Ehrlich gestellt.
Wir hatten am Sonntag den Fall, dass ich zwischendurch echt dachte: „Wie reagieren andere Eltern in der Situation?“
Wir wollten am Sonntag auf einen Flohmarkt. Wir hatten alle, mein Mann, unser Sohn (33 Monate) und ich, gut gefrühstückt. Kurz bevor wir los wollten, wollte unser Sohn noch Müsli essen. Mein Mann meinte zu ihm, dass er jetzt nichts mehr bekommt, da wir erst gefrühstückt hatten (manchmal isst er, so haben wir das Gefühl/Erfahrung, aus Langeweile oder weil es ihm gerade in den Sinn kommt oder er einfach mit der Milch und dem Müsli matschen möchte).
Danach war das Gebrüll natürlich groß.
Ich wollte ihn dann anziehen, aber auch das wollte er nicht. Es hat nichts geholfen. Mit jeder Überredungskunst bin ich gescheitert: Ich habe es auf die ruhige und etwas lautere Weise versucht. Nichts.
Meinem Mann hat es dann gereicht und er hat ihn, unter Protest, angezogen. Beide wurden laut.
Ich habe danach meinen Sohn versucht zu beruhigen. Er wollte nicht, dass ich im Raum bin, aber auch nicht aus seinem Zimmer gehe. Anfassen und trösten durfte ich ihn auch nicht. Alles war NEIN!
Natürlich saß im Rücken: „Komm, wir wollen los zum Flohmarkt!“
Mich würde interessieren, wie andere Eltern mit so einer Situation umgehen, wenn das Kind gar nichts will, es auch unendlich weint, man am liebsten mit weinen würde und es sich einfach so gar nicht beruhigen lässt. Wie kann man da als Eltern ruhig bleiben?
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
die von Ihnen beschriebene Situation kennen bestimmt viele von uns. Bevor ich Ihnen jedoch ein paar Ideen zum Umgang mit den starken Gefühlen ihres Kindes nennen möchte, ein paar Gedanken vorab:
Willkommen in der Autonomiephase
Mit 33 Monaten befindet sich ihr Sohn mitten in der sogenannten „Autonomiephase“, die im Volksmund gerne als die „Trotzphase“ bezeichnet wird. Für Kinder ist es ein ganz wichtiger und wesentlicher Entwicklungsschritt, sich aus der vollkommenen Abhängigkeit der Eltern zu lösen und die Welt zu entdecken. Sie erleben sich als eigenständige Persönlichkeit, das Bewusstsein des eigenen Ichs tritt in den Vordergrund, sie wollen autonom sein, selbst bestimmen und vieles selber machen und entscheiden. Das Wort „Nein“ begegnet uns nun öfter von Seiten des Kindes. Automatisch stoßen sie dadurch an Grenzen – entweder weil ein Vorhaben noch zu schwer ist, ihnen misslingt oder Eltern bestimmte Dinge nicht erlauben und dadurch Grenzen aufzeigen.
Da sie noch keine zeitliche Vorstellung entwickelt haben, muss, wenn sie etwas wollen, dies in der Regel immer „sofort“ sein. Und jede Änderung ihres Planes von außen empfinden fast Dreijährige als einen Angriff gegen sich selbst. Sie haben in diesen Momenten noch keine andere Strategie als mit einem Wutanfall zu reagieren, sie sind noch sehr eng mit ihren Gefühlen verbunden, müssen diese erst kennen und spüren lernen. Oftmals wissen sie aber noch nicht, wie sie mit diesen starken Gefühlen umgehen oder sie anders ausdrücken sollen. In diesen Stressmomenten beim Kind – ich nenne es mal den „Vulkanausbruch“ – schaltet das Gehirn in einen Notfallmodus, das heißt Ihr Sohn kann nur kämpfen oder flüchten, nur wenn diese beiden Optionen nicht möglich wären, käme die Erstarrung.
Begleitung des Vulkans
Jetzt können Sie Ihren Sohn emotional nicht erreichen, das heißt Erklärungen kommen nicht an, er hört Sie nicht. Auch Körperkontakt wollen Kinder, wie von Ihnen beschrieben, in diesen Momenten nicht. Da ein wütendes Kind immer ein Kind in Not ist, wäre es gut, wenn Sie in diesen Situationen in der Nähe und präsent blieben. Dazu könnten Sie sich beispielsweise in eine Ecke des Zimmers setzen oder in der Küche tätig sein, einfach in der Nähe sein und abwarten.
Nachdem sich der „Vulkanausbruch“ gelegt hat, die Wut und Frustration gefühlt und herausgelassen wurden, verändert sich das Gefühl und meist werden die Kinder dann sehr traurig und zeigen Bindungsverhalten. Erst dann wird eine Berührung, das Kind in den Arm nehmen und trösten überhaupt möglich und vom Kind akzeptiert. Gerade wenn wir selbst unter Zeitdruck stehen, wie in Ihrem Beispiel, fällt es uns manchmal schwer, empathisch und zugewandt zu bleiben.
Wir Eltern dürfen diese großen Gefühle wie Wut und Frustration mit dem Kind aushalten – und Aushalten ist auch Halten – sowie begleiten, in dem wir einfach nur da sind, trösten und uns dabei immer wieder bewusst machen, dass Gefühle wie Frustration und Traurigkeit gerade beim Kind sind. Also das Kind fühlt – und nicht wir Erwachsenen. Durch diese Art der Co-Regulation und Begleitung, im Nachgang auch die Gefühle zu benennen, die das Kind erlebt hat, fühlen sich Kinder gesehen und sicher. Ihr Sohn macht die Erfahrung, dass sein wütendes Verhalten nicht bestraft wird, er fühlt sich dadurch angenommen, akzeptiert und verstanden. Alle Gefühle sind erlaubt, was für ein Geschenk für Ihren Sohn.
Wir Eltern steuern die Atmosphäre
Vielleicht hilft es Ihrem Sohn, wenn Sie Übergänge wie Beenden des Frühstücks, Anziehen, Losfahren vorher ankündigen und genügend Zeit einplanen, damit er sich auf die anstehende Veränderung einstellen kann und es zeitlich nicht so eng wird. Das gibt Kindern Sicherheit und macht die Zukunft für sie etwas „berechenbarer“. Wir als Eltern haben den Ablauf ja meist im Kopf schon durchdacht, für unsere Kinder ist die Planung aber nicht klar. Außerdem ermöglicht es Ihrem Sohn, sich zur Kooperation zu entscheiden und Kinder wollen mit uns kooperieren.
Das heißt, es ist unsere Aufgabe, zu schauen, wie wir eine Atmosphäre innerhalb der Familie schaffen können, in der sich alle gesehen und wertgeschätzt fühlen.
Also nicht das wütende Kleinkind ist verantwortlich für die angespannte Atmosphäre, sondern wir Erwachsene. Dieser Tatsache sollten wir uns als Eltern immer wieder bewusst sein.
Gleichzeitig ist eine harmonische Lösung nicht immer möglich, ganz egal, wie geduldig oder wertschätzend wir unseren Kindern auch gegenübertreten.
Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen!
Herzlichst,
Sandra Kleber