Darum geht es
Mein Mann ist der Meinung, ich müsste vollständig aufhören mit dem Einschlafstillen und unsere Tochter auf anderem Wege zum Schlafen bringen, bevor er es versuchen kann.

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Wir haben inzwischen 2 Kinder (Sohn, 4 Jahre alt; Tochter, 7 Monalte alt).

Bei beiden Kindern habe ich die ersten 6 Monate voll gestillt, bevor wir langsam mit Beikost begonnen haben.

In Runde 1 war ich wahrscheinlich das erste Jahr abends gar nicht alleine unterwegs. In Runde 2 hatte ich deutlich schneller das Bedürfnis und in den ersten Monaten klappte es mit der zusätzlichen Flasche mit abgepumpter Muttermilch wunderbar. Irgendwann haben wir das Flaschegeben wieder etwas vernachlässigt und nun nimmt unsere Tochter die Flasche gar nicht mehr.

Abends bringe ich unsere Tochter meist mit Einschlafstillen ins Bett. Das habe ich auch bei unserem Sohn damals zu Beginn immer gemacht.

Hier nun das Konfliktpotenzial: Mein Mann ist der Meinung, ich müsste damit vollständig aufhören, also mit dem Einschlafstillen, und unsere Tochter auf anderem Wege zum Schlafen bringen, bevor er es versuchen kann. Ich fühle mich allein gelassen und habe keine Chance abends wegzukommen und fühle mich damit sehr unter Druck gesetzt. In meinen Augen ist es zudem anders. Natürlich hat sich unsere Tochter (bei unserem Sohn war es damals genauso) daran gewöhnt, über das Stillen einzuschlafen. Aber das ist mit mir verknüpft. Ich bin der festen Überzeugung, wenn er es regelmäßig probieren würde mit dem Zubettbringen (mit dem Schnuller, auf dem Arm, mit einem eigenen Ritual), kann das parallel zu meinem Einschlafstillen genauso funktionieren. Aber diese Argumentation überzeugt ihn nicht.

Klar kann ich damit auch aufhören, ich möchte es aber eigentlich noch gar nicht, weil es eine so schöne Verbindung ist!

Ich hoffe, hier gibt es ein paar gute Ansätze und Denkanstöße, damit keiner von uns sich unter Druck gesetzt fühlt und wir beide einen guten Umgang damit finden.

Danke und viele Grüße!

Die Antwort
unserer Expertin.
Würdest du nicht mehr stillen, könnte ich sie auch ins Bett bringen.
Judith Stapenhorst — FamilyLab Deutschland

Vielen Dank für deine Frage und das wunderschön formulierte „Dilemma“, in dem ihr gerade steckt. Was ist da jetzt die richtige Entscheidung und wie kommt ihr aus dieser Zwickmühle raus, ohne dass irgendjemand sich zurückgesetzt fühlt? 

Das Ringen und Suchen nach Lösungen

Mein erster Gedanke war, dass es für eure Frage oder das formulierte Problem keine perfekte Antwort oder die EINE Lösung gibt. Und vielleicht ist es auch genau das: zu verstehen, dass das Suchen nach der richtigen Lösung genau nicht der Weg sein sollte. Es gibt in den meisten Situationen nicht den richtigen Weg, sondern nur das gemeinsame Ringen oder Suchen nach dem, was sich dann für alle Beteiligten gut anfühlt. Es gibt keinen Punkt, den ihr probieren solltet zu erreichen, sondern nur einen Weg, den ihr gemeinsam gehen könnt. Diese Haltung kann in allem, was auf euch an Fragen zukommen wird, eine Hilfe sein. Es geht um eure gemeinsame Schnittstelle und die ist ganz intim und persönlich.

Lasst Euch Zeit und probiert aus – dann könnt ihr gar nicht scheitern.

Ich würde gerne das, was ich zwischen den Zeilen rausgelesen oder gehört habe, groß oder sichtbarer werden lassen, damit Ihr den Punkt auf dem Weg, an dem ihr gerade steht, nicht als Sackgasse, sondern als Chance erleben könnt. Die Chance oder Challenge könnte so formuliert heißen: Wie gehen wir mit solchen Situationen jetzt und auch in Zukunft um, wenn wir für uns persönlich und für unsere Kinder und für uns als Familie unterschiedliche Ideen oder Vorstellungen haben? Denn ich glaube, dass es das ist, worum es geht. Wie kann es gelingen, dass euch in euren Unterschiedlichkeiten, euren unterschiedlichen Empfindungen und Blickwinkeln und Herangehensweisen in der beschriebenen Situation das WIR nicht verloren geht? WIR als Eltern haben jeweils eine andere Idee; wie sieht UNSER gemeinsamer Weg aus?

