Darum geht es
Mein Wille gegen deinen Willen. Oft finden wir keine harmonische Lösung – ich muss mich durchsetzen, aber es fühlt sich komplett falsch an, so doll im Konflikt zu sein mit meinem Kind. Gibt es da andere Wege oder müssen wir einfach durch? Wie bekomme ich mein Kind heim, wenn es nicht vom Spielplatz nach Hause will?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Meine Tochter wird in einer Woche drei und ich fand bisher wirklich jeden Abschnitt meiner Zeit als Mama – obwohl natürlich auch teilweise anstrengend – sehr schön. Sei es die Babyzeit, in der man stundenlang nur zusammen dalag und gekuschelt hat oder die ersten Schritte und Wörter. Oder wie jetzt gerade immer mehr der ganz eigene Charakter zum Vorschein kommt. Wir führen super lustige Gespräche mit ihr und ein kleiner Spaziergang kann schon eine kleine Abenteuerreise sein. Es gibt so viel, das wir zusammen entdecken.

Ich bin also wirklich sehr gerne Mama. Umso mehr zweifle ich gerade an mir selbst. Denn aktuell gibt es wirklich einige Situationen, in denen ich einfach nicht weiterkomme. Beispielsweise wenn meine Tochter partout nicht vom Spielplatz gehen möchte. Alle Dinge, die früher immer geklappt haben, wie das rechtzeitige Ankündigen, oder das spielerisch und spaßig gestaltete Zusammenpacken, funktionieren nicht.

So habe ich jetzt schon mehrfach ein weinendes und um sich schlagendes Kind vom Spielplatz nach Hause getragen.

Genauso beim Windeln wechseln, wenn gefühlt alles „bitten und betteln“ nichts hilft, aber ein wunder Po eben auch keine Option ist. Und ich bin ehrlich, das fühlt sich absolut scheiße an! Ich bleibe dann zwar zugewandt, erkläre klar und in kurzen Worten, warum ich das jetzt mache, also  „Ich weiß du findest das jetzt doof. Das verstehe ich, aber ich möchte jetzt nach Hause gehen weil mir kalt ist und es schon spät ist“, aber dennoch nutze ich ja meine körperliche Überlegenheit in diesem Moment aus indem ich sie wegtrage oder die Windeln wechsle, obwohl sie das eigentlich nicht möchte. Da ich diese Situation zuvor nie hatte, macht mir das sehr zu schaffen. Ich frage mich, war ich davor zu „weich“? Oder ist das eben genau diese Autonomiephase, die so wichtig ist? Wutanfälle und Diskussionen hatten wir natürlich auch vorher, aber ich würde mich da eigentlich schon als recht geduldig und kreativ beschreiben und es gab bisher immer eine gute Lösung.

Vielleicht habt ihr ja eine Idee?

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind will nicht vom Spielplatz nach Hause
Britta Peitz — FamilyLab Deutschland

Hallo,

mittlerweile ist deine Tochter bestimmt schon 3 Jahre alt geworden und ich hoffe, dass ihr einen schönen Geburtstag gefeiert habt. Ich kann deine Sorge und Verzweiflung sehr gut nachempfinden und möchte Dir zu gern deine Unsicherheit nehmen. Denn so wie es sich anhört, steht bei Euch nun einfach eine andere Phase der Beziehung zwischen Dir und deiner Tochter an. Denn jetzt wird deine Tochter selbstständig, entdeckt ihre eigene kleine Persönlichkeit und dazu gehört natürlich auch, dass sich ihre Wünsche und ihr Wille nicht immer mit deinen decken.

Konflikte zwischen Euch sind also rein evolutionsbiologisch vorprogrammiert.

Die Beispiele, welche du nanntest, mit dem Spielplatz oder dem Windeln wechseln sind super, um genau da etwas tiefer einzusteigen.

