Ehrlich gestellt.
Im Moment fühle ich mich gar nicht wohl in meiner Rolle als Mama. Alles fing mit einer typischen Situation beim Duschen an:
Mein 2,5-Jähriger duscht sich ab und spritzt dabei (absichtlich) raus. Da wir deshalb schon einen kleinen Wasserschaden hatten, sehe ich das mit dem Rausspritzen seitdem recht eng. „Bitte behalte die Dusche in der Wanne.“ Kind schaut mich an. Spritzt mit dem Duschwasser wieder raus. „Bitte bleib mit der Dusche in der Wanne. Wenn der Boden zu nass wird kann man ausrutschen und sich wehtun.“ Früher reichte das. Nun nicht mehr und er spritzt wieder raus. „So, wenn noch einmal rausgespritzt wird, musst du aus der Wanne raus. Der Boden ist schon ganz nass.“ Da er weiß, dass ich nicht bluffe, lässt er das Rausspritzen. Er darf planschen, ich darf einen halbwegs trockenen Boden haben.
Nun hat es sich eingeschlichen, dass er scheinbar gar nichts mehr tut, ohne dass ich eine Drohung ausspreche.
„Wenn du nicht zum Windelplatz kommst, dann muss ich dich schnappen und dich dorthin tragen.“
„Wenn du den Fernseher nicht aus machst, mache ich das für dich.“
„Wenn du nicht aufhörst, das Essen runterzuwerfen, denke ich, dass du fertig bist. Und dannnehme ich deinen Teller mit.“
„Wenn du nicht an der Hand läufst, musst du in den Kinderwagen.“
Als ich ab und zu noch Drohungen aussprach, fand ich’s – ganz ehrlich – sehr nützlich. Nun habe ich das Gefühl, dass das Zusammenleben mit meinen Sohn ebenso gut auch der Inhalt einer Excel Liste sein könnte. Wenn, dann, sonst-Formulierungen, wo man nur hinsieht.
Wie komm ich da wieder raus? Ich will ja gar nicht so sein. Ich fühle mich, als würde ich ihn permanent zu irgendwas zwingen und unter Druck setzen. Ich hoffe, ihr könnt mir helfen.
Ganz lieben Dank und herzliche Grüße!
unserer Expertin.
Hallo und ganz lieben Dank für deine Frage. Du wirst sicher schnell merken – sehr viele Eltern von Kleinkindern werden sich hier wiederfinden!
Darf ich vorstellen? Du erlebst hier gerade: „Autonomiephase – in Originalversion, live und in Farbe…“
In seinem altgriechischen Wortursprung setzt Autonomie sich aus autós (selbst) und nómos (Gesetz) zusammen. Es geht also wortwörtlich darum, über sich selbst zu bestimmen, sich an eigene Regeln zu halten und die von außen bestimmten Regeln dafür in Frage zu stellen.
Und erstmal kann ich dir sagen: Diese Entwicklungsphase ist seit Jahrtausenden so. Und sie ist so geblieben, weil sie für unsere Kinder (und uns Eltern) entwicklungsbiologisch und -psychologisch schlicht und einfach Sinn macht. Also, ob das jetzt ein Kleinkind vor vielen Jahrhunderten war oder eben heute, ob das Kind in Zentralafrika lebt oder hier in Deutschland, alle machen ihre Autonomie-Phase durch. Dieses Wissen finde ich selbst als Mama total beruhigend und entlastend. Du machst also nichts falsch, sondern es ist entwicklungspsychologisch völlig sinnvoll, dass dein Kind sich so verhält, wie du es beschreibst.
Was ist bei euch gerade los?
Ich vermute, du bist gerade an den Zeitpunkt deines Elternseins gekommen, an dem du eingeladen wirst, mal genauer hinzuschauen und eventuell auch den Blick in dein Inneres zu richten mit den Fragen: Wie möchte ich meine Elternschaft gestalten? Wie möchte ich erziehen? Wie möchte ich die Beziehung zu meinem Kind gestalten?
Du spürst schon: Ständige Wenn-Dann-Sätze? Drohungen? – Irgendwie nicht.
