Ehrlich gestellt.
Hallo zusammen,
ich habe ein Beziehungsproblem, das vielleicht nur ein Persönlichkeitsproblem ist. Auf jeden Fall würde ich es gerne lösen.
Ich bin nicht gut darin, meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und noch schlechter darin, sie auszudrücken, wenn ich sie immerhin mal wahrgenommen habe.
Das führt dazu, dass ich oft über einen längeren Zeitraum Sachen in mich hineinfresse oder eben mit mir herumtrage, weil ich es irgendwie nicht schaffe, sie anzusprechen. Meine Frau ist da ganz anders… sie ist eher impulsiv und willensstark. Wenn sie eine Idee hat, dann will sie die auch umgehend in die Tat umsetzen. Und wenn sie etwas stört, dann spricht sie das auch viel schneller an oder löst es direkt. Ich weiß aber oft noch nichtmal, was mich stört und wenn es dann soweit ist, habe ich das Gefühl, dass es meine Schuld war, nicht eher angesprochen zu haben, was mich stört. Früher war das noch deutlich schlimmer, als heutzutage, trotzdem tritt immernoch folgendes Muster auf:
Über Wochen und Monate hinweg sammeln sich in mir Unzufriedenheiten an, von denen ich das Gefühl habe, ich kann sie nicht äußern. Oft z.B. weil es Folgeprobleme sind, die nur da sind, weil ich vorher nichts gesagt habe. Mit der Zeit werden diese angestauten Unzufriedenheiten immer belastender, ich werde verschlossener und sehe mich irgendwie als Opfer, das immer einstecken muss. Irgendwann kommt es dann zu einem emotionalen, lösenden Gespräch, weil meine Frau immer wieder nachbohrt, warum ich so schlechte Laune habe. Wieso kann ich das nicht selber ansprechen, sondern warte selbst dann, wenn es mir schon richtig mies geht, darauf, dass sie das Gespräch initiiert? Nachdem ich mich dann ausgeheult habe und wir uns aussprechen, kommt meine Frau mir in der Regel in vielen Punkten, die ich eigentlich schon vor Wochen hätte ansprechen sollen, entgegen und ich nehme mir vor, meine Bedürfnisse zukünftig schneller und klarer zu kommunizieren. Aber bald fängt der ganze Zirkus wieder von vorne an.
Diese Dynamik sehe ich nicht nur bei uns, sondern ich habe sie auch schon öfter im Bekanntenkreis gesehen: Die Männer machen Kompromisse und nehmen sich über einen längeren Zeitraum zurück, nur um dann irgendwann voll in der Opferrolle zu sein und von ihren Partnerinnen getröstet und bestätigt werden zu müssen. Und die Frauen können nur antworten: „Du hättest doch von Anfang an etwas sagen können.“ Alle Beteiligten stört diese Dynamik.
Mir wurde schon als Kind gesagt, dass ich harmoniebedürftig und konfliktscheu bin. Das mag ja auch sein. Ich biete schnell Kompromisse an und meine Frau ist das genaue Gegenteil: Wenn sie argumentativ Gegenwind bekommt, geht sie umso mehr in die Offensive. Klar sind das schwierige Voraussetzungen, aber das muss ja nicht zwangsweise bedeuten, dass ich wochenlang solchen Mist mit mir rumtragen muss, nur damit meine Frau am Ende die Verantwortung hat, mich da wieder rauszuholen. (wenn ich es so schreibe klingt mein Verhalten ja einfach komplett unreif) Ich möchte nicht, dass das immer wieder passiert, deshalb ist meine Frage einfach, was können wir dagegen tun?
unserer Expertin.
Hallo und vielen Dank für Ihre Offenheit und Ihr Vertrauen. Ich kann mir vorstellen, dass sich viele Menschen, die Ihre Zeilen lesen, darin wiedererkennen. Eigene Bedürfnisse und Grenzen wahrnehmen, mit sich selbst in Kontakt sein und dies dann auch noch „gut“ in den Ausdruck bringen, haben wir oft nicht gelernt. Dies stellt uns dann in unseren Partnerschaften, wo vielleicht der Wunsch nach Harmonie einem Wunsch nach Auseinandersetzung gegenübersteht, vor ganz schön große Herausforderungen.