Um das herauszufinden, helfen Gespräche, Beschreibungen, Fragen, Nachfragen, wiederholen von dem, was man beim oder vom anderen gehört bzw. verstanden hat… Dafür braucht jeder natürlich und als Allererstes: Ein gutes Gefühl für sich selbst und für das, was er empfindet. Und dann braucht es dafür Zeit und Worte und ein gegenseitiges Interesse. Die Suche nach dem: „Wer hat recht von uns beiden?“, ist dabei wenig hilfreich.

Ich möchte hier keine Empfehlung aussprechen, ab wann man zufüttern sollte, wie lange man stillen soll, Flasche ja oder nein. Das ist es nicht, was langfristig hilft oder was euch als Paar stärken und/oder weiterbringen wird. Jedes Kind und alle Eltern sind so unterschiedlich und unterschiedlich geprägt und unterschiedlich unterwegs und jedes Kind ist, was das Stillen und Füttern angeht, so individuell. 

Ich höre aus dem, was du beschreibst auch eine sehr feine Wahrnehmung für deine Kinder heraus. Es hört sich so an, als würdest du deine Kinder nicht nur mit Nahrung satt machen wollen, sondern auch die Beziehungsebene nähren wollen. Du nimmst Unterschiedlichkeiten bei deinen Kindern wahr und reagierst darauf. Und ich höre heraus, dass sich das Leben mit einem Kind anders gestaltet als mit zwei Kindern. Und auch auf diese veränderte Gegebenheit reagierst du mit innerer Flexibilität und Offenheit. Du spürst, dass dir als Mutter mit einem Kind andere Kräfte zur Verfügung standen, als als Mutter von zwei Kindern. Und es ist nicht nur ein Mensch mehr in eure Familie gekommen, sondern auch du hast dich auf dem Weg bis dorthin verändert. Ich höre, dass du dir und deiner Selbstfürsorge im Rahmen deiner Möglichkeiten Raum einräumen möchtest, weil dir das wichtig ist und guttut. Für mich hört es sich so an, als hätte dich dein Mann in jeder Stillen-, Füttern- und Ins-Bett-bring-Situation unterstützt. Und du fühlst dich in deiner Elternrolle als Team und nicht allein. Mit zwei Kindern in dem Alter, in dem deine beiden Kinder sind, hat man oft zu wenig Arme, Ruhe und Platz auf seinem Schoß, um allen gerecht zu werden. Für einen selbst ist das kräftezehrend und die Gelassenheit findet nur selten Einkehr. 

Väterliche Geduld

Aber auch für die Väter ist es nicht leicht, ihre Rolle und ihren Platz bei den Kindern zu finden und zu gestalten. Sie ringen um Momente, in denen nach ihnen als Papa verlangt wird – und ihre Geduld wird oft auf die Probe gestellt. Das Gebundensein der Kinder an die nährende Brust der Mutter macht es den Vätern etwas schwer, die volle – wie soll ich es nennen – Fürsorgerolle oder Verantwortung zu übernehmen. Erst wenn die Kinder ganz abgestillt sind, stehen sie der Mutter in nichts mehr nach und können 24 Stunden ohne die Hilfe der Mutter auskommen und ihre Vaterrolle gestalten und genießen. Sie brauchen dafür Wartekraft und den von der Mutter gegebenen Raum dafür. Durch ein Loslassen der Mutter, ist es für den Vater leichter, Vater zu werden, denn er soll ja  – genau wie die Mutter – seine Vaterrolle selbst finden und authentisch sein.  

Ich höre aber bei dem Wunsch, den dein Mann äußert, noch mehr heraus. Vielleicht könnte es euch gelingen, mit Ruhe, Offenheit und Aufmerksamkeit über eure Wahrnehmung und Wünsche zu sprechen. Hört euch liebevoll und unvoreingenommen zu. Auch wenn ihr unterschiedlich handeln wollt, habt ihr das gleiche Ziel vor Augen. Das an dieser Stelle nur als kurze Rückmeldung. 

Mögliche Ideen für eure Gespräche

Vielleicht sind bei meinen Ideen passende Sätze dabei: 

Papa:

Ich wünsche mir wieder mehr Zeit für uns. Ich sehne mich nach deinem Körper und nach Zärtlichkeiten. Ich habe das Gefühl, wenn du stillst, ist dein Bedürfnis nach Nähe und Berührung ebenfalls gestillt und ich fühle mich etwas außen vor. 

