Ehrlich gestellt.
Ich und mein Partner sind von der Sorte, die sich relativ oft streiten, aber auch schon mit Hilfe gelernt haben, dass das A nichts Schlechtes sein muss und B, wie wir darüber reden und Lösungen finden können.
Dennoch erschlägt uns ein Thema immer und immer wieder. Wir haben immer eine Phase, in der wir gut miteinander auskommen und dann kommt der tiefe Fall.
Mein Partner ist ein sehr impulsiver, manchmal schon cholerischer Mann, der oft seinen Unmut kundtut und das auf eine (wie ich finde) unmögliche, laute und verletzende Art. Wenn er mich dann wegen Kleinen oder Größeren Dingen anmotzt, dann entfernt sich ein Teil von mir von ihm. Geschieht das öfter in kurzer Zeit (je nach Laune vom Mann), dann traue ich mich oft nicht, das anzusprechen, aus Angst vor Wut oder Unverständnis. Dann ziehe ich mich zurück, bin distanziert.
Für meinen Partner ist dies wiederum sehr schwer aushaltbar, er sucht Nähe und Verbindung, die ich ihm aber dann einfach nicht geben kann. Ich bin verletzt und Nähe würde sich wie Verrat mir gegenüber anfühlen. Es ist dieses Spiel: Mein Mann meckert, ich suche Abstand, er sucht wenig später Nähe, bekommt diese aber nicht, er wird noch öfter wütend und verletzend, schaukelt sich immer weiter hoch, bis er platzt. Diese Wutausbrüche sind teilweise so schlimm, dass ich Angst habe, was passiert. Das verursacht in mir noch mehr Ablehnung, obwohl ich weiß, dass es ein Hilfeschrei und eine Verzweiflungstat ist. Ich verstehe, dass ihn die Ablehnung kränkt und verletzt, aber ich kann einfach nicht anders. Oft sind wir dann in so einem Modus, dass wir uns wegen jeder Kleinigkeit Vorwürfe machen, uns gegenseitig schlecht fühlen lassen.
Ich weiß, dass einer von uns diesen Teufelskreis unterbrechen müsste. Ich bin mir nämlich sehr sicher, dass wenn ich ihm mehr Zuneigung schenken würde, wir in einem viel harmonischerem Gleichgewicht wären. Aber es fällt mir durch sein Meckern und seine manchmal verletzende Art sehr schwer. Das weiß und versteht er und versucht das auch zu ändern. Dennoch ist er von Charakter einfach sehr direkt, was im Alltag für mich oft schwierig ist. Ich möchte unbedingt an unserer Beziehung festhalten, weil ich weiß, dass wir beide daran arbeiten können (und es schon mit Hilfe getan haben), zudem bin ich mir sicher, dass wir wieder viel mehr Verbindung aufbauen können, wenn unserer Kinder es dann irgendwann mehr zulassen, auch mal Paarzeit zu gestalten. Denn eigentlich passen wir ziemlich gut zusammen.
Ich bin dankbar für jeden Impuls.
unserer Expertin.
Streiten und „einen Konflikt haben“ ist nicht das Gleiche
Vielen Dank für Deine Frage. Du beschreibst den Teufelskreis, in dem ihr immer wieder steckt, deutlich und es hört sich festgefahren an. Es wirkt fast so, als würde euch eine immer wiederkehrende Dynamik überrollen und das eigentliche Thema, um das es in den jeweiligen Gesprächen geht, rückt dadurch in den Hintergrund. Gefangen in dieser Dynamik ist es dann schwierig an den Inhalt, der ja besprochen werden sollte, ranzukommen. Ich kann gut verstehen dass Du dir eine Veränderung wünscht und nicht genau weißt, wie ihr da gemeinsam rauskommt.
Am Anfang Deiner Frage hast du Euer Miteinander so beschrieben, dass ihr ein Paar seid, das oft streitet. Es ist mir ein Anliegen zu erwähnen – bevor wir auf den Teufelskreis eingehen –, dass ich es nicht so gelassen sehe, wenn Paare sagen, dass sie oft und regelmäßig streiten. Konflikte gibt es immer; das ist gesund und das muss so sein. Wenn ihr lernt Konflikte gut zu lösen, liegt darin ein großer Schatz, denn dies bringt euch eine gute Verbundenheit. Aber Streiten ist etwas anderes.
So wie ich deine Frage verstehe, ist es eine Beschreibung Eures Streitmusters. Für mich hört es sich destruktiv an und so wie ich dich verstanden habe, geht es Dir genauso. Streiten ist oft ein Ausdruck alter Kindheitswunden, die uns in Beziehungen immer wieder begegnen. In einem Streit geht es meist darum zu klären, wer Recht hat und wir agieren in alten Mustern. Nicht selten finden im Streit Verletzungen statt, die uns hinterher leid tun. Es lohnt sich, diese wiederkehrenden Muster aufzulösen. Das ist ein aktiver Prozess und passiert nicht von alleine und auch nicht nur dann, wenn der andere sein Verhalten ändert. Man kann das lernen, einen Streit zu stoppen. Und das geht gemeinsam leichter, als alleine.
