Ehrlich gestellt.
Ich habe eine Frage, die mich schon seit Monaten beschäftigt:
Wir haben im Freundeskreis zwei Familien, wo wir uns mit den Eltern sehr gut verstehen, aber den Kontakt zu den jeweiligen Kindern (Mädchen 3 Jahre und Mädchen 4 Jahre) eher meiden. Beide Mädchen hauen und kneifen unsere Tochter (2,5 Jahre alt) und ärgern sie in jeglicher Form. Wenn sie merken, dass meine Tochter ein bestimmtes Spielzeug gerne hätte, nehmen sie es sich schnell. Dadurch, dass sie größer, stärker und schneller sind, „gewinnen“ sie meistens und meine Tochter zieht den Kürzeren. Sie stiften sie auch zu Unsinn an, zum Beispiel:
„Komm, wir malen die Wand mit Buntstiften an, ich habe gefragt, wir dürfen das.“ Natürlich dürfen sie das nicht, aber meine Tochter glaubt es und fängt an zu malen. Meine Tochter ist jünger und sieht zu ihnen auf und ahmt sie nach. Die Eltern schreiten leider sehr wenig ein und lassen bei ihren Kindern meiner Meinung nach zu viel durchgehen.
Wir haben es in der Vergangenheit so gelöst, dass wir den Kontakt zu diesen Familien minimiert haben, aber das finden wir auch schade. Wir haben Angst, dass sich unsere Tochter zum Einen das schlechte Verhalten abschaut und zum Anderen unter der ständigen Ärgerei leidet. Bei gemeinsamen Treffen gibt es häufig Tränen.
Wir versuchen im Vorfeld auf sie einzuwirken und sie zu stärken, jedoch kann sie es in den besagten Situationen nicht umsetzen. Man merkt ganz klar, dass sie die Jüngste ist. Trotzdem hat sie eine Affinität zu den größeren Mädchen und möchte immer wieder mit ihnen spielen, obwohl sie meistens nur geärgert wird. Wie können wir sie unterstützen? Sollten wir den Kontakt doch eher meiden? Ich bin mir unsicher, ob ich sie wirklich regelmäßig mit Kindern zusammenbringen soll, die sie ständig ärgern. Es handelt sich dabei um private Treffen. Ich tue mich schwer, die anderen Kinder vor den Eltern zurechtzuweisen. Das ist nicht meine Aufgabe, aber die Eltern achten wenig auf die Kinder und bekommen teilweise ihr Verhalten auch nicht mit.
Ich hoffe, es ist verständlich, was mein Problem ist.
Vielen Dank und liebe Grüße
unserer Expertin.
Vielen Dank für deine ehrliche Schilderung der Situation. Es ist verständlich, dass Du Dir Sorgen um deine Tochter machst und auch gleichzeitig den Kontakt zu den befreundeten Familien nicht ganz abbrechen möchtest.
Oh ja, in den Jahren mit Kleinkindern müssen unsere Eltern-Freundschaften mit Kindern ganz schön etwas aushalten. Denn nun lernt man sich nicht nur als Freunde kennen, sondern der wichtige Punkt: „Wie „erziehen“ meine Freunde?“, kommt noch hinzu – ein Punkt, der immer wieder für Reibungen, Besorgnisse und Gesprächsstoff sorgen wird. Denn nun fängt es an, dass die Kids ihre eigenen Grenzen kennenlernen möchten und natürlich ist das doppelt so spannend, wenn Freunde zu Besuch sind und man gemeinsam „Quatsch“ machen kann. Dazu gehört auch, dass man die Gunst der Stunde nutzt und jüngere Freunde in den Spaß mit reinzieht. Oder sie zu etwas anstiftet und seine eigene Autorität über andere stellt und vielleicht auch seine körperliche Überlegenheit ausnutzt.
Auch in unserem Freundeskreis gab es solche unschönen und herausfordernden Situationen und auch bei uns reagieren nicht alle befreundeten Eltern gleich. Man macht sich viele Gedanken und ist in Sorge, ob das „Fehlverhalten“ sich nun auf die eigenen Kinder überträgt und sie bald bei uns auch die „Wände anmalen“.
Natürlich kann es sein, dass es einen Nachahmungseffekt gibt und auch, dass eure Tochter Dinge, die sie woanders gesehen oder gelernt hat, bei euch oder sogar woanders austesten mag. Genau dieser Prozess ist aber für das soziale Lernen so wichtig. Versucht all diese Erfahrungen nicht in schwarz oder weiß einzuordnen, sondern seht sie bunt und vor allem auch, welche Chance sich für sie und ihre Entwicklung dahinter verbergen. Denn sie lernt, dass es in anderen Familien andere Regeln gibt, sie lernt, dass es unfaires Verhalten gibt und wie man damit zurechtkommen kann. Und durch das Erleben des Anderen wird sie sich noch mehr mit euch und eurer Art, sie zu begleiten, identifizieren.
