Darum geht es
Wie können Zwillingseltern Geschwisterrivalität begleiten? Wie dabei unterstützen, dass Kompromisse gefunden werden, wenn Streit an der Tagesordnung ist?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo,

Könnt ihr bitte mal ein Feature zum Thema Zwillinge machen? Meine Twins sind 3,5 und entsprechend wird extrem viel gestritten. Sie konkurrieren vor allem um mich, aber oft stören sie sich auch gegenseitig im Spiel, weil meine Tochter zum Beispiel jetzt auch genau das Puzzle machen möchte, das mein Sohn gerade macht. Das ist meiner Meinung nach altersgemäß, aber wahnsinnig anstrengend.

Eine Freundin (auch Twin Mum) hat mir 3 Stichworte gegeben: „gleichwertig aber nicht gleich“  und „Kompromisse schließen”. Die beiden profitieren eigentlich schon immer davon, zu zweit zu sein. Haben früh sprechen gelernt und sehr früh angefangen Rollenspiele zu machen. Aber überfordere ich sie nicht, wenn ich von ihnen erwarte, Kompromisse schließen zu können? Am schwersten ist es für mich, wenn ein Kind sehr viel Mama braucht, so dass in meinem Gefühl das andere zu kurz kommt, so dass ich emotional bei keinem von beiden so richtig bin. Das spüren die beiden ja auch und damit schaukelt sich das Klammern dann noch mehr. Wieder stehen dann Twin-Mum mäßig Schuldgefühle und Überlastung im Vordergrund.

Wie kann ich mit der Geschwisterrivalität bei Zwillingen umgehen und sie gleichwertig, aber nicht gleich behandeln? Und wie können wir lernen, altersgemäß Kompromisse zu schließen?

Liebe Grüße

Die Antwort
unserer Expertin.
Meine Zwillinge streiten
Dr. Sara Badawi — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama!

Vielen Dank für deine Frage und ich freue mich natürlich besonders, dass ich sie beantworten darf, als Zwillingsmama, Kinderärztin und Tiefenpsychologin.

Ich werde immer wieder von meinen eigenen Zwillingen erzählen. Sie sind jetzt 5, und ich habe die Szenen, von denen du sprichst, noch ganz genau vor meinem inneren Auge.

Ich weiß noch sehr gut, wie kräftezehrend und intensiv diese Zeit phasenweise war. Manchmal habe ich das Gefühl, ich erhole mich heute noch von den Jahren davor.

So, jetzt aber zu meinen Gedanken zu deiner Frage, die übrigens bestimmt für alle Geschwister-Eltern wertvoll sind:

Geschwisterstreits sind wichtig – auch (und gerade) bei Zwillingen

Geschwisterstreit ist nicht das Problem.
Er ist Entwicklung, Beziehungsarbeit, Grenzen erfahren und „lernen“ und damit essenziell wichtig.

Bei Zwillingen ist das nochmal eine eigene Liga. Sie haben:

  • das gleiche Alter
  • ähnliche Interessen
  • ähnliche Entwicklungsaufgaben
  • und dadurch eine extrem hohe Vergleichbarkeit

Das verschärft vieles und macht ihre Beziehung nah und intensiv – und manchmal einfach wahnsinnig anstrengend für alle Beteiligten. Aber eben auch unglaublich wertvoll.

Ich finde es wichtig, dass wir uns – und zwar alle Eltern – nicht von Geschwisterstreits bedrohen lassen. Die Streits nach dem Motto „jeder möchte genau das machen, was der andere gerade macht“ sind ganz typisch.

Hier geht es eben um Rangordnung, um Grenzen verteidigen, um „Ich hab das Puzzle zuerst gehabt!“.

Das ist nichts Pathologisches, sondern Entwicklung: Durchsetzungsvermögen, für sich einstehen, das eigene Eigentum verteidigen.

Warum sie immer dasselbe wollen

„Ich will GENAU DAS, was du gerade hast!“ hat nichts mit Gemeinheit zu tun.

Was für uns Außenstehende nervig und unsinnig klingt („nimm doch einfach das andere Puzzle“) bedeutet für dein Kind: Identitätsentwicklung.

Im Kopf läuft ungefähr so etwas wie: Ich bin ich. Das ist mein Interesse. Das ist mein Puzzle.
Und gleichzeitig: Oh, mein Geschwisterchen hat etwas Tolles – ich will das auch!

Meine Zwillinge können übrigens heute noch ganz genau aufzählen, wer welches Geschenk zum 3. Geburtstag bekommen hat. Und wir haben schon ganz früh überall und auf jedem Eigentum Namensaufkleber verwendet – erst farblich, inzwischen lesen sie ihre Namen.

Wenn wir verstehen, dass solche Streits Ich-Entwicklung und damit Fundament des Selbstwertgefühls sind, entspannt das unsere Haltung enorm.

Gleichwürdig – aber nicht gleich

Ich empfehle allen Eltern von Geschwistern: Hör auf, deine Kinder gleich behandeln zu wollen!

Manche Kinder müssen ihre Grenzen streng verteidigen, um ihre Integrität zu wahren – und sie brauchen von dir, dass du das anerkennst.

Andere sind flexibler. Diese Unterschiede sind keine Ungerechtigkeit – sie sind Persönlichkeit.

Wenn ich versuche, beide „gleich“ zu behandeln, gehe ich oft an ihrer Unterschiedlichkeit vorbei.

Wie deine Freundin sagt: Deine Zwillinge sind gleichwertig – aber nicht gleich. Gleichwertig heißt: „Ich sehe euch als gleich wertvoll an.“

Ich ergänze gerne noch gleichwürdig:
„Ich nehme euch in eurer Würde, eurer Person, euren Gefühlen ernst – unabhängig von Alter oder Verhalten.“

Für dich bedeutet das:
Du darfst unterschiedlich reagieren, je nachdem, wer vor dir steht, mit welcher Geschichte, welchem Temperament, welcher inneren Not. Es heißt nicht, alles identisch zu machen.

