Darum geht es
Jetzt hat sich nach 3.5 Jahren so etwas wie „Schlafneid“ bei mir entwickelt. Ich stille nachts noch sehr oft und bin quasi die alleinige Verantwortliche für unseren Einjährigen.

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Mich bewegt aktuell auch etwas, was unsere Paarbeziehung belastet:

Mein Mann und ich haben 2 Söhne (3.5 und 1 Jahr alt). Meine Wunschvorstellung war (und ist) das Schlafen im Familienbett. Anfangs haben wir das auch praktiziert. Mein Mann schnarcht allerdings so laut, dass ich nach jedem nächtlichen Stillen nicht mehr einschlafen konnte und auch mein Sohn immer wieder davon aufgewacht ist. Wir sind also aus dem Ehebett ausgezogen. Seitdem verbringe ich die Nacht mit Kind 2 im Kinderzimmer, während mein Mann alleine im Ehebett schläft.

Jetzt hat sich nach 3.5 Jahren so etwas wie „Schlafneid“ bei mir entwickelt. Ich stille nachts noch sehr oft und bin quasi die alleinige Verantwortliche für unseren Einjährigen, dessen Nächte oft sehr durchwachsen sind. Wenn ich dann zum gefühlt 100. Mal wach bin, werde ich richtig wütend. Und zwar auf meinen Mann, der nebenan friedlich schnarchend im Ehebett liegt. Mein Sohn lässt sich nachts auch nur durch mich beruhigen, also dass er mal eine Nacht oder zumindest ein paar Stunden übernimmt, hat bisher leider noch nicht geklappt.

Allgemein habe ich oft das Gefühl, er hat es so viel „einfacher“. Er kann einfach zum Stammtisch, ohne Sorge zu haben, dass der Kleine sich vor Hunger in Rage schreit. Ja, ich bin einfach neidisch auf seine Freiheiten und darauf, dass er die Nacht ganz für sich hat und durchschlafen kann. (Verstehe mich nicht falsch, ich liebe das Stillen und möchte das auch nicht aufgeben, auch wenn es mich oft in meinen Freiheiten beschränkt). Morgens am Frühstückstisch bin ich dann gereizt und unfreundlich zu ihm, dabei hat er ja eigentlich gar nichts gemacht.

Da ich gefühlt 24 Stunden ein Kind an mir dran habe, kann ich auch kaum ertragen, wenn er Intimität einfordert. Ich bin einfach gesättigt, was Körpernähe angeht.

Das alles schafft ordentlich Distanz zwischen uns. Wir wissen auch, dass die Zeiten wieder anders werden und die Kinder irgendwann nicht mehr so viel Zuwendung am Abend und in der Nacht brauchen. Aber es beeinträchtigt einfach aktuell unser Familienleben, da wir deshalb oft ins Streiten kommen.

Wie könnten wir Entspannung in die ganze Situation bringen?

Liebe Grüße

Die Antwort
unserer Expertin.
Du hast es so viel einfacher als ich!
Dr. Desiree Bender — FamilyLab Deutschland

Liebe Partnerin und Mama,

manchmal finden wir uns in einem komplexen Gefüge aus Rollen, Bedürfnissen, Zuständigkeiten und Erwartungen wieder, was Deine offenen Worte so deutlich zum Ausdruck bringen. Wenn die schiere Alltagsbewältigung uns so viel Kraft abverlangt, dass für die nötige Sortierarbeit sowohl innerer Abstand als auch die Energie fehlen, ist es wertvoll, sich Hilfe von außen zu suchen. Das kann auch einfach ein Blick mit etwas Abstand auf die Situation sein. Ich wage zu behaupten, dass alle Familien solche Phasen durchmachen. 

Was du beschreibst, ist eine Situation, in der sich Familien mit sehr jungen Kindern oft wiederfinden. Die nächtliche Versorgung eines Kindes, das gestillt wird, entwickelte sich bei Euch zu einer Situation, in der Deine körperliche und emotionale Erschöpfung zu innerem Rückzug und Beziehungsspannungen mit Deinem Partner führen. Eure Streitigkeiten spiegeln zugleich die Suche danach wider, wie Ihr mit der – vielleicht auf beiden Seiten gefühlten – Hilflosigkeit umgehen könnt. 

Überlastung als Ausgangslage

Es ist wertvoll, dass Ihr Euch bewusst seid, dass die aktuelle Situation nur eine zeitlich begrenzte Entwicklungsphase im Leben Eures jüngsten Kindes, in Eurem Familienleben und Eurer Paarbeziehung darstellt. Zugleichschießen unsere Gefühle uns immer wieder dazwischen. Denn die von Dir beschriebene Situation kostet unsagbar viel Kraft. Jede Nacht alleine zu stillen und für zwei Kinder da zu sein, ist eine ernst zu nehmende Belastungssituation auf körperlicher und emotionaler Ebene. Die Spannungen zwischen Euch sind nicht als Resultat fehlender Liebe zu verstehen, sondern resultieren aus dieser Überlastung und einem Mangel an Raum für Dich selbst.

