Darum geht es
„Diese Lebensphase ist grad einfach so beschissen!“ Mein Mann ist genervt und regelmäßig furchtbar schlecht gelaunt wegen den Belastungen des Familienalltags. Manchmal denke ich schon, ich wäre allein besser dran…

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Wie haben hier ein Problem, dass sich seit unserer Elternschaft immer wieder phasenweise deutlich zeigt. Unsere zwei Töchter sind 4 und 1,5 – im ersten Jahr unserer ersten Tochter und seit 1,5 Jahren (mit der Geburt unserer zweiten Tochter) noch mehr.

Und zwar Aussagen meines Mannes, wie: 

„Da muss ich wohl jetzt halt die nächsten 15 Jahre lang durch“, 

„Genau deshalb wollte ich kein zweites Kind mehr.“ (nachdem ich mit einer Brustentzündung für einen Tag ausgeknockt war und er die Kleine alleine hatte…ja, sie braucht viel Nähe/Aufmerksamkeit) 

„Diese Lebensphase ist grad einfach so beschissen“ (auch im Hinblick darauf, dass keiner mehr Zeit hat, oder nur sporadisch, weil eben jeder seine Familie hat).

 „Puh…mit Familie xy treffen ist mir echt zu anstrengend. Das sind dann ja 5 Kinder insgesamt“.

 „Ohne Kinder war alles leichter. Da wären wir jetzt einfach nach xy gefahren, hätten wir einfach xy gemacht.“ (die Kinder sind immer der Grund, Dinge nicht zu tun, oder nur, wenn ich wirklich darauf beharre, das raubt so unfassbar viel Energie).

Vorneweg: Ja, ich war diejenige, die auf jeden Fall ein zweites Kind wollte. Er wusste zunächst nicht, ob er das nochmal kann. („Ich wusste ja nicht, wie anstrengend ein Kind ist.“) Und letztlich hat er sich mit dafür entschieden. Ich dachte, er will das wirklich, denn schließlich hab ich ihn ja nicht ins Bett geprügelt.

Diese Aussagen treffen mich auf jeden Fall jedes Mal extrem und jedes Mal mehr macht das was mit mir. Es verändert mich. Es verändert unsere Beziehung. Ich spüre weniger Nähe, weil ich mit den Phasen, in denen er schlecht drauf ist, nicht umgehen kann. Auslöser ist schlichtweg das Kind sein an sich: oft laut, wild, Gefühlsausbrüche, nicht hören (weil sie gerade im Spiel sind und nichts um sich herum mitbekommen). Gefühle der Kinder aushalten kann er nicht. Ruhig bleiben auch häufig nicht. Und wenn ich dazwischen grätsche, weil mit dem Anbrüllen für mich eine Grenze erreicht ist, die in meinen Augen ein kommunikatives „in die Schranken weisen“ rechtfertigt, dann bin ich die Böse, die ihn in Frage stellt. 

Seine Laune ist dann im Keller. Er läuft tagelang mit einem Regenwettergesicht durch die Gegend, jeder Mucks ist ihm zu viel.

Insgesamt finde ich persönlich hat sich mein Mann mit der Elternschaft sehr verändert: deutlich weniger lebensfroh, lustig, leicht. Er hat oft Kopfschmerzen (wegen den Kindern, sagt er), ist antriebslos (kommt früh nicht aus dem Bett und drückt 5x die Snooze-Taste). Er hat keine Zeit mehr für sich (nach eigener Aussage) …

Wir kommunizieren unsere Situation und tabuisieren das Ganze nicht. Fakt ist allerdings: Wir drehen uns im Kreis und ich bin machtlos. Ich gebe ihm so viel Freiraum. Er kann Sport machen, abends zu Kumpels, unter der Woche ist er alle 2 Wochen beruflich für 2-3 Tage unterwegs…

Ich habe auch schon angesprochen, dass ich glaube, dass ihm eine Therapie gut tun würde (Familientherapie oder so), damit er Strategien an die Hand bekommt, die ihm helfen, diese für ihn anstrengenden Situationen im Kinderalltag zu regulieren und die schlechte Laune, die daraus entsteht, eben nicht tagelang mit sich rumzutragen, sondern schnellstmöglich wieder abzuhaken. Aber von seiner Seite aus passiert da leider nichts und hintragen kann ich ihn ja nicht.

