Darum geht es
Wir haben beide kaum Energie übrig, gucken uns mit müden Augen an und kommen nicht nachhaltig weiter, weil wir gleich wieder im Alltags-Rad verschwinden. Wie können wir ein zufriedenes Paar bleiben, auch unter diesen Umständen?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Wie schafft man es, in der Liebe zueinander zu bleiben, bzw. sie wieder füreinander zu entdecken, wenn der Alltag einem kaum mehr Raum lässt?

Die Fremdbestimmung durch Kinder und deren Rhythmen ist groß. Wir erfüllen sie gerne für unsere Lütte, aber unsere Partnerschaft zerschellt an dieser Belastung fast. Zusätzlich arbeiten wir beide nahezu Vollzeit. Sicher haben wir schon das Privileg, auch mal Unterstützung durch eine Oma und eine Putzhilfe zu haben, aber im Grunde wuppen wir das eben als kleine Familie.

Da sieht es dann eher so aus, dass man sich durch die Woche kämpft. Wenn es gut läuft kann jede*r mal zum Sport oder Freunde treffen. Abends sitzen wir gegen 20:30 Uhr das erste mal irgendwo in Ruhe und merken dann wie unglaublich müde wir sind, da der Tag ja gegen 5:30 / 6:30 Uhr startet.

Oft bleibt sehr wenig Energie und Motivation für die Beziehung übrig, es endet häufig mit einer Serie. Oder man geht irgendwelchen Dingen parallel in der Wohnung nach, die noch zu erledigen sind. Am Wochenende benötigen wir Regenerationszeit, wenig Termine und nehmen alle den Mittagsschlaf mit – oder besuchen Familienangehörige, die in Deutschland verteilt wohnen.

Alle paar Wochen bekommen wir vielleicht einen Abend zu zweit hin, wenn es gut läuft. Und die „müssen“ dann gut werden, wie auf Knopfdruck. Uns ist beiden bewusst, dass das so nicht ideal ist – bei mir sogar manchmal zu Trennungsgedanken führt. Wir reden darüber, was anders sein müsste; dass es mehr Empathie füreinander braucht, mehr Leichtigkeit, mehr Dürfen und Können, weniger Müssen. Es ist aber so, dass wir beide kaum Energie übrig haben, uns mit müden Blicken anschauen und nicht nachhaltig weiter kommen, weil wir dann wieder im Alltags-Rad verschwinden. Ich bin der Überzeugung, dass wir all die Fülle unseres gestalteten Lebens nur wuppen können, wenn wir als Paar auf stabilen Beinen stehen und uns verbunden und als Team fühlen. In der Realität kommt aber meist alles andere zuerst, bis keine Energie mehr für die Partnerschaft übrig bleibt. Wie machen andere Paare das, wo es sich besser anfühlt und funktioniert? Oder was raten die Expert*innen?

Da sind jetzt vielleicht ein paar mehr Themen drin. Vielleicht macht ja irgendwas davon Sinn 🙂

Liebe Grüße

Die Antwort
unserer Expertin.
Wir haben einfach keine Kraft mehr für die Beziehung
Isabel Schärer — FamilyLab Deutschland

Hallo, 

danke für Deine ausführliche Schilderung Eurer Situation. Wie Ihr Liebende bleiben könnt, ist eine wichtige und so schöne Frage. Sie zeigt, wie wichtig Dir Deine Partnerschaft und das „Paarsein“ auch neben dem „Elternsein“ ist. Deine Trennungsgedanken darfst Du ernst nehmen. Sie müssen nicht bedeuten, dass Eure Beziehung vorbei ist. Du kannst sie als Signal verstehen, dass Dir Dein Innerstes sendet: So geht es nicht weiter, wir müssen was verändern, wenn wir Liebende bleiben wollen! 

Du hast Recht, es stecken viele Themen in Deinem Text und diese sind alle wichtig und bedingen sich auch gegenseitig. Gerade deswegen ist es sinnvoll, diese genauer anzuschauen. Ich möchte Dir im Folgenden Impulse zu den verschiedenen Aspekten geben, die Dir beziehungsweise Euch Möglichkeiten zeigen, vom Durchhalten wieder mehr zum aktiven Gestalten zu kommen. 