Lass uns im Folgenden sortieren, wo Möglichkeitsräume für Euch liegen, die Ihr erforschen und wo Ihr schauen könntet, wie Du und in der Folge Eure Beziehung wieder in Balance finden könnt. Die Sortierung Eurer Situation zerlege ich in verschiedene Teile:

Schritt 1:
Lass uns erforschen, wie Du den Kontakt zu Dir selbst und die Anerkennung Deiner Situation vertiefen kannst.
Schritt 2:
Wie kannst Du in gefühlter Selbstanerkennung Deinem Partner gegenüber kommunizieren, was für Dich wichtig ist und was Veränderung braucht?

Das eigene Wohlbefinden ernst nehmen

Zunächst ist wichtig, dass Du für Dich selbst anerkennst, wie wichtig und wertvoll Du bist. Dein Wohlbefinden ist für die gesamte Familie zentral. Ein Teil Deiner Wut könnte auch darin bestehen, dass Du von Dir selbst mehr erwartest. Als Mütter fühlen wir uns oft erschöpft und haben zugleich eine innere Stimme in uns, die meint, dass wir mit der Situation klar kommen sollten. Hier kannst Du für Dich erforschen, ob so eine strenge und übernommene Stimme, die Müttern zu viel Verantwortung zuschreibt, mitschwingt.

Dich selbst, Deine Gefühle, Deine Erschöpfung und Bedürfnisse nach Erholung ernst zu nehmen und anzuerkennen, wie wichtig Du bist, ist ein zentraler innerer Schritt.
Zum Beispiel kannst Du Dir sagen: „Dass ich erschöpft bin, ist ein Zeichen meiner ausgeprägten Fürsorge für meine Kinder und keine Form von Schwäche.“
Wenn Du dies radikal anerkennst und auch, wie erschöpft Du bist und dass Du eine Veränderung brauchst, nimmst Du Dich und Deine Situation erst richtig ernst.

Als weiterer Baustein der inneren Anerkennung kann es hilfreich sein, Dir bewusst zu machen, dass die Verantwortung für die Familie und die Versorgung der Kinder – trotz Stillen – nicht alleine Deine Aufgabe ist. Wie Ihr beide über diese Verantwortung denkt – egal ob bewusst oder unbewusst – scheint eine wichtige Rolle in Eurer aktuellen Realität zu spielen. In dieser hast Du bereits seit Längerem Deine eigenen Bedürfnisse nach Ruhe und Erholung zurückgestellt, und es geht nun darum, die Bedeutung Deiner Bedürfnisse als gleichwürdig neben jenen Deines Partners zurückzuerobern.

Die Kraft der Wut

Nun gibt es in Dir diese Wut, die wir näher betrachten können:
Wut als Gefühl und als Energie im Körper setzt sich für etwas ein und zeigt uns, wo Grenzen nicht wahrgenommen wurden, wie wir es eigentlich brauchen. Sie setzt sich auch dafür ein, dass Du Dich selbst ernster nimmst in Deinen Grenzen. Wenn Du das Gefühl von Wut umwandelst in Gereiztheit und Unfreundlichkeit, erkennst Du das Gefühl und das, wofür es steht, selbst noch nicht ganz an und unterdrückst einen Teil der Umwälzungsenergie, die Dir zuruft:

„Hier muss sich etwas ändern!“

Wut ist auch Ausdruck von Ohnmacht und Ungleichgewicht, bezogen auf Eure Beziehung. Zugleich ist da ein Gefühl von Neid, und es ist schön, wie Du all das in Dir siehst. Neid zeigt uns, wo jemand etwas hat, was wir selbst gerne hätten. Schlafneid ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Schutzmechanismus, weil Du Deine existenziellen Bedürfnisse dauerhaft zurückgestellt hast.
Ich schreibe diesen Satz bewusst so, dass Du Dich als Mitverantwortliche erlebst, auch wenn es sich vielleicht so anfühlt, als hätten die Umstände die Situation erschaffen. Solche gemeinsam kreierten Situationen lassen sich am besten verändern, wenn die Erwachsenen anerkennen, dass ein Teil von jedem dazu beiträgt.

Neid, Wut und Erschöpfung – all das gilt es, angemessen Deinem Mann gegenüber zum Ausdruck zu bringen (Schritt 2).
Frage Dich: „Was geschieht in mir, wenn ich mich im Auftreten von Neid, in meiner Wut und Erschöpfung liebevoll beachte?“
Beobachte, was geschieht, und schöpfe aus dem Gefühl der liebevollen Verbindung mit Dir selbst.