Ein kleiner Persönlichkeitsblick: Verträglichkeit

In der Persönlichkeitspsychologie – bei den Big Five – beschreibt „Verträglichkeit“, wie kooperativ, harmoniebedürftig oder durchsetzungsstark ein Mensch ist.

Manche Kinder sind sehr kooperativ. Andere sind schneller im „Nein, das ist meins!“.

Beides ist vollkommen normal und eins ist nicht besser oder schlechter als das andere.

Wenn wir das wissen, entlastet es enorm – gerade, wenn wir in uns den Anspruch tragen, alle Kinder gleich behandeln zu wollen oder von allen dasselbe zu erwarten.

Unterschiedliche Persönlichkeiten brauchen unterschiedliche Wege.

Kompromisse sind der richtige Weg – aber sie müssen gelernt werden

Du überforderst deine Kinder nicht, wenn du Kompromisse übst. Aber du überforderst sie, wenn du erwartest, dass sie sie alleine finden.

In diesem Alter brauchen Kinder uns als Regulator:innen am „Spielfeldrand“.
Wohlwollend. Mit dem Wissen, dass es sich um wertvolle Entwicklungsaufgaben handelt und nicht um nervige Streitereien, für die ich ausgeschimpft werde.

Du kannst zum Beispiel sagen:
„Du willst das Puzzle – und du auch. Das ist schwierig.
Lasst uns schauen: Wer hatte es zuerst?
Vielleicht könnt ihr es zusammen bauen?
Wenn nicht, machst du es jetzt weiter, und später tauscht ihr.
Oder habt ihr eine andere Idee?“

Damit nimmst du ihnen nicht die Aufgabe ab, du hilfst ihnen nur, Sprache und Struktur dafür zu finden und zu üben.

Und um das einzuordnen: Viele Erwachsene können Streiten und Kompromisse bis heute nicht gut. Vermutlich, weil sie darin nie richtig begleitet wurden.

Wenn ein Kind mehr Mama braucht 

Dass ein Kind mehr Mama braucht und du dich innerlich zwischen beiden zerreißt, das ist so erschöpfend. Du darfst dich von der Idee lösen, Zuwendung müsse „fair verteilt“ werden.

Nicht: „Jeder muss gleich viel bekommen.“
Sondern eher: „Wer Mama braucht, darf Mama brauchen – so weit ich das leisten kann.“

Deine Grenze ist nicht das andere Kind. Deine Grenze bist du.

Wichtig ist dabei, dass du immer im Blick behältst:
Wie geht es mir gerade? Was kann ich gerade geben?

Das sind deine wahren Grenzen. Nicht die Frage, ob „der andere auch noch was braucht“, sondern: Was ist gerade realistisch für dich, in deinem Nervensystem, in deiner Erschöpfung, in deinem Alltag?

Und Zwillinge (beziehungsweise alle Kinder) dürfen hören:
„Dein Bruder braucht mich gerade sehr, er ist müde/traurig/überfordert. Und natürlich brauchst du mich auch – ich komme gleich zu dir.“

Das ist Verbindung, kein Nachteil für das andere Kind.

Die Doppel-Versorgungsrolle als Zwillingseltern ist brutal

Seit Tag 1 bist du in einer Doppelrolle, die sich kaum ein anderer vorstellen kann.

Die Dauerlast ist echt. (Mein Mann hat aus erster Beziehung zwei Kinder im Abstand von 3 Jahren und hat das sooooo oft bestätigt – die Doppelrolle ist körperlich, mental und emotional enorm belastend.)

Bitte erlaube dir, dir das bewusst zu machen. Und dich richtig gut um dich zu kümmern.

Du bist das Fundament. Daher ist es ultra-wichtig, dass du deine Grenzen im Blick behältst. IMMER. Damit steht und fällt eure Familienatmosphäre.

Der Zwillingsbonus – gemeinsame Entwicklung

Und du spürst es schon: Die Rollenspiele sind genial. Sie sind die andere Seite davon, dass Zwillinge gleiche Erfahrungen machen und ähnliche Entwicklungsimpulse haben.

Sie profitieren enorm davon, zu zweit zu sein: lernen früher sprechen, starten früh mit Rollenspielen, haben immer jemanden, an dem sie sich reiben und mit dem sie wachsen. Diese Rollenspiele sind Gold – sie zeigen dir, wie sehr sie miteinander wachsen. Und je besser sie streiten können, desto stärker wird ihre Beziehung.

Wir hatten so um den 4. Geburtstag herum – und dann im Jahr danach – uns schon so häufig angeschaut, geseufzt und gesagt: „Aaah, DAS ist also der Zwillingsbonus. Lass uns das genießen.”

Das kommt. Wirklich.

Deine Rolle: Regulieren, ohne zu beschämen

Regulieren, ohne zu beschämen und zu schimpfen, das ist die Kunst. Einen Rahmen geben, ohne den Streit „wegzumachen“.

Ich sage zum Beispiel, wenn ich spüre, ich kann es gerade nicht halten, oder wenn ich merke, dass mein Nervensystem voll ist: „Stopp. Ich kann gerade keinen Streit aushalten.“

Und gleichzeitig übe ich mich darin, Streits zuzulassen – und meinem Impuls, sofort einzugreifen, nicht nachzugeben. Viele von uns haben gelernt, dass Streit „böse ist“ und nicht sein darf.

Aber Kinder sollen erfahren: Streit ist okay. Gefühle sind okay.

Und Mama hat auch ein Nervensystem, das beachtet werden darf.