Darum geht es
Unser 10-jähriger Sohn verbringt viel Zeit mit seinen Freunden, die mit ihren 12 Jahren schon älter sind als er. Was ist unsere Aufgabe in dieser neuen Lebensphase der Vorpubertät?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Bei uns öffnet sich nach Jahren der Kleinkind-Zeit nun ein neues Kapitel. Unser ältester Sohn ist 10 Jahre alt (seine Geschwister 7 und 4). Als selbstbewusster Grundschüler geht es ihm zur Zeit darum, seine Grenzen auszudehnen – in einem ganz positiven Sinne. Er verbringt mittlerweile viele Stunden mit Freunden auf den Fußballplätzen der Stadt und entdeckt wohl, was es heißt, sich unabhängig von uns Eltern einen eigenen Freundeskreis und Bewegungsradius aufzubauen. Ich vertraue ihm sehr und kann im Moment auch recht gut loslassen.

Was mich jedoch bewegt: Er verbringt diese Zeit meist mit anderen Jungs, die mit ihren 12 Jahren etwas älter sind. Neulich hatten wir eine Situation, die in mir einige Fragen aufwirft: Bei einer Übernachtungs-Feier, zu der auch mein Sohn eingeladen war, entschlossen sich zwei der anderen Kinder, mit Hilfe des elterlichen Personalausweises, der im Flur lag, aus einem Zigarettenautomaten Einweg-E-Zigaretten zu kaufen – und diese dann auch zu rauchen.

Mein Sohn war vor dieser Aktion auf der Feier schon eingeschlafen und hat daher gar nichts davon mitbekommen. Allerdings sind es zwei enge Freunde von ihm – und ich bin mir sicher, dass er im Kontakt mit Ihnen auch in Berührung mit solchen verlockenden Grenzüberschreitungen kommt. Auch habe ich mitbekommen, dass in diesem Freundeskreis schon SMS an Mädchen geschickt worden sind, die bedrängend und sexualisierend waren.

Ich kenne alle Jungs seit vielen Jahren – es sind Kindergartenbekanntschaften und ich mag sie gerne. Den Kontakt zu unterbinden, finde ich nicht richtig – eher möchte ich meinen Sohn stärken. Gleichzeitig finde ich gerade Vaporizer sehr gefährlich, weil sie durch ihren süßen Geschmack und das ganze Marketing so verlockend für Kinder sind. Und ich wünsche mir, dass mein Sohn einen starken inneren Kompass hat, um auch in Gruppensituationen für sich sagen zu können: Das will ich nicht.

Er wird ja nicht immer den aufregendsten Teil der Party verschlafen.

Was ist meine Rolle in diesem neuen Kapitel Elternschaft? Was stärkt mein Kind? Und ganz konkret: Er hat es noch nicht selbst erzählt, ich habe es nur über andere Eltern erfahren. Wie spreche ich am besten mit ihm über das, was auf dem Geburtstag passiert ist?

Die Antwort
unseres Experten.
E-Zigaretten und Gruppenzwang: Ist das die Vorpubertät?
Mario Kappenstein — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

die Situation, die ihr beschreibt, ist ein typisches Beispiel dafür, wie Kinder in der Vorpubertät beginnen, die Welt auf eigene Faust zu erkunden und ihre Grenzen auszutesten. Dies ist ein natürlicher und notwendiger Prozess für ihre persönliche Entwicklung und für das Finden ihres Platzes in der Welt. Es ist großartig, dass ihr eurem Sohn Vertrauen schenkt und ihm Raum gebt, seine eigenen Erfahrungen zu machen.

Seite an Seite

Wie ihr schon angedeutet habt, geht es darum, euren Sohn nicht nur zu beschützen, sondern ihn zu stärken. Er muss lernen, selbst in schwierigen Gruppensituationen Entscheidungen zu treffen, die seinen eigenen Werten entsprechen. Es ist wichtig, dass er sich dabei nicht nur an externen Regeln oder an eurer Meinung orientiert, sondern seine eigene innere Stimme entwickelt. Jesper Juul hat einmal gesagt:

„Erziehung ist kein Machtkampf, sondern eine Einladung zur Zusammenarbeit.“

Euer Sohn braucht keine starre Kontrolle, sondern eine offene und wertschätzende Begleitung auf seinem Weg.

Was bedeutet das in eurer aktuellen Situation? Ihr könnt eurem Sohn helfen, in Kontakt mit seiner eigenen Integrität zu bleiben. Dafür ist es entscheidend, dass er spürt, dass ihr ihm vertraut und ihn versteht. Eine offene und ehrliche Kommunikation ist hier der Schlüssel.

