Ehrlich gestellt.
Ich bin 3-fach Mama (14, 3,1) und habe meinen jetzigen Mann kennengelernt, als mein ältestes Kind 4 Jahre alt war. Davor war ich alleinerziehend.
Da ich meinen Mann nie im Auftrag gesehen habe, dass er mein Kind „miterzieht“, gab es zu dieser Zeit wenige Reibungspunkte – ganz im Gegenteil. Er hat von sich aus die Vaterrolle wunderbar übernommen. Was mich schon etwas beschäftigt hat, war das Ungleichgewicht, also dass ich zum Beispiel die Kinderbetreuung organisieren musste, wenn ich was unternehmen wollte, er allerdings einfach völlig spontan handeln konnte, ohne darauf Rücksicht nehmen zu müssen. Egal ob Freizeit oder Beruf. Ich habe das allerdings unter dem Blickwinkel, dass es ja mein Kind ist und nicht seines, ganz gut aushalten können.
Nach der Geburt von Kind 2 und 3 war und ist das völlig anders. Ich bin teilweise wirklich neidisch darauf, dass mein Mann seine beruflichen Ziele problemlos erreichen kann, Wochenweise nicht da ist, um Fortbildung zu machen, seinem Hobby nachgehen kann usw. ohne sich Gedanken zu machen, was in dieser Zeit mit den Kindern ist.
Das wirkt sich natürlich auch auf die Beziehung aus und führt zu Anschuldigungen, da ich mich oftmals nicht gesehen fühle.
Ja, ich weiß, dass Mütter auch Karriere machen und sich selbst verwirklichen können und so weiter und so fort. Aber zu welchem Preis? Ich habe mich dazu entschieden für meine Kinder da zu sein und dennoch fühlt es sich manchmal einfach unfair an, dass sich ein Elternteil entscheiden muss, und der andere sein Ding dennoch machen kann.
Da struggle ich gerade sehr!
unserer Expertin.
Liebe Dreifach Mama,
vielen Dank für Deine Frage und Deine offenen Worte. Du beschreibst einen Zustand, den viele Eltern nachvollziehen können – wenn auch die Nuancen bei jedem individuell gefärbt sind.
Eure Situation als unfair zu empfinden, das Gefühl, weniger Freiheiten zu haben und neidisch auf Deinen Partner zu sein, sind wichtige Warnsignale, die Du ernst nehmen darfst. Sie zeigen Dir, dass es Dir mit der jetzigen Situation nicht gut geht und ein oder mehrere Bedürfnisse nicht mehr erfüllt sind.
Selbstverwirklichung trotz Elternrolle?
Du sprichst die Vereinbarkeit von Beruf und Familie an, die mittlerweile in unserer Gesellschaft als gegeben angenommen wird und damit viele Eltern immens unter Druck setzt, alles unter einen Hut bekommen zu müssen. Hier ist es sinnvoll als Paar, gemeinsam eine bewusste Entscheidung zu treffen, da jede Familie individuell und somit auch für jede Familie ein anderes Modell passend ist. Es ist schön, dass Ihr die Möglichkeit hattet, Eurem Wunsch nachzukommen, und Du zu Hause bleiben kannst, um für die Kinder da zu sein. Nicht unter dem Druck zu stehen, wieder arbeiten gehen zu müssen, kann Familien sehr entlasten.
Gleichzeitig sollte deine Entscheidung, für deine Kinder da zu sein, keinen Widerspruch zu Deiner Selbstverwirklichung und noch viel weniger zu Deiner Selbstfürsorge darstellen. Egal ob groß oder klein, jung oder alt, unser ganzes Leben ist geprägt davon, eine Balance zwischen Anpassung und Autonomie herzustellen. Auf der einen Seite steht der Wunsch nach Gemeinschaft und Verbundenheit. Auf der anderen Seite der Wunsch nach Autonomie und Selbstverwirklichung. Oft glauben wir, dass es als gute Eltern von uns erwartet wird, unsere eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen. Vielleicht sogar, dass unser Partner dies von uns erwartet. Solche Narrative haben meist eher etwas damit zu tun, wie wir selbst aufgewachsen sind, welche Vorbilder wir hatten und welche Erfahrungen wir bisher gemacht haben – selten steckt dahinter eine reale Erwartung unseres Partners oder unserer Kinder.
Zwischen diesen beiden Polen das Gleichgewicht zu halten, kann nur jeder selbst. Wir sind verantwortlich für diese Balance, da wir alleine wissen oder herausfinden können, von was wir wie viel brauchen. Selbstverständlich können wir uns als Partner gegenseitig dabei unterstützen, dies herauszufinden, aber dazu später mehr.