Generell machen wir Erziehung immer so, wie wir geprägt wurden. Das ist nichts Intuitives. Sondern all diese Sätze, die du dich jetzt gerade sprechen hörst, hast du vermutlich so oder so ähnlich von deinen eigenen Eltern gehört.
Ich freue mich sehr für dich und deinen Sohn, wie gut du erkennst, dass das, was gerade abläuft, nicht das ist, was du dir für euer Miteinander vorstellst.
Es soll nämlich nicht um Funktionieren und unpersönliche Listen mit Kommandos, Befehlen und Regeln gehen, sondern um Beziehung und Verbindung. In einer Beziehung, die von Strafen, Druck oder Drohungen geprägt ist, kann es oft schwierig sein, eine tiefe und innige Verbindung zu schaffen. Weil Strafen, Druck und Drohungen immer bedeuten, dass es ein großes Machtgefälle gibt. Und der Mensch mit weniger (oder keiner) Macht – also das Kind – funktionieren und kooperieren muss, sonst besteht die Beziehung nicht.
Warum? Weil du die Drohungen nur aufrechterhalten kannst, indem du deine Macht und Überlegenheit ausübst. Nur indem du dann dein Kind aus der Wanne nimmst, ihm seinen Teller wegnimmst oder dein Kind gegen seinen Willen in den Kinderwagen setzt. Das macht unglücklich und ist ehrlich gesagt fürchterlich anstrengend und frustrierend – für beide Seiten. Du wirst regelmäßig sauer und schimpfst und ganz automatisch kannst du nach und nach nicht mehr liebevoll mit deinem Kind sein. Was für eine unglückliche Abwärtsspirale.
Also, was kannst du tun?
Die wichtigsten Zutaten, um liebevolle, gleichwürdige Beziehungen zu führen, sind unsere persönlichen Bedürfnisse und Grenzen. Und die dürfen wir in Einklang mit denen unserer Beziehungspartner – Kinder wie Erwachsene – bringen. Immer wieder aufs Neue. So kannst du wegkommen von Drohungen und Konsequenzen.
Ein Beispiel für das Leben und Mitteilen persönlicher Bedürfnisse und Grenzen könnte so aussehen:
Heute sagst du: „Stopp, ich möchte nicht, dass Wasser aus der Wanne rausspritzt. Ich habe keine Lust, so viel zu putzen später.“
Und an einem anderen Tag, wenn du zum Beispiel weißt, dass morgen sowieso das Bad geputzt wird, kannst du sagen: „Heute darfst du bis hierhin spritzen, weil morgen eh geputzt wird. Aber nicht die Wand anspritzen, das gibt vielleicht Flecken, die wir nicht mehr wegbekommen.“
Und dein Kind wird dich interessiert und neugierig anschauen und dich und deine Grenzen immer wieder aufs Neue erleben wollen. Es wird mal ausprobieren, was passiert, wenn es doch spritzt, aber generell will und wird es dich kennenlernen: Ah, wenn Mama so schaut oder so spricht, dann ist es ihr wirklich wichtig, dass ich nicht spritze. Und wenn sie ja sagt, meint sie aus vollem Herzen: JA! Da freue ich mich drauf.
Auch so benennst du deine Bedürfnisse und Grenzen, statt Drohungen auszusprechen:
„Ich brauche, dass du jetzt mitmachst, ich habe nicht mehr viel Zeit und wir müssen gleich los. Später kannst du weiterspielen.“ oder „Ich möchte nicht, dass du dein Geschwisterchen haust.“ oder „Hier möchte ich, dass du an meiner Hand läufst, weil da die Autos fahren, ab da vorne kannst du dann rennen…“
Du wirst natürlich erleben, dass dein Kind trotzdem weiter spritzt oder sich von der Hand losreißen möchte, auch wenn du deine persönlichen Grenzen und Bedürfnisse in gleichwürdigen Ich-Sätzen formulierst. Dann ist es an dir, deinem Gesagten Gewicht zu verleihen.
