Darum geht es
Unser Problem liegt vor allem daran, dass wir einfach nicht mehr intim werden. Ich habe gerade keine Lust auf Sex, fühle mich oft unter Druck gesetzt und das mindert meine Lust nur noch mehr.

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo,

unser Problem liegt vor allem daran, dass wir einfach nicht mehr intim werden. 

Ich hab dazu momentan keine Lust. Unsere dritte Tochter ist aber auch erst 13 Monate alt. Ich fühle mich oft unter Druck gesetzt und das mindert meine Lust nur noch mehr. 

Ich bin sehr zufrieden, so wie es momentan ist, weil ich einfach sowieso der Meinung bin, dass eine Mutter, eine frischgebackene Mutter, auch Zeit für sich braucht und auch haben darf oder haben dürfen sollte, um erst wieder im Alltag anzukommen und auch das neue Baby kennenzulernen. 

Mein Partner und ich führen immer wieder Diskussionen darüber oder streiten sogar auch darüber, weil für ihn es so schwer zu verstehen ist, dass ich einfach keine Lust hab, denn wenn er mich nackt sieht oder auch einfach nur schöner gekleidet oder sonstiges hat er diese Lust und würde mich am liebsten sofort vernaschen, aber auf liebevolle Art und Weise. Da ist nix Primitives dabei.

Und ich habe halt momentan meine kleine Tochter an erster Stelle. Die bekommt gerade das meiste meiner Liebe und Zuneigung ab. Da bleibt gerade wenig für solche Dinge. Vor allem wenig Zeit. 

Und allgemein fällt es mir sehr schwer, während des Geschlechtsverkehrs einfach abzuschalten und nicht schon meine nächsten To-Dos im Kopf zu haben… das liegt aber an mir und daran arbeite ich gerade intensiv. 

Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich immer wieder auch Schmerzen beim Sex habe. Was es natürlich noch schwerer macht, mich darauf einzulassen. Und ich weiß auch hier, dass es da vielen Frauen ähnlich geht. Kleiner Impuls: Lasst euren Beckenboden richtig (!) checken und trainiert diesen! Er ist ein so wichtiger Muskel und für viele Beschwerden verantwortlich, weil er total vernachlässigt wird. 

Und ja. Mein Mann ist unbefriedigt. Und hätte gerne Sex. Oder mal nen Blowjob. 

Aber für mich fühlt sich dieses „schnell mal zwischendurch, zwischen Alltag und Kindern“ einfach nicht gut an. Denn da kann ich nicht loslassen, verspanne mich und habe dadurch Schmerzen bei der Penetration. Und ich fühl mich da dann auch ausgenutzt. (Obwohl er das auf keinen Fall so meint! Aber für mich fühlt es sich so an) Ich denk mir dann: „Hauptsache du bist befriedigt. Ich komm nicht zu meinem Orgasmus, denn da bräuchte es mehr Zeit dazu“

Ich ertappe mich dann oft dabei, wie ich mich schon rechtfertige, wo er mich doch einfach nur küssen will. Weil ich das Gefühl habe, dass er nicht nur den Kuss will, sondern dann eben auch mehr. Was ja auch so ist. Aber er hat in dem Moment nicht wirklich die Intention dahinter. Nur fühlt es sich für mich schon wieder so an und ich mach mir selbst Druck und rechtfertige mich dann sofort, warum ich jetzt nicht kann. Manchmal sind es auch nur Ausreden…

Und wenn ich ihm den Kuss oder das Schmusen „gewähre“ und mich für den Kuss (!) hingebe, habe ich das Gefühl, ihm gleich Hoffnung auf mehr zu machen. Wo ich mir doch einfach nur Kuscheln ohne Sex wünsche. 

Irgendwie alles ein bisschen schwer zu erklären.