Weiter bedeutet Deine Entscheidung, für die Kinder da zu sein, nicht, dass Ihr als Paar nicht frei in der Gestaltung seid, wie Ihr konkret die Aufgaben und Verantwortungen verteilt. So wie Du es beschreibst, ist Euch der Übergang zur Bonusfamilie großartig gelungen, und Dein Partner hat eine enge vertrauensvolle Beziehung zu Deinem Sohn aufgebaut, die es ihm erlaubt, sogar eine Art Vaterrolle im Leben Deines Sohnes zu übernehmen. Das ist sehr schön. Es war auch sicher eine zuträgliche Entscheidung, Deinem Partner keine Erzieherrolle zu geben. Als aus Euch nun ein Paar wurde, war es für Dich aus der Situation heraus selbstverständlich, die Familienorganisation zu übernehmen. Allerdings schreibst Du, dass dies für Dich über die Zeit hinweg bereits nur „ganz gut aushaltbar“ war. Das klingt eher danach, als hättest Du diese Aufgabe schon von Beginn an nur komplett übernommen, weil Du in der Annahme warst, dass es so „richtig“ sei. Was die Beziehung zwischen Deinem Sohn und Deinem Partner betrifft, war das sicher zu Beginn eine kluge Entscheidung, da es die beiden nicht unter Druck gesetzt hat.
Mit Blick auf Eure Partnerschaft ist das anders zu betrachten. Sobald wir eine Familie oder Bonusfamilie gründen, sind beide Erwachsenen für die Gestaltung der Familie und die Atmosphäre in der Familie verantwortlich. Grundsätzlich gibt es auch hier kein Richtig und kein Falsch, es zählt alleine, was Ihr als Paar entscheidet und miteinander vereinbart.
Passiv warten oder aktiv gestalten
Es ist normal, dass wir zu Beginn einer Partnerschaft vor lauter Hormonen und Verbindungslust unzählige Kompromisse eingehen, ohne dass wir darüber nachdenken oder unsere Gedanken mit unserem Partner teilen. Oft neigen wir in dieser Phase dazu, Dinge zu tun, Aufgaben zu übernehmen und Rücksicht zu üben, weil wir glauben, dass unser Partner das so möchte oder es „richtig“ ist. Man tut gut daran, alsbald zu überprüfen, welche Kompromisse meine Lust und welche Kompromisse meine Werte, meine persönlichen Grenzen und meine Bedürfnisse berühren. Mit ersteren können wir meist ganz gut leben. Aber solche Kompromisse, die unsere Integrität als Person tangieren, können uns auf Dauer einen hohen Preis abverlangen. So passiert es, dass wir im Sinne der Gemeinschaft viele kleine, unechte Kompromisse eingehen und diese gerne auf einer Art Verrechnungskonto sammeln. Die Gelegenheit, diese unserem Partner vorzuhalten, kommt häufig schneller, als man denkt.
Aus Ungleichgewicht und Mangel entstehen dann Erwartungen, Anschuldigungen und Vorwürfe. Falls wir mit unserem Partner bisher nicht darüber gesprochen haben, fällt dieser natürlich aus allen Wolken, wenn wir plötzlich wie ein Inkasso-Unternehmen an die Tür klopfen und ein ganzes Konto an offenen Schulden und ungedeckten Rechnungen vorlegen. Manchmal bemerken wir selbst überhaupt erst, dass wir so ein Konto angelegt haben, wenn wir schon in der Anklage sind oder wir haben schlicht den Moment verpasst, unserem Partner mitzuteilen, dass sich etwas für uns geändert hat. Und manchmal hat es unser Partner vielleicht auch nicht hören wollen.
In dem Moment aber, wenn wir Erwartungen und Anklagen an unseren Partner richten, legen wir die Verantwortung für unser Wohlergehen und darüber, ob es uns gut oder schlecht geht, in dessen Hände. Ich gebe bildlich gesprochen den Ball ab – meinen Ball. Wir schwächen uns damit selbst und sind in diesem Moment nicht mehr aktive Gestalter, sondern passiv Wartende. Unser Partner wird darauf wahrscheinlich mit Widerstand reagieren, sich verteidigen oder rechtfertigen. Das gewünschte Verständnis bekommen wir nicht. Am Ende fühlen sich meist beide mit dem, was sie in die Partnerschaft und Familie einbringen, nicht gesehen und wahrgenommen. So beginnt ein hässlicher Kreislauf, aus dem anscheinend kein Ausstieg möglich ist. Das Ergebnis ist dann, dass sich die Distanz zwischen uns immer weiter vergrößert. Der Druck, endlich gehört zu werden oder eine gute Zeit ohne Stress und Streitereien miteinander zu verbringen, wird uns wahrscheinlich die nächste gemeinsame Zeit als Paar weiter erschweren.
