Darum geht es
Das Schlimme ist, dass ich gar nicht mehr weiß, was ich will. Was soll er denn tun, damit es mir besser geht? Mir Blumen kaufen? Sich tausendmal entschuldigen? Will ich die Beziehung noch?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Ich könnte einen Roman schreiben, versuche mich aber wirklich kurz zu fassen. 

Mein Mann ( 38) und ich ( 37) sind seit 16 Jahren zusammen und davon 9 Jahre verheiratet. Unser Sohn ist 5 Jahre alt. 

Ich habe herausgefunden, dass er mich betrogen hat, ja ich hatte ein Gefühl, so wie man das allen Frauen nachsagt, diese Intuition, die wir anscheinend haben. 

Also wie auch immer, wir waren bei der Paartherapie und ich verzeihe dieses „Fremdgehen“, denke ich. Ich bin ehrlich und denke, wäre ich in solch einer Situation gewesen, hätte ich es vielleicht auch gemacht. Das Feuer zwischen uns ist weg, es ist nunmal aufregend. Ich weiß ja, wie das ist, wenn man sich irgendwie angezogen fühlt von einer Person, wenn man Komplimente bekommt, das Abenteuer, diese Freiheit, Spannung usw.

Und wenn es dann zuhause nicht mehr so ist, kann man schon schwach werden. Vielleicht? Also irgendwie erscheint mir die Tatsache plausibel, nichtsdestotrotz stelle ich alles in Frage. Es hatte demnach ja auch was Gutes. Mein Mann hat sich in Therapie begeben, um an seiner Vergangenheit und Kindheit zu arbeiten. Er hat sich seitdem verändert zum Positiven. Es geht ihm besser und ich freue mich und ärgere mich zugleich. 

Denn ich musste darunter leiden, dass er zu der Erkenntnis kommt, an sich zu arbeiten und ich bleibe gefühlt wie immer auf der Strecke. Das Schlimme ist aber, dass ich gar nicht mehr weiß, was ich will. Was soll er denn tun, damit es mir besser geht. Nicht mehr weggehen, bloß nicht, das engt mich ein? Mir Blumen kaufen? Sich tausendmal entschuldigen? Will ich die Beziehung noch? Bin ich nur noch wegen unserem Kind mit ihm zusammen? Wäre das verwerflich? Will ich eigentlich auch andere Männer kennenlernen? Will ich das erleben? Ich fühle mich so in der Luft, habe ich Zeit zu denken, scheue ich mich davor und befasse mich nicht mit den Gedanken, weil sie mich stressen. Momentan kommt es mir so vor, als wären wir einfach richtig gute Freunde, das sind wir auch tatsächlich, auch schon immer. Aber das reicht halt nicht, oder doch? 

Was genau ist jetzt eigentlich meine Frage an euch? 

Vielleicht, wie kann man sich sortieren, wie geht man vor, um klar zu werden, was man möchte? Ich bin tatsächlich überfordert. 

Die Antwort
unserer Expertin.
Wie finde ich heraus, was ich will?
Dr. Desiree Bender — FamilyLab Deutschland

Viele Fragen und eine Entscheidung

Herzlichen Dank für das ehrliche Teilen Deiner Situation, Gefühle und Gedanken. Aktuell fühlt es sich so diffus an, weil sich verschiedene Ebenen miteinander mischen: Einerseits Konventionen und Normen, die sich als Erwartungen an Dich selbst zeigen („Wäre das verwerflich?“), andererseits vermischt sich Mitgefühl und Verständnis mit ihm auch mit dem Ärger über Dein eigenes Leiden und Deine Sehnsüchte; Werte und Wünsche sind noch verborgen. Gerne schauen wir gemeinsam darauf, was sich in Deinen Fragen widerspiegelt und wie Klarheit gefunden werden kann. 

Zunächst möchte ich das „Sich in der Luft fühlen“ und den Ärger darüber aufgreifen, dass Du darunter leiden musstest, dass Dein Mann erstmal seine Erkenntnis finden konnte. Ersteres lässt sich vielleicht beschreiben als eine Art Handlungsunfähigkeit oder Ohnmacht, ein Gefühl, nicht zu wissen, was Du brauchst oder willst und demnach auch nicht, was Du verändern kannst. 