Für mich wird immer deutlicher, dass ich mich frage: Ist das alles „normal“? Ich will ein zufriedenes Familienleben führen. Ich will einfach unbeschwert Mama sein. Ich liebe das Mamasein und meine Kinder (und ja, natürlich ist es auch anstrengend). Manchmal frage ich mich, ob ich nicht allein besser dran wäre. Das erschreckt mich. Denn eigentlich weiß ich, dass wir zu zweit sehr, sehr gut im Team funktionieren. Und in guten Phasen auch sehr gut als Eltern im Familienalltag. Und trotzdem bin ich einfach nur noch verletzt und ratlos.

Hier noch ein Nachtrag:

Meine Beschreibung soll nicht das Bild von einem dauergenervten Vater vermitteln.

Mein Mann liest den Kindern vor, bezieht sie im Alltag mit ein, wickelt die Kleine, macht Quatsch, bringt die beiden Mädels ins Bett…dazu kümmert er sich um die Wäsche, den Müll und putzt die Bäder…. also: Er ist in seinen guten Phasen auch ein super liebevoller und aufmerksamer Papa.

Aber dann gibt’s eben auch die schon beschriebenen Phasen.

Als ich ihn mal gefragt hab, ob ihn das gerade Kraft kostet, so zu sein, hat er gesagt: „Nein. Ich mag mich selber so auch viel lieber.“

Und trotz allem, kommen wir seit Jahren nicht ohne die negativen Phasen aus. Es ist mir ein Rätsel…

Die Antwort
unserer Expertin.
Ich halte deine Launen nicht mehr aus!
Isabel Schärer — FamilyLab Deutschland

Liebe Fragestellerin,

danke, dass Du so offen teilst, was Dich bewegt. Ich lese in Deinen Zeilen, wie sehr Dich die Stimmungsschwankungen Deines Mannes belasten und wie sehr Du Dir ein unbeschwertes Familienleben wünschst. Viele Paare erleben eine solche Dynamik in den ersten Familienjahren. Für den einen sind die Veränderungen und Anstrengungen kein Problem, während es für den anderen eine große Herausforderung darstellt. Das kann fürs Paar schnell zur Belastungsprobe werden. Und auch wenn es nicht ungewöhnlich ist, bedeutet es nicht, dass Ihr Euch dauerhaft damit abfinden müsst. Es ist gut, dass Du Dich nach außen öffnest und Dir Unterstützung holst.
Schön ist auch, dass Ihr grundsätzlich offen im Gespräch miteinander seid. Das ist eine gute Basis und zeigt, wie sehr Ihr Euch am Herzen liegt. Das Gefühl, sich im Kreis zu drehen, ist ein klares Indiz dafür, dass Ihr Euch in eine ungute Dynamik manövriert habt. Auch Deine Gedanken daran, dass Du alleine besser dran sein könntest, sind ein verlässliches Warnsignal dafür, dass die emotionale Belastung über Deine Grenze geht.

In den folgenden Zeilen möchte ich Dir einen Blick von außen anbieten, der Dich vielleicht die ein oder andere Situation neu betrachten lässt. Darüber hinaus möchte ich Dir ein paar Impulse geben, wie Du in den „schlechten Phasen“ Deines Mannes gut für Dich sorgen kannst, und Euch beiden, wie Ihr als Paar einen Weg aus der Dynamik findet.

Das Wir-Gefühl & Grenzen spüren

Es ist absolut verständlich, dass es Dich verletzt, wenn Dein Mann so über Euer Familienleben spricht. Während Du Dein Mamasein genießt, empfindet er in seinen schlechten Phasen offensichtlich vieles als anstrengend. Ihr erlebt Eure Höhen und Tiefen in solchen Zeiten nicht gemeinsam, sondern jeder für sich. Dadurch fühlt Ihr Euch beide mit Euren Gefühlen alleine, eine Distanz entsteht und das Wir-Gefühl geht verloren. In der Folge versucht jeder, den anderen von seiner Wahrnehmung zu überzeugen, was den Frust und die Distanz nur vergrößert. 

Die erste grundlegende Einsicht ist: Beides darf sein und beides hat seine Berechtigung. Einander die Gefühle abzusprechen oder den Partner vom Gegenteil überzeugen zu wollen, führt nur zu einem aussichtslosen Kampf, den keiner gewinnen kann.
Versucht anzuerkennen, dass jeder das Elternsein und das Familienleben mit allem, was dazu gehört, anders erlebt. Das Leben schreibt neue Prioritäten, wenn wir Eltern werden. Das bedarf unsererseits einer enorm hohen Anpassungsleistung, sowohl körperlich als auch emotional, bei gleichzeitigem Wegfallen einiger der wichtigsten und existentiellen Ressourcen wie Schlaf, Essen, Ruhe und Unabhängigkeit. 