Gemeinsame Lösungen
Bevor Du mit Deinem Partner ins Gespräch gehst, könnte es hilfreich sein, erstmal für Dich selbst herauszufinden, was genau Deine Bedürfnisse sind und was dich stört. Ist es die ungleiche Verteilung der mentalen oder organisatorischen Aufgaben? Wünschst du dir mehr Verständnis und Wertschätzung? Fehlt dir Zeit für dich selbst, für deine eigenen Wünsche, Ziele und Hobbys? Vielleicht ist es nur einer dieser Punkte, vielleicht auch mehrere.
Sobald Du dann mit Deinem Partner ins Gespräch gehst, sprichst Du am besten von diesen Deinen Bedürfnissen und Wünschen. Damit bleibst Du und Dein Ball bei Dir und Dein Partner hat die Möglichkeit, bei sich zu bleiben und zuzuhören. Das könnte ungefähr so klingen:
„Schatz, mir geht es nicht mehr gut damit, wie wir die Aufgaben aktuell verteilt haben. Ich habe das Gefühl, zu kurz zu kommen, weil ich so viel Verantwortung trage. Ich möchte, dass wir eine bessere Balance finden, so dass ich mich freier fühle, etwas für mich zu tun. Mich interessiert, was Du darüber denkst und wie es Dir aktuell mit unserer Aufgabenverteilung und Deiner Verantwortung geht?“
Sollte Dein Partner es als Auftrag verstehen, Dir sofort eine Lösung zu präsentieren oder sich angegriffen fühlen, könnte es ein Zeichen dafür sein, dass er sich hilflos fühlt oder ebenfalls nicht gesehen. Hier lohnt es sich, für beide Partner Ruhe zu bewahren. Es geht darum, sich gegenseitig zuzuhören und am Ende gemeinsame Lösungen zu finden, die für beide stimmig sind.
Meine Empfehlung ist, nehmt Euch Zeit, am besten regelmäßig, in der Ihr möglichst ungestört seid. Solche Gespräche in Anwesenheit der Kinder oder zwischen Tür und Angel führen dazu, dass wir uns gar nicht auf uns und unseren Partner konzentrieren und einlassen können. Achtet gleichzeitig darauf, Euch nicht zu überfordern und geht am besten ein Thema nach dem nächsten an. Liegt schon eine gewisse Zeit an destruktiven Gesprächen hinter Euch, lasst es langsam angehen und beginnt erstmal damit, Euch gegenseitig zuzuhören.
Eine schöne Übung, um weiter ins Gespräch über Euren Familienalltag und auch Eure Zeit als Paar zu kommen: Ihr beantwortet gemeinsam 3 Fragen. Diese Fragen können sich sowohl auf Rituale und Verhaltensweisen als auch auf Eure Aufgabenverteilung, die ihr als Familie, als Paar und als Individuum habt, beziehen.
- Was wollen wir behalten?
- Wovon wollen wir uns trennen?
- Was wollen wir für uns neu erfinden?
Falls Ihr Euch, bei Punkt 1 und 2 nicht einig seid, ergibt sich eine schöne Gelegenheit, in den tieferen Austausch darüber zu gehen, was jedem von Euch im Detail wichtig ist. Vielleicht kann, nachdem Ihr Euch darüber ausgetauscht habt, einer von Euch einen gesunden Kompromiss anbieten oder aber Ihr behaltet nur Teile oder entscheidet Euch gemeinsam dazu, stattdessen etwas Neues zu erfinden.
Da wir selbst, unser Partner, unsere Kinder und unser Umfeld sich ständig weiterentwickeln, ist es sinnvoll, auch außerhalb von Krisen regelmäßig zu reflektieren, ob unsere Partnerschaft und unser Familienalltag noch stimmig für uns sind. Manches passt, wenn auch für einige Zeit hervorragend, trotzdem nur eine Zeitlang. Die schöne Nachricht ist, wir sind Gestalter unseres Lebens und die meisten Situationen müssen wir nicht aushalten, wir dürfen, ja sollen sogar für uns und unsere Partnerschaft sorgen.
Ich wünsche Dir und Deinem Partner viel Freude und Mut dabei, Euch selbst und Euch als Paar wieder näher kennenzulernen und herauszufinden, wie Ihr Familie gestalten wollt.
Kommentare für Mitglieder
Diskutiere mit anderen Eltern — Kommentare sind Teil der Mitgliedschaft.
7 Tage kostenlos testen →