Darum geht es
Mir tut es sehr weh zu sehen, wie mein Sohn sieht, wie viel Liebe unsere Tochter bekommt, er aber nicht und an seinem Blick sieht man, wie traurig er darüber ist. Wie kann ich meinen Partner dazu bewegen, mehr Zeit mit seinem Stiefsohn zu verbringen?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Beratungsteam,

wir haben zu Hause eine Patchwork-Situation und es funktioniert meistens auch ganz gut.

Ich habe einen mittlerweile 8 Jährigen Sohn in die Beziehung mitgebracht. Mein Partner kam dazu, als er 3 Jahre alt war. Wir haben dann noch eine Tochter zusammen bekommen, die jetzt 2,5 Jahre alt ist. Mein Partner liebt seine Tochter natürlich über alles und zeigt das auch.

Mein Sohn muss aber eher funktionieren und die beiden sind grundsätzlich sehr verschieden, kommen also äußerst selten auf eine Ebene. Mir tut es sehr weh zu sehen, wie mein Sohn sieht, wie viel Liebe unsere Tochter bekommt, er aber nicht und an seinem Blick (oder ich interpretiere es so) sieht man, wie er traurig darüber ist.

Er sagt auch, dass er unfair behandelt wird, was wahrscheinlich aber auch leider automatisch passiert, da seine Schwester natürlich aufgrund ihres Alters mehr Aufmerksamkeit benötigt bzw. Hilfe und Rückversicherung bei Alltagsdingen.

Meine Aufgabe besteht derzeit darin, meinen Sohn mit doppelt so viel Liebe zu überhäufen, wobei ich irgendwann auch an meine Grenzen komme. Ich habe öfter mal Qualitytime mit meinem Sohn, aber mein Partner lässt sich nicht dafür begeistern.

Wir sanieren derzeit auch ein Haus und die Arbeit nimmt ihn auch sehr in Anspruch. Es wäre also in seiner kostbaren, raren Freizeit….

Ich habe tatsächlich Angst, dass wenn mein Sohn es selbst entscheiden kann, er nicht mehr zu uns kommt und wir ihn deswegen verlieren.

Wie kann ich meinen Partner davon überzeugen, dass es JETZT sehr wichtig wäre, Beziehungsarbeit zu leisten oder wie kann ich meinem Sohn diese lieblose Beziehung erleichtern?

Vielen Dank im Voraus und liebe Grüße

Die Antwort
unseres Experten.
Dein Stiefsohn braucht dich!
Mario Kappenstein — FamilyLab Deutschland

Hallo,

zunächst einmal vielen Dank für deine offenen und berührenden Worte. Es ist nicht selbstverständlich, so klar zu benennen, wo es gerade weh tut. Ich kann gut nachvollziehen, wie schmerzhaft es für dich als Mutter ist, mitzuerleben, dass dein achtjähriger Sohn von deinem Partner nicht die gleiche Zuwendung erfährt wie eure gemeinsame Tochter – und wie sehr es dich trifft, wenn du in seinen Augen Traurigkeit oder Enttäuschung siehst.

Gleichzeitig lese ich zwischen deinen Zeilen, dass ihr als Patchwork-Familie schon vieles gut meistert. Seit dein Partner in dein Leben kam – damals war dein Sohn erst drei – habt ihr euch gemeinsam ein Leben aufgebaut. Vor zweieinhalb Jahren kam eure gemeinsame Tochter dazu, die von deinem Partner über alles geliebt wird. Nur im Kontakt zu deinem Sohn scheint es zu haken: Dein Partner zieht sich eher zurück, findet selten die Ebene mit deinem Sohn, die er mit eurer Tochter ganz selbstverständlich hat.

Arbeit an Haus und Beziehung – jetzt, nicht irgendwann

Aus deinem Schreiben höre ich auch deutlich heraus, dass dein Partner nicht einfach abwesend ist. Er bringt sich stark in eure Familie ein – aktuell besonders mit viel Engagement in die Haussanierung. Das ist wertvoll und verdient Anerkennung. Gleichzeitig erlebe ich in meiner Arbeit mit Paaren immer wieder, dass Männer (und durchaus auch Frauen) sich gerne in „richtige“ Arbeit flüchten: Renovieren, Reparieren, Organisieren. Arbeit, die sichtbar ist, messbar, die man anpacken kann.

Das kann – oft unbewusst – eine Möglichkeit sein, den komplexeren, weniger greifbaren Herausforderungen der Beziehungsarbeit aus dem Weg zu gehen. Die ist nicht in Quadratmetern messbar, sondern erfordert emotionale Präsenz, Selbstreflexion und die Bereitschaft, sich auch mit unangenehmen Gefühlen auseinanderzusetzen.

Genau hier ist es entscheidend, nicht auf später zu vertrösten. Später sind die Kinder größer und machen ihr eigenes Ding. Die Chance, eine wirkliche Verbindung zu schaffen, ist jetzt. Wer wartet, bis „mehr Zeit“ ist, wartet oft für immer.

