Ehrlich gestellt.
Wir haben gerade in der Kita das Thema, dass die Fünfjährigen angefangen haben, sich gegenseitig verbal zu erpressen – unser Kind auf allen Seiten mit dabei.
Auf der Suche danach, woher die Kids das haben, ist mir aufgefallen, dass wir Erwachsene unsere Kinder tatsächlich auch quasi erpressen im Alltag, häufig ohne es zu merken, denn jeder Satz mit „wenn-dann“ ist eigentlich bereits eine Form der Erpressung.
Wir fragen uns jetzt häufig:
Vielleicht kennt ihr das Thema ja schon und habt ein paar Tipps für uns oder vielleicht hat die Community damit auch schon Erfahrungen.
Ich finde es wahnsinnig schwierig und stelle fest, dass die Eltern in der Kita total empört sind über die Erpressungsaktionen der Kinder; spreche ich das Vorstehende an kriegen sie riesige Augen und sind total überrascht, weil sie auch erkennen, dass wir häufig selbst mit quasi Erpressungsmechanismen arbeiten gegenüber unseren Kindern.
unserer Expertin.
Vielen Dank für deine wertvolle Frage. Sehr gerne möchte ich dir dazu meine Perspektive anbieten.
Zunächst einmal: Nicht jeder „Wenn-dann“-Satz ist automatisch Erpressung. Entscheidend ist, aus welcher Haltung heraus wir handeln. Meine Gedanken dazu möchte ich im Folgenden genauer ausführen.
Wir Eltern stehen häufig vor der Herausforderung, unsere Kinder zu etwas bewegen zu müssen, was sie selbst für sich in diesem Moment nicht wählen würden: Sich morgens pünktlich anziehen, den Spielplatz verlassen, weil es Abend geworden ist, oder Zähne putzen. Unser Alltag ist oft eng getaktet, wir stehen selbst vor vielen Anforderungen und sind schlicht darauf angewiesen, dass unsere Kinder nach unserem Plan funktionieren. Häufig klappt das gut. Wenn aber der „Kooperationsrucksack“, also ihr innerer Vorrat an Energie und Bereitschaft, mit uns mitzumachen, leer ist – und unser eigener Akku vielleicht auch – wird es schwierig. Ein „Wenn du jetzt nicht mitkommst, dann…“ rutscht in so einem Moment schnell einmal heraus und ist meist schlicht ein Ausdruck von Stress oder Überforderung.
Konsequenzen als Erziehungsmittel
Manchmal nutzen wir „Wenn, dann“- Sätze aber auch ganz bewusst als Teil unseres Erziehungskonzepts. Dahinter steckt der Wunsch, unseren Kindern zu zeigen, dass ihr Verhalten Folgen hat und dass sie für ihr Handeln Verantwortung übernehmen, zum Beispiel: „Wenn du jetzt dein Zimmer nicht aufräumst, können wir darin nicht gemeinsam spielen.“ Das funktioniert auf den ersten Blick sogar richtig gut.
In der Praxis rutschen wir aber mit dem Einsatz von Konsequenzen häufig in eine Position, in der wir unsere Macht als Erwachsene nutzen, um unser Kind zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Und dies führt dazu, dass wir die Integrität unseres Kindes verletzen.
Gleichzeitig erscheinen mir viele der gängigen Empfehlungen zum Thema „Konsequenzen“ eher verwirrend. Einerseits wird von „natürlichen“ oder „logischen“ Konsequenzen gesprochen, andererseits von willkürlich gesetzten, die schnell als Strafe oder Erpressung wahrgenommen werden.
Unser Ziel ist klar: Wir möchten unsere Kinder liebevoll begleiten und ihnen gleichzeitig Führung und Orientierung bieten. Aber egal, wie wir es nennen, sobald wir Konsequenzen einsetzen, um Verhalten zu steuern, üben wir Druck aus. Sie wirken daher häufig tatsächlich wie Strafen oder, wenn sie angedroht werden, wie Erpressung. Wir nennen sie nur anders. Damit stehen wir wieder genau vor deiner ursprünglichen Frage: Was davon ist in Ordnung und was sollten wir vermeiden?
