Darum geht es
Mein Mann verzettelt sich in tausenden Projekten, die sehr viel Zeit brauchen. Ich nehme mich immer mehr zurück in der Hoffnung, dass bald Ruhe einkehrt. Aber die Dynamik endet nicht. Wie kommen wir da raus?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Mein Mann und ich haben zwei Kinder (bald 4 und 1). Mein Mann geht arbeiten und ist aufgrund des langen Anfahrtswegs oft 12 Stunden unterwegs; ich bin in Elternzeit (Kind 2 noch zu Hause) und genieße das meistens. Ich übernehme den größten Teil des Haushalts sowie die Hauptverantwortung für alles rund um die Kinder. Das ist für mich aktuell auch okay. 

Mein Mann hat neben seiner Erwerbsarbeit ganz viele Projekte rund um Haus und Garten (Hochbeet bauen, große Solaranlage, Bewässerungssystem installieren, immer wieder neu den Keller aufräumen und ausmisten etc), eine kleine selbständige Arbeit, und wird auch immer von seinen Eltern eingespannt, mit denen wir zusammen im Haus wohnen. Auch zwei Ehrenämter hat er, die ich beide prinzipiell gut und wichtig finde, die aber auch wertvolle Zeit schlucken. 

Ich habe lange versucht ihm so viel wie möglich den Rücken für seine Projekte freizuhalten und auch in der Zeit, in der er nicht arbeitet, die Kinder überdurchschnittlich zu übernehmen und den Haushalt fast alleine zu stemmen (Manchmal ist sogar ein Streitpunkt, dass er zu viele Aufgaben aus „meinen“ Ressorts übernimmt). Immer in der Hoffnung: wenn ich das noch ein paar Wochen mache, ist er fertig und es wird entspannter. Leider werden seine Projekte und Aufgaben immer mehr statt weniger. Ich selbst bin es gewohnt, Aufgaben schnell und effizient (nicht immer perfekt) zu erledigen. Meist erledige ich sie gemeinsam mit der kleinen Maus, denn anders geht es nicht.

Mein Mann dagegen will alles perfekt machen und braucht dadurch in meinen Augen oft recht lange. Mich frustriert das alles, weil ich in der Zeit (also an den Wochenenden) die Kinder betreue, wenig Zeit für mich habe, aber auch keine Familienzeit möglich ist. Auch ärgert es mich, dass er seine Aufgaben meist ohne Kind und daher mit mehr Ruhe erledigen kann, während bei mir fast immer mindestens ein Kind oder zumindest das Babyphone dabei ist. Mein Mann fühlt sich mit der Anzahl seiner Aufgaben zunehmend überfordert und von mir stark unter Druck gesetzt, weil ich ihn anhalte, auch Zeit für die Familie zu haben. Ihm geht es aktuell damit gar nicht gut.

An (schlechter) Kommunikation zum Thema mangelt es nicht: Wir streiten viel darüber, welche Aufgaben jetzt nötig sind und wie wir unsere „Freizeit“ aufteilen. Er sagt auch immer wieder, dass ich mir unbedingt Zeit für mich nehmen soll, aber angesichts seiner Überforderung fühlt sich das so schlecht an, dass ich es sehr selten tue. 

Ein „Dorf“ haben wir im Grunde mit den Schwiegereltern im Haus, meinen Eltern in der Nähe sowie der Kita für den großen, aber irgendwie reicht es nicht – ich kann es mir selbst nicht erklären. Ich habe ein regelrecht schlechtes Gewissen, so privilegiert zu sein und dennoch gefühlt keine Zeit zu haben.

Wie können wir beide da entspannter werden und vor allem weniger streiten? 

Die Antwort
unseres Experten.
Noch ein paar Wochen, dann wird es entspannter!
Mario Kappenstein — FamilyLab Deutschland

Liebe Leserin,

zunächst einmal: Danke für deine offene und ehrliche Nachricht.

Während ich sie gelesen habe, dachte ich mehrfach: Kein Wunder, dass euch beiden gerade die Luft ausgeht.

Und ich möchte gleich zu Beginn etwas klar sagen: Ich lese von zwei Menschen, die unglaublich viel Verantwortung tragen, beide auf ihre Weise enorm viel geben – und dabei zunehmend erschöpft wirken.

Du kümmerst dich um zwei kleine Kinder, Haushalt und Familienorganisation. Dein Mann ist beruflich stark eingespannt, übernimmt Projekte rund um Haus und Garten, Verantwortung gegenüber seinen Eltern, Ehrenämter und eine Selbstständigkeit.