Diese Gefühle wollen liebevolle Begegnung erfahren. Sag diesen Gefühlen, dass Du diejenige bist, die nun alle Macht zu sich holt: Die Eigenmacht zu erforschen und herauszufinden, was du willst, zu entscheiden, wie du leben willst und die Kraft, selbst dafür zu sorgen, dieses Leben nach deinen Werten und Wünschen zu gestalten. Es ist wichtig zu erkennen, dass es eine Entscheidung ist, unter etwas, das Dir geschieht (betrogen zu werden), zu leiden oder nicht. Klar schmerzt es, doch ob es zu Leid wird, liegt bei Dir. Schmerz ist temporär, wie bei einer Verletzung, die heilen kann. Zu einem längerfristigen Leiden wird er vor allem durch deine Bewertung.

Nutze diese Worte gerne als Stärkung: Du bist die, die Verantwortung übernimmt. Du bleibst nicht „auf der Strecke“, wenn Du das nicht selbst zulässt. Die Selbstbestimmung, was mit der Situation geschieht, liegt bei Dir. Es ist etwas passiert, was von Dir verlangt, dass Du Dich neu fühlst, findest, positionierst und das ist eine Chance: Eine Einladung, Dich selbst in dem, was Du brauchst und willst, neu kennenzulernen. Und das wirst Du tun. Hier passiert nichts, ohne Dein Einverständnis und Dein Mitwirken. Fühle diese Kraft in Dir. 

Erlaubnis und Akzeptanz

Deine Fragen wirken so, als seist Du innerlich „zersplittert“, als würden verschiedene Teile Deiner Persönlichkeit nicht mehr zusammengehören. Es kann verunsichern, wenn Wünsche, Gedanken oder Gefühle widersprüchlich auf uns wirken oder nicht in ein einheitliches Selbstbild passen. Genau hierin liegt Deine Chance zu begreifen: In uns Menschen spielen oft verschiedene Anteile eine Rolle, die teils nicht im Einklang miteinander sind und die sich nicht kohärent anfühlen. Was es hier braucht, ist eine große Erlaubnis an Dich selbst: Alles, was gerade in Dir ist, jede Frage, jedes Gefühl, jeder einzelne noch so kleine Gedanke. All das ist richtig, gut und für Dich. 

Am Ende des Artikels findest Du eine kleine angeleitete Meditation, die Dich in diesem Prozess, alles anzunehmen, was in dir ist, unterstützen kann.

Die Erinnerung an Deine Macht und die liebevolle Selbstbeachtung dieser Übung darfst Du täglich wiederholen, um in Dir neue Gefühle und einen neuen, liebevollen Umgang mit Dir selbst zu verankern. Nun sehen wir uns zur Sortierung Deine verschiedenen Lebensbereiche und Dich darin separat an.

Du als Frau und Partnerin: Selbstreflexion

Wir erwarten heute von Liebesbeziehungen häufig, was früher ein ganzes Dorf erfüllte: Sicherheit, Zugehörigkeit, Leidenschaft, Abenteuer und Wachstum. Das ist enorm viel. Ich schlage vor, Dir neue Fragen zu stellen und diese in kleinen Schritten mit Zeit, die Du Dir für diese Prozesse schenkst, zu beantworten.

Frage Dich nicht, will ich bleiben oder gehen, sondern wende diese Frage in eine konstruktive Selbsterforschung:

Wer werde ich, wenn ich bleibe? Und wer werde ich, wenn ich gehe? Frag Dich zuletzt:

Wer möchte ich sein?

Es geht also weniger um ein Urteil über „richtig oder falsch“, sondern darum, Deine persönliche Entwicklung in den Mittelpunkt zu stellen. Das Fremdgehen Deines Mannes war ein „Katalysator“ – für ihn und nun auch für Dich. Sieh es als Chance, Dich selbst neu kennenzulernen: 

Was wünschst Du Dir wirklich – nicht nur in der Beziehung, sondern in Deinem Leben als Frau, Partnerin, Individuum?

Was ist das, was für Dich nicht fehlen darf, wenn Du Dir vorstellst, Du blickst kurz vor Deinem Tod auf Dein Leben zurück?

Was willst Du in Deinem Leben erfahren, ihm Platz geben, wovon möchtest du mehr haben? (Lebendigkeit? Verbindung? …)

Was wünschst Du Dir geistig, emotional, sexuell, was in Deiner Liebesbeziehung da sein soll, damit Du dazu „Ja“ sagen kannst?

Nur Du kannst beantworten, ob Freundschaft für Dich zum aktuellen Zeitpunkt Deines Lebens in Deiner Paarbeziehung reicht. Gibt es (noch) Liebe? Zuneigung? Respekt? Verlässlichkeit? 