Eure Tochter wird durch das Kennenlernen des anderen Verhaltens, euer faires und gewaltfreies Miteinander noch mehr zu schätzen lernen und diese Erfahrung wird sich einprägen. Hier spricht man von sogenannten Resonanzerfahrungen. Resonanz ist das, was zwischen Menschen passiert, wenn sie aufeinander reagieren und sich gegenseitig wahrnehmen. Diese Interaktionen sind entscheidend, um ein Gefühl für Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu entwickeln. Kinder lernen durch das Spiel und die Interaktion mit anderen, was es bedeutet, Teil einer Gruppe und Teil einer Familie zu sein, und sie erfahren, wie sie ihre eigenen Bedürfnisse und die der anderen in Einklang bringen können.
Lernchancen begleiten
Resonanzerfahrungen zwischen Kindern sind von großer Bedeutung für ihre Entwicklung. Sie helfen, soziale Fähigkeiten zu erlernen, Empathie zu entwickeln und eigene Grenzen zu erkennen. Auch wenn diese Erfahrungen nicht immer fair sind – wie wenn ältere Kinder den jüngeren manchmal „Blödsinn“ zeigen oder die Großen sogar zu unfairen Mitteln greifen, wie Hauen und Schlagen – sind sie dennoch wertvoll. Sie bieten den Jüngeren die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen auszuprobieren und zu lernen, wie sie mit unterschiedlichen Situationen umgehen können. Insbesondere in diesen ersten Spielerfahrungen brauchen sie jedoch Euch zur Unterstützung.
Also, wie kann ich das am besten begleiten?
Als Eltern können wir unsere Kinder gut begleiten, indem wir ihnen einen Raum bieten, in dem sie diese Erfahrungen machen können. Es ist wichtig, dass wir nicht sofort eingreifen, wenn wir sehen, dass etwas nicht fair läuft. Stattdessen können wir beobachten und erstmal im Hintergrund parat sein. Stellt euch in den betreffenden Situationen die Frage: „Schädigt es oder frustriert es?“ Sobald ein Verhalten in den körperlich oder mental schädigenden Bereich geht, greift ihr ein. Zuhause könnt ihr mit eurer Tochter darüber sprechen. Fragen wie „Wie hast du dich gefühlt?“ oder „Was hättest du anders machen können?“ helfen den Kindern, ihre eigenen Gedanken und Gefühle zu reflektieren. Ermutige dein Kind, seine Gefühle auszudrücken und darüber zu sprechen, was es erlebt. So kannst du ihm zeigen, dass es immer auf dich zählen kann, egal was passiert. Indem du ihm das Gefühl von Sicherheit gibst, stärkst du sein Selbstbewusstsein und seine Fähigkeit, in sozialen Situationen zu agieren.
Es ist auch wichtig, den Kontakt zu Freunden und deren Kindern nicht abzubrechen, nur weil es manchmal zu unfairen Situationen kommt. Stattdessen können wir als Vorbilder agieren und unseren Kindern zeigen, wie man respektvoll mit anderen umgeht, auch wenn es mal schwierig wird.
Learning by Doing
Ich kann das sehr gut verstehen, dass man gerade, wenn man zum ersten Mal mit so einem Verhalten konfrontiert ist, einfach nur geschockt und irritiert ist und erstmal etwas Abstand braucht. Je älter die Kinder werden, umso mehr sind sie in verschiedenen Situationen auf sich allein gestellt und müssen unfaire Situationen aushalten und Lösungen finden. Noch weiter gedacht, ist es ganz wichtig, dass sie mit diesen schwierigen Situationen im kleinen Rahmen konfrontiert werden und idealerweise mit euch im Hintergrund. Denn nur so lernen sie, später in der Schule oder als Erwachsene im Beruf für sich einzustehen, gewisse Situationen unabhängig von der Meinung anderer oder den Überredungskünsten mancher für sich frei und unabhängig zu bewerten. Denn unser langfristiges Ziel ist doch, dass unsere Kinder in einer Welt klar kommen, in denen ihnen vielleicht nachts um 2 Uhr in einer Disco eine Droge angeboten wird, sie aber klar und bewusst „Nein“ sagen können. Oder noch besser, dass sie vielleicht im Vorhinein schon den Kontakt zu den Leuten, die ihnen nicht guttun, meiden und sich Hilfe holen.
Daher ist es so wichtig, sich erstmal grundlegend darüber Gedanken zu machen, welche Werte euch in der Erziehung eurer Tochter wichtig sind. Denn je mehr man sich bewusst ist, was man seinem Kind mitgeben möchte, desto einfacher kann man das auch in stressigen Momenten umsetzen. Je klarer ihr seid, desto klarer wird es auch für eure Tochter. Sie wird eure Werte in sich tragen und kann je älter sie wird auch besser reflektieren und verstehen, dass es in jeder Familie anders läuft. Daher ist es so wichtig, dass ihr sie stärkt. Ermutigt sie, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und sich nicht von den anderen Kindern beeinflussen zu lassen.