Wie hoch die Anpassungsleistung und die Wirkung auf das eigene System sind, ist sehr individuell. Dazu kommt, dass jeder Reize anders verarbeitet und der Umgang sowohl mit den eigenen als auch mit den kindlichen Emotionen als unterschiedlich herausfordernd empfunden wird. Was für den einen zu viel oder zu anstrengend ist, kann für den anderen nicht der Rede wert sein. Auch unsere eigenen Erfahrungen als Kind haben einen Einfluss darauf, wie wir das Elternsein später empfinden.

Unabhängig davon, wie unterschiedlich Eure Empfindungen sind: Es bedeutet nicht, dass die Liebe fehlt! Eure Bedürfnisse nach Freiraum und Ruhe sowie der Umgang mit den eigenen und den Gefühlen der Kinder unterscheiden sich lediglich. Das bedeutet, dass jeder anders für sich selbst sorgen muss und es individuell ist, wie viel Ausgleich und Ruhe jeder braucht.
Du darfst es genießen, während Dein Mann es als anstrengend empfindet, und Dein Mann darf es anstrengend empfinden, während Du es genießt.
Das ist eine der großen Herausforderungen im Übergang vom Paar zur Familie. Ein Wir-Gefühl kann wieder entstehen, wenn Ihr Eure unterschiedlichen Gefühle wahrnehmt, sie nicht bewertet, sie anerkennt und immer wieder eine gute Balance für Euch selbst, als Paar und für die Familie findet.

Verantwortung trennen

Vor allem ist es wichtig, dass Ihr die Gefühle und das Verhalten des Partners da lasst, wo sie hingehören – beim Partner. Selbstfürsorge bedeutet, die Waage zwischen „Integrität und Kooperation“ und auch die Waage zwischen „Aktivität und Passivität“ zu halten. Dafür, dass diese jeweiligen beiden Pole in einer Balance sind beziehungsweise immer wieder in Balance kommen, ist jeder im Paar selbst verantwortlich. 

Ganz trocken heruntergebrochen könnte man sagen:

Dein Mann ist nicht angestrengt wegen der Kinder, sondern weil er zu wenig für sich und seine Grenzen sorgt. 

Du bist nicht angestrengt wegen seiner schlechten Phase, sondern weil Du nicht für Dich und Deine Grenzen sorgst. 

Das ist ein wichtiger Paradigmenwechsel, da wir uns sonst schnell in einer sehr destruktiven Dynamik wiederfinden. Machen wir andere verantwortlich für unseren Zustand, machen wir uns und unser Wohlergehen abhängig von der Stimmung und dem Verhalten anderer. Dadurch entsteht die Illusion: Wenn der andere etwas ändert, geht es mir besser. Die Folge ist, dass wir dann unsere Energie damit verschwenden, den anderen davon überzeugen zu wollen, sich zu ändern, damit es uns besser geht. So berauben wir uns selbst jeglicher Möglichkeit, zu gestalten, uns aktiv um uns und unser Wohlergehen zu kümmern und damit letztendlich unserer Selbstwirksamkeit. Ich kann mir vorstellen, dass diese Dynamik auch das ist, was bei deinem Partner passiert. Er macht das Elternsein verantwortlich für das Gefühl, nicht mehr das Leben zu leben, das „einfacher“ wäre. Auch er verschwendet sozusagen Energie, indem er es sich anders wünscht als es ist – statt in der gegenwärtigen Situation wirklich Verantwortung für sein Wohlergehen zu übernehmen. 

Die Folge ist: Frust, Ärger und Erschöpfung wachsen mit jedem Konflikt, weil sich beide hilflos und machtlos fühlen. Das Gute ist, wo es einen Weg hineingibt, gibt es auch wieder einen Weg heraus.
Du bist nicht verantwortlich für seinen Freiraum, seine Launen oder seine Art, mit Überforderung umzugehen. Es ist seine Aufgabe, Wege zu finden und zu lernen, damit umzugehen. Deine Aufgabe ist nicht, alles auszugleichen, sondern für Dich selbst zu sorgen. Es ist in Ordnung, ihm seine eigene schlechte Laune zuzumuten und gleichzeitig für Dich zu sorgen.

Selbstfürsorge auf Platz 1

Alle Phasen haben einen Anfang und ein Ende, also wehrt den Anfängen! Wir neigen meist dazu, kleinere Grenzüberschreitungen hinzunehmen, bis am Ende das Maß so voll ist, dass es kracht. Achtet also gut darauf, wann für jeden von Euch der Punkt der Kooperation überschritten und der Moment der Grenzüberschreitung erreicht ist. Das passiert oft schon lange bevor es zum offenen Konflikt kommt.