Viele von uns hoffen, der Partner werde schon von selbst merken, was fehlt. Doch wenn wir es nicht ansprechen, bleibt die Lücke bestehen – und mit ihr wächst die Enttäuschung. Diese Enttäuschung sucht sich ihren Weg: über Ärger, Rückzug, spitze Bemerkungen oder offene Wut. Je länger das so läuft, desto schwieriger wird es, wieder konstruktiv zueinanderzufinden.

Mit dem Partner arbeiten, den du hast – und mit dir selbst

Es gibt keine Beziehung, in der wir 100 % unserer Bedürfnisse erfüllt bekommen. Autsch, eine bittere Pille. Das ist ernüchternd – und gleichzeitig entlastend. Du hast den perfekten Partner verdient, ja – aber der perfekte Partner sitzt nicht vor dir. Vor dir sitzt dein Partner, mit all seinen Stärken, Schwächen, Eigenheiten und seinem ganz eigenen Gepäck.

Ihr beide bildet ein Beziehungs-Ökosystem. In so einem System hängt alles mit allem zusammen: Dein Frust wirkt auf ihn, seine Rückzüge wirken auf dich, und die Spannung zwischen euch wirkt auf die Kinder. Und wer ist in diesem System ebenfalls nicht perfekt? Genau – du 😉. Und das ist völlig in Ordnung. Niemand kann 100 % der Erwartungen seines Partners erfüllen oder der perfekte Mensch an dessen Seite sein.

Gerade deshalb lohnt es sich, mit dem Partner, den du hast, und mit dir selbst zu arbeiten. Weil ihr beide – wie wir alle – unvollkommene Menschen seid, die mitten in diesem System leben – und weil ihr die wunderbare Möglichkeit habt, gemeinsam zu wachsen.

Eigenverantwortung leben – und die ersten Schritte gehen

Bei aller berechtigten Erwartung an deinen Partner: Wenn du willst, dass sich etwas verändert, liegt es auch in deiner Verantwortung, den Stein ins Rollen zu bringen. In den Worten von Jesper Juul: Erwachsene tragen die Verantwortung für die Qualität der Beziehungen in einer Familie.

Und hier darf ich anmerken: Natürlich bringen wir alle unsere persönliche Geschichte mit – Prägungen aus der Kindheit, Erfahrungen aus früheren Beziehungen. Diese beeinflussen, wie wir Konflikte erleben, deuten und darauf reagieren. Das heißt nicht, dass deine Wahrnehmung „falsch“ ist, sondern dass sie – wie bei jedem Menschen – durch deinen eigenen Erfahrungshintergrund gefärbt ist. Auch das ist Teil der Eigenverantwortung: Sich bewusst zu machen, wie viel von dem, was ich empfinde, aus der aktuellen Situation kommt – und wie viel vielleicht aus meiner Vergangenheit.

Ich empfehle dir, die folgenden drei Schritte zu gehen, damit mehr von dem in eure Beziehung kommt, was dir wichtig ist.

1. Wachrütteln – Rock the Boat

Mach deinem Partner deutlich, dass dies kein „nice to have“-Thema ist, sondern eines, das dir wirklich wichtig ist. Wähle einen ruhigen Moment, in dem ihr ungestört sprechen könnt. Formuliere klar, dass dich das Thema schon länger beschäftigt und du nicht möchtest, dass es so weitergeht. Vielleicht so: „Schatz, ich habe ein Anliegen, das mich schon länger umtreibt. So wie es gerade läuft, möchte ich nicht weitermachen. Können wir uns heute Abend Zeit dafür nehmen?“

Dein Anliegen kannst du auf folgende Weise vorbringen, ohne deinen Partner dabei schlecht zu machen.

  • Beschreibe, was du konkret beobachtest.
  • Teile deine Interpretation dieser Beobachtung.
  • Benenne das Gefühl, das es in dir auslöst.
  • Sag, wie ein stimmiger Umgang damit aussehen könnte.

Bleib hier verbindlich, nicht angreifend. Wenn dein Partner offen und zustimmend reagiert: wunderbar. Fokussiere dich jetzt auf den 2. Schritt.

Wenn nicht, überlege dir, externe Unterstützung einzubeziehen. Es geht um eure Familie – und besonders um deinen Sohn.

2. Brücken bauen – Make it Easy

Erwarte nicht, dass er sofort weiß, wie er den Kontakt zu deinem Sohn gestalten soll. Hilf ihm, indem du ihm ganz konkrete, machbare Ideen gibst – und vielleicht sogar anbietest, ihm den Start zu erleichtern. Erinnere ihn an die liebevollen Momente mit eurer Tochter und wie sehr ihr alle davon profitiert. Gib ihm konkrete Ideen: ein Lego-Projekt starten, auf den Spielplatz gehen oder deinen Sohn auf die Baustelle mitnehmen. Du hast geschrieben, dass die beiden grundsätzlich sehr verschieden sind. Vielleicht lohnt es sich, wenn ihr euch gezielt Zeit nehmt – womöglich sogar zu dritt? –, um nach einem gemeinsamen Nenner zu suchen. Vielleicht kann dein Partner deinem Sohn etwas zeigen, das er selbst als Kind geliebt hat.

