Ehrlich gestellt.
Liebes Familiy Lab Team,
Wir haben eine 6,5 jährige Tochter, die seit dem Sommer in die Schule geht. In der Schule ist sie sehr angepasst und hat augenscheinlich wenig Probleme mit dem Unterricht und im sozialen Miteinander. Dies war auch schon im Kindergarten so, sie ist eigentlich nie negativ aufgefallen.
Wir haben den Verdacht, dass Sie allerdings neurodivergent und im Autismusspektrum (ggf. gepaart mit ADHS) sein könnte und die ganzen Anpassungsleistungen (Masking) sie innerlich sehr belasten, auch wenn man nach außen das gar nicht wahrnehmen würde. Sie kann sehr gut unangenehme Gefühle für sich behalten und verstecken.
Der Verdacht der Neurodivergenz begründet sich darin, dass zum einen meine Frau in den letzten Jahren selbst die ADHS-Diagnose bekommen hat und sich inzwischen auch im Autismusspektrum wiederfindet. Sie erkennt viele Verhaltensweisen unserer Tochter in sich wieder und kann sich somit gut in sie hineinversetzen. Außerdem sind in unseren Familien viele Neurodivergenzen vorhanden. Des Weiteren durchlaufen wir gerade mit unserem 4,5-jährigen Sohn wegen Verhaltensauffälligkeiten im sozialen Miteinander die zweite Runde einer Autismusdiagnostik in einer kinderpsychiatrischen Praxis und haben uns somit schon viel mit dem Thema Neurodivergenz auseinander gesetzt und finden unsere Tochter auch dort wieder. Für mich waren außerdem Nora Imlau und Saskia Niechzial (Kopf voll Gold) wertvolle Ratgeber.
Unsere Tochter ist ein sehr lebhaftes und fröhliches Kind. Sie hat sich schon früh im Alter von 1,5 Jahren viel für andere Kinder interessiert und hat auch jetzt ein paar gute Freunde in der Schule. Der Sozialkontakt zu anderen Kindern fällt ihr leicht. Außerdem kann sie schon gut ihre eigenen Gefühle benennen und die Gefühlslage von anderen gut erkennen und bewerten. Wir empfinden Sie als emotional und sozial sehr intelligent.
Allerdings hat sie total Schwierigkeiten, mal alleine ohne andere Kinder oder ohne uns Eltern sich zu beschäftigen. Sie fühlt sich dann ausgeschlossen, hat sie mir gesagt. Deshalb hilft sie auch gerne unaufgefordert bei Hausarbeiten von uns Eltern mit, z.B. beim Wäsche falten oder putzen, anstatt für sich zu spielen. Sie möchte so gerne gefallen.
Die Anpassung führt auch zu unschönen Verhaltensweisen, wenn sie von Freunden z.B. das Schubsen anderer Kinder kopiert, weil sie das als gängiges Spiel versteht. Zudem haben wir die Sorge, dass sie auch leicht zu schlechten Verhaltensweisen angestiftet werden kann, weil sie so natürlich dem anstiftenden Kind gefällt.
Sie fühlt sich sehr häufig unfair behandelt, und möchte immer Gleichheit, insbesondere mit ihrem kleineren Bruder, haben. Wenn Sie z.B. den ganzen Tag auf einem schönen Kindergeburtstag war, findet sie es dann im Nachgang unfair, dass ihr Bruder zu Hause geblieben ist und etwas mit uns Eltern gespielt hat oder eventuell eine Süßigkeit zu Hause hatte.
Die Frage: Da es ja augenscheinlich keine Probleme nach außen gibt und unsere Tochter so gut durchkommt, würde ja keiner vermuten, dass sie innerlich stark belastet ist. In abendlichen Gesprächen mit meiner Tochter merken wir aber sehr wohl, wie viel sie innerlich beschäftigt und sie sagt auch, dass sie z.B. lieber für sich weint.
Wie bieten wir unserer Tochter eine gute, präventive, professionelle Begleitung an? Eine Diagnostik würde vermutlich ins Leere laufen, sowohl die Lehrerin als auch die kinderpsychiatrische Praxis sieht keinen Handlungsbedarf, da ja kein Leidensdruck da ist.
