Ehrlich gestellt.
Mein Mann und ich sind stolze Eltern von zwei Kindern (3 und 0 Jahre) und versuchen, uns im Wahnsinn zwischen Alltagsherausforderungen, Kinderkrankheiten und all den vielfältigen Bedürfnissen nicht aus den Augen zu verlieren.
Momentan sind wir sehr klassisch aufgeteilt und ich kümmere mich in Elternzeit um unser kleines Baby und die Dreijährige, während mein Mann Vollzeit (mit Überstunden) arbeiten geht.
Unserer beider Tage sind lang, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise herausfordernd: Ich stille, mache den Großteil im Haushalt und kümmere mich um sehr viele Bedürfnisse von kleinen Menschen. Die damit einhergehende Fremdbestimmung sowie die Flexibilität, die mir der Alltag abverlangt, lassen mich abends oft ziemlich erschöpft auf dem Sofa sitzen.
Mein Mann arbeitet den ganzen Tag oft hochkonzentriert und ist abends ebenfalls erledigt. Bei ihm kommt allerdings hinzu, dass er seinen Job nicht gerne mag und sich auf der Arbeit oft alleine fühlt.
Was ich also abends möchte: Entspannung, Zeit, für die Dinge, die mir Freude machen (auch mal alleine) und „schöne“ Zeit mit meinem Mann.
Mein Mann hat vor allem ein hohes Bedürfnis, seinen Arbeitstag aufzuarbeiten und die Frustration über den ungeliebten Job loszuwerden.
Unsere individuellen Bedürfnisse sind damit vor allem am Abend oft sehr gegenläufig, was immer wieder zu Konflikten führt: Wer leistet mehr? Wer hat die anstrengenderen Tage?
Ich möchte meinen Partner gerne unterstützen mit dem Bild vor Augen, dass man sich aus meiner Sicht in einer funktionierenden Beziehung gegenseitig unterstützt. Dabei fällt es mir sehr schwer, mich abzugrenzen von seinen Bedürfnissen, um mich auch mal um mich zu kümmern.
Daher treibt mich die Frage sehr um: Wie viel gegenseitige Unterstützung braucht eine Beziehung? Wann macht es mehr Sinn, dass ich auf mich schaue?
Über ein paar hilfreiche Gedanken dazu würde ich mich sehr freuen!
unserer Expertin.
Zwei erschöpfte Menschen, ein Sofa, ein Abend – aber statt Nähe entsteht Streit. Oder noch mehr Erschöpfung.
Wer war heute mehr am Limit? Wer braucht jetzt mehr Raum?Das ist eine Frage, die viele Eltern bewegt. Und ich bin mir sicher, dass du ganz vielen Paaren damit aus dem Herzen sprichst. Vielen Dank dafür.
Gerade in der Phase mit kleinen Kindern fühlen sich viele Paare zerrissen zwischen Verantwortung, Erschöpfung und dem Wunsch, füreinander da zu sein und sich als Liebespaar nicht zu verlieren.
Ich sage oft: Das Elternwerden ist für die Liebesbeziehung eine Verschärfung aller Konditionen.
Alles, was vorher schon herausfordernd war, wird jetzt noch deutlicher:
keine Energie,
kein Raum.
Das bedeutet nicht, dass Elternschaft automatisch Beziehung zerstört – im Gegenteil. Aber sie legt manchmal recht schonungslos offen, wo wir als Paar stehen. Und sie zwingt uns, uns mit Fragen auseinanderzusetzen, die wir vorher vielleicht aufgeschoben haben:
Wie viel tragen wir füreinander?
Wie sehr sind wir bereit, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen?
Und was bedeutet eigentlich „gegenseitige Unterstützung“?
„Gegenseitige Unterstützung“ – klingt gut, aber ist es das wirklich?
Auf den ersten Blick scheint es ja völlig klar – es liest sich fast wie ein Slogan auf einem Werbeplakat: Eine gute Beziehung lebt von Unterstützung. Wir sind füreinander da, wir teilen die Lasten, wir hören zu, wir tragen mit.
Doch wenn wir genauer hinschauen, merken wir schnell: Ganz so einfach ist es nicht.
Denn wenn Unterstützung bedeutet, dass ich meine eigenen Grenzen permanent überschreite, dass ich mich selbst verliere und gefühlt nur noch für den anderen da bin – dann wird aus Fürsorge schnell Überforderung und Überlastung.