Die Antwort
unserer Expertin.
Ich habe gerade einfach keine Lust auf Sex.
Heidy de Blum — FamilyLab Deutschland

Vielen Dank für deine Frage und den Einblick in eure aktuelle Situation. Du beschreibst, dass du grundsätzlich zufrieden bist mit deiner Familie, aber dass dich das Thema „Sexualität“ stark unter Druck setzt.
Deine Erläuterungen und Ausführungen sind für mich absolut nachvollziehbar. Es ist schlichtweg unfassbar, wie viel sich in deinem Leben in den letzten Monaten verändert hat. Dein Körper hat ein kleines Lebewesen in sich heranwachsen lassen, du hast deine Tochter geboren und nun versorgst du neben deinen beiden anderen Kindern auch noch die 13-Monate alte kleine Schwester. Das kommt uns manchmal so selbstverständlich vor, aber wenn man sich mal bewusst macht, was das eigentlich alles bedeutet, dann ist das wirklich eine riesige Sache. Abgesehen davon, was es für deinen Körper alles bedeutet und was hormonell alles passiert, bringt ein weiteres Kind in der Familie eben auch eine große Umstellung für alle Familienmitglieder mit sich. Es ist also sehr verständlich, dass es Zeit braucht, damit alle diese neue Situation kennenlernen können und sich darin wohl fühlen.

So wie ich deine Frage gelesen habe, hast du (im Moment) einfach andere Prioritäten. Du genießt die intensive Zeit mit deiner jüngsten Tochter und deine Libido ist momentan gerade nicht besonders aktiv.
Dein Mann hingegen hat eindeutig das Bedürfnis nach mehr Nähe, Intimität und Geschlechtsverkehr. Wenn ich es richtig interpretiere, dann hast du für das Bedürfnis deines Mannes durchaus Verständnis, aber gleichzeitig hast du das Gefühl, dass du deinen Standpunkt verteidigen müsstest und das löst bei dir Druck aus.

Wie schaffen wir es also, in einer Partnerschaft gleichwürdig miteinander zu kommunizieren und Lösungen zu finden, wenn unsere Bedürfnisse nicht zusammenpassen?

Von Diskussionen zum Dialog

Momentan führt ihr Diskussionen und streitet miteinander. Wahrscheinlich möchte jeder seine eigenen Bedürfnisse durchsetzen. Wenn das passiert, dann fangen wir oft an, unsere Grenzen zu verteidigen. Es entsteht eine Spirale, in der wir letztendlich wollen, dass sich unser Gegenüber anders verhält, anders ist und anders denkt.

Doch diese Streitereien frustrieren uns noch mehr, denn wenn wir in dieser Spirale feststecken, dann kommen wir in unserer Beziehung nicht weiter. Was könnt ihr also tun, um euch auf der Beziehungsebene anders zu begegnen?

Wie schafft man es, aus den Diskussionen auszusteigen und einen gleichwürdigen Dialog zu führen? 