Wir möchten nicht warten, bis die Probleme im Inneren nach außen gelangen und dann erst handeln, da dann sich verfestigte Muster nur schwerer aufzubrechen sind. Außerdem dauert es dann lang bis man überhaupt Hilfe bekommt. Bei einer unerkannten Neurodivergenz besteht die Gefahr, dass dies später zu psychischen Störungen führen kann.
Vielleicht haben sie einen Rat, wie wir gut mit der Situation umgehen können.
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
zunächst einmal herzlichen Dank für Euer Vertrauen und eure offene Schilderung eurer Lage. Ich denke, dass dies eine Frage ist, die viele Eltern interessiert, da ich auch in unserer Praxis häufig mit dem Thema „Diagnostik – ja oder nein?“ konfrontiert bin. In den letzten Jahren ist die Sensibilität für das Thema Neurodivergenz sehr gestiegen und viele Menschen konnten ihre bis dahin verunsichernden Erlebnisweisen in die Diagnosen von ADHS oder Autismus-Spektrum-Störung (ASS) einordnen und dort Erklärungen und Hilfen finden.
Ihr habt auf dem Weg zur Diagnostik schon viel unternommen und seid sehr wach und aufmerksam in Bezug auf euch selbst und eure Kinder. Das ist sehr wertvoll, da ihr mitbekommt, wie es den einzelnen Familienmitgliedern geht und seht, was sie brauchen. Und eure Frage nach einer möglichen Diagnostik kann ich vor eurem familiären Hintergrund sehr gut nachvollziehen.
Eine erste Einordnung
Ich würde euch deshalb gerne verschiedene Sichtweisen aus meiner langjährigen Praxiserfahrung (davon auch acht Jahre diagnostische Tätigkeit in einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Praxis) anbieten, um eure Frage zu beantworten.
Ihr beschreibt die hohe Funktionsfähigkeit und Anpassungsleistung eurer Tochter in der Schule und auch schon im Kindergarten. Das ist ja zunächst sehr positiv, dass sie dazu in der Lage ist, sich insbesondere im Sozialverhalten angemessen zu verhalten. Ihr beschreibt sie als gut integriert, emotional schwingungsfähig und einfühlsam und in der Lage, ihre Gefühle zu benennen. All diese Punkte fallen Kindern mit ASS sehr schwer, da sie soziale Signale nicht gut erkennen und deuten können. Die Fähigkeit eurer Tochter spricht an dieser Stelle aus meiner Erfahrung mit vielen ASS Kindern gegen eine Diagnose im Spektrum. Außerdem beschreibt ihr sie als ein fröhliches Kind, was für mich auch ein sehr positives Signal ist, da sie grundsätzlich nicht in ihrer Grundstimmung belastet ist.
Auch der Punkt, dass sie feste Freundschaften hat, spricht gegen eine solche Diagnose.
Das Selbstwertgefühl
Als Herausforderung lese ich den Punkt heraus, dass eure Tochter sich sehr an anderen orientiert, um zu gefallen und dazu zu gehören. Dies kann verschiedene Gründe haben, die ich aber eher nicht in einer ASS oder ADHS Thematik sehe.
Für mich klingt dies eher nach dem Thema „Selbstwert und Selbstvertrauen. Jesper Juul unterscheidet diese Begriffe sehr genau:
Selbstvertrauen entsteht, wenn Kinder erleben: „Ich kann etwas gut.“
Selbstwertgefühl entsteht, wenn Kinder spüren: „Ich bin wertvoll, unabhängig davon, was ich leiste.“
Kinder, die sehr angepasst sind, entwickeln oft ein gutes Selbstvertrauen, weil sie vieles richtig machen und gut können. Gleichzeitig kann ihr Selbstwertgefühl stärker davon abhängen, ob sie Erwartungen erfüllen.
Hier könntet ihr eure Tochter unterstützen, indem ihr Interesse an ihrer inneren Welt zeigt – nicht nur an ihrem Verhalten.