Es geht also nicht nur um das „Wie sehr unterstütze ich?“, sondern ebenso um die Frage: „Wie sehr übernimmt jeder Verantwortung für sich selbst?“
Ohne eure Geschichte im Detail zu kennen, werfen wir einen Blick auf das, was du schilderst:
Da bleibt jemand in einem Job, in dem er unglücklich ist. Jeden Abend kommt er frustriert nach Hause, schüttet seine Sorgen bei seiner Partnerin aus – und erwartet Trost, Verständnis, vielleicht auch Lösungen. Total verständlich. Und das kann auch für eine Weile gut und richtig sein.
Wenn wir unserem Partner immer wieder das emotionale Gepäck abnehmen, das er eigentlich selbst tragen müsste, berauben wir ihn einer wichtigen Chance: der Möglichkeit, sich selbst weiterzuentwickeln. Manchmal bleibt jemand lange in solchen frustrierenden Situationen, weil Veränderung anstrengender erscheint – vor allem, wenn der andere so viel mitträgt.
Umgekehrt gilt:
„Wenn ich ständig über meine Grenzen gehe, nur um dich zu entlasten, nehme ich mir selbst die Chance, zu wachsen und für mich zu sorgen.“
Wahre Unterstützung heißt nicht, den anderen dauerhaft zu entlasten, sondern ihn zu bestärken, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Das klingt unbequem – ist aber zutiefst heilsam: Eine Beziehung, in der beide Verantwortung übernehmen, ist eine Beziehung, in der beide wachsen können.
Emotional load
Gerade Mütter erleben im Familienalltag oft, dass sie nicht nur für die praktischen Aufgaben zuständig sind – Stillen, Kochen, Aufräumen, Arzttermine – sondern auch für das emotionale Wohl der gesamten Familie. Sie sind diejenigen, die trösten, die Spannungen ausgleichen, die Stimmung stabilisieren. In der Forschung gibt es dafür den Begriff emotional load.
Viele Frauen sind genau so sozialisiert worden: Dass sie schon als junges Mädchen die Hüterin des emotionalen Gleichgewichts in der Familie sind.
Aber wenn Fürsorge immer nur in eine Richtung fließt, brennt die Person, die sie gibt, irgendwann aus. Dann bleibt keine Energie mehr für die Partnerschaft – und am Ende auch nicht mehr für die Kinder.
Deshalb ist es so wichtig, sich klarzumachen: Für das emotionale Wohl einer Familie tragen beide Partner Verantwortung. Es ist kein weiblicher Instinkt, sondern eine Haltung, die beide lernen und leben können.
Ein gutes ICH + ein gutes ICH = ein gutes WIR
Ein Satz, den ich vielen Eltern mitgebe und den ich vor allem mir selbst (und auch meinem Mann ;)) oft sage, gerade wenn es darum geht, mir was Gutes zu tun oder eine Pause zu gönnen, lautet:
Das klingt schlicht, ist aber im Alltag enorm anspruchsvoll. Denn es bedeutet: Jeder von uns muss für sich selbst sorgen. Nur wenn beide ein stabiles Fundament haben, kann daraus ein starkes Wir entstehen.
Das ist keine Einladung zum Egoismus, sondern im Gegenteil: Es ist ein Appell zur Selbstfürsorge und zur Ehrlichkeit. Ich kann nur dann wirklich für dich da sein, wenn ich nicht ständig über meine eigenen Grenzen gehe. Ich kann dir nur zuhören, wenn ich auch gelernt habe, meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.
Gleichwürdigkeit – auch in der Partnerschaft
Ein großer Wert in unserem Familienmiteinander ist die Gleichwürdigkeit. Wir betonen sie oft in der Haltung gegenüber unseren Kindern: Sie sind uns nicht gleich in Erfahrung oder Verantwortung, aber sie sind uns gleich an Würde.
Und genau so gilt es auch in Paarbeziehungen: Wir sind verschieden, wir haben unterschiedliche Bedürfnisse, wir leisten Unterschiedliches – aber wir sind gleichwürdig.
Das bedeutet: Meine Erschöpfung ist nicht mehr oder weniger wert als deine. Mein Wunsch nach Ruhe ist nicht wichtiger oder unwichtiger als dein Bedürfnis nach Austausch.
Wenn wir uns gegenseitig abwerten – „Du hast es doch viel leichter!“ oder „Ich habe viel mehr geleistet!“ – geraten wir in einen unsichtbaren Wettbewerb, der niemandem guttut.