Beginne damit, gut für Dich zu sorgen und damit Deine eigene Stimmung nicht so sehr von seiner Stimmung abhängig zu machen. Mach etwas, was Dir guttut und Deine Stimmung hebt. Sprich deutlich an, wenn Dir die „schlechte Laune“ zu viel wird. Nicht als Vorwurf, sondern indem Du beschreibst, was es mit Dir macht und wo Deine Grenze ist. Du könntest in Deinen Worten sowas sagen wie: 

„Es ist okay, wenn Du schlechte Laune hast, und gleichzeitig möchte ich nicht, dass Du so über die Kinder oder unsere Familie sprichst. Das verletzt mich. Sorge bitte für Dich, damit es Dir besser geht.“

Lass gleichzeitig Deinen Mann die Verantwortung für die Gestaltung seines Freiraumes und für seinen Anteil der Atmosphäre in der Familie. Wenn er so schlecht gelaunt ist, dass es die Familienatmosphäre belastet, ist es besser, wenn er sich zurückzieht und für sich sorgt, statt dass alle unter seiner Stimmung leiden. Priorisiert Ihr in einer solchen Situation die gemeinsame Zeit, verlieren alle: Er hat schlechte Laune, Deine Stimmung ist angespannt, die Atmosphäre ist geladen und die Kinder machen Ihrer Anspannung Luft, indem sie laut sind oder Quatsch machen etc.

Tauscht Euch darüber aus, wo für Euch Grenzen liegen, ohne darüber zu diskutieren, ob diese okay sind. Erlaubt Euch Kreativität und findet heraus, wie jeder gut für sich und Ihr gemeinsam gut für die Atmosphäre sorgen könnt. Das bedeutet auch, dass er angemessene Grenzen gegenüber den Kindern setzen kann, ohne sie falsch zu machen. Eure Kinder lernen dabei „nur“, dass alle Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben, es okay ist, für sich zu sorgen, und in einer Gemeinschaft die Bedürfnisse aller zählen und wichtig sind. Tipp: Versucht insgesamt weniger „Warum-Fragen“ und mehr „Wie-Fragen“ zu stellen.

Paarzeit bewusst gestalten

Wie sieht es bei Euch mit unbeschwerter Paarzeit aus? Sorgt hier gemeinsam für Euch und nutzt Eure gemeinsame Zeit bewusst für positive Rituale. Gerade in schwierigen Phasen stärkt das Euer Wir-Gefühl und hilft in Verbindung zu bleiben.
Falls das Neuland ist, tauscht Euch erstmal darüber aus, was für Euch beide entspannte Paarzeit bedeutet, und fangt dann klein an.
Natürlich ist es auch wichtig, Zeit für Austausch zu finden, doch gerade in schwierigen Phasen kann es hilfreicher sein, sich auf die Selbstfürsorge zu konzentrieren und schwierige Gespräche in die guten Phasen zu verschieben.

Gemeinsam Unterstützung suchen

Ich empfehle Euch, gemeinsam Unterstützung zu suchen, beispielsweise durch eine Familienberatung. Ihr tragt beide Euren Teil zu dieser Dynamik bei, deswegen ist es wichtig, auch gemeinsam Strategien zu entwickeln. Natürlich hast Du vollkommen recht, wenn Du sagst, Du kannst ihn nicht dahin tragen, aber Du kannst ihm sagen, wie wichtig es Dir ist. Zum Beispiel:

„Ich wünsche mir, dass wir uns gemeinsam Unterstützung holen, weil ich will, dass wir was ändern. Mir geht es so mit der Situation nicht mehr gut. Das alles belastet mich manchmal so sehr, dass ich schon darüber nachdenke, mich zu trennen, und das erschreckt mich. Es geht nicht darum, dass einer von uns das Problem ist, sondern dass wir als Paar Strategien lernen, mit schwierigen Phasen umzugehen, und entlastet werden.“

Wenn Dein Mann sich vielleicht erstmal darauf nicht einlassen möchte, such Dir zunächst für Dich Unterstützung. Das entlastet Dich, hilft Dir, Deinen Anteil an der Dynamik zu verstehen, und stärkt Deine Selbstfürsorge. Auch das kann schon die Dynamik verändern oder sie zumindest irritieren.

Du darfst Dein Bedürfnis nach Leichtigkeit und Freude im Familienalltag sehr ernst nehmen – das ist kein Luxus, sondern wichtig für Dich, für Eure Beziehung und auch für die Kinder. Eure guten Phasen zeigen, wie wunderbar es Euch als Team gehen kann – das ist eine starke Basis, auf die ihr aufbauen könnt. Wenn Ihr gemeinsam im Boot bleibt, könnt ihr allen Widrigkeiten trotzen!