Hierbei ist es hilfreich, diese Konflikte nicht negativ, sondern mit einer positiven Haltung zu sehen. In jeder Beziehung gibt es Konflikte und diese sind notwendig, um sich und sein Gegenüber kennenzulernen und vor allem um zu wachsen. Wo sind meine Grenzen? Wo sind die Grenzen meiner Mama? Was passiert, wenn ich über die Grenzen hinaus gehe?  Ich denke, dass jeder deine beschriebenen Situationen kennt, man selbst möchte nur noch nach Hause und das Kind könnte gefühlt noch ewig auf dem Spielplatz bleiben, ganz ohne Zeitgefühl oder den umfassenden Rundum-Blick von uns Erwachsenen. Denn wir Mamas und Papas haben direkt schon wieder das Abendbrot, die Zu Bett-Geh-Zeit und Co. im Kopf, während unsere Kleinsten in diesem Alter nur im Hier und Jetzt sind und einfach ihre Zeit beim Rutschen, Buddeln und Schaukeln vor Ort genießen. Sie würden so lange weitermachen bis die Stimmung kippt, weil sie eigentlich ganz schön hungrig oder müde oder durstig sind. Doch wie entscheide ich nun? Wann darf ich meinen Willen über den Willen meines Kindes setzen? 

Schaden oder Frust?

Genau das sind die Momente, die so schwer zu beurteilen sind und in denen wir es uns oftmals aus der eigenen Unsicherheit und Emotionalität heraus schwerer machen, als es eigentlich ist. Und hier möchte ich ganz klar betonen, dass es auch mir schwerfällt, diese Entscheidungen bezüglich meiner eigenen Kinder zu treffen. Denn wir sind so eng mit unseren eigenen Kindern verbunden und fühlen stark mit ihnen mit. Dabei objektiv und pädagogisch wertvoll zu handeln, ist quasi unmöglich und auch gar nicht unsere Aufgabe. Denn was unsere Kinder brauchen, ist unser authentisches Empfinden. Sprich, wenn du für dich klar entscheiden kannst, dass ihr jetzt vom Spielplatz losgehen müsst, weil es in deiner Verantwortung liegt, dass ihr gleich Abendbrot esst, oder es heute früher ins Bett geht, weil der Mittagsschlaf ausgefallen ist, oder aus anderen Gründen, dann darfst du das so entscheiden und umsetzen. Unsere eigene Unsicherheit überträgt sich auf unsere Kinder und natürlich wird genau in diesen Momenten noch einmal nachgebohrt, ob die Mama oder der Papa auch wirklich vom Spielplatz gehen wollen. Hilfreich ist immer die Frage, schädigt oder frustriert es dein Kind, jetzt vom Spielplatz loszugehen? Hier wird schon klarer, dass es dein Kind zwar frustriert, aber nicht schädigt.

Somit reicht eine Aussage wie „Ich möchte jetzt nach Hause gehen, weil ich hungrig bin“. Kommt uns dann eine Welle der Wut von unseren Kindern entgegen, liegt es in unserer Verantwortung, dies auszuhalten. Oftmals entscheiden wir in diesen beschriebenen Situationen defensiv, um die Konflikte zu vermeiden. Um unseren Kindern Eigenverantwortung nahe zu bringen, sollten wir in diesen Momenten jedoch lieber ein klares nein oder ja geben und eine verantwortungsbewusste Entscheidung treffen. Unsere eigenen Grenzen zu spüren und diese unserem Gegenüber zu vermitteln, ist ein täglicher Bestandteil im Miteinander. Während Erwachsene untereinander für sich selbst verantwortlich sind, haben wir als Eltern die Aufgabe, unseren Kindern den emotionalen Umgang mit dem Wahren und Setzen von Grenzen in Beziehungen vorzuleben.

Kooperiere ich mit meinem Kind und bleibe einfach noch etwas länger auf dem Spielplatz? Oder setze ich auf meine Integrität, mein Bedürfnis nach Hause gehen zu wollen? Wenn verschiedene Bedürfnisse in Familien aufeinandertreffen, kommt es demnach automatisch zu diesen beschriebenen Konflikten. Daher ist es so wichtig, diese beschriebenen Situationen nicht persönlich zu bewerten, sondern anzunehmen.

Konflikte sind notwendige Bestandteile von zwischenmenschlichen Beziehungen.

Die Konflikte zu scheuen oder von ihnen abzulenken, sich doch aufzuopfern und somit defensiv zu entscheiden, macht auf Dauer nicht glücklich. Denn umgehe ich so die Konflikte, werden sie ziemlich sicher an der ein oder anderen Stelle wieder aufploppen.

