Darum geht es
Beziehungsalltag im Stress: Wie können wir in anstrengenden Phasen Druck rausnehmen statt uns gegenseitig anzuzicken?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Zusammen mit meinem Mann habe ich einen 20 Monate alten Sohn. Er ist sehr quirlig und lebhaft, kann unglaublich herzlich lachen und Freude empfinden, aber genauso vor Wut und Frust in Sekundenschnelle explodieren. Außerdem ist er durch die Kita sehr häufig krank (der erste Kita Winter war die Hölle) und insgesamt einfach ein schlechter Schläfer.

Seinen Gefühlen immer adäquat zu begegnen, fällt mir mit der chronischen Müdigkeit und neben dem Job häufig sehr schwer. An manchen Tagen habe ich das Gefühl, er nimmt mir das letzte bisschen Luft zum Atmen, weil er so fordernd ist. Dies führt auch dazu, dass mein Mann und ich uns wegen Alltagsdingen (Spülmaschine etc. ) immer wieder anzicken. Ich hätte schwören können, dass wir niemals so werden. Früher haben wir so gut wie gar nicht gestritten, jetzt sind die kleinen Anfeindungen alltäglich. 

Ich habe Angst, dass wir über die Zeit durch diese täglichen Konflikte so einen Keil zwischen uns treiben, dass wir langfristig nicht wieder zusammen finden. Ich sehe uns immer weniger als Team und wäge ständig ab, wer denn jetzt heute mehr für das Team Familie gemacht hat (insgesamt sind wir nahe dran an einer 50/50 Aufteilung, außer dass mich als Mutter alles emotional mehr belastet und mitnimmt).

Dass dieses Abwägen und Vergleichen nicht zielführend ist, weiß ich auch, aber ich kriege es im Alltag einfach nicht umgesetzt. Wir versuchen schon, uns gegenseitig Freiräume zu schaffen und uns zumindest abends mal ein paar Minuten zu unterhalten oder einen Wein o.ä. zusammen zu trinken (Weil unser Sohn so schlecht schläft, schlafen wir seit 1,5 Jahren getrennt, so dass der abendliche Austausch über den Tag vor dem einschlafen ausbleibt). Für Date Nights sind wir viel zu müde und ich denke auch nicht, dass das bei uns so einen großen Effekt hätte. 

Ich suche insgesamt nach einer anderen inneren Einstellung zu den Herausforderungen als Familie, weg von dem „Ich mache mehr als du!“ hin zu mehr Wertschätzung für den anderen und einem Team-Gedanken, sodass wir uns auf dem Weg zu leichteren Zeiten („So ist es einfach mit kleinem Kind, wir müssen einfach noch etwas durchhalten.“) nicht unwiederbringlich als Paar verlieren. 

Für inspirierende Denkanstöße wäre ich euch sehr dankbar! 

Die Antwort
unserer Expertin.
Ich hätte schwören können, dass wir niemals so werden.
Michaela Dörffling — FamilyLab Deutschland

Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.

Die gute Nachricht vorweg: Ja, es ist eine Phase. Kinder werden groß und die Herausforderungen anders. Es ist schön, dass du eure Partnerschaft im Blick hast und wahrnimmst, dass etwas schief zu laufen droht. Und das liegt ja nicht an euch. Deshalb hier ein paar Hintergrundinformationen und Denkanstöße:

Der moderne Säbelzahntiger

Sehr vereinfacht gesagt: Das menschliche Gehirn ist sehr alt und funktioniert im Prinzip noch so wie damals, als es den Säbelzahntiger in der Nachbarschaft gab. Damals wurden Kinder in der Sippe groß gezogen, was bedeutet, dass es kein genetisches Programm für „zwei Menschen kümmern sich allein um ein Kind“ gibt. Nach der Geburt sorgen Hormone dafür, dass der Ausnahmezustand mit dem Neugeborenen gut bewältigt werden kann. Irgendwann ebben diese Hormone ab und schalten auf Normalbetrieb um. 