„Ich hole dich jetzt aus der Wanne, das ist mir zu viel. Wie gesagt, heute habe ich keine Kraft danach alles trockenzuwischen.“
Oder im Straßenverkehr: „Ich erlaube nicht, dass du hier rennst, deshalb halte ich dich fest. Das ist zu gefährlich wegen der Autos.“
Und: Sei dir bewusst, kein Kind macht Dinge wie Wasser spritzen oder Essen runterwerfen, um seine Eltern zu ärgern. Das ist Entwicklung. Es probiert Dinge aus, lernt physikalische Gesetze kennen („Ah, Joghurt fällt ganz anders auf den Boden als Brotstücke…“) und lernt auch die Reaktionen seiner sozialen Gruppe kennen. („Oh, Mama ist heute müde und mag das nicht, wenn ich Sachen runterwerfe.“ oder „Papa wird auch heute ärgerlich, wenn ich das mache. Genau wie gestern. Das scheint ihn generell zu ärgern.“)
Übrigens: Wenn du spürst, dass dich die Begleitung deines Autonomie-Phasen-Kleinkindes in Nullkommanix zur Weißglut bringt und du dich provoziert fühlst, wenn dein Kind „nicht hört“ und beispielsweise zum zweiten Mal sein Essen herunter wirft, dann ist das häufig etwas, was dir als Kind verwehrt wurde und du diese Freude am Explorieren vielleicht „abspalten“ musstest, um die Beziehung zu deinen Eltern nicht zu gefährden. Das lohnt sich sehr, da genauer reinzufühlen, sich zu erinnern, wie das damals war und ein liebevolles Verständnis für sich selbst zu gewinnen.
Auch hier nochmal der Reminder: Kein Kind der Welt steht morgens auf mit dem Plan, seine Eltern zur Weißglut zu bringen oder zu provozieren.
Noch eine Folge Bobo
Um liebevolle elterliche Führung zu verdeutlichen, möchte ich dein Beispiel mit dem Fernsehen aufgreifen:
Von einem 2,5-jahre alten Kind zu verlangen, dass es eigenständig den Fernseher ausschaltet, der ja quasi ein magischer Wunderkasten ist, der mir dauerhafte Bedürfnisbefriedigung vorgaukelt und mein Belohnungssystem im Gehirn triggert, ist schlicht und einfach zu viel verlangt. Da müssen wir Eltern die Verantwortung tragen. Für das Ein- und für das Ausschalten. Für den Inhalt und für die Dauer.
Also schlage ich sowas vor: „Du kannst eine Folge Bobo schauen, bis dahin mache ich das Essen fertig und dann essen wir.“
Du beendest eben diesen magischen Wunderkasten – das hinterlässt erstmal einen spürbaren Mangel, mal größer, mal kleiner. Den gilt es zu begleiten.
Also wirst du sagen: „Okay, die Folge ist um. Ich schalte jetzt aus.“ Und dann tröstest du dein Kind, wenn es sich ärgert und traurig ist, dass der Fernseher schon aus ist. Und wenn du rechtzeitig merkst, du bist noch gar nicht fertig mit der Zubereitung des Essens, sagst du: „Du, ich bin noch gar nicht ganz fertig. Wenn du magst, kannst du noch eine Folge schauen.“
Mein Fazit in Bezug auf Wenn-Dann-Sätze, Drohungen und Regelwerke:
Schlussendlich geht es für uns Eltern darum, ein authentisches, echtes Gegenüber für unser Kind zu sein. Mit wirklichen persönlichen Grenzen, mit echten Bedürfnissen und ganz natürlichen Ressourcen. Kinder brauchen uns als liebevolle, führende Beziehungspartner, die Verantwortung tragen und Raum für Erfahrungen geben.
Sie brauchen uns nicht als erziehende Welterklärer, die eine Oberlehrer-Rolle mit hochgezogenen Augenbrauen und erhobenem Zeigefinger spielen und so tun, als wären sie allzeit bereit und nie um eine Antwort verlegen. Die werden sie in ihrem Leben noch zu Genüge treffen 😉