Der Alltag als berufstätige Eltern hat oft das Potential, uns komplett für sich zu beanspruchen, so dass die Partnerschaft nach Arbeit, Kind, Haushalt, Familie, Freunden und Regeneration ins Hintertreffen gerät. Die Aufgabenliste und -taktung ist unendlich, endet nie und gerade, wenn man dachte, man hat sich Luft verschafft, schummeln sich neue ToDo’s auf die Liste und verschieben die Zeit für uns selbst und die Zeit für uns als Paar wieder auf die letzten Plätze.

Der eigene Anspruch, alles erledigt zu haben, bevor wir uns Zeit für uns nehmen, trägt seinen Teil dazu bei, dass wir diese Priorisierung wie selbstverständlich hinnehmen. 

Darüber hinaus spukt in unseren Köpfen nach wie vor die Idee herum, dass Familie und Beruf selbstverständlich miteinander vereinbar sind. Es gibt bestimmt Umstände, unter denen dies auch der Fall ist, aber in den meisten Familien sind die Umstände so, dass das stille Anerkennen dieser Idee Eltern zusätzlich unter Druck setzt und sich viele Eltern falsch fühlen, weil sie diesem Anspruch nicht gerecht werden. Alle Eltern sind also immer wieder dazu herausgefordert und auch eingeladen ihre ganz eigene Balance zu finden, so dass es allen Familienmitgliedern gut gehen kann.

Gefühl der Fremdbestimmung

Wie schon oben benannt, funktionieren wir im Alltag oft für andere. Für die Kinder, die Arbeit, Freunde und die Familie und stellen uns, unsere Bedürfnisse und unsere Partnerschaft ganz hinten an. Wenn wir zu viel mit den Bedürfnissen und Erwartungen anderer kooperieren, kann das schnell dazu führen, dass wir uns selbst vernachlässigen und das Gefühl haben, zu kurz zu kommen. Dann haben wir mehr gegeben als wir haben und die Folge davon ist, dass wir Regeneration benötigen. Phasenweise ist das auch okay und gleichzeitig sollte es kein Dauerzustand sein. 

Die Gefahr besteht, dass so die Regeneration oft keine Me-Time oder Selbstfürsorge ist, sondern nur der Möglichkeit dient, für andere wieder verfügbar und funktional zu sein. Das kann weder für uns selbst noch für die Partnerschaft auf lange Sicht gut gehen. Ich mag in diesem Kontext das Bild des Kooperationsrucksacks. Wenn wir in der Früh aufwachen, haben wir alle einen Rucksack, der mit Bällen gefüllt ist und jedes Mal, wenn wir kooperieren, geben wir einen dieser Bälle her. Dass wir am Ende des Tages noch genug Bälle im Rucksack haben, ist unsere Verantwortung. Ein erster Blick auf Euren Alltag, der Euch verrät und Bewusstsein dafür entwickeln lässt, was Euch wie viele Bälle verbrauchen lässt und was Euren Rucksack wieder füllt, ist hilfreich. So werdet Ihr wieder aktive Verwalter Eurer Kapazitäten und das Gefühl der Fremdbestimmung reduziert sich. Auf manche Dinge haben wir tatsächlich inhaltlich keinen Einfluss, aber wir können vielleicht entscheiden, ob wir mitmachen oder nicht. 

Ihr dürft Paar bleiben

Du hast genau das richtige Gespür, wenn Du Deine Überzeugung teilst, dass Eure Partnerschaft auf stabilen Beinen die Basis darstellt. Die Partnerschaft bestimmt die Atmosphäre in der Familie. Wenn unsere Kinder klein sind, ist es zum Teil stark nötig, unsere Bedürfnisse zurückstellen. Je älter unsere Kinder werden, umso wichtiger ist es, dass wir selbst und auch unsere Partnerschaft wieder mehr ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit geraten. Dass wir uns um uns selbst kümmern sollten, leuchtet den meisten Eltern noch ein, da wir ja Kraft brauchen, um die Kinder zu versorgen. Wobei ich hier nochmal darauf aufmerksam machen möchte, dass Regeneration oft mit Selbstfürsorge verwechselt wird. Aber dass es genauso wichtig ist, sich um die Partnerschaft zu kümmern, ist doch den meisten noch fremd. Und wenn es auch logisch klingen mag, fehlen uns trotzdem die Vorbilder und Ideen, wie das umsetzbar ist. Nicht zuletzt haben viele Eltern auch das Gefühl, dass die Fürsorge für unsere Paarbeziehung einen Widerspruch zur bedürfnisorientierten Erziehung darstellt und haben ein schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber, wenn die Partnerschaft vor den Kindern priorisiert wird. Auch die Angst, dass sich die Kinder abgelehnt fühlen könnten, spielt auch nicht selten eine Rolle. 