Arbeiten und „nebenbei“ einen Haushalt führen, sich um eine Partnerschaft kümmern und einem Kind mit all seinen Bedürfnissen adäquat begegnen, war früher nicht vorgesehen. Dadurch, dass man diese Erwartung einfach nicht erfüllen kann, der Körper aber auch kein ihm innewohnendes Programm dazu hat, kommt es zu Dauerstress. Schlafentzug (übrigens eine Foltermethode!) tut sein Übriges und so bewegt euer Gehirn sich vermutlich schon seit längerem im Stressmodus. Dabei handelt es sich um eine reflexhafte Funktionsweise des Gehirns, mit der auf Bedrohung reagiert wird. Wieder sehr vereinfacht gesagt, geht der Fokus quasi auf die „Überlebensfunktionen“. Es werden kurzfristig alle Energien mobilisiert, um gegebenenfalls kämpfen oder flüchten zu können und Mitgefühl oder geduldiges Überlegen etc. sind viel schwerer zugänglich bis teilweise unmöglich. Als der Säbelzahntiger noch lebte, war das sehr sinnvoll. Es war nicht hilfreich, Mitgefühl mit einem vielleicht einsamen Fressfeind zu haben oder sich lange zu überlegen, ob er eventuell nur so dort drüben im Gebüsch steht und bestimmt schon gefrühstückt hat. 

Heutzutage entstehen „Bedrohungssituationen“ meist im sozialen Kontakt, im Job, der Familie, wenn ein Kind nicht so will, wie es eigentlich vorgesehen war oder eben all das zusammen. Wir erleben also permanent Stress und das Gehirn ist im Dauer-Überlebensmodus, was dazu führt, dass wir ständig Energiereserven verbrauchen und den Teil unseres Gehirns, der für soziale Interaktionen zuständig ist, nicht nutzen (können). Das ist nicht nur gesundheitsschädigend, sondern auch für Beziehungen gefährlich, denn unser System sagt ganz klar, dass jetzt keine Zeit für Nähe ist. Wenn wir potentiell gefährdet sind, sollen wir nicht über Paarbeziehungen nachdenken oder geduldig einem Kind die Welt erklären. Deshalb sind die dafür zuständigen Bereiche des Gehirns nur sehr eingeschränkt verfügbar. Du kannst also gar nicht gelassen mit eurem Sohn oder deinem Mann umgehen, solange du dich im Dauerstress befindest. Und wenn du es doch schaffst, dann nur unter erheblichem Energieverbrauch, was zu weiterer Erschöpfung führt. Ein Wiederaufladen der Energiereserven ist unter diesen Umständen kaum möglich.

Hier nun ein paar Ideen und Inspirationen, wie ihr aus dem Dauerstress herauskommen könnt oder wenigstens wohlwollend annehmen könnt, dass manches gerade nicht so geht, wie ihr es gerne hättet:

Bedingungslos anerkennen, dass es jetzt gerade zu viel ist. 

Davon erledigt sich nicht, was gerade gemacht werden muss, aber es nimmt Druck raus. Geh mit dir selbst und deinem Mann so um, wie du mit eurem Sohn umgehen möchtest und nimm auch eure Gefühle so an, wie sie nunmal sind.

Nervensystem beruhigen. 

Im Internet oder vielleicht auch in Elternzentren oder bei Hebammen in eurer Nähe gibt es viele Angebote zum Entspannen (kurze Meditationen, Atemtechniken, Achtsamkeitsübungen, etc). Das muss (und sollte!) nicht zeitaufwendig sein. Zusätzlich kann man im Laufe des Tages immer mal wieder kurz bei sich „einchecken“: Wie fühlt sich mein Körper gerade an?
Dabei geht es nicht darum, etwas zu verändern oder richtig zu machen. Einfach nur kurz bedingungslos bei sich selbst vorbeischauen. Durch den Fokus auf den Körper im Hier und Jetzt kann der Geist kurz „runterfahren“. Immer mal wieder den Boden unter den Füßen spüren. Im Raum umhersehen und mindestens drei Dinge finden, die „sicher“ sind (ein Schrank, ein Baum vor dem Fenster, etc). All diese Übungen sind nur kurz, unterbrechen aber den Stressmodus.

