Darum geht es
Unser Sohn zögert jeden Aufbruch hinaus – und wir Eltern streiten darum, wie wir richtig reagieren sollen: Wie finden wir einen gemeinsamen Weg?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Team von GoodenoughParents,

ich würde mich wirklich freuen, wenn Ihr mir für meine Situation ein paar gute Gedanken und Ideen mitgeben könntet. Es geht darum, dass sich mein Mann und ich immer wieder arg streiten, wenn unser fast vierjähriger Sohn ein bestimmtes Verhalten zeigt.

Unser Sohn ist schon immer ein sehr reizoffenes und gefühlsstarkes Kind und neigt zu vielen Wutanfällen. Besonders schwer fallen ihm Übergänge. Zum Beispiel beim Fertigmachen. Trotz vorheriger Ankündigung, dass wir gleich loswollen, kommt es in solchen Übergangs-Situationen oft zu Eskalationen. Mein Sohn macht sich nicht fertig, sondern beschäftigt sich mit etwas anderem. So lange, bis seine kleine Schwester, mein Mann und ich alle um ihn stehen und warten. Dann stresst es ihn, wenn wir ihn zur Eile drängen, dabei hatte er ja bereits sehr viel Zeit.

Er schreit dann, dass wir ihn in Ruhe lassen sollen, haut, tritt uns, macht Gegenstände kaputt und schreit lautstark.

Mein Mann will in diesen Situationen einfach gehen und ihn stehen lassen.

Ich verhalte mich anders. Ich möchte seine Wut begleiten, biete ihm auch mal Alternativen an, damit die Wut nicht so hochkocht und versuche dem Streit aus dem Weg zu gehen. Mein Mann ist der Meinung, dass durch meinen Umgang erst das Verhalten meines Sohnes entsteht, beziehungsweise es bestehen bleibt. Ich würde ihn verhätscheln und er sei schon fast vier und alt genug zu lernen, dass so ein Verhalten nicht mit Aufmerksamkeit belohnt wird. Auch wenn ich das jetzt so schreibe, will ich klarstellen, dass mein Mann ein sehr liebevoller Papa ist, der schon immer viel Zeit mit seinen Kindern verbracht hat. Er kann die Wut meines Sohnes oft auffangen. Bloß in solchen Aufbruch-Situation hat er überhaupt kein Verständnis für die Gefühle meines Sohnes.

Ein kleines Beispiel, um es zu verdeutlichen. Wir waren gestern am Spielplatz. Unser Sohn war sehr enttäuscht, dass er keinen seiner Freunde dort angetroffen hatte, konnte dennoch schön spielen. Den Aufbruch haben wir lange angekündigt. Er wünscht sich oft, dass eine Stoppuhr abläuft und wir hatten uns auf 5 letzte Minuten geeinigt. Als die Stoppuhr klingelte und wir alle bereit waren aufzubrechen, wollte er nicht los. Er bräuchte noch seinen Stock, mit dem er gespielt hatte. Dieser Stock war jedoch nicht in der Nähe und wir konnten ja schlecht den ganzen Spielplatz danach absuchen. Ich versuchte zu vermitteln, zeigte einen anderen Stock, sagte ihm wir hätten zuhause Stöcke, aber es nützte nichts. Mein Sohn tobte, schrie und wurde aggressiv. Mein Mann wurde immer wütender, weil ich seiner Meinung nach die Situation in die Länge zog. Er wollte einfach gehen und ihn stehen lassen, da er den Nachhauseweg gut kenne. Das ist mir allerdings zu gefährlich. Der Heimweg wäre 1,5km und es geht über eine vielbefahrene Straße. Wenn ich einfach gehen würde, hätte ich große Angst um ihn.  Also stritten dann auch mein Mann und ich- ein Teufelskreis.

Nun möchte mein Mann nichts mehr mit mir und meinem Sohn gemeinsam unternehmen, weil er das nicht mehr ertragen könne, wie ich mich verhalte. Wir sind beide vom eigenen Weg überzeugt und lehnen den jeweiligen Weg des anderen ab. Aber wir sind doch eine Familie. Ich möchte nicht, dass wir Ausflüge nur noch getrennt verbringen. So wie es aktuell ist, geht es jedem schlecht. Aber wir finden auch keinen Ausweg aus dem Ganzen. Es wiederholt sich einfach immer wieder.

Ich suche nicht nach der Antwort, wessen Weg der Richtige ist. Vielmehr würde ich mir wünschen, dass ihr mir einen Weg aufzeigt, aus der verfahrenen Situation zu entkommen. 

Vielen lieben Dank im Voraus!

Die Antwort
unserer Expertin.
Streit bei jedem Aufbruch
Dr. Maria Rockenfeller — FamilyLab Deutschland

Ganz herzlichen Dank für deine Nachricht und deine Frage. Als Erstes möchte ich sagen, dass ich es als eine ganz wichtige Ausgangslage ansehe, dass es dir nicht darum geht, wer von euch beiden recht hat, sondern darum, eine Lösung dafür zu finden, wie ihr mit euren unterschiedlichen Sichtweisen umgehen könnt.