Wenn beide am Abend erschöpft sind, hilft kein Wettbewerb, wer mehr gelitten hat. Sondern ein ehrliches und gleichwürdiges: „Ich sehe dich. Ich sehe auch mich.“
Schlüssel zur Zufriedenheit: Grenzen
Wusstest du, dass persönliche Grenzen nicht nur in Bezug auf körperliche Berührungen, sondern auch in Bezug auf Gespräche und Alleine-Zeit bestehen?
Das bedeutet:
Ich darf sagen, wenn ich eine Pause brauche. Ich darf sagen, wenn mir ein Gespräch zu anstrengend ist. Oder wenn ich ein bestimmtes Gespräch jetzt nicht führen kann oder möchte.
Ich darf sagen, wenn ich eine Zeit brauche, in der ich nicht für andere Menschen verfügbar bin.
Das ist zum Beispiel eine Zwickmühle, in der sich Mamas häufig befinden. Du bist den ganzen Tag für deine Kinder verfügbar. Die auch noch so klein sind, dass es eben so sein muss. Aber: Wie wichtig ist dann Zeit für dich, um diesen Tank wieder zu füllen?!?!
„Benenn deine Grenzen“ – das klingt banal, ist aber für viele Paare eine enorme Herausforderung.
Denn oft haben wir gelernt:
Liebe bedeutet, den anderen nicht zu belasten.
Unterstützung bedeutet, alles auszuhalten.
Doch die Wahrheit ist: Liebe entsteht nicht dadurch, dass wir unsere Grenzen verschweigen, sondern dass wir sie klar und ehrlich benennen. Nur dann kann der andere wirklich wissen, woran er ist. Nur dann kann er sich authentisch auf mich verlassen.
Gehe ich ständig über meine eigenen Grenzen, entsteht eine Schieflage. Ich unterstütze „nur noch für ihn“, nicht aus freiem Herzen, sondern aus Pflichtgefühl oder Angst vor Konflikt.
Das ist wie der Blumenstrauß, den ein Mann mitbringt, nachdem die Frau gesagt hat: „Du bringst mir ja nie Blumen.“ Er erfüllt eine Erwartung – aber die Geste berührt nicht. Weil sie nicht echt ist.
Beziehung als Spiegel
Vielleicht kennst du das: Es gab Zeiten, da lief es richtig gut zwischen euch – und manchmal wünscht man sich genau dieses Gefühl zurück. Da war es auch klar, dass du phasenweise Abend für Abend unterstützend als Gesprächspartnerin zur Verfügung stehst.
Aber unser Leben verändert sich ständig. Kinder kommen dazu, Bedürfnisse verschieben sich und plötzlich fühlt sich vieles ganz anders an. In diesen Momenten kann eine Beziehung zum Spiegel werden. Sie zeigt uns, wo unsere Grenzen liegen. Was uns fehlt. Was wir brauchen.
Das fühlt sich erstmal vielleicht unbequem und vielleicht sogar bedrohlich an. Aber es ist auch eine Chance. Denn Beziehung ist nicht nur Ort der Nähe und Unterstützung. Sie konfrontiert uns auch mit uns selbst. Wenn wir das annehmen, kann daraus etwas sehr Kraftvolles entstehen: Eine Partnerschaft, in der sich beide gesehen fühlen. Und zwei Menschen, die innerlich wachsen.
Von der Unterstützung zum echten Miteinander
Wie viel gegenseitige Unterstützung braucht eine Beziehung?
Die Antwort ist: viel – aber nicht grenzenlos viel.
Unterstützung bedeutet nicht, den anderen dauerhaft zu tragen, sondern an seiner Seite zu stehen, während er selbst Verantwortung übernimmt. (Bei deinen Kindern wirst du das in den nächsten Jahren auf wunderbare Weise erleben, wie sie Schritt für Schritt die Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen)
Unterstützung heißt: Ich bin da für dich – ohne mich selbst zu verlieren. Dann bekommen wir ein echtes, gleichwürdiges WIR, das nicht aus Pflichtgefühl entsteht, sondern aus echtem Miteinander.
Denn am Ende ist es genau so einfach – und so schwer:
Ein gutes ICH + ein gutes ICH = ein gutes WIR.
Diesen Satz schenke ich dir gern. Und vielleicht ist das heute ein guter Abend, um genau darüber zu sprechen: „Was brauchst du und was brauche ich?“
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