Darum geht es
Unser Kind und ich sind ein tolles Team. Mein Mann findet keine Rolle in diesem Konstrukt. Oft wünsche ich mir, lieber allein mit unserem Sohn zu sein.

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo,

wir diskutieren immer wieder über die Erziehung unseres 3,5 jährigen Sohnes. Mein Mann findet, unser Sohn würde nicht auf uns hören und wir sollten mehr Grenzen setzen. Ich sehe das allerdings anders.

Mein Mann ist beruflich viel unterwegs und ich bin diejenige, die einen Großteil der Care-Arbeit übernimmt. Wie jedes Kind in diesem Alter, ist auch unser Sohn in der Trotzphase und ja, es bringt uns und auch mich oft an unsere Grenzen. Dennoch versuche ich, unseren Sohn bedürfnisorientiert zu erziehen, zeige viel Verständnis und bin sehr geduldig.

Aus meiner Sicht kennt unser Sohn Grenzen und tanzt uns nicht auf der Nase rum. Im Gegenteil, wenn ich alleine mit meinem Sohn bin, klappt alles ganz wunderbar. Wir sind ein tolles Team und ich bin stolz, dass wir den Alltag ohne Papa so gut meistern.

Mein Mann findet keine Rolle in diesem Konstrukt, tut sich schwer im Umgang mit seinem Sohn und reagiert häufig genervt.Insbesondere dann, wenn unser Sohn nicht beim ersten Mal hört. Naja, er ist nunmal 3,5 Jahre!

Ich würde meinen Mann gern dabei unterstützen, eine Rolle zu finden.Wenn ich ihn darauf anspreche, welche Rolle er denn für sich sieht und was für ein Vater er gern sein möchte, dann kommt leider nicht viel. Es geht dann eher viel in meine Richtung, dass ich zu sehr im Tunnel bin und ihn mehr unterstützen soll. Vor allem wenn er unserem Sohn eine Ansage macht.

Ich find das alles ziemlich belastend und wünsche mir oft, lieber allein mit unserem Sohn zu sein.

Viele Grüße

Die Antwort
unserer Expertin.
Du störst unseren Frieden!
Michaela Dörffling — FamilyLab Deutschland

Vielen Dank für deine Anfrage!

Wie vermutlich alle Eltern, möchtest du das Beste für euren Sohn. Bevor ich näher auf eure Beziehungsebene eingehe, möchte ich zuerst noch auf ein paar grundsätzliche Gedanken zum Familienleben eingehen: Da ist das Zusammenspiel innerhalb einer Familie. Es basiert auf den einzelnen Mitgliedern und für ein wenigstens halbwegs stressfreies Miteinander braucht es den Einsatz aller Beteiligten. Es sind die Eltern, die gemeinsam die Aufgabe haben, für die Qualität der Atmosphäre in der Familie zu sorgen. Das ist eine Herausforderung, denn jeder bringt eigene Erfahrungen und Prägungen mit. 

Wie wir in unserer Familie sind, hängt maßgeblich davon ab, wie wir selbst aufgewachsen sind. Insbesondere, wenn es schwierig wird, weil zum Beispiel ein Kind krank ist oder einfach nur nicht das tut, was man erwartet, greifen wir unbewusst auf alte Verhaltensmuster zurück, die wir in unserer Herkunftsfamilie erlebt haben. Wir haben Strategien entwickelt, die als Kind in unserer Familie hilfreich waren, es jetzt als Erwachsene aber nicht mehr sind. Wenn es in unserer Familie hilfreich war, die Bedürfnisse aller anderen zu erfüllen, dann werden wir das vermutlich auch als Eltern versuchen. Und wenn wir immer folgsam sein mussten, dann werden wir das vermutlich auch von unserem Kind erwarten. Das ist erstmal kein Problem, es ist so, wie es ist. Als Eltern dürfen wir uns aber dessen bewusst sein, dass alte Muster in unser tägliches Leben reichen und unser Verhalten beeinflussen. 

Kinder brauchen Eltern, die für eine angenehme Atmosphäre in ihrem Zusammenleben sorgen. Das geht nur miteinander, wenn also beide sich selbst einbringen und dem anderen zuhören können und wollen. Die Qualität der Beziehung der Eltern bestimmt das Wohlbefinden der Kinder. Dieselben Grundlagen, die für die Beziehung zum Kind gelten, gelten auch für die Beziehung der Erwachsenen. Es heißt also, die Wünsche, Anschauungen und Bedürfnisse eines jeden gleich ernst zu nehmen; die der Kinder genauso wie die der Erwachsenen. 