Aufbrüche und Absprachen mit 3-Jährigen

Bevor wir zu euren Elternperspektiven kommen, möchte ich kurz auf euren Sohn schauen. Gerade für gefühlsstarke Kinder sind Übergänge häufig mit viel Stress verbunden. Das Nervensystem muss sich von einer Situation lösen und auf eine neue einstellen. Dazu kommt, dass er sich mit Ende drei, Anfang vier mitten in der Autonomiephase befindet. Selbst über sich zu entscheiden ist jetzt ein besonders wichtiges Bedürfnis für ihn. Gleichzeitig muss er sich im Alltag ständig anpassen, im Kindergarten und auch zuhause. Und mit einer kleinen Schwester gibt es aktuell wahrscheinlich nochmal mehr Situationen, in denen er warten oder eigene Bedürfnisse zurückstellen muss. Außerdem wirkt er neben ihr möglicherweise manchmal schon größer als er ist. Er ist der große Bruder – und gleichzeitig selbst erst drei.

Und in diesem Alter können Kinder sogenannte „Absprachen“ auch noch nicht so einhalten wie Erwachsene. Impulskontrolle, Selbstregulation, Frustrationstoleranz und Zeitverständnis sind noch lange nicht ausreichend entwickelt. Er kann fünf Minuten vorher also durchaus zustimmen, dass es gleich losgeht – und fünf Minuten später trotzdem nicht entsprechend handeln.

Abgesehen davon handelt es sich in der Regel nicht um eine Absprache, sondern um eine Information, die unsere Kinder von uns bekommen. Sie haben keine wirkliche Wahl. Das ist in Ordnung; ich finde es nur wichtig, dass wir uns als Eltern dessen bewusst sind. Denn dann sehen wir kein Kind, das sein Versprechen gebrochen hat, sondern eines, das keine wirkliche andere Option hatte, als der Entscheidung der Erwachsenen zuzustimmen.

Eure eigenen Motivationen verstehen

All dieses Hintergrundwissen kann beeinflussen, wie ihr das Verhalten eures Kindes einordnet. Dazu beschreibst du, dass dein Mann Wutausbrüche eures Sohnes grundsätzlich gut begleiten kann. Umso spannender könnte es für ihn sein, hinzuschauen, was gerade in solchen Aufbruchsituationen in ihm passiert. Nach deiner Beschreibung könnte es ein Satz sein, wie:

„Wenn wir ihm bei unerwünschtem Verhalten Aufmerksamkeit schenken, verstärken wir das nur.“

Falls solche Gedanken auftauchen, könnte es hilfreich sein zu unterscheiden: 

Was daran ist bewusst gelebte Erziehungsansicht und was entsteht vor allem aus dem Stress in der Situation?

Von meiner Seite kann ich euch sagen, dass das Verhalten eures 3-jährigen Sohnes absolut entwicklungsgerecht ist und dass wir Kinder nicht verhätscheln, wenn wir uns ihnen liebevoll zuwenden, wenn sie etwas anderes wollen als wir. Ganz im Gegenteil: das Kind spürt, dass auch sein Bedürfnis gesehen wird. Das heißt jedoch nicht, dass wir unsere elterlichen Entscheidungen davon abhängig machen. Und uns vom Gefühlsstrom des Kindes mitreißen lassen. Das kann es dem Kind nämlich tatsächlich noch schwerer machen. 

Und nun lass uns darauf schauen, was in solchen Situationen in dir passiert. Du schreibst, dass du versuchst, Streit aus dem Weg zu gehen. Hier könnte zunächst die Frage interessant sein, wie es dir grundsätzlich mit unangenehmen Gefühlen anderer geht. Hast du möglicherweise regelmäßig das Gefühl, für die Gefühle anderer verantwortlich zu sein? Oder schwappen die Gefühle anderer leicht auf dich über und es fällt dir schwer, dich davon abzugrenzen? 

Falls ja, bist du damit nicht alleine. Das geht sehr vielen Eltern in unserer Generation so. Und gerade bei einem gefühlsstarken Kind können wir als Eltern schnell in einen Modus geraten, wo wir versuchen, dem Kind alles recht zu machen, um ja nicht schon wieder einen Gefühlsausbruch begleiten zu müssen. Und auch das ist sehr verständlich und überaus menschlich. Und gleichzeitig leider nicht hilfreich, weil wir dadurch in Stress geraten können, was sich auf das Nervensystem des Kindes übertragen und dadurch noch mehr Unruhe in die Situation bringen kann. 

Was ein Kind, das ein „Nein“ hört, braucht, ist ein elterliches Nervensystem, das ausstrahlt: 

Ich weiß, dass ich gerade eine Entscheidung treffe, die dich sehr frustriert. Und ich bin da für dich. Und gleichzeitig mache ich meine Entscheidung nicht von den Gefühlen abhängig, die dadurch in dir ausgelöst werden. 