Wie wir als Kinder lernen unsere Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern
Der Grundstein dafür, wie wir mit Gefühlen und Bedürfnissen umgehen, wird schon in unserer Kindheit gelegt. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen ein ganzes Potpourri an Worten für ihre Gefühlszustände anbieten. Sie brauchen unbedingt ein Gegenüber, dass Sie sprechfähig werden lässt: Bin ich wütend, oder vielleicht doch traurig? Wo genau kann ich das in mir wahrnehmen? Ist es ok, dass ich mich gerade so fühle? Was kann ich für mich tun, damit es mir besser geht? Und so weiter…
Wenn Kinder die Gelegenheit haben, auf Erwachsene zu treffen, die ihre Gefühlsstürme (aus-)halten können und ihnen ein eingestimmtes Gegenüber sind, dann stehen die Chancen gut, dass sie zu Erwachsenen werden, die gelernt haben, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen. Der Kreislauf aus Zuschreibungen und Beschämung wird also unterbrochen und im besten Fall wird die jeweils nächste Generation immer ein Stückchen sprachfähiger und damit auch fähiger WIKRLICH in Verbindung mit sich und dem Gegenüber zu sein.
Ihre Situation
Ich kenne Ihre Beziehungsdynamik nicht, aber ich gehe davon aus, dass Sie beide dieses System aus guten Gründen etabliert haben. Es wird Ihnen beiden auf die jeweils eigene Art Orientierung und Sicherheit geben.
Für Etwas einstehen, sich für Etwas stark machen, dafür auch in die Auseinandersetzung gehen, ist auch ein Ausdruck davon, mit seiner Lebendigkeit in Kontakt zu sein. Vielleicht war diese Energie, aus welchen Gründen auch immer, für Sie als Kind nicht sicher und Sie haben gelernt, diesen Teil besser nicht zu stark auszuleben.
Ihr Wunsch nach Harmonie wird Ihnen vielleicht die Sicherheit geben, dass Bindungen belastbar sind. Ihre Frau hingegen hat vielleicht gelernt, dass es sich für sie besonders sicher anfühlt, wenn sie die Dinge „in der Hand hat“, wenn sie gestaltet und dadurch Orientierung und Sicherheit hat.
Wenn wir nicht gelernt haben, dass wir eigene Bedürfnisse haben dürfen („Sei jetzt endlich still“, „Stell dich nicht so an!“, „Geh in dein Zimmer!“) dann reagieren wir als Erwachsene oft total überfordert und unser Wunsch nach beispielsweise Ruhe drückt sich als Vorwurf aus: „Siehst du nicht, dass ich gerade lese?“. Oder wir warten so lange ab, bis uns da jemand aus dem Schneckenhaus holt und immer wieder nachbohrt, so wie in Ihrem Fall Ihre Frau Sie immer wieder aus dem Schneckenhaus holt. Auf jeden Fall haben Sie ein System etabliert, das „irgendwie“ erstmal funktioniert.
Ihre „schlechte Laune“, wie Sie schreiben, scheint den Druck dann irgendwann so zu erhöhen, dass Ihre Frau in die Verantwortung geht und auf den Austausch besteht. Sie gehen dann (unter enormem Aufwand) in die Verbindung und danach beginnt der Kreislauf wieder von vorne.
Ins Tun kommen
Wie schön, dass Sie jetzt ein einem Punkt sind, wo Sie Ihre Gefühle und Bedürfnisse von sich aus ansprechen möchten. Und dies scheint Ihnen ja auch bereits gelungen zu sein. Sie schreiben selbst, dass Sie „immerhin mal Bedürfnisse wahrgenommen“ haben, oder „Früher war es noch deutlich schlimmer..“. Da ist ja schon ein „hin zu“ drin und mich bewegen diese Momente immer sehr, denn es ist wirklich eine Aufgabe, sich aus diesen Mustern gemeinsam als Paar herauszuentwickeln. Ohne Sie beide und Ihre Beziehung näher zu kennen, hätte ich noch ein paar Impulse, die Sie vielleicht hilfreich finden:
- Schauen Sie auf die Momente, bei denen es Ihnen bereits gelungen ist, sich explizit zu Ihren Wünschen und Bedürfnissen zu äußern! Oft gibt es einen Moment vorher, der die Situation für Sie sicher gemacht hat: eine Aussage, eine Umgebung, ein innerer Zustand, Zeit,..? Suchen Sie nach diesen Momenten und lernen Sie diese Momente im Hier & Jetzt wahrzunehmen und sich auszuprobieren, wenn Sie sich sicher fühlen. Wenn wir uns sicher fühlen, ist die Fallhöhe deutlich geringer und die innere Bereitschaft auch höher, die eigene Komfortzone zu verlassen.
