gehen, was es nicht einfacher macht, ruhig zu reden. Wir hatten ja mal angefangen, diese Mental-Load-Umfrage auszufüllen (kam die eigentlich mal von euch?). Leider haben wir die Auswertung bisher nie besprochen. Ich fände es hilfreich, wenn meine Frau mir konkreter sagen kann, in welchen Bereichen ich sie beim Mental Load besser unterstützen kann.
unserer Expertin.
Lieber Leser,
vielen Dank für Deine Frage. Ich denke, dass Du damit ein Thema offenlegst, das in vielen Familien vorkommt. So ist es nicht nur die klassische Rollenverteilung, in die wir bedauerlicherweise immer wieder zwangsläufig zurückfallen, sondern auch die Dynamiken innerhalb dieser Rollenverteilung; mangelnder Kontakt und oberflächliche Kommunikation lassen den Eindruck entstehen, dass der Mann sich eigentlich nicht wirklich interessiert und er auch keine Meinung zu Erziehungsthemen hat, sich lieber raushält und es der Frau irgendwie auch ganz recht ist, weil es schneller und besser wird, wenn Sie es selber beziehungsweise alleine macht. Und für den Mann ist dies entlastend in seinem Alltag oder er versucht potenzielle Konflikte zu vermeiden, indem er nicht anspricht, wie es ihm damit geht und was ihm fehlt.
Was steckt dahinter, dass Eltern zwischen guten Absichten und erschöpften Ohren vom gemeinsamen Ziel abdriften? Vom Ziel, gemeinsam eine Familie zu sein, Kinder zu haben und diese nach eigenen Werten – vor allem nicht so, wie es die Eltern der Herkunftsfamilien gemacht haben – aufwachsen zu lassen?!
Erst Gefühle, dann Alltag!
Wieso verlieren wir im Alltag aus den Augen, wofür wir uns einst miteinander verbunden haben und fühlten? Auf emotionaler Ebene gibt es eine unzählige Fragen, die für diese Verbindung oder Distanz mitverantwortlich sein können:
Sprecht Ihr über eigene Gefühle und Eure individuellen Erlebenswelten?
Wisst Ihr noch voneinander, wie es aussieht im Partner oder in der Partnerin?
Weiß Deine Frau, dass Du das Gefühl hast, dass gegen Dich argumentiert wird & was dieses Gefühl in Dir auslöst?
Und weiß sie, was Du fühlst, wenn sie Dir sagt, dass Du Dich nicht für Familienangelegenheiten interessierst?
Und weißt Du, wo genau Deine Frau dieses Desinteresse empfindet?
Meint sie, dass Du Dich beispielsweise mit dem Thema Ernährung nicht genug auseinandersetzt?
Oder fühlt es sich für sie so an, als würdest Du Dich nicht für sie und ihr Engagement für die Familie interessieren?
Fehlt ihr als Frau Wertschätzung und Anerkennung von Ihrem Ehemann?
Sich mit solchen Gedanken und Fragen auseinanderzusetzen braucht Zeit und Energie. Du schreibst, dass Ihr kaum Gelegenheiten und Kraft habt, um miteinander zu sprechen; umso verständlicher, dass ihr nun in der Situation seid, die du beschreibst!
Sie können euch als Paar stärken und verbinden und haben so positive Auswirkungen auf die ganze Familie.
Viele Paare verlieren sich im Alltag aus den Augen. Sie lassen sich quasi von ihrem Alltag unterkriegen.
Wenn es dann endlich zu einem Austausch kommt, ist die Zeit knapp und die Energie im roten Bereich, da muss schnell alles gesagt werden, was man zu sagen hat, bevor das Kommunikationsfenster sich wieder schließt. Ist das vielleicht eine Eurer „Annahmen“, die Ihr mit in Eure Gespräche bringt; ich habe die kurze Gelegenheit, zu sagen, was mich stört und beschäftigt!?
Und dann bleibt doch wieder so vieles ungesagt und ungehört, bei dem großen Gerangel der Gefühle und Bedürfnisse, die sich aufdrängen. Und weil das so ist, werden wir darin bestätigt, dass wir nicht loswerden können, was wir auf dem Herzen haben.
Und so wird das gewünschte, erhoffte und ersehnte Miteinander häufig zu einem Gegeneinander.
Könnt Ihr Euch darauf beschränken, Euch zu sagen, was Euch beschäftigt und nicht, was Euch stört? Das ist ein Unterschied. Wenn ein Mensch gesagt bekommt, was sein Gegenüber an ihm stört, dann hört er eine Kritik, fühlt sich an die Wand gestellt und kann sich rechtfertigen, verteidigen, angreifen oder verstummen.
Du schreibst, Du hörst nach einer Weile nur noch zu. Hörst Du zu oder verstummst Du? Sagst Du Dinge schon nicht mehr, weil Du davon ausgehst, dass Deine Frau sie eh nicht hören möchte?
Besprecht Ihr die Auswertung der Mental Load-Umfrage deswegen nicht?
Ich denke, bei Euch geht es weniger darum, Aufgaben und das Daran-Denken aufzuteilen, sondern sich über diese Belastung und Fremdbestimmung im Alltag auszutauschen. Erzählt Euch, wie es Euch geht.
