Darum geht es
Wie können wir damit umgehen, dass unser Kind spuckt? In der Öffentlichkeit, Zuhause, bei Freunden – mit Ermahnen und Ignorieren kommen wir nicht weiter und fragen uns, was hinter diesem Verhalten unseres Dreijährigen steht.
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Unser Kind spuckt gerne – also richtig auf den Boden oder so in Sprühform vor sich hin – und das nicht nur bei uns zuhause, sondern auch bei Freunden, Großeltern, im Supermarkt, unterwegs … Er ist 3,5 Jahre alt.

Und wir sind echt überfordert, wie wir damit umgehen sollen, weil es einfach fies ist. Schimpft man, treibt er es noch doller; ignorieren ist nicht so leicht, da es auch andere betrifft.

Es passiert vor allem in Situationen, in denen er etwas will, was wir nicht wollen, zum Beispiel an fremde Dinge im Laden gehen, irgendwo hochklettern, oft einfach auch Sachen, wo es um Dinge geht, die man halt auch nicht so ignorieren kann

Wir erklären ihm immer wieder, dass das nicht schön ist, respektlos und halt auch fies, wenn er irgendwohin oder irgendwen anspuckt, kommen aber nicht weiter….

Falls es da Tipps und Tricks gibt – gerne her damit 🙂 Viele Grüße!

Die Antwort
unserer Expertin.
Unser Kind spuckt
Dr. Desiree Bender — FamilyLab Deutschland

Euer Kind spuckt – und spricht damit zu Euch

Wenn unser Kind ein sozial unerwünschtes Verhalten wie „spucken“ regelmäßig zeigt, spielt sich oft viel in uns Eltern ab. Wir wünschen uns schließlich, dass unser Kind sich freundlich und angemessen verhält. Alle Eltern werden von ihren Kindern eines Besseren belehrt, denn unsere Kinder wissen nichts von unseren Maßstäben von freundlichem Verhalten. Vielmehr bringen sie sich in der Bandbreite ihrer Gefühle mit Verhaltensweisen zum Ausdruck, die der Situation aus ihrer Sicht entsprechen.

Stellt Euch mal vor, Euer Kind möchte mit seinem Spucken mit Euch sprechen, vielleicht sagt es damit so etwas wie:

„Ihr seid so damit beschäftigt, Euch übers Spucken aufzuregen und mir zu sagen, dass das nicht okay ist, dass ihr überseht, warum ich das mache. Wenn ich was haben will und es nicht bekomme oder einfach schnell jemand von euch „Nein“ sagt, obwohl ich etwas unbedingt haben will, dann ist das ´ne echt fiese Sache für mich! Ich werde richtig wütend und danach auch traurig darüber, dass das, was ich will, für euch scheinbar gar nicht zählt. Ich will euch zeigen, dass ich mich richtig über euch ärgere und dann spucke ich halt, damit ihr seht, wie es mir geht! Doch ihr scheint gar nicht zu sehen, wie es mir geht und was ich mit dem Spucken sagen möchte und sagt dann zu mir, dass es nicht okay ist, wenn ich das mache. Ihr sagt, spucken ist fies. Ich finde das auch richtig fies von euch, dass ihr nicht seht, wie es mir geht und wie verzweifelt ich manchmal bin, wenn ich nicht bekomme, was ich will!“

Unerwünschtes Verhalten als Reaktion auf Grenzen

Im Alter von 3 Jahren sind Kinder in der Regel ganz bei sich und entfalten sich und ihre Autonomie noch einmal auf eine ganz neue Weise. Während sie sich entfalten, die Welt erforschen wollen (Dinge in einem Laden betasten, hochklettern auch an Stellen, die für uns Erwachsene unpassend sind) und ihren starken Willen nach dem, was sie wollen und nicht wollen zum Ausdruck bringen, stoßen sie oftmals an Grenzen. Grenzen, die wir ihnen setzen, aus Schutzgründen oder weil wir in öffentlichen Situationen andere Menschen davor schützen wollen, dass sie sich gestört oder unangenehm berührt fühlen könnten.