Wie kommen wir voran?

Lass uns nun noch den Schritt gehen, aus den Gefühlen in passende Handlungen überzugehen, indem Du an Deinen Mann kommunizierst, was Du brauchst. Zunächst ist wichtig, dass Du ihm ehrlich mitteilst, wie es Dir wirklich geht, ohne Teile zu verstecken. Bitte ihn, Dir nur zuzuhören, und sag ihm, dass Du Dir wünschst, dass er – nachdem Du in tieferer Reflexion warst – nun hören kann, wie es Dir geht.
Ohne Schuldzuweisungen ehrlich über Deine Gefühle zu sprechen, öffnet den Raum, dass er Dich sieht. All das darfst Du ausdrücken:

• „Ich bin im Moment so erschöpft, dass ich keine Nähe zu Dir zulassen kann und auch die körperliche Nähe, die die Kinder derzeit von mir fordern, ist zu viel – mehr als ich geben kann. Mein Körper ist gerade nur für das Nötigste offen – Nähe kann wieder wachsen, wenn ich atmen kann.“

• „Ich liebe euch, aber ich kann gerade nicht teilen – nicht mal oder gerade nicht mein Bett.“

• „Ich bin eifersüchtig auf Deinen Schlaf – und ich weiß, dass das unfair klingt, doch ich möchte, dass Du weißt, wie ich mich fühle.“

• „Ich fühle mich oft alleingelassen, wenn Du ruhig schlafen kannst und ich seit Jahren nicht mehr. Mir fehlt Freiheit in der Gestaltung meiner Zeit, die ich brauche, damit es mir gut geht.“

Dies sind Vorschläge, an die nicht nur eine Bitte, sondern eine deutliche Forderung angeschlossen werden sollte:

„So kann es nicht mehr weitergehen. Ich kann nachts nicht weiter alleine zuständig sein. Wir brauchen neue Lösungen.“

Sein Rückzug, der vielleicht ebenfalls aus Hilflosigkeit resultiert, hat Folgen für alle – das dürft Ihr erkennen.

Deine Bedürfnisse nach Schlaf, Ruhe, Abgrenzung und körperlicher Integrität stehen gleichwürdig neben denen Deines Mannes und auch Deiner Kinder. Wichtig ist abzugrenzen, dass ein einjähriges Kind existenziell wichtige körperliche Kontaktbedürfnisse zu seinen Bezugspersonen hat. Zugleich können diese auch vom Vater erfüllt werden, doch ist hierzu eine Umgewöhnungsphase nötig, in der die Erwachsenen aus innerer Klarheit handeln müssen.
Grenzen müssen respektiert, nicht verhandelt werden – bei Dir handelt es sich um existenzielle Grenzen.

Euer Gespräch, in dem auch er Raum braucht, um zu sagen, wie er sich fühlt, könnte in ein konstruktives Gespräch münden, in dem Ihr nicht versucht, Gerechtigkeit herzustellen, sondern gemeinsam Wege findet, die für Euch als Familie funktionieren. Wenn einmal auf dem Tisch liegt, dass es so nicht weitergeht und alle Beteiligten das akzeptieren, entstehen neue Räume und Ihr könnt auf Augenhöhe kooperieren.

Erforsche vorher:

  • Wo kannst Du gut für Dich sorgen, wenn Dir bewusst ist, dass Deine Berührungsgrenzen (vor Kindern/Mann) Einhaltung brauchen?
  • Wo kannst Du Mini-Ruheinseln schaffen?
  • Was ist für Dich Erholung, wo und wie tankst Du auf?
  • Wo kannst Du Deinen Körper als „nur Dir“ gehörend erleben – ganz bewusst?
  • Wie oft am Tag kannst Du entscheiden, dass Deine Pausen oberste Priorität haben und alles andere warten kann?
  • Wie früh morgens kann Dein Partner verbindlich mit einem oder beiden Kindern aufstehen und Dir mehrere Stunden Schlaf ermöglichen?

Trage diese Ergebnisse in das Gespräch mit Deinem Partner, sodass Ihr Euch beide in Eurer transformativen Kraft erlebt und Du schon vorab Deine Bedürfnisse und Grenzen in das Gespräch in konkrete Veränderungen übersetzen kannst.

Auf diese Weise könnt Ihr beide ganz in Eigenverantwortung über das sprechen, worum es wirklich geht und seid auf den bedeutsamen Ebenen in Austausch miteinander. Im besten Fall resultiert daraus Mitgefühl für Euch selbst und füreinander, weil deutlich wird, wofür Wut und Schlafneid wirklich stehen und was unter diesen Gefühlen liegt.

Ich wünsche Euch gute Erkenntnisse bei der Selbsterforschung und für den Austausch miteinander.