Von außen betrachtet könnte man sagen: Ihr stemmt eine Menge. Ihr versucht beide, eurer Familie ein gutes Leben zu ermöglichen.

Und gleichzeitig scheint euch genau das langsam aufzufressen.

Denn beim Lesen deiner Nachricht blieb ich immer wieder an einem Satz hängen:

Das ist für mich aktuell auch okay.“

Und ehrlich gesagt glaube ich dir diesen Satz – und gleichzeitig glaube ich ihn dir nicht ganz.

Ich glaube dir sofort, dass ein Teil von dir gerne Verantwortung übernimmt. Gleichzeitig lese ich in deinen Zeilen Frust, Ärger und Einsamkeit. Ärger darüber, dass dein Mann oft ohne Kind Projekte erledigen kann, während du fast immer ein Babyphone dabei hast. Frust darüber, dass Familienzeit kaum stattfindet. Und Schmerz darüber, dass ihr euch zunehmend in Konflikten und Streitereien verliert.

Das macht mich neugierig. Weniger auf das, was ihr tut, sondern auf das, was euch vielleicht innerlich steuert.

Ich glaube, ihr habt eine Dynamik entwickelt, die viele Paare mit kleinen Kindern kennen: Ihr seid von einer face-to-face-Beziehung immer mehr in eine side-by-side-Beziehung gerutscht.

Wenn Beziehung in den Funktionsmodus kippt

Zu Beginn einer Partnerschaft begegnen wir uns permanent zugewandt (face-to-face) und neugierig aufeinander. Wir wollen wissen: Wer bist du eigentlich?

Mit Kindern verändert sich das fast zwangsläufig. Plötzlich gibt es Termine, Schlafmangel, Verantwortung, Kita, Finanzen, Wäsche und To-do-Listen. Viele Paare wechseln dann schleichend vom Begegnungsmodus in den Funktionsmodus. Weg vom Miteinander-Sein hin zum Nebeneinander-Leisten (side-by-side).

Und bevor hier Missverständnisse entstehen: Dieser Modus ist nicht falsch. Kleine Kinder großzuziehen braucht Pragmatismus, Verlässlichkeit und Teamfähigkeit.

Das Problem beginnt oft erst dort, wo Paare den Weg zurück kaum noch finden. Wenn zwei Menschen irgendwann vor allem Elternteam, Organisationspartner oder Projektmanager werden – und immer seltener Liebespaar.

An dieser Stelle könnte ich jetzt die üblichen Ratschläge auspacken: mehr Paarzeit, bessere Aufgabenverteilung, mehr Selbstfürsorge, klarere Kommunikation. Alles nicht falsch.

Gleichzeitig habe ich beim Lesen deiner Nachricht den Eindruck: Über vieles davon habt ihr vermutlich längst gesprochen, gestritten oder nachgedacht.

Deshalb möchte ich dir eine unbequemere Perspektive anbieten.

Wenn uns alte Muster unbemerkt steuern

Ich frage mich nämlich, ob unter euren Konflikten etwas Tieferes wirkt. Etwas, das älter ist als eure aktuelle Situation.

Denn manchmal steuern uns in Beziehungen Verhaltensweisen, die früher einmal ausgesprochen klug waren. Vielleicht sogar notwendig. Nur merken wir oft nicht, wenn etwas, das uns früher geschützt hat, heute beginnt, unsere Beziehung zu steuern.

Beim Lesen deiner Nachricht frage ich mich zum Beispiel, ob du sehr früh gelernt hast, dich zurückzunehmen.

Ob da vielleicht ein innerer Glaubenssatz wirkt wie:

„Bevor ich dran bin, kommen erstmal alle anderen.“
„Damit hier alles läuft, muss ich mich zurücknehmen.“
„Ich darf nichts wollen und muss zufrieden sein mit dem, was ich habe.“

Solche Überzeugungen entstehen selten zufällig. Sie haben meist eine Geschichte.

Vielleicht hast du früh gelernt, dass Harmonie wichtig ist. Dass es leichter ist, Bedürfnisse zurückzustellen, durchzuhalten oder zuerst auf die anderen zu schauen. Vielleicht hast du gelernt: Ich darf keine zusätzliche Belastung sein.

Über Jahre hinweg fühlt sich dieses Verhalten irgendwann nicht mehr wie eine Strategie an, sondern wie Vernunft. Wie Liebe. Wie Verantwortungsbewusstsein.

Und oft funktioniert das lange erstaunlich gut. Menschen mit solchen Mustern sind häufig verlässlich, kümmern sich, organisieren und halten viel aus.

Bis irgendwann etwas in ihnen laut wird. Dann tauchen Ärger, Frust oder Einsamkeit auf. Oder dieser Satz: „Eigentlich ist es okay.“

Obwohl längst nicht mehr alles okay ist.