Zum Beispiel: „Wie hast du dich heute in der Schule gefühlt? Gab es etwas, was dir heute schwergefallen ist? Was hat dir heute besonders gutgetan?“
Solche Gespräche helfen Kindern, ihre eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen.
Das Gerechtigkeitsempfinden
Ihr beschreibt, dass eure Tochter sich gegenüber ihrem kleinen Bruder oft ungerecht behandelt fühlt. An diesem Punkt möchte ich euch gerne beruhigen: Diese Thematik erlebe ich in sehr, sehr vielen Familien, dass insbesondere Geschwister sich im Vergleich untereinander oft ungerecht behandelt fühlen, was sich für uns Erwachsenen oft in scheinbar irrelevanten Kleinigkeiten zeigt. Darüber würde ich mir also erstmal keine Sorgen machen. Ihr könnt eurer Tochter aber helfen, indem ihr ihre Gefühle einerseits ernst nehmt und andererseits auch ein bisschen ent-dramatisiert. Ihr könntet zum Beispiel sagen: „Das verstehe ich, dass du auch gerne eine Süßigkeit gehabt hättest. Beim nächsten Mal bekommst du ganz sicher auch wieder eine und vielleicht bekommt dann dein Bruder keine. In unserer Familie kriegen nicht alle zur selben Zeit das gleiche, sondern jeder bekommt das, was er in dem Moment gerade braucht.“
Wenn ihr als Eltern eine solche Haltung und Atmosphäre in eurer Familie etablieren könnt, fällt es Kindern leichter, nicht buchhalterisch jede Kleinigkeit auf die Goldwaage zu legen. Ich erlebe oft Eltern, die versuchen alles richtig zu machen und alles genau auszugleichen und gerecht zu verteilen. Und damit kooperieren Kinder dann und übernehmen diese Haltung. Ich halte den Wunsch nach absoluter Gerechtigkeit für nicht realistisch, da dies erstens oft gar nicht gelingen kann und zweitens auch nicht dem entspricht, was wirklich jeder braucht. Von daher ermutige ich euch, an diesem Punkt Entspannung in eure Familie zu bringen. Jeder bekommt, was er braucht und das ist nicht für alle das Gleiche. Diese Haltung wird euch auch später helfen, wenn die Entwicklung der Kinder phasenweise auseinandergeht, zum Beispiel, wenn eure Tochter schon in der Pubertät ist und ihr Bruder noch nicht. Da wird sie andere Rechte und Pflichten haben als er.
Ein Gedanke zur Kooperation
Vielleicht habt ihr schon gehört, dass nach Jesper Juul Kinder immer mit den Erwachsenen kooperieren, da sie aufs Engste mit ihnen verbunden und von ihnen abhängig sind. Das heißt, Kinder spüren sehr genau, was in der Familie los ist, was die Eltern beschäftigt und was von ihnen (auch unbewusst) erwartet wird. Ihr beschreibt, dass ihr mit eurem Sohn bereits in Diagnostik seid. Ich kann mir vorstellen, dass damit auch einhergeht, dass ihr euch um ihn Sorgen macht. Da Kinder oft verschiedene Rollen in einer Familie einnehmen, kann es sein, dass eure Tochter sich eher in die Rolle des angepassten Kindes begeben hat. Das kann eine große, soziale Kompetenz sein, gleichzeitig habt ihr Sorge, dass sie sich übermäßig anpasst.
Auch die Beschreibung, dass sie sich an anderen Kindern orientiert, passt zu diesem Bild eines sehr beziehungsorientierten Kindes. Für diese Kinder ist es oft wichtiger, in Gemeinschaft zu sein und dazu zu gehören. Allein zu spielen, kann sich dann schnell anfühlen, als würde man nicht dazugehören. Hier könnt ihr eure Tochter durch Reflexionsfragen helfen: „Wie ist es dir damit gegangen, dass du das gemacht hast, was die anderen vorgemacht haben? Was glaubst du, wie das für die anderen Kinder ist?“ Wenn möglich, verzichtet auf Bewertungen und Empfehlungen.