Je konkreter und leichter umsetzbar diese ersten Schritte sind, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er ins Handeln kommt. Und falls möglich, schaffe Gelegenheiten, die sich leicht in seinen Alltag einfügen.

3. Verstärken – Feed the Good

Alles, was er in die gewünschte Richtung unternimmt – ob klein oder groß – verdient Anerkennung. Positive Rückmeldung wirkt wie Dünger im Beziehungs-Ökosystem: Es lässt die zarten neuen Triebe wachsen. Halte dich bewusst zurück mit dem „Ja, aber …“. Sag lieber: „Das hat mich richtig gefreut. Mach das gern wieder. Wie kann ich dich dabei unterstützen?“ Auch kleine Fortschritte zählen.

Je öfter er spürt, dass sein Engagement geschätzt wird, desto mehr wird er es zeigen.

Jeder positive Moment ist ein kleiner Schritt hin zu einer stabileren und liebevolleren Beziehung zwischen ihm und deinem Sohn. 

Und Vorsicht: Hier geht es nicht um Manipulation, sondern darum, wirklich mit deinem Herzen zu sehen und Anerkennung auszusprechen, ganz ohne falsche Absicht.

Natürlich hoffen wir beide, dass dein Partner sich auf mehr Kontakt zu deinem Sohn einlässt. Doch bis dahin – oder falls es nur langsam vorangeht – kannst du schon heute viel dafür tun, dass dein Sohn sich sicher, geliebt und gesehen fühlt.

Was du direkt schon jetzt für deinen Sohn tun könntest

Plane bewusst kleine, feste Rituale ein, die nur euch beide verbinden – egal ob gemeinsames Abendlesen, ein festes Frühstücksritual am Wochenende oder ein wöchentliches „Mama-Sohn-Abenteuer“. Solche Momente geben ihm das Gefühl, einen stabilen Hafen zu haben, unabhängig von der Stimmung oder Präsenz anderer.

Sprich mit ihm über seine Gefühle – altersgerecht und ehrlich. Du kannst benennen, dass Menschen unterschiedlich sind und Liebe auf verschiedene Arten zeigen. Mach klar: Die Liebe zu ihm steht nie in Konkurrenz zur Liebe zu seiner Schwester. Das nimmt ihm den Druck, sich „beweisen“ zu müssen.

Achte auch auf dich

So sehr du für deinen Sohn da sein willst: Du bist keine unerschöpfliche Quelle. „Doppelt so viel Liebe“ klingt großartig, kann dich aber auf Dauer ausbrennen lassen. Dein Sohn profitiert mehr von einer ausgeglichenen, zugewandten Mutter als von einer erschöpften, die permanent über ihre Grenzen geht.

Setze dir selbst kleine Oasen: Zeit mit einer Freundin, ein Spaziergang, ein Hobby – etwas, das dich auftankt. Das ist keine Selbstsucht, sondern Fürsorge, die letztlich auch deinem Sohn zugutekommt.

Reduziere den Druck, alles ausgleichen zu müssen. Es geht nicht darum, fehlende Vaterliebe zu ersetzen, sondern um das, was du geben kannst: echte, präsente Zuwendung. Qualität schlägt Quantität.

Und vergiss nicht: Du bist bereits jetzt der wichtigste emotionale Anker für deinen Sohn. Wenn du gut für dich sorgst, stärkst du ihn – und schaffst zugleich die Kraft, auch in der Paarbeziehung dranzubleiben.

Sprich mit Herz – nicht mit Härte

„Remember Love“ – so nennt es Terry Real, der Begründer der Relational Life Therapy. Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern auch eine Haltung. Sie bedeutet: Ich spreche klar aus, was mir wichtig ist – aber ich vergesse dabei nicht, dass wir auf derselben Seite stehen und ein Team sind.

Härte verschließt Türen, liebevolle Bestimmtheit öffnet sie. Dein Ziel ist nicht, Recht zu bekommen – sondern gemeinsam eine Lösung zu finden, die euch und deinem Sohn guttut.

Ich wünsche dir, dass dein Partner erkennt, wie kostbar diese Chance ist – für dich, für ihn und für deinen Sohn. Dass er den Mut findet, sein Herz zu öffnen, und die Bereitschaft entwickelt, den Weg zu einer liebevollen, tragfähigen Beziehung zu gehen. Nicht irgendwann, wenn die Umstände günstiger scheinen, sondern genau jetzt, wo ihr als Familie jeden gemeinsamen Moment nutzen könnt, um Nähe, Vertrauen und Verbundenheit wachsen zu lassen.

Von Herzen alles Gute,

Mario