Deshalb glaube ich übrigens nicht, dass Veränderung hier so einfach ist wie: „Dann nimm dir halt mehr Zeit für dich.“

Wenn du dein Leben lang gelernt hast, dich hintenanzustellen, dann ist Selbstfürsorge nicht einfach eine Entscheidung. Dann meldet sich sofort etwas in dir, das sagt:

„Das geht jetzt nicht. Die anderen brauchen mich doch.“

Und genau deshalb fühlen sich solche Dynamiken oft so festgefahren an. Weil beide Menschen unbewusst ihre eigenen Strategien mitbringen, die sich wie eine zweite Haut anfühlen.

Was euch vielleicht gegenseitig festhält

Auch deinem Mann möchte ich vorsichtig eine Hypothese zumuten. Nicht als Diagnose, aber als Gedankenimpuls.

Viele Männer – und ich kenne diese Seite auch von mir selbst – haben gelernt, ihren Wert stark über Leistung zu definieren. Über das Gefühl, Verantwortung zu übernehmen, Dinge zu lösen, Sicherheit zu schaffen oder gebraucht zu werden.

Dahinter steckt oft ein alter Glaubenssatz: „Ich bin wertvoll, wenn ich genug leiste.“

Das Schwierige daran ist, es gibt in dieser inneren Logik oft keinen echten Zielpunkt, kein Gefühl von: Jetzt reicht es. Stattdessen wartet schon das nächste Projekt. Noch etwas erledigen. Noch etwas schaffen. Immer in der Hoffnung, dass danach endlich Ruhe einkehrt. Und irgendwann merken Menschen in solchen Dynamiken erschöpft: Dieser Moment kommt nicht wirklich. Nicht, weil sie etwas falsch machen. Sondern weil das Funktionieren selbst beginnt, den eigenen Selbstwert zu stabilisieren.

Es könnte sein, dass ihr euch gerade gegenseitig in eurer Misere – oder anders ausgedrückt in euren alten Mustern – stabilisiert.

Du hoffst vielleicht, dass irgendwann Entlastung entsteht, wenn er endlich fertig ist. Also stellst du dich weiter hinten an, machst weiter und hältst Ansprüche zurück.

Und er hofft vielleicht, dass irgendwann Ruhe einkehrt, wenn nur noch dieses eine Projekt erledigt ist. Dass dann endlich Anerkennung, Erleichterung oder das Gefühl entsteht, genug getan zu haben.

Während du dir womöglich viel weniger ein weiteres fertiges Projekt wünschst als vielmehr seine Präsenz, Verbundenheit und emotionalen Rückhalt.

Das Tragische daran ist: Solange sich eure Muster gegenseitig stabilisieren, bleibt dieser Moment aus. Nicht, weil jemand böse Absichten hätte, sondern weil beide von alten Strategien gesteuert werden, die früher hilfreich waren und heute einen Preis verlangen.

Wirkfaktoren außerhalb eurer Beziehung erkennen

Was ich ebenfalls nicht unerwähnt lassen möchte, ist eine Ebene, die über euer beider Erleben und eure Paarbeziehung hinausgeht: patriarchale Strukturen in unserer Gesellschaft. Wir mögen noch so fortschrittlich und egalitär denken, trotzdem können wir uns dem gesamtgesellschaftlichen System des Patriarchats nicht vollständig entziehen und müssen nicht selten feststellen, dass diese Strukturen von Geschlechterungleichheit und traditionellen Rollenzuschreibungen auch in unseren Beziehungen wirksam sind.

Wir mögen diese Strukturen grundsätzlich ablehnen und uns einreden, dass wir doch gleichberechtigt sind. Dennoch halten sie oft unbemerkt Einzug in unsere Beziehungen. Das Paradigma von „Männer leisten und funktionieren, Frauen versorgen und dienen“ schwingt häufig mit. Und zwar tief.

Bezogen auf eure Dynamik möchte ich sagen, dass dies in eurer Situation ebenfalls ein Faktor sein könnte, der zu der Rollenverteilung beigetragen hat, in der ihr gerade steckt. Du hältst deinem Mann den Rücken frei und dich selbst zurück, damit er gesellschaftlich anerkannten Dienst leisten und der Versorger eurer Familie sein kann. Das Perfide dabei ist, dass in vielen Paarbeziehungen – wie vermutlich auch in eurer – dieses Programm unbemerkt mitläuft und tendenziell unbewusst in klassische Rollenverteilungen mündet.