Grenzen statt Konsequenzen
Anstatt sich in der Suche nach der „richtigen“ Konsequenz zu verlieren, möchte ich dich einladen, den Blick auf „persönliche Grenzen“ als wirkliche Alternative zu richten. Denn wenn wir Eltern uns mit unseren Bedürfnissen, Gefühlen und Grenzen zeigen, wird Führung ohne Strafen oder Drohungen möglich. So klingt eine Aufforderung, jetzt nach Hause zu gehen, vielleicht eher so: „Es ist abends. Ich bin müde und habe Hunger, deswegen will ich jetzt nach Hause gehen. Ich kann verstehen, dass du noch gerne bleiben möchtest, aber das geht jetzt nicht mehr. Wir gehen jetzt.“
Ich kann dabei klar sein und trotzdem meinem Kind das Gefühl geben, dass es in seinem Bedürfnis oder Wunsch gesehen wird. Dann ist es möglicherweise trotzdem frustriert und höchstwahrscheinlich auch nicht glücklicher darüber, dass es den Spielplatz verlassen muss.
Für die Umsetzung im Alltag finde ich es zunächst sehr hilfreich, hinzuschauen, wo unser Kind überall schon kooperiert und dies anzuerkennen. Oft ist das weit häufiger, als uns normalerweise so auffällt. Zusätzlich sollten wir darauf achten, dass der „Kooperationsrucksack“ unseres Kindes immer wieder gefüllt wird. Sind alle Grundbedürfnisse gestillt? Ist mein Kind satt und ausgeruht, wurde sein Bedürfnis nach Bewegung, Nähe oder Aufmerksamkeit erfüllt? Natürlich lässt sich das nicht immer sofort umsetzen. Aber schon das bewusste „Auffüllen“ wo eben möglich, macht einen Unterschied.
Gleichzeitig ist es wichtig, dass auch wir Eltern unsere eigenen Bedürfnisse, Werte und Grenzen gut spüren und wahrnehmen. Nur dann können wir sie auch authentisch vertreten. Was ist MIR wirklich wichtig und warum? Geht es beispielsweise um Ordnung, Pünktlichkeit, Sicherheit oder schlicht darum, dass ich müde oder hungrig bin? So kann ich meinem Kind gegenüber das gewünschte Verhalten und auch meinen eigenen Grund klar benennen: „Ich bin müde und möchte nach Hause, deswegen will ich, dass wir jetzt gehen“. Kinder brauchen dabei keine langen Erklärungen, sondern eine klare und ruhige Information. Danach kann ich die Gefühle und Bedürfnisse meines Kindes wahrnehmen und Verständnis ausdrücken: „Ich merke, dass du gerne noch hier spielen würdest. Das kann ich gut verstehen.“ Wenn es möglich ist, kann ich einen kleinen Kompromiss anbieten: „Du darfst noch zwei Minuten spielen, danach gehen wir.“
Und schließlich: Es braucht vor allem Zeit, Geduld und die Bereitschaft, auch eventuell. auftauchende, unangenehme Gefühle gemeinsam auszuhalten, falls mein Kind mit der benannten Grenze nicht einverstanden ist.
Wenn du an dieser Stelle noch mehr konkrete Formulierungsbeispiele oder Alltagssituationen möchtest, kann ich dir sehr den Artikel „Die Kinder hören auf nichts“ von meiner Kollegin Britta Peitz, auch aus dieser Reihe, empfehlen.
Ist das jetzt die magische Anleitung, mit der mein Kind zuverlässig immer tut, was ich möchte? Natürlich nicht. Was ich mit diesem Ansatz aber erreiche: Ich gebe Orientierung, Sicherheit und schaffe einen klaren Rahmen für ein Miteinander auf Augenhöhe. Das gelingt respektvoll und wertschätzend, wenn ich in Beziehung bleibe, von mir selbst spreche und klar mache, was mir gerade wichtig ist. So lernt mein Kind, wie Zusammenleben funktionieren kann: Eigene Wünsche äußern, Kompromisse finden, Frust aushalten und trotzdem in Beziehung bleiben.