- Achten Sie auf Ihre Sprache! „Ich bin nicht gut darin,…“, „Ich schaffe es nicht…“, „Ich sehe mich als Opfer…“. Wir sind darauf ausgelegt, sehr genau dahin zu schauen, was wir uns selbst erzählen. Und unser Körper hört immer mit! Schauen Sie mal, was Ihr Körper macht, wenn Sie sich selbst diese Sätze sagen. Wohin geht ihr Blick, was machen ihre Schultern, wie geht es Ihrem Kiefer, wieviel Spannung ist in der Stirn? Wenn wir uns selbst diese Geschichte über uns erzählen, dann sind wir irgendwann so identifiziert damit, dass es sehr schwer ist, da wieder rauszukommen. Wir produzieren uns selbst oft sehr viel Enge. Achten Sie mal auf Ihren Körper, wenn Sie sich selbst sagen: „Aktuell fällt es mir manchmal noch schwer, mich gut in den Ausdruck zu bringen…“, „Heute ist es mir 2x gelungen, für mich einzustehen…“, „Ich lerne gerade….“! Das mag banal klingen, aber es hat eine ungemeine Wirkung darauf, wie wir uns selbst begegnen. So können wir uns neue Handlungsräume und Wachstum schaffen, statt uns nur mit dem „Ich bin eben so, wie ich bin.“, abzufinden.
- Muten Sie sich Ihrer Partnerin zu! Wenn eine*r innerhalb einer Partnerschaft in Bewegung gerät, dann bewegt sich natürlich das gesamte Rad der Partnerschaft. Holen Sie sich Ihre Frau an Ihre Seite!: „Liebe … Ich möchte nicht mehr so tief in meinem Schneckenhaus stecken. Deshalb wird es vielleicht für uns beide hier und da mal unangenehm in der nächsten Zeit, denn ich weiß aktuell selbst noch nicht so genau, wie ich das machen werde. Ich wünsche mir, dass wir uns da ein wenig „Manövrierraum“ zugestehen, wenn es etwas holprig wird.“ Sprechen Sie Ihre Situation in Ihren Worten an und machen Sie sich Ihre Frau zu Ihrer Verbündeten.
- Nehmen Sie sich vor, in den Konflikt zu gehen! „Ab jetzt werde ich mindestens ein Mal pro Woche mit meiner Frau in einen Konflikt gehen.“ Das mag sich im ersten Moment nicht wünschenswert anhören – für Sie könnte genau hier eine Chance liegen. So lernen Sie ganz gezielt zu schauen, wann Sie für sich einstehen möchten, wann Ihnen vielleicht eine Grenze wichtig ist oder welches Bedürfnis nicht erfüllt ist. Und wenn Sie möchten, prüfen Sie jeden Sonntagabend einmal: Wie häufig bin ich letzte Woche in Konflikt gegangen und wie hat es sich danach angefühlt? Was war schwierig? Hat es uns mehr verbunden oder fühlte es sich wirklich so schmerzhaft an, wie ich mir das selbst so viele Jahre erzählt habe? Bin ich ein Stück gewachsen, sind wir gemeinsam ein Stück gewachsen?
- Lassen Sie sich Zeit und seien Sie neugierig auf das, was Sie wahrnehmen und in den Ausdruck bringen möchten! Zum Beispiel: „Ich bin mir nicht sicher, was das jetzt mit mir macht, aber ich merke, dass es mir gerade nicht gut geht mit der Entscheidung, die wir eben besprochen haben. Es wäre mir wichtig, das nochmal aufzugreifen. Wann passt es dir?“ Mit dieser Offenheit drücken Sie sich selbst aus, ohne dass dies durch Vorwürfe passiert und Sie geben Ihrer Partnerin Raum, darauf reagieren zu können. Klassische Reiz-Reaktionsketten haben dadurch weniger Power und jede*r hat die Möglichkeit, mehr auf sich, als auf das Gegenüber zu schauen. Das WIE ist oft viel wichtiger als das WAS.
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Neugier und Mut, sich selbst zu entdecken. Manchmal knirscht es dann ein bisschen im System, wenn sich ein Teilchen der Vereinbarung verändert. Auch dabei wünsche ich Ihnen beiden viel Freude und Verbundenheit miteinander. Sie können sich in sich selbst und innerhalb ihrer Partnerschaft noch mal viel tiefer entdecken. Wunderschön.
Herzlichst,
Ihre Katharina Siebert aus Köln
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