Ehrlich gestellt.
Ich bin Anne, 36, und habe mit meinem Mann, 42, 2 kleine Söhne im Alter von 2 und 4 Jahren. Wir sind seit 20 Jahren ein Paar, seit 7 Jahren verheiratet. Unsere Beziehung hat definitiv auch viele Höhen und Tiefen, aber vor allem auch Veränderungen in den 20 Jahren erlebt, wir sind nicht mehr die gleichen Menschen, die wir damals waren und das ist vor allem für meinen Mann manchmal schwierig zu akzeptieren.
Nun unser Problem: Ich bin eine Person, die ihre Kinder an erster Stelle, aber sich selbst an zweiter Stelle stellt und ich überzeugt bin, dass meine mentale Gesundheit nur zur Gesundheit der Kinder und der Familie beitragen kann. Deshalb suche ich mir Auszeiten, gönne mir Sporteinheiten, Mädelswochenenden oder Kurztrips in die Stadt, die ich hinter mir gelassen habe für die Familie: Berlin. Das in regelmäßigen Abständen wie es halt der Schichtdienst meines Mannes (er arbeitet auch an Wochenenden) zulässt. Wir haben zwar die Unterstützung von 2 Omas, aber die ist eher punktuell stundenweise als flächendeckend.
Mein Mann hingegen gibt sich komplett auf für die Kinder, für die Familie und stellt sich an Position 1300 auf seiner Prioritäten- und To-do Liste. Das wiederum führt meines Erachtens zu Frust und er fühlt sich nicht gleichberechtigt, ist neidisch auf meinen von ihm betitelten „Egoismus“.
Das wiederum führt bei mir natürlich zu Verletzung, dass er mich schlecht macht für etwas, das mir gut tut.
Bei mir schwingt dann auch immer der Vorwurf mit, dass er sich für den Schichtdienst entschieden hat und das zu Lasten meiner Kapazitäten läuft, weil ich so viel auffangen muss, gerade an Nächten oder Wochenenden.
Ich glaube, am Ende fühlen wir uns beide nicht gehört und nicht gesehen und finden beide keinen so richtig guten Weg der Kommunikation, ohne den anderen dafür verantwortlich zu machen.
So entsteht ein Teufelskreis aus Vorwürfen, Verletzungen und Versuchen, einen Weg zu finden. Meistens ist es so, dass irgendeiner von uns einen spitzen Kommentar ablässt zu irgendetwas, was einen stört, dann fühlt sich der andere sofort angegriffen und geht in Abwehrhaltung. Dann gibt es erstmal die kühle Schulter und meistens initiiere ich dann ein klärendes Gespräch etwas später.
Ein Satz, den ich gern mal von meinem Mann hören würde, wäre zum Beispiel: „Ich bin frustriert und weiß nicht warum, aber suche mir Hilfe, um das herauszufinden, sodass ich und wir und die ganze Familie nicht unter meiner Tyrannei leiden müssen. Ich nehme mir die Zeit, die ich dafür brauche, hältst du mir den Rücken frei? Brauchst du auch Zeit, dann halt ich ihn dir gern frei.“
unserer Expertin.
Liebe Anne,
du schreibst über einen Teufelskreis aus Vorwürfen und Verletzungen, und den kennen viele Paare. Denn wenn wir Eltern werden, ist in unserem Leben ja richtig viel los: Wir lernen einen neuen, wunderbaren Menschen kennen, den wir ein Leben lang im Herzen tragen werden, wir lernen essenzielle Dinge, damit wir diesen Menschen auf seinem Lebensweg gut begleiten können, wir stehen Anstrengungen gegenüber, die uns weit über unsere eigenen Grenzen hinausführen, hinzu kommen wachgerufene Erfahrungen aus unserer eigenen Kindheit. Da kann es schon mal zu einem Gerangel um Zeit- und Energieressourcen kommen, zu Projektionen und Übertragungen. Und dann betrachten wir den geliebten Menschen am Frühstückstisch, der sich anders verhält als wir es uns gerade wünschen, nicht so wertschätzend, wie wir es gerne würden.
Was jetzt vielleicht ein wenig dramatisch klingt, geschieht zwischen vielen Paaren, und wenn es gut läuft, erkennen sie frühzeitig, dass es ihrer Liebe schadet, und sie suchen nach neuen Wegen. Deshalb freut es mich sehr, deine Zeilen zu lesen, und vielleicht macht deine Offenheit auch anderen Paaren Mut, es anzugehen und wieder in die Wärme und gegenseitige Wertschätzung zu kommen.