Und wenn mein Kind meine Grenze nicht respektiert?
Dr. Nicole Wilhelm empfiehlt, sich bei fehlender Kooperation des Kindes folgendes zu fragen:
Kann mein Kind das gerade nicht (ist es z.B. müde, hungrig oder überfordert)?
Weiß es nicht genau, was ich von ihm erwarte?
Oder will es das gerade einfach nicht (z.B. weil ein eigener starker Wunsch im Vordergrund steht)?
Diese Herangehensweise finde ich äußerst hilfreich, denn Kinder wollen grundsätzlich kooperieren. Wenn sie es gerade nicht tun, haben sie einen guten Grund. Oft steckt ein „Nicht Können“ oder „Nicht Wissen, beziehungsweise Nicht Verstehen“ dahinter, seltener ein bewusster Widerstand. Hier lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und zu prüfen: Was braucht mein Kind jetzt? Was brauche ich? Gibt es irgendwo einen kleinen Spielraum, einen Kompromiss, der für uns beide okay ist?
Dein Anliegen bezieht sich zwar in erster Linie auf den Umgang mit „Konsequenzen“, trotzdem möchte ich zum Abschluss noch kurz auf die Situation in der Kita eingehen, weil sie sehr gut zeigt, wie Kinder das Verhalten von uns Erwachsenen spiegeln. Sie orientieren sich an ihrem Umfeld, probieren aus und lernen dabei, wie Beziehungen funktionieren, wie man Einfluss nimmt und was Worte bewirken können. Diese Art des Ausprobierens ist für Kinder in diesem Alter völlig normal. Wenn sie dann beispielsweise beginnen, sich gegenseitig zu erpressen, steckt selten eine böse Absicht oder bewusste Manipulation dahinter. Sollten allerdings immer dieselben Kinder dominieren, andere sich daraufhin zurückziehen, traurig wirken oder gar nicht mehr in die Kita wollen, wäre es wichtig, gemeinsam mit dem pädagogischen Team genauer hinzuschauen. Oft genügt es aber schon, Kinder achtsam zu begleiten und ihnen sozial verträglichere Wege zu zeigen, wie sie Wünsche äußern, Frust aushalten und ihre Bedürfnisse aushandeln können.
Das Verhalten der Kinder in der Kita hat dich dazu veranlasst, dein eigenes Handeln und besonders den Umgang mit „Konsequenzen“ kritisch zu hinterfragen. Das finde ich großartig, denn es zeigt, wie aufmerksam du auf eure Beziehung schaust. Es gibt hier nicht den perfekten Weg und es wird Momente geben, in denen es uns mal besser und mal schlechter gelingt, ein gleichwürdiges Miteinander zu gestalten. Aber wir Eltern sind mit unserem Bemühen gut genug.
Auf deine Frage, wo sinnvolle Konsequenzen aufhören und Erpressung beginnt, würde ich deshalb – wie eingangs bereits angedeutet – antworten: Es gibt dafür keine Faustregel. Entscheidend ist die Haltung dahinter. Also ob wir mit unserem Verhalten Druck ausüben oder ob wir unsere Kinder in Beziehung begleiten, mit klaren Grenzen, die aus unseren eigenen Bedürfnissen und Gefühlen entstanden sind. Gerade in stressigen Alltagssituationen ist das eine Einladung, innezuhalten und immer wieder bewusst hinzuschauen, aus welchem Grund wir gerade so handeln, wie wir handeln.
In diesem Sinne wünsche ich dir viele solcher bewussten Momente, Freude am Entdecken neuer Wege und die Gelassenheit, dabei nicht immer perfekt sein zu müssen.
Herzliche Grüße
Lena