Es ist ein längerer Lernprozess für Kinder, mit den Gefühlen „angemessen“ umzugehen, die in ihnen aufkommen, wenn sie begrenzt werden. Sie brauchen hierbei empathische, liebevolle Begleitung und jemanden, der ihre Gefühle wahrnimmt, verbalisiert und Verständnis für sie zeigt. Das ist der Weg für sie, ihre eigenen Gefühle zu verstehen, Worte für sie zu finden und sich in der Folge dann auch wieder zu beruhigen. Dafür brauchen sie im Alter von 3 Jahren jemanden, der sie co-reguliert, also mit da ist für ihre Beruhigung und selbst innerlich ruhig ist. Vielleicht könnt ihr auf euer Kind schauen mit dem Blick, dass es gerade sein Bestes gibt, nur die Welt erforschen möchte und es schwer auszuhalten findet, dabei beschnitten zu werden. Es wünscht sich, in diesem auftretenden Gefühlsausbruch als Reaktion auf die Begrenzung wahrgenommen zu werden, das Gefühl zu bekommen, dass es gut, richtig und wertvoll ist, auch wenn es wütend wird, auch wenn es spuckt. Über das Spucken könnt ihr später sprechen, wenn die Situation vorbei ist. Euer Kind weiß inzwischen, was ihr vom Spucken haltet und zeigt euch womöglich mit seinem Verhalten, das Spucken fortzusetzen, dass es sich nicht gesehen fühlt in seinem inneren Erleben. Gerade weil das Spucken in euch als Eltern viel auslöst und euer Kind das spürt, kann es sein, dass es dieses Verhalten weiterhin zeigt, womöglich auch in anderen Situationen.

Eigentlich ist es sogar eine clevere Art und Weise von Kindern, um ihren Eltern zu zeigen, dass sie sich gerade nicht gesehen fühlen: Dabei wählen sie oft gerade das Verhalten, das die Eltern gar nicht mögen, um „zurückzuschlagen“, um zu zeigen, dass auch sie einen Raum der Autonomie haben, den sie bestimmen. Auch wenn wir als Eltern ihnen mit einem „Nein“ begegnen und sie darin begrenzen, was sie wollen und dieses „Nein“ ja auch gilt. Zugleich zeigt euer Kind euch, dass es einen autonomen Raum seines Körpers hat, mit dem es alleine bestimmt, was es tut und bringt sich so wieder als aktiver Gestalter in die Situation mit Euch ein.

Natürlich dürfen Kinder lernen, dass es für andere Menschen nicht schön ist, angespuckt zu werden. Doch ihr dürft zuerst euer Mitgefühl für euer Kind und sein Erleben stärken, wie fürchterlich es sich anfühlen kann, wenn man gerade die Welt erforschen und unbedingt etwas haben will, wozu dann andere, Größere „Nein“ sagen. Wir können hier ganz ins Hier und Jetzt des Kindes eintauchen und es sehen in seiner Not, sie ihm nicht abnehmen, doch bei ihm sein.

Gefühlsstürme müssen durchlebt werden.

In den Momenten sind unsere Kinder auf rationaler Ebene (erklären, maßregeln etc.) nicht ansprechbar. Wenn der Sturm vorbei ist, habe ich oft schon (gerade von Kindern im Alter eures Kindes) so etwas wie Dankbarkeit von Kindern dafür empfangen, dass sie nicht falsch gemacht wurden in der Zeit während ihres Ausbruchs, sondern voll und ganz angenommen wurden. Danach kann sogar eine besondere Harmonie zwischen euch und eurem Kind entstehen, weil der Konflikt da sein durfte, keine Bewertung stattfand und auf diese Weise das Kind von Euch lernen durfte: Alle Gefühle und Gefühlsausdrücke dürfen da sein, ich bin richtig wie ich bin, geliebt und akzeptiert. So lernt euer Kind dann auch eher, von euch gesetzte Grenzen zu akzeptieren.

Ein schönes Zitat von Jesper Juul an der Stelle ist:

„Die Qualität von Eltern ermisst sich nicht nach den Regeln, die sie ihren Kindern vorgeben, sondern nach der Art ihrer Reaktion, wenn diese Regeln gebrochen werden.“