Alternativen statt Gegensätze

Konflikte lassen sich im Zusammenleben allgemein und im Leben mit Kindern ganz besonders nicht vermeiden. Sie können eine Bereicherung sein, wenn man aufrichtig über Gefühle, Sorgen und Nöte sprechen kann und sich ernst genommen fühlt. Denn dann kann man in einen Dialog eintreten, die eigenen Bedürfnisse erforschen und ausdrücken und die des oder der anderen hören, wahrnehmen und in die eigenen Überlegungen einbeziehen. Man kann anfangen, in Alternativen zu denken, statt in Gegensätzen. Das ist ein bisschen wie Zopf flechten: Aus zwei (oder mehr) Strängen wird etwas Neues. Das kann schnell gehen, oder ein sehr langsamer Prozess sein, je nachdem, worum es geht, wie tief der Konflikt wurzelt und welche alten Muster zum Einsatz kommen. Entscheidend ist die Einstellung zu Konflikten. Wenn beide Partner sie als etwas Notwendiges begreifen, wird es spannend, denn dann können gemeinsam neue Wege gefunden werden; Wege, die vielleicht von allem abweichen, was gemeinhin als „richtig“ deklariert wird und die doch für die jeweilige Familie die beste Lösung sind.

Um nun euren Zopf flechten, euren Weg als Familie mit den Gegebenheiten, die bei euch vorherrschen, finden zu können, dürft ihr euch ein paar Fragen stellen: Was ist mit euren Bedürfnissen als Erwachsene? Was ist mit euren Bedürfnissen als Paar? Wie kommuniziert ihr miteinander? Seid ihr bereit, die Bedürfnisse des anderen wertzuschätzen und in eure Überlegungen einzubeziehen? Das alles ist wichtig, denn eure Beziehung ist die Grundlage für das Wohlbefinden eures Sohnes. Wenn es euch gut geht miteinander, wird es auch ihm gut gehen. 

Väter sind keine männlichen Mütter

Eure aktuelle Situation macht das nicht ganz einfach. Dein Mann ist beruflich viel unterwegs und du mit eurem Sohn allein. Das birgt die große Herausforderung, in die wenige Zeit, die euch zur Verfügung steht, Partnerschaft und Familienleben zu integrieren. Ihr beide müsst in der kurzen Zeit für euch selbst sorgen und euch von eurem Alltag erholen, für den Partner/die Partnerin da sein und ihn oder sie unterstützen. Dein Mann muss zusätzlich noch eine Beziehung zu eurem Sohn aufbauen. Das ist besonders schwierig, da sich Kinder in diesem Alter sehr schnell entwickeln und verändern. Du hast mit eurem Sohn durch das durchgängige Zusammensein Routinen aufgebaut. Du weißt, wie er „tickt“, was ihm hilft und was nicht. Du hast die Art und Weise aufgebaut, mit der das Zusammenleben zwischen dir und eurem Sohn am besten „funktioniert“.

Dein Mann hat das bisher noch nicht machen können. Er ist entweder nicht da, oder ihr seid zusammen und er „stört“ in dem Gefüge zwischen dir und eurem Sohn. Er soll eine „Rolle“ finden. Das ist es aber nicht, was euer Sohn braucht. Er braucht einen Vater. Und die Art und Weise, wie er und sein Vater zusammen sind, kann sich nur zwischen ihm und seinem Vater entwickeln.

Väter haben eine andere Art, mit ihren Söhnen umzugehen. Sie sind keine männlichen Mütter. Für euren Sohn wäre es von unschätzbarem Wert, beide Elternteile authentisch zu erleben. Dann hätte er ein Modell für Frau/Mutter und eines für Mann/Vater. Er könnte ausloten, welche Grenzen der Vater hat und welche die Mutter. So könnte er für sich lernen, dass Grenzen bei verschiedenen Menschen unterschiedlich sind und dass auch er Grenzen haben kann, die sich von denen anderer Menschen unterscheiden.

Kinder sind sehr feinfühlig. Sie spüren, wie wir uns fühlen, auch wenn wir etwas anderes sagen und reagieren auch auf das, was nicht gesagt wird. Wenn du nun kritisch siehst, wie dein Mann mit eurem Sohn umgeht, verunsichert ihn das und er kann sich nicht auf seinen Vater einlassen. Denn der Mensch, der für ihn im Moment die hauptsächliche Bezugsperson ist, hat Vorbehalte gegenüber seinem Vater. Wenn du wünschst, du wärest lieber allein mit eurem Sohn, spiegelt sich darin in meiner Interpretation die unbewusste Haltung, dass dein Mann dir weniger wichtig ist, als euer Sohn und dass es deinen Mann in dieser Familie nicht braucht. Auch wenn du es nicht aussprichst, euer Sohn nimmt wahr, dass etwas nicht stimmt und so störst du, ohne es zu wollen, die Beziehung zwischen deinem Mann und eurem Sohn.

Beziehungsaufbau ermöglichen

Es ist verständlich, dass du deinem Mann zeigen möchtest, wie er mit eurem Sohn umgehen sollte, denn du hast viel Zeit und Energie darin investiert, herauszufinden, was gut für euer Kind ist und wie euer Zusammenleben möglichst stressfrei ist. Doch dadurch verhinderst du den natürlichen Lernprozess zwischen deinem Mann und eurem Sohn und schaffst eine Distanz zwischen dir und deinem Mann. Vermutlich fühlt sich dein Mann in der Folge als unzulänglich und unfähig. Darunter leidet eure Beziehung und darunter wiederum euer Sohn.