Ich würde auch so gerne eine gesunde väterliche Intimität zu unserer Tochter gestalten und aufbauen. Solange du stillst, habe ich das Gefühl, dass für mich kein Raum da ist.

Ich würde dich so gerne mehr unterstützen. Beide Kinder sind noch so auf dich fixiert. Meine Möglichkeiten dir mit den Kindern zu helfen sind geringer, wenn du stillst, das macht mich ungeduldig und unzufrieden.

Ich habe noch nicht richtig verstanden, was für dich beim Stillen unserer Tochter anders ist als bei unserem Sohn. Könntest du nochmal probieren, es mir zu erklären? Ich möchte dich gerne verstehen. 

Es kann gut sein, dass deine Vermutung richtig ist, dass wenn unsere Tochter an einem Abend gestillt wird, sie an einem anderen Abend von mir nicht die Flasche nehmen möchte. Ich würde es trotzdem gerne ausprobieren. Ein Abend ist dafür sicherlich nicht genug. 

Könntest du dir vorstellen, unsere Tochter auch ohne zu Stillen ins Bett zu bringen? Ich glaube, dann wäre es für mich schneller möglich, unsere Tochter ebenfalls in den Schlaf zu begleiten. 

Mama:

Für mich ist das Stillen eine schnelle Möglichkeit, um unsere Tochter in den Schlaf zu begleiten. Daran etwas zu verändern, kostet Kraft und die habe ich gerade nicht. Sobald ich etwas Kraft verspüre, möchte ich aber auch abstillen.

Ich sehne mich auch danach, dass du unsere Tochter ins Bett bringst, denn ich freue mich wieder auf ein bisschen mehr Unabhängigkeit. 

Ich empfinde unsere Kinder und meine Beziehung zu ihnen als unterschiedlich. Das merke ich auch beim Stillen. Ich habe das Gefühl, dass zum Abstillen noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Ich habe aber auch das Gefühl, dass ich mich bald vom Stillen verabschieden muss und ich brauche dafür noch etwas Zeit. Könntest du uns noch ein bisschen Zeit zugestehen? Ich will das gleiche wie du, aber noch nicht jetzt sofort.

Deine Sorge, dass wenn ich die Brust zum Einschlafen anbiete und du (natürlich) nicht, unsere Tochter immer mich zum ins Bett bringen auswählen wird, kann ich verstehen. Ich möchte aber zum Einschlafen gerne noch Stillen. Könnten wir es trotzdem ausprobieren? Vielleicht funktioniert es doch mit einmal Stillen und einmal ohne Stillen. Das Ausprobieren braucht sicherlich mehr Zeit als 3-4 Abende. 

Ich erlebe mich als Mutter beim ersten Mal Stillen und beim zweiten Mal Stillen anders. Darf ich dir davon erzählen und dich Anteil nehmen lassen? 

Es fällt mir schwer abzustillen. Ich glaube, ich brauche noch etwas Zeit. Vielleicht klappt es ja, wenn ich zu einem anderen Zeitpunkt am Tag stille und nicht mehr zum Einschlafen. Ganz aufhören möchte ich noch nicht.

Dies sind nur Möglichkeiten. Wie könnten Eure Sätze lauten? Probiert sie zu formulieren. Motiviert euch gegenseitig, das wiederzugeben, was ihr meint, vom anderen verstanden und gehört zu haben. Das ist wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden, denn das, was wir sagen und das, was wir meinen und das, was beim anderen ankommt, stimmt oft nicht überein. 

Und dann probiert das aus, was sich für euch gut und richtig anfühlt. Setzt euch regelmäßig zusammen und erzählt euch, wie es euch geht mit den Veränderungen. Seid ihr auf dem richtigen Weg oder muss etwas korrigiert werden? Und bitte vergesst nicht: Es gibt nicht die richtige Entscheidung! Niemand hat Recht! Verliert das, was das Kind mitteilt, nicht aus den Augen! Das, was sich jetzt richtig anfühlt, kann sich in ein paar Wochen oder Monaten wieder verändern. Nutzt diese Situation und alle weiteren, um mit dieser Herangehensweise euer Miteinander zu verändern. Übt Euch darin, zu formulieren, was ihr fühlt, und interessiert euch für das, was der andere fühlt. In dieser Begegnung findet ihr euren Weg. 

„Somewhere between right and wrong there is a garden. I will meet you there.” Rumi