So ein Umgang – den wir in kleinen Schritten und mit viel Selbstmitgefühl üben dürfen – gibt dem Kind Sicherheit und Orientierung. Also genau das, was es in einer solchen Situation braucht.

Ganz konkret könntest du dich das nächste Mal also zum Beispiel daran erinnern, dass in solchen Situationen weniger oft mehr ist. Du kannst also gerne ein oder zwei Angebote machen, wie beispielsweise einen anderen Stock anzubieten oder für einen kurzen Moment gemeinsam nach seinem Stock zu suchen. Wenn das aber nicht hilfreich ist, kann es sinnvoll sein, dass du dich eher aufs Handeln konzentrierst:

„Ich höre, dass du den Stock haben möchtest. Ich möchte jetzt nach Hause. Möchtest du laufen oder getragen werden?“

Und je nach Situation kann es sich am Ende auch so anhören:

„Ich höre, dass du noch bleiben möchtest. Und ich nehme dich jetzt hoch und wir gehen nach Hause.“ 

Und das Wichtige dabei ist: dein Sohn darf darüber frustriert und wütend sein. Wir dürfen Kinder frustrieren. Was wir nicht wollen, ist, sie falsch zu machen, indem wir sie zum Beispiel dafür beschämen, dass sie diese Gefühle haben. Also im Sinne von: „Immer musst du so ein Theater machen.“ Oder „Jetzt stell dich nicht so an, du wusstest doch, dass wir gleich gehen.“

Dadurch bekommt das Kind das Gefühl, es stimmt etwas nicht mit ihm. Und das kann sich unter anderem negativ auf seinen Selbstwert auswirken.

Wo beginnen eure roten Bereiche?

Was mir bei all den Vorschlägen für einen möglichen Umgang ganz besonders wichtig ist zu betonen, ist, dass ihr es als Eltern unterschiedlich machen dürft!

Ihr müsst keine Kopie voneinander darstellen.

Und gleichzeitig kann es hilfreich sein, miteinander zu klären, wo für jeden von euch ein roter Bereich beginnt – also wo etwas für euch nicht mehr verhandelbar ist – und wo es einen orangenen Bereich gibt, in dem unterschiedliche Wege möglich sind. Vielleicht beginnt dein roter Bereich damit, eurem Sohn damit zu drohen, ohne ihn aufzubrechen. Wann ist für dich die Grenze erreicht? Und genauso wichtig wäre die Frage: Wo beginnt für deinen Mann der rote Bereich? Euren dreijährigen Sohn allein anderthalb Kilometer nach Hause gehen zu lassen, würde ich allerdings außerhalb dieser Bereiche einordnen: Das wäre auch aus gesetzlicher Sicht eine Verletzung eurer elterlichen Aufsichtspflicht und ist keine individuelle, pädagogische Frage.

Auch für gemeinsame Ausflüge könnte die Klärung dieser Bereiche möglicherweise Entlastung bringen. Wenn dein Mann merkt, dass er es nicht mehr aushält, wenn sich der Aufbruch wieder und wieder verzögert, könnte er beispielsweise mit eurer Tochter schon nach Hause gehen und sich dort um andere Dinge kümmern. Und ein nächstes Mal, wenn er den Aufbruch übernimmt, darf er innerhalb eures gemeinsamen Rahmens seinen Weg finden. So müsst ihr gemeinsame Unternehmungen nicht grundsätzlich vermeiden, sondern könnt Verantwortung auch gleichberechtigt aufteilen. Und für den Fall, dass sich im Laufe der Zeit die Dynamik entwickeln sollte, dass dein Partner regelmäßig vorausgeht und du sehr viel häufiger den wütenden 3-jährigen begleitest, geht dazu gerne erneut ins Gespräch.

Und ganz grundsätzlich könnte die entscheidende Frage für euch sein: Was brauchen wir, damit unsere unterschiedlichen Sichtweisen nebeneinander bestehen können? Wo brauchen wir einen gemeinsamen Rahmen, und wo können wir dem anderen zugestehen, seinen eigenen Weg zu gehen?

Und aus meiner Sicht lohnt es sich, sogar noch einen Schritt weiterzugehen und nicht nur zu schauen, wie ihr die Unterschiede des anderen aushalten könnt, sondern auch, was ihr jeweils daraus mitnehmen könnt. In deinem Wunsch, euren Sohn mit seinen Gefühlen nicht allein zu lassen, liegt etwas Wertvolles – genauso wie in der Klarheit deines Mannes darüber, wann für ihn eine Grenze erreicht ist. Auf den ersten Blick könnte es so aussehen, als würden sich diese Haltungen nur widersprechen, vielleicht könnt ihr euch dadurch aber sogar gegenseitig ergänzen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch nur das Beste!

Alles Liebe
Maria