Das Gespräch suchen

Ihr schreibt, dass er den „spannendsten Teil der Party“ nicht immer verschlafen wird, was ich so interpretiere, dass ihr selbst in eurer Jugend entsprechende Erfahrungen selbst gemacht habt und diese grundsätzlich nicht verurteilt. Ihr könntet ihn also in einem ruhigen Moment darauf ansprechen, ohne Vorwürfe oder moralische Belehrungen. Das könnte so lauten: „Lieber Sohn, wir haben erfahren, dass auf der Feier von einigen deiner Freunde heimlich e-Zigaretten geraucht wurden. Was denkst du darüber?“

Zunächst geht es darum, zu schauen, welche Haltung euer Sohn dazu hat und von eurer Seite Offenheit und Interesse an seiner Haltung zu signalisieren. Vielleicht sieht er das selbst bereits sehr kritisch und lehnt es ab. Dann könntet ihr ihn bestärken und mit ihm generell über das Thema sprechen. Sollte er Neugierde hinsichtlich der Aktion seiner Freunde zeigen, dürft ihr auch das erstmal validieren und ihm seine Neugierde zugestehen. „Wir können die Neugierde auf solche Produkte und den Reiz des Verbotenen aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Gleichzeitig möchten wir dir klar sagen, dass wir das nicht wollen. Nicht, weil wir dir Spaß verderben oder Erfahrungen vorenthalten wollen, sondern weil wir die Verantwortung für deine Gesundheit tragen und diese ernst nehmen.“ Findet eure eigenen zu euch passenden Worte.

Die Peer Group

Die Freunde eures Sohnes spielen in seiner aktuellen Entwicklungsphase eine wichtige Rolle, und ihr habt Recht, sie nicht isolieren zu wollen. Unsere Kinder brauchen uns als Leitwölfe, wie Jesper Juul sagt, und zwar als Eltern, die Verantwortung für ihre Führungsrolle übernehmen. Kinder finden in ihrem Freundeskreis keine wirkliche Werteorientierung – die Bindung an Gleichaltrige kann sie sogar von den Werten und der Sicherheit entfernen, die sie von ihren Eltern und ihnen zugewandten Erwachsenen erfahren können. Eure Aufgabe ist es, die emotionale Führung zu übernehmen und sicherzustellen, dass die Bindung zu euch stark und stabil bleibt. So kann euer Sohn aus einer sicheren Verbindung heraus lernen, gesunde Beziehungen zu Gleichaltrigen zu gestalten. Kinder binden sich von Natur aus an die Menschen, mit denen sie emotional verbunden sind. Diese Menschen sollten an erster Stelle die Eltern sein. Hier könnt ihr ihm helfen, indem ihr ihm vertraut, eure Werte vorlebt und offene Gespräche über die Bedeutung von Freundschaft und Selbstbestimmung führt. Ladet gerne auch die Freunde eures Sohnes regelmäßig ein und zeigt damit, dass ihr euch für seine Freundesclique interessiert und offen für den Dialog mit ihnen seid. Das macht Eindruck, nicht nur auf euren Sohn, sondern auch auf seine Freunde.

Die Thematik um das Rauchen von E-Zigaretten oder der Umgang mit sexualisierenden Nachrichten sind Bereiche, in denen er lernen muss, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen. Ihr könnt ihm erklären, dass die Fähigkeit, Nein zu sagen, eine Stärke ist, die viel mit Selbstachtung und Respekt für sich selbst und andere zu tun hat. Ihr könntet außerdem zu verstehen geben, dass es nicht einfach ist, NEIN zu sagen und ihr verstehen könnt, wenn er Angst vor Ausgrenzung oder Ablehnung in seiner Freundesgruppe hat. Vermeidet es, ihm Angst zu machen oder die Freunde zu verteufeln. Stattdessen teilt ihm mit, dass solche Grenzüberschreitungen Teil des Erwachsenwerdens sind. Macht euren eigenen Standpunkt zu diesen Themen dabei klar und deutlich, ohne Strafankündigung oder Beschämung. Euer Sohn erhält so die Botschaft: „Ah, so sehen das meine Eltern. Sie übernehmen Verantwortung für mich, sie achten meine Sichtweise und an ihren Standpunkten kann ich mich orientieren.“

Zuversicht

Insgesamt ist eure Rolle in diesem neuen Kapitel die eines Begleiters, der die Balance zwischen Loslassen und Führen findet. Ihr bietet ihm einen sicheren Hafen, in den er immer zurückkehren kann, wenn er Orientierung braucht und gebt ihm einen sicheren Rahmen durch eure klare Haltung und auch gegebenenfalls eurem deutlichen Nein. Geht mit ihm in einen offenen Dialog, ohne Vorwürfe, ohne moralische Zeigefinger, sondern mit echtem Interesse an seiner Sichtweise. Euer Ziel ist es, ihn nicht nur vor Gefahren zu schützen, sondern ihm zu zeigen, dass er stark genug ist, diese selbst zu erkennen und zu meistern. Was Kinder in der Pubertätsphase von ihren Eltern also brauchen, ist Zuversicht, Zuversicht und noch mehr Zuversicht mit einem Schuss integrem Widerstand und klarer Haltung als Leitplanke zur sicheren Orientierung in schwierigen Situationen.

Herzliche Grüße,

Mario