  1. Jeder Mensch hat gute Gründe, warum er so denkt, fühlt und handelt, wie er es gerade tut. Vielleicht könnt ihr euch in einem ruhigen Moment zusammensetzen und eure Gedanken und Gefühle noch einmal nebeneinanderstellen. Es geht in dem Dialog nicht darum, den anderen vom eigenen Standpunkt zu überzeugen und auch nicht zu bewerten – es geht einfach nur darum, sich wirklich für die Innenwelt des Gegenübers zu interessieren. Dieses Begegnen kann natürlich nur funktionieren, wenn wir mit echtem Interesse am Anderen und seiner Gedankenwelt dabei sein können. So lange wir davon überzeugt sind, dass unser Standpunkt der Richtige ist, wird es schwierig, uns auf unseren Partner wirklich einzulassen.
  2. Betrachtet das Buffet, das ihr gemeinsam aufgebaut habt. Alle Gefühle, Bedürfnisse und Gedanken dürfen darauf erstmal Platz haben. Versucht von eurem Innenleben zu erzählen, ohne weitere Rückschlüsse auf den Partner zu ziehen. So ist es gerade bei euch. Eure Bedürfnisse passen momentan nicht zusammen. Das ist ok – das passiert in Partnerschaften – das darf so sein. Bedürfnisse brauchen Beachtung. Auch wenn wir sie vielleicht (noch) nicht befriedigen können, wollen diese Bedürfnisse gesehen und ernst genommen werden. 
  3. Was können wir nun tun? Es muss nicht immer gleich eine Lösung geben. Bereits der Dialog und das Beachten und Anerkennen des Anderen ohne sich gegenseitig zu kritisieren und abzuwerten, wird euch bestimmt wieder einen Schritt weiterbringen. Vielleicht werdet ihr aber auch kreativ und euch fallen gute Lösungen ein? Dann nur zu. Alles was eure Beziehung stärkt, wird auch die Möglichkeit erhöhen, dass sich die Lust bei dir wieder melden kann, denn bei vielen Frauen führt der Weg ins Schlafzimmer durch das Wohnzimmer (frei nach Jesper Juul).

Für viele Menschen ist das ein neuer Schritt – auszusteigen, aus den Diskussionen und einzusteigen in echte Dialoge. Es ist ungewohnt und es braucht ein bisschen Übung. Manchmal braucht es auch Unterstützung von außen, um nicht wieder in alte Muster zu verfallen oder wenn noch weitere, tiefere Verletzungen mitschwingen. Ein paar weitere Gedanken und Fragen möchte ich euch noch mitgeben, die euch dabei helfen können, gemeinsame Lösungen zu finden:

  1. Überlegt noch einmal gemeinsam, was ihr als Paar vor den Kindern so gemacht habt, dass euch Freude bereitet hat. Vielleicht gibt es Dinge, die ihr wieder aufleben lassen könnt? Das muss nicht zwingend auf der sexuellen Ebene sein. Was erzeugt bei euch das Gefühl der Verbundenheit?
  2. Du beschreibst, dass du Schmerzen beim Sex hast – vielleicht ist es auch eine Idee, das nochmal fachärztlich abklären zu lassen, denn Schmerz ist natürlich ein absoluter Lustkiller und vielleicht gibt es auch da noch eine Verknüpfung auf rein körperlicher Ebene.
  3. Wie kannst du Zärtlichkeiten wieder genießen? Was würde dir helfen, den Druck aus den Situationen der Intimität herauszunehmen?
    Kannst du mit deinem Mann Momente finden in denen Zärtlichkeit und Nähe auch ohne Sex möglich sind?
  4. Könnt und wollt ihr mehr Paarzeiten einbauen, die eben nicht „schnell mal zwischendurch“ Platz haben? Wer kann euch dabei unterstützen? Vielleicht geht es im Moment noch nicht, aber wann wäre es wieder möglich?

Die Paarbeziehung ist die Basis unseres Familienlebens und wir dürfen uns die Zeit nehmen, diese Beziehung auch zu pflegen. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, es ist unabdingbar für unsere Familie, dass wir uns die Zeit nehmen, damit es allen in der Familie gut gehen kann. Macht es euch gemütlich und lasst euch überraschen, wie verbindend es sein kann, wenn wir aus dem Kreislauf von Kritik und Vorwurf aussteigen und anfangen uns wieder neu zu begegnen! Im Alltag mit Kindern sind wir so viele Stunden in unserer Rolle als „Mama“ oder „Papa“ – aber wir sind eben auch noch Partner! Es ist so wertvoll, das nicht aus den Augen zu verlieren! Momentan ist der Weg ins Schlafzimmer vielleicht durch Wäscheberge und Kinderspielzeug verbaut, aber wenn eure Beziehung genährt wird, dann könnt ihr den Weg auch wieder frei räumen. Ich wünsche euch viel Freude beim Ausprobieren!