Ich habe darüber nachgedacht, wie wir als Paar einen guten Weg gefunden haben, denn im Mittelteil war es nicht ganz so liebevoll. Ich habe ein paar Gedanken aufgeschrieben, und vielleicht ist die ein oder andere Inspiration für dich/euch dabei, das würde mich sehr freuen.
Die erste Entscheidung
Für mich steht am Anfang die klare, willentliche Entscheidung, sich dafür zu entscheiden, aus der gegenseitigen Abwertung auszusteigen, und folgendes anzuerkennen:
Jeder Mensch darf mit seinem Leben so umgehen, wie es für ihn passt. Auch wenn wir eine Beziehung eingehen, bleiben wir doch unsere eigene Chefin, unser eigener Chef. Das bedeutet, jeder Mensch darf über seine Lebensgestaltung selbst bestimmen, und auch, wie er mit Herausforderungen und den Alltagsdingen umgehen möchte. Wenn du dir Auszeiten nimmst, prima. Und wenn dein Mann das nicht macht und anders priorisiert, prima.
Es gibt in Beziehungen, anders als zum Beispiel in der Mathematik, kein Richtig und Falsch, sondern nur ein Verschieden.
„Du machst es so, und ich mache es so. Wie gelingt es uns, einander besser zu verstehen? Wie können wir uns unsere jeweiligen Innenwelten zeigen? Was bedeuten diese unterschiedlichen Vorstellungen und Wünsche für unser Zusammenleben? Wie können wir es so gestalten, dass wir beide bekommen, was wir brauchen und wir miteinander ein schönes Leben haben?“
Es geht darum, sich selbst zu zeigen und auch um echtes, aufrichtiges Interesse für die Welt des anderen, und nicht darum, dem anderen zu sagen, wie seine Welt zu sein hat.
Ich habe nachgefragt und darf von einer Begebenheit während einer Beratung erzählen, wo das, wie ich finde, beiden gut gelungen ist:
Eine Frau war sehr frustriert über die Beziehungsgestaltung ihres Mannes, weil sie das Gefühl hatte, einfach keinen Kontakt zu ihm zu bekommen.
Sie: „Wie machen wir es jetzt mit dem Geburtstag deines Vaters?“
Er: „Hm, weiß nicht“
Sie: „Ich habe keine große Lust. Am liebsten würde ich mit den Kindern hierbleiben.“
Er: „Ja, können wir so machen.“
Sie: „Aber was meinst du denn dazu, wie wäre es für dich am besten?“
Er: „Wir können das schon so machen.“
Sie: „Aber wäre es dir lieber, wir würden mitkommen?“
Er: „Hm, keine Ahnung.“
Sie, wütend und frustriert: „Jetzt sag doch einfach mal, was du willst!“ Dann fängt sie an zu weinen und sagt: „Ich weiß nie, wie es dir geht. Und damit fühle ich mich so alleine.“
Da rückt er zu ihr, nimmt sie in den Arm und sagt: „Ich will dich nicht alleine lassen. Ich weiß irgendwie selbst nie so richtig, was ich denke.“
Das war für mich ein toller Moment, weil ich das Gefühl hatte, jetzt haben sie Kontakt, mit sich selbst und miteinander.
Ein Herzstück guter Beziehungen
Ich finde es elementar wichtig, sich „Baustellen“ nicht gegenseitig vorzuwerfen, denn sonst wird es hässlich.
Gerade ist es bei mir so, dass irgendetwas in mir in Schieflage ist, keine Ahnung wieso. Wenn zum Beispiel keine neue Tüte im Müll ist, gerate ich leicht in den Meckermodus: „Na toll, schon wieder keine Tüte drin!“ Normalerweise wäre mir das keinen Gedanken wert, ich würde einfach eine neue reintun, doch gerade ist mir das, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich. Mein Mann hätte allen Grund, sich über meine momentane Unzufriedenheit zu beschweren, doch das macht er nicht. Vielmehr versucht er mir das Leben etwas leichter zu machen, indem er mir unliebsame Dinge abnimmt und mein Rad quer durch die Stadt zur Werkstatt fährt.
Wir alle bringen zuweilen Dinge in die Beziehungsgestaltung ein, die einen guten Kontakt einschränken. Und in guten Beziehungen gelingt es, dass wir uns auch mit unseren jeweiligen „Special Effects“ angenommen und erwünscht fühlen. Dem anderen in aller Freundlichkeit zu begegnen, gerade dann, wenn er es selbst nicht kann, das ist für mich ein Herzstück guter Beziehungen.
Und wenn die Baustelle des anderen für mich zu groß ist? Du wünschst dir, dass dein Mann anerkennt, dass du unter seiner Tyrannei leidest, dass die ganze Familie unter ihm leidet, und er sich Hilfe sucht. Das ist für mich der Satz mit dem meisten Gewicht.