Was müsste in Eurer Beziehung Platz finden oder sich wieder entwickeln dürfen, damit Du sie Dir in Deinem Leben wünschst? 

Schreib es auf und prüfe: Ist es realistisch, das zu bekommen?

Gehören diese Wünsche überhaupt zu Deinem Mann oder kannst Du selbst dafür sorgen, dass diese Qualitäten in Deinem Leben erscheinen?

Wenn ja, was soll dann Eure Beziehung für Dich werden (oder nicht)? Wo und wie kannst Du Deinen Sehnsüchten nach Aufregung, Spannung, Abenteuer und Freiheit noch begegnen? Nicht alles muss in Eurer Beziehung Platz finden.

Was macht Dich traurig an der aktuellen Beziehung?
Was macht Dir Hoffnung, was fühlt sich gut für Dich an?
Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?
Was bräuchtest Du, um wieder zu spüren: Ich lebe? (Ich mag mein Leben)?

In Bezug auf Deine innere Haltung ist wichtig: Akzeptiere, dass das Sortieren Zeit braucht – und dass Nicht-Wissen okay und wertvoll ist: Es bringt uns dazu, uns neu kennenzulernen! Die Haltung innerer Erlaubnis und Ehrlichkeit ist wichtig: Erlaube Dir, auch neue Wünsche zu haben – ohne sie gleich anderen mitteilen zu müssen, ohne Dich gleich entscheiden zu müssen. Oft geht es mehr um das Lebensgefühl oder ein Gefühl von Sicherheit, das wir wiederherzustellen versuchen, wenn es um größere Veränderungen in Partnerschaften geht. 

Frage Dich also: Worum geht es mir wirklich?

Wie will ich mich fühlen?

Nimm alle Bewertungen heraus und wenn Du spürst, Du lehnst Wünsche, Gedanken oder die Zuwendung zu bestimmten Fragen ab, widme dich der Übung am Ende dieses Artikels, um alles in Dir einzuladen und anzuerkennen, was da ist. Nimm in Dir alles radikal an, was sich zeigt, schreibe alles nur für Dich auf, bewertungsfrei. Falls das alleine im Prozess mit Dir im Schreiben für Dich nicht stimmig ist, könntest Du Dich bei dieser Forschungsreise begleiten lassen, um hier mehr Sicherheit wahrzunehmen. 

Als letzten Schritt bringst Du, nachdem Du innere Klarheit gefunden hast, Deine Wünsche und die Punkte, die für Dich unverzichtbar in einer Beziehung sind, mit Deinem Mann in Kontakt. Erinnere Dich: Wir sind für unsere Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse selbst verantwortlich und können nicht erwarten, dass unser Partner diese erfüllt. Doch wir können sie und unsere Wünsche ehrlich zum Ausdruck bringen und sehen, wie unser Partner dem begegnet. 

Du als Mutter

Raus aus Bewertungen und Zuschreibungen, ist die Frage nicht mehr: „Wäre es verwerflich?“, nur wegen des Kindes zusammenzubleiben, sondern: Welche Werte möchtest Du Deinem Kind über Liebesbeziehungen vermitteln? Was ist Dir wichtig als Mutter für das Leben Deines Kindes? Dass Mama und Papa im selben Haushalt leben, also die Alltagspräsenz beider Elternteile? Dass es weiß, Ihr mögt Euch, doch liebt Euch nicht mehr, also Offenheit, Ehrlichkeit und Klarheit? Dass Du so tust, als ob alles zwischen Euch ok wäre, obwohl die Beziehung Dir nicht mehr gibt, was Du eigentlich von einer Paarbeziehung möchtest? Vielleicht weil Du annimmst, das Kind könnte dann eine „heilere Welt“ erfahren? 

Zuerst kommt Deine eigene Sortierung und die Klarheit darüber, was Du brauchst, um Dich wohlzufühlen. Kindern tut es gut, wenn sie wahrnehmen: Meine Eltern sorgen für sich und ihre Bedürfnisse.

Du befindest Dich in einem Wachstumsprozess. Wachsen kann anstrengend sein und sich überfordernd anfühlen, wenn wir gerade unklar sind, welche nächsten Schritte wir gehen können. Stell Dir vor, all das gerade geschieht für Dich, wie kann es Dir bestmöglich dienen? Ich hoffe sehr, dass Du mit diesem Brief Impulse erhältst, die Dich experimentierfreudig auf Deiner Suche weiterbringen für eine neue Beziehung zu Dir selbst.