Durchgreifen und empathisch bleiben

Doch was tun wir dann, wenn nichts mehr geht? Wenn das Kind tobt und wir aber weitermüssen, um nicht den Bus zu verpassen oder weiter im Regen zu stehen. Das sind die Momente, wo wir unseren Willen über den Willen unserer Kinder setzen. Notfalls auch indem wir sie hochnehmen und aus der Situation tragen, zum Beispiel vom Spielplatz. Wenn alles nicht hilft, hilft nur noch: Kind hochnehmen, empathisch sein und losgehen. So anstrengend, unangenehm und unschön diese Situation auch ist, umso empathischer kann man trotz des Hochnehmens auf die Gefühle des Kindes eingehen.

Genau in diesen Momenten, kann ich zum Beispiel durch meinen Blick, meine Körpersprache, wie zum Beispiel das Streicheln trotzdem zeigen „Ich habe dich so lieb, und ich verstehe, dass du wütend bist.“ Natürlich gibt es immer wieder die Momente, in denen Kinder und auch Erwachsene erst recht nicht angefasst werden möchten. Und auch das kann ich laut benennen und mit Worten anerkennen, und erstmal bedachtsam beim Kind bleiben, bevor ich es aus der Situation trage. Dabei ruhig zu bleiben, zu versuchen, nicht auf den Zug von Wut und Aggression des Kindes mit aufzuspringen, ist die absolute Königsdisziplin. Was man auf keinen Fall in diesen Situationen tun sollte, ist das Kind stehen zu lassen oder einen Abgang vom Spielplatz vorzutäuschen. Dies setzt Kinder unter enormen Stress und löst Ängste aus. Ein Kleinkind kann sich noch nicht in unsere Gefühlswelt hineinversetzen. Es hat demnach noch kein Empathie-Empfinden, dass wir so erschöpft sind und nach Hause wollen. Zudem hat es auch noch kein ausgeprägtes Zeitgefühl, um einschätzen zu können, wie spät es ist, oder ob wir eventuell zu spät kommen. Wir Eltern wünschen uns, dass unsere Kinder mitkommen, wenn es Zeit zum Gehen ist. Wir wünschen uns, dass sie auf uns hören und natürlich wünschen wir uns auch, dass wir unseren Willen nicht über den unseres Kindes setzen müssen. Doch wenn nichts mehr hilft, ist es unsere Verantwortung genau dies zu tun. Nicht, weil wir uns durchsetzen wollen, oder besonders konsequent sein wollen, sondern viel mehr, weil wir zum Wohle unseres Kindes handeln und unsere eigenen Grenzen wahren. Das Aushalten von diesen widersprüchlichen Gefühlen verlangt ein großes Maß an Toleranz. 

Du sagtest, dass du wirklich so gerne Mama bist. Lass Dir durch diese alltäglichen Konflikte nicht die Freude daran nehmen, denn leider gehört es zum Mama- und Papa-Sein und unserer Verantwortung manchmal dazu, dass wir uns unbeliebt bei unseren Kindern machen müssen. Daher ist es umso wichtiger, dass diese verantwortungsbewussten Entscheidungen, welche wir im alltäglichen Familienleben treffen müssen, nicht zu viel Gewicht bekommen. Versuche daher, in den schwierigen Situationen auf dich und deine Gefühle zu hören und klar zu entscheiden. Kinder spüren unsere Unsicherheit und manchmal glaube ich, dass es auch genau ihre Aufgabe ist, in diesen Momenten nochmal nachzubohren. Kinder spiegeln uns nur zu gut und schaffen es beständig, tief in uns etwas auszulösen, was uns beschäftigt. Die Herausforderung ist es, sich damit bewusst auseinanderzusetzen. Daher bin ich so dankbar für deine Frage und deine Offenheit. Denn ich glaube, dass genau dieser Punkt viele Mamas und Papas unserer Generationen beschäftigt. Indem wir die Erziehung unserer Kinder als ständigen Entwicklungsprozess sehen, in dem wir voneinander lernen – die Kinder von uns ebenso wie wir von unseren Kindern – und wir diese großartige Chance annehmen, fällt es leichter, Konflikte auszuhalten.