Mit Freunden reden
Im nächsten Schritt könnt ihr dann ein Gespräch mit euren Freunden suchen. Wichtig ist, dass ihr in der persönlichen Sprache sprecht. Denn es geht nicht darum, jemanden zu beschuldigen, sondern eher zu sagen: „Hey, ich habe mir ganz schön Sorgen gemacht nach dem letzten Spieldate. Mir ist aufgefallen, dass es manchmal auch zu körperlichen Konflikten kommt. Vielleicht können wir beim nächsten Mal gemeinsam darauf achten, wie sie miteinander umgehen?“
Auch hier gilt der Grundsatz: „Schädigt es oder frustriert es?” Sobald ein Kind körperlich oder mental geschädigt wird, greift ihr ein. Schön wäre es ja, wenn eure Freunde mitziehen und ihr dann gemeinsam die körperlichen Konflikte klärt und klar sagt, dass ihr das nicht wollt. Wichtig ist auch hier in der Konfliktlösung, euren Kindern nicht zu viel vorzugeben und ihre eigene Sprache und Perspektive zu respektieren. Je mehr von den Kindern kommt, umso selbstständiger können sie es in der nächsten Situation vielleicht schon ohne euch umsetzen. Bleibt im Gespräch mit euren Freunden in eurem Rahmen und schildert nur eure Gedanken und Gefühle. Unter guten Freunden ist es oftmals eine große Erleichterung, genau das anzusprechen, auch die eigene Unsicherheit und dass ihr euch wünscht, dass ihr in Zukunft da gemeinsam an einem Strang zieht.
Das heißt aber nicht, sich in die Erziehung der anderen Familien einzumischen. Darum geht es nicht, denn jeder von uns hat so unterschiedliche Kindheitserfahrungen, ist so unterschiedlich großgeworden, dass das überhaupt keinen Sinn macht und nur zu Unmut führen würde. Viel wichtiger ist, zu verstehen, woher eure Freunde kommen, warum sie in manchen Situationen so reagieren. Wenn ihr offen darüber redet, warum ihr manchmal in gewissen Situationen so reagiert und warum euch manches Verhalten wichtig ist und anderes ganz besonders herausfordert, werden sie sich sicherlich auch öffnen und von ihren Erlebnissen, Ängsten und Wünschen erzählen. Denn dann könnt ihr gemeinsam wachsen und euch gegenseitig noch besser verstehen und unterstützen. Dieser Spruch „Es braucht ein Dorf, um ein Kind groß zu ziehen“ hat so viel Wahres. Wenn wir in unserem Miteinander mit unseren Freunden daran arbeiten, dass wir einen gleichwertigen, offenen, authentischen und integren Umgang finden, sind wir für unsere Kinder das allerbeste Vorbild, was Konfliktlösung angeht.
Es werden noch viele Situationen auf uns zukommen, in denen unsere Kinder von anderen beeinflusst werden. Vielleicht werden sie sich auch mal „falsch“ verhalten oder eben nicht so, wie wir es ihnen mitgegeben haben. Es ist auch normal, dass wir uns darüber Sorgen machen, insbesondere wenn unser Kind unfair behandelt wird. Aber vertraut darauf, dass die Beziehung, die ihr zu eurer Tochter aufgebaut habt, stark genug ist, um ihr durch diese Herausforderungen zu helfen.
Nehmt eure Freunde mit an Bord und versucht diese schwierigen Situationen so zu begleiten, dass ihr alle gestärkt werdet. Denn alles, was ihr den Kindern jetzt schon mitgebt, werden sie auch später zum Beispiel in ihrer Clique in der Schule anwenden. Seht es als große soziale Lernplattform. Macht es euch mit euren Kindern gemütlich bei euren Freunden oder bei euch zuhause mit euren Freunden. Versucht, dass diese Konfliktsituationen nicht zu viel Raum in Anspruch nehmen. Sondern fokussiert ganz bewusst eure Freundschaft und euer gutes Miteinander, so dass die Kinder nicht in den Mittelpunkt rücken. Wenn es dann zu handgreiflichen oder verbal schädigenden Situationen kommt, seid ihr da. Ruhig und klar, denn ihr könnt euch und euren Kindern vertrauen. Lasst sie lernen, gut miteinander umzugehen.
Ganz gewiss entwickeln Kinder, die nicht ständig unter dem schützenden Dach elterlicher Fürsorge stehen, sondern die die Freiheit und den Raum haben, soziale Erfahrungen zu sammeln, viel bessere Fähigkeiten, um in der Welt zurechtzukommen. Diese Freiräume ermöglichen es ihnen, selbstständig zu lernen, Konflikte zu lösen und wertvolle soziale Kompetenzen zu entwickeln, die sie ein Leben lang begleiten werden. Indem sie in einem sicheren Umfeld interagieren und sich ausprobieren können, wächst ihr Selbstbewusstsein und ihre Empathie. Es ist also ein Geschenk unter Freunden großwerden zu können und ich wünsche Euch dabei eine wunderschöne Zeit im Miteinander.