Bitte Deine Frau, Dir aus ihrem Leben und ihrer Gefühlswelt zu berichten. Berichte selbst aus Deiner! Bleibt dabei jeweils bei Euch selbst. Kommt Euch wieder näher, indem Ihr neugierig bleibt, was den anderen wirklich beschäftigt. Versucht nicht, die Nöte des anderen sofort zu heilen; die Heilung kommt durch das Teilen innerer Belastungen und natürlich auch Freuden! Es geht darum, sich gesehen, wahrgenommen und verstanden zu fühlen.
Beginne ein Gespräch mit Deiner Frau darüber, dass Dir Verbundenheit fehlt. Dass Dir Eure Beziehung fehlt. Dass Du gerne wüsstest, wie es wirklich in ihr aussieht.
Oder Du stellst Vermutungen an, was in Deiner Frau los ist, indem Du Fragen stellst, wie beispielsweise: „Du bist an Deinen Grenzen, oder?“, „Fühlst Du Dich erschöpft?“, „Hast Du das Gefühl, dass ich Dich zu wenig unterstütze?“
Es kann eine Weile dauern, bis sich eine neue Ebene in der Kommunikation einstellt. Wenn Du Dich kritisiert fühlst oder den Eindruck hast, dass es wieder zu einem Rundumschlag kommt, dann sage es. Sage Deiner Frau, dass Du nicht magst, wie Ihr in letzter Zeit miteinander redet und, dass Du es Dir anders wünscht. Bleibe dabei weiterhin bei Dir, drücke aus, wie Du Dich fühlst, welche Bedürfnisse in Dir entstehen und was Du von Deiner Frau brauchen würdest.
Kurz gesagt: Wenn ihr erst über eure Gefühle sprecht und dort Klarheit, Verständnis und Verbindung schaffen könnt, bevor ihr zu den Fakten der Alltagsplanung übergeht, dann wird auch der Austausch über die alltägliche Planung viel besser funktionieren. Denn die emotionale und die faktische Ebene eurer Gespräche wird sich nicht mehr so stark miteinander vermischen.
Die eigene Rollen verstehen
Wenn Ihr wieder mehr im Kontakt seid und geübt habt, vom eigenen Erleben und der eigenen Welt zu berichten und dabei jeder bei sich bleiben kann, sprecht auch über Euer Erleben der eigenen Rolle in der Familie.
Bitte Deine Frau, Dir zu erzählen, wie es ist Mutter zu sein. Frage sie zum Beispiel: „Wie fühlt es sich (für Dich) an, Mutter zu sein? Ich glaube, es ist so anders als das Vatersein. Was beschäftigt Dich, beunruhigt Dich oder ist einfach so unglaublich schön?
Auch wenn wir uns alle wünschen, dass die Rollen und Aufgaben gleichberechtigt und gerecht verteilt sind, selbst wenn es gelingt, dass offiziell jeder gleich viel investiert und verantwortlich ist, kann es nie wirklich ausgewogen sein. Die Grundeinstellung, persönliche Erfahrungen, Glaubenssätze und innere Antreiber, gemachte Erfahrungen, Belastbarkeitsempfinden, Stresstoleranz, Umgang mit Herausforderungen – ja selbst die Wahrnehmung, ob es eine Herausforderung gibt oder eine Situation der ganz normale Wahnsinn ist, ist dem subjektiven Eindruck geschuldet.
Das Bedürfnis nach Freiräumen und das daraus entstehende Gefühl von Fremdbestimmung prägen zusätzlich, wie jemand das Familienleben empfindet.
All das gilt es immer wieder vom Partner zu erfahren, zu hören, zu verstehen, was ihn bewegt und antreibt. Und ihn dafür an der eigenen Erlebniswelt teilhaben zu lassen.
Auf diese Art kann man auch ansprechen, was einen belastet und stört.
Etwa: „Wenn Du den Kindern etwas erklärst, dann tust Du es anders, als ich es tun würde. Wenn ich Dir dabei zuhöre, entsteht in mir das Gefühl, dass…“
„Ich habe vor ein paar Tagen versucht, Dir meine Meinung dazu zu sagen, vielleicht kam es belehrend oder irgendwie anders negativ bei Dir an, das war nicht meine Absicht. Ich hatte den Eindruck, dass Dir meine Meinung dazu egal ist und das löste … in mir aus. Ich wünsche mir, dass wir darüber reden können, ohne den anderen verkehrt zu machen. Es geht mir nicht darum, meine Meinung durchzusetzen, ich möchte einfach nur meine Perspektiven dazu schildern und mit Dir, meiner Frau, in einem Boot sitzen“
Wenn Deine Frau „jetzt“ nicht darüber reden möchte, dann bringe zum Ausdruck, dass es Dir wichtig ist und Du Dich dafür gerne zu einem Spaziergang oder ähnlichem verabreden möchtest. Der Weg zu besserem Austausch führt nicht über die Fakten des Alltags, sondern über eure Gefühle!
Ich hoffe, meine Antwort hilft Euch, aus Eurer Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit herauszufinden, wieder in Kontakt zu kommen und aus dem gefühlten Gegeneinander ins Miteinander zu kommen.
Ich wünsche Euch gutes Gelingen,
Eure Ann Christin Helms
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