Vielleicht kannst du das ja als erste Anregung in dir wirken lassen.
Walk and Talk
Bei emotionaler Erregtheit und unterschiedlich ausgeprägten Kompetenzen in Bezug auf Selbstregulation ist es oft gut, Konflikte in Bewegung zu besprechen. Vielleicht könnt ihr in einem entspannten Moment vereinbaren, dass, wenn sich ein Konflikt anbahnt, ihr euch gegenseitig daran erinnert, dass das Gespräch oder der Streit schnell in ein „Walk and Talk“ umgewandelt wird. Geht beim Reden oder Streiten spazieren – so müsst ihr euch beim Sprechen nicht anschauen, seid Schulter an Schulter mit Blick nach vorn und die Bewegung und die frische Luft helfen ganz nebenbei, das Nervensystem zu regulieren. Das bringt eine große Veränderung mit sich – probiert es mal aus!
Wichtig dabei ist es, zu formulieren, dass es für Euch beide gut wäre, spazieren zu gehen, damit IHR konstruktiv weiter sprechen könnt. Damit meine ich, dass es nicht nur wichtig für Deinen Mann ist, bei dem Gespräch in Bewegung zu sein, damit ER regulierter ist, sondern auch für dich ist es gut.
Die eigenen Muster
Wenn Du schreibst er sei impulsiv, cholerisch und laut und hat eine verletzende Art, dann möchte ich Dir gerne zurückmelden, dass Rückzug und Schweigen nicht die besseren Regulationskompetenzen sind. Jeder hat seine Muster, in die er verfällt und nicht der eine ist besser oder kompetenter als der andere. Bleib bei Dir und schaue auf Dich:
Was verschreckt Dich so an seinem Verhalten?
Wieso lähmt es Dich so?
Woher kennst Du dieses Muster von Dir?
Wie sieht Deine Wut aus?
Gibt es Situationen, in denen du mutiger bist oder bleibst?
… ein Teufelskreis kann eine Möglichkeit sein, sich selbst auf die Schliche zu kommen: zu erkennen, es zu benennen und es zu verändern.
Der Teufelskreis verändert sich, wenn du dein Verhalten veränderst – das ist der Weg, der funktioniert und das ist der Weg, der keine Einbahnstraße ist.
Das heißt, wichtig wäre es zu schauen, was Dir hilft, aus dem Rückzug rauszukommen. Nicht um Deinem Mann körperliche Nähe zur Verfügung zu stellen, sondern damit Du in Beziehung bleibst. Mit Dir und nur so dann auch mit ihm. Nicht Du musst ihn regulieren, sondern Du musst Dich regulieren und mit Dir sein. Wie kann es Euch gelingen – jedem von Euch – den Raum zwischen Reiz und Reaktion größer werden zu lassen in Situationen, in denen Ihr Euch streitet.
Was führt bei jedem Einzelnen von Euch so, wie du es beschrieben hast „zu dem tiefen Fall“? Für den tiefen Fall ist jeder selber verantwortlich und nicht der jeweils andere.
Vielleicht hilft in Bezug auf den tiefen Fall das Bild vom Fahrstuhl. Manchmal rast der innere Fahrstuhl ganz hoch in die oberste Etage vom Wolkenkratzer und manchmal saust er bis tief ins Untergeschoss. Das Ziel ist nicht, dass der Fahrstuhl sich nicht bewegt. Durch üben und erkennen kann es einem gelingen, Warnsignale frühzeitig zu erkennen und ihnen entgegen zu steuern. Es ist gut zu spüren, wann sich der innere Fahrstuhl in Bewegung setzt. Fährt er hoch und ich werde cholerisch oder fährt er runter und ich ziehe mich in mein Schneckenhaus zurück? Nach und nach kann es dann sein, dass es nicht mehr das oberste Stockwerk sein muss oder die tiefste Tiefgarage, sondern dass es sich mehr und mehr in Richtung EG einpendelt. Mal mehr, mal weniger, aber in einem gesunden Maße. In welche Etage „der Fahrstuhl fällt oder hochsteigt“ bestimmt nicht einer, sondern beide. Jeder für sich und jeder in seinem Fahrstuhl. Bleib mit in der Verantwortung, denn zum Frieden braucht es zwei.