Generell hilft manchmal ein Satz, der dem Kind Verständnis und Würdigung für seine Kooperations-Leistung spiegelt: „Danke, dass du das mitmachst, dass wir uns so viele Sorgen um deinen Bruder machen. Das fühlt sich bestimmt manches Mal so an, als sei er uns wichtiger. Dabei bist du unsere liebste Tochter.“ Mehr nicht, möglichst keine weiteren Erklärungen.
Die wichtigste präventive Unterstützung: Beziehung
Ich kann es gut verstehen, dass ihr vor eurem familiären Hintergrund den Fokus auf mögliche Belastungen eurer Tochter richtet. Dadurch seid ihr auf jeden Fall auf der sicheren Seite, nichts zu übersehen. Gleichzeitig möchte ich euch ermutigen, in erster Linie auf eure Beziehung statt auf Diagnostik zu setzen.
Meiner Einschätzung nach tut ihr alles, was nötig ist: Ihr signalisiert eurer Tochter, dass sie in Ordnung ist, dass sie sich nicht übermäßig anpassen muss, und ihr bietet ihr immer wieder das Gespräch an.
Kinder brauchen vor allem das Gefühl:
- Ich werde gesehen.
- Meine Gefühle sind willkommen.
- Ich muss nicht perfekt sein, um geliebt zu werden.
Die abendlichen Gespräche, die ihr mit eurer Tochter führt, sind in diesem Zusammenhang von unschätzbarem Wert. Der Abend ist für viele Kinder der Moment, in dem die Eindrücke des Tages nachwirken und Raum für innere Themen entsteht.
Wenn eure Tochter sagt, dass sie lieber für sich weint, kann dies verschiedene Gründe haben. Es kann in ihrem Naturell begründet sein, dass sie ihre Gefühle lieber in Ruhe spüren möchte. Vielleicht hat sie auch Sorge, dass ihre Traurigkeit für euch belastend sein könnte. Hier kann es hilfreich sein, behutsam zu signalisieren: „Alle Gefühle dürfen da sein, auch bei uns. Du bist uns nicht zu viel.“ Manchmal reicht ein einfacher Satz: „Wenn du traurig bist, darfst du jederzeit zu uns kommen. Du musst das nicht allein schaffen.“
Meine Empfehlung
Da ihr eure Tochter sehr gut im Blick habt, würde ich persönlich zunächst keine Diagnostik anstreben. Wie ihr selbst schon schreibt, sehen Fachstellen häufig keinen unmittelbaren Anlass für eine Abklärung, wenn kein sichtbarer Leidensdruck in der Schule oder in der Bewältigung des Alltags zu erkennen sind. Es gibt einen schönen Satz von Klaus Kokemoor, der es wunderbar auf den Punkt bringt, wenn es keine eindeutige Diagnose gibt:
Und das lese ich aus euren Zeilen, dass ihr genau schaut, was eure Tochter braucht.
Vertrauen in die Entwicklung
Kinder entwickeln sich nicht linear. Aus der Anpassung kann sich mit den Jahren auch eine stärkere Selbstbehauptung entwickeln, dies hängt zum einen von eurer Begleitung ab, zum anderen von den sozialen Kontakten und Erfahrungen eurer Tochter, auf die wir keinen Einfluss haben. Viele Kinder, die in den ersten Schuljahren sehr angepasst sind, beginnen deutlich später zu zeigen, wer sie sind und was sie brauchen. Die wichtigste Grundlage dafür ist eine sichere Beziehung zu den Eltern: Ein Ort, an dem das Kind so sein darf, wie es ist und nicht funktionieren muss.
Aus eurer Beschreibung entsteht bei mir genau dieser Eindruck: Ihr seid Eltern, die genau hinschauen, zuhören und die ihr Kind ernst nehmen. Damit hat eure Tochter die besten Voraussetzungen, sich zu einem selbstbewussten Menschen zu entwickeln. Und wenn es irgendwann Probleme in der Schule oder im Sozialverhalten geben sollte, könnt ihr immer noch über eine Diagnostik nachdenken, damit sie entsprechende Hilfen beziehungsweise Nachteilsausgleiche bekommt.
Bis dahin würde ich den Fokus mehr auf die Stärkung der Beziehung richten und der Entwicklung eurer Tochter vertrauen!
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