Das bedeutet jedoch nicht, dass dein Mann der Schuldige in dieser Geschichte ist. Genauso wie Frauen lernen, sich zurückzunehmen, lernen viele Männer von klein auf, dass ihr Wert vor allem darin liegt zu leisten, Verantwortung zu tragen und stark zu sein. Auch sie können in Rollenbildern gefangen sein, die sie nie bewusst gewählt haben und die sie oft ebenso wenig hinterfragen wie ihre Partnerinnen.

Nun lese ich hier von dir und deinen Gedanken. Deshalb kann ich mich nur auf das beziehen, was ich von dir und über dich erfahre. Dennoch möchte ich dir einen Impuls mitgeben: „Dare to rock the boat!“ Werde laut und rüttle. Und riskiere, dass es unbequem wird.

Solange es bequem bleibt, wird sich sehr wahrscheinlich nichts ändern.

Und dann schau, wie dein Mann reagiert und wie es ihm damit geht. Lässt er sich verletzlich und offen auf dein Anliegen ein, gut. Verteidigt er seine Position oder beginnt, sich zu rechtfertigen, dann rüttle noch stärker und mach ihm klar: Ich möchte, dass wir uns gemeinsam Unterstützung holen.

Und mit „rütteln“ meine ich nicht, zu eskalieren. Ich meine, klar und bestimmt daran festzuhalten und zu sagen: „So stimmt das hier für mich nicht mehr. Es muss sich etwas ändern. Und ich möchte das nicht gegen dich tun, sondern mit dir.“

Und auch wenn dein Mann hier seine Sichtweise nicht schildern konnte, möchte ich eines nicht ungesagt lassen: Ohne ihn an Bord wird es nicht gehen. Du kannst Verantwortung für deinen Teil übernehmen und deine Stimme erheben. Wenn ihr wirklich weiterkommen und Veränderungsprozesse anstoßen wollt – das sage ich ganz klar –, muss sich auch dein Mann bewegen und spüren: „Wir müssen etwas verändern. So möchte ich das für uns nicht weiterleben.“

Nach meiner Erfahrung reicht es nicht aus, wenn nur eine Person im Team die Arbeit macht. Es braucht unbedingt beide.

Wenn dich davon etwas berührt, möchte ich dir – und vielleicht auch euch als Paar – drei Fragen dalassen:

Wo habe ich gelernt, so zu sein?
Wen habe ich in diesem Verhalten beobachtet?
Wann in meinem Leben war genau dieses Verhalten einmal hilfreich oder sogar notwendig?
Sind wir uns im Klaren, dass patriarchale Dynamiken in unserer Paarschaft wirken und wie wollen wir künftig bewusst damit umgehen?

Es geht dabei nicht darum, Schuldige zu finden, sondern zu verstehen und Verantwortung für die eigenen Verhaltensweisen zu übernehmen.

Denn Verstehen schafft oft etwas sehr Entlastendes: Du bist nicht das Problem. Dein Verhalten, ausgelöst durch alte Prägungen und frühere – möglicherweise sinnvolle – Überlebensstrategien sowie patriarchale, gesellschaftliche Strukturen wirkt dysfunktional auf eure Beziehung.

Und wenn es gelingt, besonders die eigenen Muster liebevoll anzuschauen, statt sie abzuwerten, entsteht etwas Neues: Wahlfreiheit.

Dann können zwei Menschen langsam anfangen, sich wieder zu fragen:

Was passiert hier eigentlich gerade mit uns?
Wonach sehnen wir uns wirklich?
Und wie schaffen wir es, dass nicht nur unsere Familie funktioniert – sondern auch unsere Beziehung wieder atmen darf?

Denn manchmal scheitern Paare nicht an mangelnder Liebe. Sie scheitern daran, dass zwei erschöpfte Menschen so sehr mit Funktionieren beschäftigt sind, dass niemand mehr bemerkt, wie einsam beide geworden sind.

Ich wünsche euch beiden die Offenheit und Kraft, neugierig dorthin zu schauen, wo alte Muster, innere Überzeugungen und unbewusste Dynamiken euer Miteinander beeinflussen. Oft sind es nicht die aktuellen Konflikte selbst, die uns festhalten, sondern die Strategien, die wir irgendwann einmal entwickelt haben, um gut durchs Leben zu kommen.

Und wenn ihr merkt, dass ihr allein immer wieder in dieselben Streitspiralen geratet, dann scheut euch nicht, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Manchmal braucht es einen geschützten Raum und einen Blick von außen, um wieder Zugang zueinander zu finden und die Beziehung zu gestalten, die ihr euch wünscht – und die ihr euren Kindern als gesundes Vorbild vorleben möchtet.

Alles Gute

Mario