Prioritäten setzen. 

Was muss wirklich gemacht werden? Also WIRKLICH gemacht werden. Unabhängig davon, was Familie, Freunde oder Nachbarn sagen würden oder was „man“ so machen sollte. Alles andere kann warten. Es geht um euch, ihr seid das Wichtigste und Schützenswerteste in eurem Leben! Jeder von euch und ihr alle zusammen.

Perfektionismus loslassen. 

Ist leichter gesagt, als getan, lohnt sich aber definitiv und hängt direkt mit Prioritäten setzen zusammen!

Lachen. 

Humor hilft, Stresshormone abzubauen und Glückshormone auszuschütten. So gelingt es leichter, mal die Perspektive zu verändern. Dafür hilft es natürlich, entsprechende Filme, Hörbücher oder Playlists griffbereit zu haben.

Unterstützung suchen. 

Was kann wie auf mehr Schultern verteilt werden? Es ist in Ordnung, um Hilfe zu bitten. Ist ja nicht für ewig und irgendwann werdet ihr etwas zurückgeben können. Sprecht mir nach:

Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes…

Ihr könnt auch eine Art „Liebesminister*in“ ernennen. Das kann einer von euch sein, aber auch ein lieber Mensch in eurer Nähe. Aufgabe dieses Menschen ist es, regelmäßig für euch Zeit und Möglichkeit zu organisieren, etwas für euch und eure Beziehung zu tun. Eurem Sohn wird Zeit ohne Eltern gut tun, wenn er spürt, dass ihr euch danach wohler mit euch fühlt. Kinder genießen es, wenn die Eltern sich nah sind. 

Kreativ werden. 

Was in eurem Leben könnte entspannter sein, wenn es einmal „aus dem Rahmen gefallen“ betrachtet wird? Also zum Beispiel ein Schlaf-Zimmer mit Matratzenlager, das breit genug ist, damit alle drei bequem drauf schlafen können. Sieht nicht schön aus, ist ja aber nur eine Übergangslösung. Oder morgens unkonventionell direkt nach dem Aufwachen im Bett frühstücken, statt alle an den Küchentisch zu bringen, spart gegebenenfalls Zeit und Nerven. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt! Generell hilft es, in Phasen wie der, in der ihr euch gerade befindet, in Alternativen statt in Gegensätzen zu denken. Einfach ausprobieren. Wenn es für euch funktioniert, ist alles gut, andere können es ja anders machen.

Ein Dankbarkeitstagebuch führen. 

Jeden Tag aufschreiben, wofür du dankbar bist. Leg eine Tageszeit fest, zu der du dich jeden Tag hinsetzt und mindestens eine Sache aufschreibst. Solange du im Stressmodus bist, fokussiert dein Gehirn auf Gefahr, also auf das, was nicht gut ist. Negative Erfahrungen sind wie Klettband, sie bleiben im Gehirn kleben. Positive Erfahrungen sind dagegen eher wie Teflon, sie sind zwar kurz schön, haften aber nicht so fest. Dadurch bestätigt sich das Gehirn irgendwann selbst, dass alles schwierig ist und es fällt immer schwerer, zuversichtlich zu sein. Wenn du nun jeden Tag aufschreibst, wofür du dankbar bist, bildest du neue Verknüpfungen im Gehirn, kleine Inseln von „es ist nicht alles schlimm“.