Vielleicht hilft es dir, wenn du ihm zurück meldest:
„In unserem immer wiederkehrenden Konflikt merke ich an deiner lauten Stimme und deiner Erregtheit, wie nahe Dir unser Konflikt geht.“
„Ich empfinde es so, dass deine Stimme sehr laut wird. Mein Gefühl der Angst lähmt mich dann und ich bin nicht mehr imstande weiterzusprechen. Ich möchte weiter sprechen, aber ich weiß nicht wie.“
„Können wir in einem entspannten Moment mit Ruhe und Zeit über diesen Konflikt spazieren gehen?“
„Wenn der Konflikt uns überrollt und plötzlich da ist, habe ich das Gefühl, dass alles, was wir sagen und ausdrücken, destruktiv ist und das macht mich sehr traurig.“
„Ich möchte in diesen Momenten keine körperliche Nähe als Weg um Dir wieder nahe zu sein. Aber das heißt nicht, dass ich dich generell ablehne.“
„Mir hilft körperliche Nähe in diesen Momenten nicht, damit wir uns auf der Beziehungsebene wieder finden. Das gilt aber nur für unsere Streitsituationen. Das ist mir wichtig, dass Du das weißt, weil ich das Gefühl habe, dass Du Dich sonst generell von mir abgelehnt fühlst.“
Ich glaube, ich würde das Thema körperliche Nähe, Zuwendung und intimen Kontakt loslösen von dem von dir genannten Problem. Auch wenn du einen Zusammenhang erkennen kannst, gerät eure Intimität durch die „Vermengung“ in ein destruktives Unterfangen, was sehr schade ist. Zeit für Euch als Paar, ob mit oder ohne Intimität sollte doch unabhängig sein von Streit, egal ob konstruktiv oder destruktiv. Intimer Körperkontakt ist letzten Endes eine Möglichkeit oder Form der Kommunikation. Auch körperliche Nähe ist ein Dialog. Es ist ein aufeinander hören; auf sich UND den Partner. Die körperliche Nähe als Mittel einzusetzen, damit eine destruktive Konversation leichter oder konstruktiver erscheint, empfinde ich als schwierig.
Gemeinsam Hinschauen
Wenn sich wieder alles etwas beruhigt hat, ist es manchmal gut zu schauen: „Was war mein Auslöser an dem ich wieder in den Teufelskreis geraten bin und was war deiner?“ Probiert durch ein Wiederholen und Reflektieren von dem, was für den anderen beispielsweise der Konfliktauslöser war, zu überprüfen, ob ihr den jeweils anderen richtig verstanden habt an seinem „Triggerpunkt“.
Manchmal ist es wirklich heilsam zu erkennen, an welchen Stellen man einfach unterschiedlicher Meinung ist und dass das sein darf und normal ist – bestenfalls ohne mit Wut oder Rückzug zu reagieren. Es ist nicht immer wichtig, gleicher Meinung zu sein oder das anzustreben. Unterschiedlichkeiten können bereichern, wenn sie sein dürfen. Und manchmal ist es auch richtig gut, sich einfach im Staunen zu üben, über das, was der andere empfindet und wahrnimmt. Denn wer soll denn entscheiden, welche von Euren Wahrheiten DIE richtige ist.
Du beschreibst die Situation sehr mit dem Blick darauf, was Dein Mann braucht, und was ihm nicht gut gelingt und es klingt ein bisschen wie ein „ihm und seinen Taten und Agieren ausgeliefert sein“. Ich würde Dich gerne ermutigen, mehr mitzugestalten und nicht zu verschwinden. Bleib dabei, bleib bei Dir und das muss nicht wütend und aggressiv aussehen.
Jetzt möchte ich nochmal auf die anfängliche Anregung zurückkommen.
Es lohnt sich wirklich, mit dem destruktiven Streiten aufzuhören! Dafür ist es nötig, gut mit sich im Kontakt zu sein und aus dem „Recht haben wollen“ und „Du bist Schuld“-Denken herauszukommen. Wenn euch die alt bekannte Dynamik wieder begegnet, dann ist es gut, das Setting zu verändern (siehe walk and talk) oder kurz den Raum zu verlassen, um innezuhalten und das eigene Nervensystem zu regulieren, damit der Streit oder Teufelskreis euch nicht überrollt.
Dann nach einem kurzen Moment begegnet ihr euch wieder und probiert aus, miteinander zu reflektieren:
Was war gerade der Auslöser, was ist gerade passiert? Und in diesem neuen Anhalten und Innehalten, Hinschauen und Hinfühlen probiert ihr dann etwas Neues zu gestalten. Staunen ist vielleicht ein hilfreiches Wort.
Wahrscheinlich fühlt ihr unterschiedlich. Es ist spannend, etwas Neues in oder an seinem Partner zu entdecken. Man lernt ihn anders kennen und versteht ihn, ohne das Gleiche zu fühlen. Ohne sich wehren zu müssen, könnt ihr euch interessiert und offen zuhören. Und vielleicht erkennt ihr die Punkte, an denen ihr einfach unterschiedlicher Meinung seid.
Was hat mich gerade in welchem Moment verletzt ?
Was hat mich so wütend gemacht?
An welcher Stelle hatte ich das Gefühl, ich muss mich wehren?
An welchem Punkt habe ich das Gefühl, nicht verstanden zu werden?
An welcher Stelle habe ich mich in die Enge getrieben gefühlt?
An welchem Punkt sind die Pferde mit mir durchgegangen? o.ä.
Das wird sich sicher erstmal unbeholfen, ungeübt und neu anfühlen. Aber wenn ihr das oft genug praktiziert, dann werdet ihr sehen, welche Magie in dieser Form des miteinander Sprechens liegt.
Dann sprecht ihr miteinander und nicht gegeneinander.
In einem destruktiven Streit gelingt euch das nicht. Vielleicht holt ihr euch so selber aus dem Teufelskreis.
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