Zunächst wäre es mir wichtig herauszufinden, warum du diese gewichtigen Worte gewählt hast. Denn manchmal ist es nicht ganz so ernst gemeint, und Menschen machen es, weil sie das Gefühl haben, vom anderen nicht gesehen zu werden. Dann hauen sie ein bisschen doller auf den Gong, um sich Gehör zu verschaffen, und greifen zu verletzenden Vorwürfen.
Die „Ärger-Übung“
Meinem Mann Vorwürfe zu machen, war früher ein völlig automatisiertes, unbewusstes Muster in mir. Dann habe ich einen Satz von Jesper Juul gehört: „Entweder ich übernehme die Verantwortung für meine Grenzen, Bedürfnisse, Anschauungen…oder ich bin das Opfer und der andere ist schuld.“ Und da dachte ich, völlig erstaunt: Genau dieses Muster fahre ich! Fortan war mein wichtigstes Ziel, Eigenverantwortung zu lernen, weil ich verstanden hatte, wie sehr dieses Beziehungsmuster unserer Beziehung schadet, und mir ja auch. Also habe ich zusammen mit einer lieben Freundin geübt. Wenn wir uns – meist über unsere Männer – geärgert hatten, haben wir überlegt: Wie kann ich die Verantwortung für das übernehmen, was ich brauche? Was kann ICH in dieser Situation tun? Davor hatten wir immer nur überlegt, was der andere anders machen soll, doch das brachte uns ja keinen Millimeter weiter. Und jetzt wollten wir lernen, was wir selbst verändern können, damit es uns – auch wenn der andere sich anders verhält, als wir uns das wünschen – gut geht.
Einmal saß ich am Schreibtisch, mein Mann kam rein und wollte ein paar Orga-Dinge klären. Mein erster Gedanke war: „Du siehst doch, dass ich arbeite. Ich würde dich auch nicht stören, sondern später wiederkommen. Nur weil es dir gerade passt, meinst du…“ Da war es wieder, dieses alte Muster: Ich bin das Opfer, und er ist schuld. Und weil ich dieses Muster mittlerweile erkennen konnte, habe ich gestoppt und gesagt: „Ich brauche noch eine halbe Stunde, danach könnten wir einen Kaffee trinken, gut?“ Und dann hat er schon mal die Kaffeemaschine eingeschaltet und es wurde eine nette Unterhaltung.
Vom Vorwurf zum Wunsch
Ich weiß nicht, wie viele Gespräche meine Freundin und ich darüber geführt haben, wie viele Jahre es gedauert hat, bis wir wirklich verinnerlicht hatten: Ich kann den anderen niemals ändern, ich kann nur durch meine Worte zeigen, was ich brauche, was ich mir wünsche, was mir gut tun würde. Ich nenne das auch eine ÜMA, eine Über-Mich-Aussage. Oder VW-Regel: Vom Vorwurf zum Wunsch. Eine ÜMA ist im Gegensatz zu einer Du-Botschaft eine Aussage, bei der ich mich zeige, anstatt dem anderen sagen zu wollen, was er zu tun hat. Mir hilft die VW-Regel, das zu tun. Anstatt also zu sagen: „Du könntest auch mal die Vokabeln abfragen!“ einen Wunsch zu formulieren: „Mir würde es sehr helfen, wenn du das Vokabelabfragen übernehmen würdest. Ginge das?“ Immer in dem Bewusstsein, dass ich keinen Anspruch darauf habe, dass der andere meinen Wunsch erfüllt.
Ich höre oft die Frage: „Aber was ist, wenn der andere nicht mitmacht? Wenn ich alles versuche, der andere jedoch trotz alledem abwertend oder überhaupt nicht reagiert?“ Denn auch das gibt es ja. Für eine gute Beziehungsgestaltung braucht es die Bereitschaft, das Engagement und die Verantwortungsübernahme von beiden.
Denn selbst wenn ich einen echten, authentischen, gleichwürdigen Kontakt anbiete, kann es sein, dass der andere nicht darauf eingeht, vielleicht weil er (so) nicht will, vielleicht weil er nicht kann.
Dann läge die Eigenverantwortung für mich darin, darüber nachzudenken, ob ich so weitermachen will. Will ich mit diesem Menschen mein Leben verbringen?
Sich darüber auszutauschen, wie es jedem im jetzigen Zusammenleben geht, wie ein neuer gemeinsamer Weg aussehen könnte, was erste Schritte sein könnten. Und vielleicht wollt ihr die „Ärger-Übung“ ja mal ausprobieren.
Ich wünsche euch eine gute Reise, herzliche Grüße
Nicole
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