Zwei Gedanken zur Hilfestellung. 

  • Es gibt einen Unterschied zwischen einem Wunsch und einem existentiellen Bedürfnis. Ein existentielles Bedürfnis braucht Eure Unterstützung, ein Wunsch kann auch mal unerfüllt ins Land ziehen. Frustration schadet nicht!
  • Damit, dass Ihr Euch um Euch selbst und Eure Partnerschaft kümmert, seid Ihr Eurem Kind ein wunderbares Vorbild. Euer Kind lernt so, dass es wichtig und vor allem okay ist, sich selbst und die Partnerschaft zu priorisieren. 

Du schreibst am Anfang von den Rhythmen Eures Kindes. Ich weiß nicht, wie alt Euer Kind ist, aber Kinder egal welchen Alters haben mehr davon, wenn sie an unserem Leben teilhaben und wir mit Ihnen zusammen sind, als von irgendeinem Programm. Vor allem aber wollen und brauchen Kinder es, dass es uns gut geht. Ihr werdet sehen, manchmal ist weniger tatsächlich einfach mehr.

„Nein“ als Garant für gesunde Beziehungen

Warum fällt es uns manchmal trotzdem so schwer, für uns zu sorgen? Die Antwort ist, dass wir nie gelernt haben, dass „Nein“ sagen etwas Gutes und Wichtiges ist. Wir verbinden „Nein“ mit Liebesentzug, Abbruch von Beziehung und Verletzung. Ich möchte Euch einladen umzudenken. In ganz vielen Fällen ist ein „NEIN“ zu anderen, einfach ein „JA“ zu Dir selbst. Und in diesem Zusammenhang ist ein „NEIN“ zu anderen, ein „JA“ zu Eurer Partnerschaft. Das gilt nicht nur für unsere Kinder, das gilt genauso für die erweiterte Familie, Freunde, die Arbeit und den Haushalt.

Partnerschaft braucht Selbstfürsorge

Wie so vieles im Leben, fängt es auch hier bei uns selbst an. Bevor Ihr Euch als Paar wieder näherkommen könnt, ist es wichtig, selbst wieder in eine gesunde Balance zu kommen. Denn, wenn jeder auf dem Zahnfleisch daherkommt, kann sich die noch so heiß erwartete Paarzeit schnell zum Desaster entwickeln. Eine mögliche Folge: Wir fühlen uns selbst falsch und zweifeln immer mehr an uns als Paar, weil wir es schon wieder nicht geschafft haben, eine schöne Zeit miteinander zu verbringen. Vielleicht ist da sogar Enttäuschung, weil das Bedürfnis nach Gehörtwerden und der Wunsch nach Verbundenheit, nicht erfüllt wurde. Das Gefühl, dass gegenseitige Empathie sowie die Leichtigkeit fehlt, folgen auf den Fuß und das Teamgefühl ist sowieso ganz weit weg. 

Um hier nicht in einem destruktiven Teufelskreis zu landen, ist es sinnvoll auszusteigen und solche Situationen als Signal zu erkennen, dass Du oder Dein Partner oder Ihr beide, gerade nicht gut genug auf Euch selbst geachtet habt, um eine erfüllende Paarzeit miteinander teilen zu können oder auch nur empathisch zu sein (Empathie braucht auch Energie).

Bezogen auf Eure Kinder, den Haushalt, die Arbeit, die erweiterte Familie, die Freizeit, die Hobbies darf sich jeder von Euch erstmal für sich folgende Fragen beantworten: 

  • Was tut mir gut, was nicht?
  • Wie tanke ich wirklich auf?
  • Was entzieht mir Energie?
  • Und was enthält beide Aspekte – also gibt und nimmt?