Es geht darum, dass dein Mann eine Beziehung zu eurem Sohn aufbaut und einen ganz eigenen Weg findet, mit ihm umzugehen. Eure Aufgabe als Eltern ist es, gemeinsam, authentisch und so wertschätzend wie möglich herauszufinden, wie ihr das umsetzen könnt. Wie wäre es zum Beispiel, wenn du einmal Urlaub von der Familie nimmst und die beiden für mindestens zwei Wochen allein lässt? Das mag im ersten Moment verrückt klingen, aber ich meine es ernst! Deine Abwesenheit sollte so lang sein, dass dein Mann wirklich Alltag mit eurem Sohn erlebt und eigene Lösungen finden muss, wenn mal etwas nicht auf Anhieb funktioniert. Dann kann er Verantwortung übernehmen für das Zusammenleben mit eurem Sohn. Vermutlich wird ihm dann überhaupt erst bewusst, was du meinst, wenn du ihn fragst, welche Rolle er übernehmen, wie er als Vater sein möchte. Dadurch, dass du immer da bist und weißt, was zu tun ist, musste er das noch nie machen. Er kann sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, was du in den letzten Jahren geleistet hast, da er selbst nie in dieser Situation war. Zwei Wochen sind deutlich weniger Zeit, als du hattest, um das Zusammenleben mit eurem Sohn zu gestalten, aber immerhin genug Zeit für die beiden, um sich neu kennen zu lernen. Und für dich kann das ganz nebenbei eine gute Gelegenheit sein, endlich einmal aufzutanken und dich außerhalb des Mutterseins wieder zu finden.

Ich möchte dich einladen, ein paar Dinge für dich zu klären: 

  • Welche Bedürfnisse hast du als Frau, als Partnerin, als Mutter?
  • Wer bist du, wenn du nicht Mutter bist?
  • Wer oder wie möchtest du sein? 
  • Wie stellst du dir die Beziehung zu deinem Mann in Zukunft vor?
  • Wie willst du mit ihm zusammen sein?
  • Wie wichtig ist dir eure Beziehung?
  • Was schätzt du an ihm?

Bist du bereit, deinen Mann und euren Sohn eine ganz eigene Beziehung aufbauen zu lassen? Was brauchst du, um die Verantwortung für die Beziehung zwischen den beiden deinem Mann zu überlassen?

Wenn du dir darüber Gedanken gemacht hast, kannst du mit deinem Mann ein Gespräch führen. In den folgenden Zeilen habe ich eine Gesprächseröffnung geschrieben, wie ich sie mir zu eurer Situation vorstellen könnte. Mit deinen eigenen Worten und Gedanken würde das sicherlich anders klingen, aber vielleicht findest du hier ja Inspiration für deine eigene Herangehensweise:     

„Ich habe mir in den letzten Wochen viele Gedanken über unser Familienleben gemacht. Unsere Paarbeziehung hat in den letzten Jahren gelitten (wenn es das ist, was du empfindest), auch darunter, dass wir so unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie wir mit unserem Sohn umgehen wollen und was gut für unseren Sohn ist. Ich war jetzt 3,5 Jahre  gefühlt allein für unseren Sohn zuständig und das war nicht immer leicht. Ich habe mich deshalb viel damit beschäftigt, was Kinder brauchen und habe einen Weg gefunden, der für mich und unseren Sohn gut passt. Ich wollte dir und ihm so gern wenigstens ein paar der Fehler ersparen, die ich gemacht habe und dich an dem Wissen, das ich in der Zeit gesammelt habe, teilhaben lassen, um es für uns alle leichter zu machen. Ich habe den Eindruck, dass das nicht so gut funktioniert hat und wenn du das auch willst, möchte ich dich gern dabei unterstützen, deine ganz eigene Beziehung zu unserem Sohn aufzubauen. Dazu muss ich wissen, was du an Unterstützung von mir haben möchtest. Aber ich verstehe auch, wenn du deine eigenen Erfahrungen und Fehler machen möchtest. Und vielleicht gehen zwischen euch ja auch Sachen, die zwischen mir und ihm nicht möglich waren. 

Ich möchte, dass du weißt, dass ich eventuell ein bisschen unruhig sein werde, bis ich sehe, dass es zwischen euch funktioniert. Das liegt vermutlich daran, dass ich so lange allein verantwortlich war und es nicht leicht ist, das jetzt loszulassen. Aber ich vertraue dir, du bist der Mann, den ich liebe und der Vater dieses wunderbaren Kindes. Wie wäre es, wenn ich demnächst einmal für zwei Wochen Urlaub mache und ihr beide hier allein bleibt? Dann hättet ihr eine Möglichkeit, euch zu finden und eine Beziehung aufzubauen, ohne dass ich nervös werde oder ihr euch zu sehr auf mich verlasst.“

Auf diesem Gespräch könnt ihr aufbauen und immer wieder in den Dialog gehen, wenn etwas für einen von euch schwierig ist. Es ist wichtig, dass ihr neugierig bleibt und offen dafür seid, wie der oder die andere das Zusammenleben erlebt, auch wenn es eigentlich klar zu sein scheint. Euer Sohn wird davon profitieren, wenn er mit Erwachsenen aufwächst, die so wertschätzend miteinander und mit ihm umgehen.