Anfangs ist es meist mühsam, sich jeden Tag aufzuraffen, das zu tun, eben weil das Gehirn durch den schon lange anhaltenden Stress auf „Gefahrenabwehr“ programmiert ist. Dankbarkeit ist da nicht vorgesehen und scheint ja auch nicht wichtig zu sein. Eventuell fällt dir auch nichts ein, wenn ein Tag so richtig blöd war. Bleib trotzdem dran! Es kann das Dach über deinem Kopf sein, für das du dankbar bist. Oder die Farbe des Herbstlaubs, ein freundliches Lächeln auf dem Weg zum Einkaufen, oder etwas anderes scheinbar Banales. Du kannst dir auch einfach selbst dankbar sein, dafür, dass du dir diese Gedanken machst und damit für dich, deine Partnerschaft und deine Familie sorgst. Mit der Zeit werden die Inseln größer werden und dein Gehirn bildet eine Gewohnheit aus, Dinge wahr- und aufzunehmen, für die du dankbar bist. Dann wird es immer leichter und du erlebst im Laufe des Tages, dass du sogar ganz spontan daran denkst, diesen oder jenen Moment in dein Dankbarkeitstagebuch aufzunehmen. Du kannst auch gern ein Ritual für euch als Paar oder die ganze Familie daraus machen, in dem ihr euch gegenseitig erzählt, wofür ihr heute dankbar seid. Das verbindet und man lernt den oder die andere(n) anders kennen.

Playlist mit euren gemeinsamen Lieblingssongs 

Musik, die EUCH gut tut! Abends anmachen, oder wenn es schwierig zu werden droht. Dem Gehirn signalisiert die Musik Ent-Spannung. Das hilft, dem Stressmodus entgegen zu wirken. Ganz entspannt gestresst sein funktioniert nicht…

Und wenn euer Nervensystem etwas beruhigter ist:

Eigene Grenzen erkennen. 

Wer bin ich, wo fange ich an, wo höre ich auf? Euer Sohn braucht keine Eltern, die alles perfekt machen, sondern Eltern, die wissen, wann es ihnen zu viel wird. Und die dann im Zweifel mal nicht mit vollem Einsatz auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingehen, sondern für sich selbst sorgen. „Ich sehe, was du willst UND ich kann dir das gerade nicht geben“ ist eine für Kinder sehr angenehme Aussage, auch wenn sie erstmal protestieren. Denn sie spüren dabei, dass ihr Gegenüber sie sieht UND die eigenen Grenzen wahrnimmt und respektiert. Ohne schlechtes Gewissen. Kein Kind möchte seinen Eltern die Luft zum Atmen nehmen. Im Zweifel spüren Kinder die Grenzen-losigkeit ihrer Eltern und versuchen verzweifelt zu ergründen, wo Mutter oder Vater denn überhaupt anfangen. Kinder, die Grenzen testen, suchen den Menschen dahinter. Wenn du immer über deine Grenzen hinaus gehst, kann dein Kind dich nicht finden.     

Ich hoffe, dass ein paar dieser Anregungen für dich hilfreich sind und dich unterstützen, aus dem Stressmodus herauszukommen und den Blick wieder liebevoll zu richten auf das, was dir wichtig ist. Auf eure Partnerschaft und euch als Team in Bezug auf das Familienleben. Wie war denn euer Bild von euch als Paar und als Eltern, bevor ihr Eltern wurdet? Wie wolltet ihr sein? Was davon wollt ihr behalten und was davon war eine schöne Idee, eben weil ihr noch keine Eltern wart?

Man kann nicht theoretisch Eltern sein und selbst wenn einem gesagt wird, wie anstrengend das Elternsein sein kann, glaubt man es meist nicht. Bis man es selbst erfährt. Durch deine Aufmerksamkeit und Offenheit habt ihr jetzt die große Chance, euer Elternsein – und eure Paarbeziehung als wichtigsten Bestandteil – auf eure ganz eigene Weise zu definieren und zu füllen. Ganz ohne Druck. Manches wird einfach blöd bleiben, weil es eben wirklich nicht anders geht, manches wird sich verändern lassen. Beides geht leichter, wenn ihr mehr und mehr aus dem Stressmodus aussteigt. Damit könnt ihr diese Phase des Elternseins „überstehen“ und ein wundervolles, tragfähiges Fundament für alle weiteren Phasen eures Zusammenlebens schaffen.