Das für sich ganz persönlich immer wieder im Großen und Kleinen zu überprüfen ist sinnvoll, da sich manches auch mit der Zeit ändert oder situationsabhängig ist. Bei genauerer Betrachtung werdet Ihr feststellen, dass es vor allem nicht schwarz-weiß ist. Beispielsweise kann eine Verabredung mit Freuden beides mit sich bringen. Manchmal tut es gut und kann eine wichtige Tankstelle sein, manchmal kann es aber auch mehr nehmen als geben, z.B. wenn Ihr aus einem Pflichtgefühl heraus handelt. Oder der Besuch bei der Familie kann stärken und gleichzeitig kann die An- und Abfahrt so anstrengend sein, dass es unterm Strich zu anstrengend war. Ein anschließender Austausch darüber, was jeder von Euch so herausgefunden hat über sich selbst, kann eine erste Annäherung sein und wieder mehr Verbundenheit sowie Verständnis schaffen. Versucht, unterschiedliche Empfindungen nicht persönlich zu nehmen, sondern versucht anzuerkennen, was ist. Hört Euch gegenseitig zu und bewertet Euch nicht.

Prioritäten setzen

Nachdem Ihr Euch selbst wieder besser kennengelernt und Euch als Paar wieder neu begegnet seid, ist es an der Zeit die Frage aller Fragen zu stellen: Was lassen wir in Zukunft weg, um mehr Zeit und Raum für uns zu schaffen? 

  • Muss der Haushalt immer fertig sein?
  • Gibt es Spielraum bei den Arbeitszeiten?
  • Welche Wochenenden reservieren wir nur für uns als Paar und als Familie?
  • Welche regelmäßigen Verpflichtungen können wir streichen?
  • Welche Rhythmen des Kindes können wir zu unseren Gunsten anpassen?

Es ist toll, dass Ihr Euch schon mal mehr oder weniger Zeit für gemeinsame Abende nehmt. Es zeigt, dass es Euch beiden wichtig ist, in Verbindung zu bleiben.

Versucht nicht zu hohe Erwartungen an diese Abende zu knüpfen, wichtige Dinge miteinander zu besprechen oder zu klären. Es geht nicht um große Gespräche oder Lösungen, sondern darum, miteinander zu sein – ohne Kind, ohne Agenda, ohne Außenwelt. Vielleicht gibt es etwas, was Ihr früher gerne miteinander gemacht habt und beide genießt? Findet etwas, das Euch beiden gut tut und Freude macht.

Für die kleinen Begegnungen im Alltag braucht es wahrscheinlich am Anfang mehr Energie und auf jeden Fall bewusste Zeiten, die Ihr Euch einräumt, um aus der Schleife von Alltag und Regeneration wieder auszusteigen. Vielleicht entscheidet Ihr Euch, bevor die Woche startet, für einen Abend an dem Ihr Euch Zeit für Euch nehmt statt eine Serie zu schauen. In dieser Zeit könntet Ihr zum Beispiel einfach nur miteinander daliegen oder füßeln oder Musik hören – vielleicht 5 Minuten. Sobald Euch danach ist, könntet Ihr auch in dieser Zeit damit beginnen, Euch darüber auszutauschen, welche Erkenntnisse jeder für sich selbst, beim Nachdenken über diese Fragen gewonnen hat. Macht am besten vorher aus, wie viel Zeit Ihr euch nehmen wollt und entscheidet nach Ablauf dieser gemeinsam, ob Ihr beide noch genug Kraft habt, um euch weiter auszutauschen. Achtet darauf, mit kleinen Einheiten anzufangen. Es geht darum, ein schönes Gefühl miteinander zu haben – das steht im Mittelpunkt. 

Ich wünsche Euch ein neugieriges Aufeinanderzugehen und gegenseitiges Neuentdecken. Falls Ihr auf der Stelle tretet und mal nicht weiterkommt, wie Euch die Priorisierung im Alltag mit den Kindern gelingen kann, zögert nicht, Euch Unterstützung durch eine professionelle Beratung zu holen.