Darum geht es
Unterstützung im familiären Netzwerk ist etwas großartiges. Aber unser Kind will nicht zu den Großeltern! Doch wie gehen wir damit um, wenn Kinder davon selbst gar nicht so begeistert sind?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo liebes Team der Elternberatung,

Wir sind eine vierköpfige Familie mit zwei Mädchen (3 und 6 Jahre alt) und leben in der Nähe aller Großeltern, die uns regelmäßig und tatkräftig unterstützen. Diese Hilfe gibt meinem Mann und mir die nötige Kraft, Geduld und Ausdauer für den Alltag mit kleinen Kindern. Konkret verbringen unsere Kinder an zwei Tagen in der Woche die Nachmittage bis zum Abend bei den Großeltern.

Vor allem unsere 6-Jährige zeigt jedoch immer wieder, dass sie eigentlich nicht von Oma abgeholt werden möchte. Das kündigt sich oft schon am Abend davor an, wenn wir ihr sagen, dass am nächsten Tag wieder Oma-Opa-Tag ist. Am liebsten würde sie einfach immer zuhause bleiben. Ich habe das Gefühl, dass unser Zuhause für sie der Ort ist, an dem sie sich am sichersten und geborgensten fühlt. Trotzdem können wir auf diese Betreuungszeiten nicht verzichten – wir brauchen sie dringend, um berufliche Termine wahrzunehmen oder Hausarbeit und anderes zu erledigen.

Meine Frage ist nun: Kann ich von meiner Tochter erwarten, dass sie trotz ihrer Abneigung regelmäßig zu den Großeltern geht, oder sollte ich meine eigenen Pläne umwerfen und sie nach Hause holen, sobald sie nicht möchte? Denn das Paradoxe ist: Wenn sie erst einmal dort war, hören wir hinterher fast immer, dass sie Spaß hatte und einen schönen Nachmittag verbracht hat – sowohl von ihr selbst als auch von den Großeltern. Doch schon eine Woche später beginnen die Diskussionen erneut.

Manchmal habe ich ihr sogar vorgeschwindelt, dass ich einen festen Termin habe, den ich nicht absagen kann, obwohl ich eigentlich zuhause war, um Dinge zu erledigen. Das fällt mir schwer, weil Ehrlichkeit und Offenheit wichtige Werte in meiner Erziehung sind. Dennoch funktioniert es in solchen Momenten oft besser, als wenn sie weiß, dass ich verfügbar wäre. Dann klammert sie sich an die Möglichkeit, lieber zuhause bleiben zu können.

Dass ihr bei den Großeltern langweilig sein könnte, halte ich für ausgeschlossen, denn sie unternehmen immer etwas und gehen auch auf die Wünsche der Kinder ein.

Während ich das aufschreibe, merke ich, wie groß mein schlechtes Gewissen ist. Ich wünsche mir so sehr, dass es leichter funktioniert – zumal ich in Gesprächen mit anderen Familien oft höre, dass deren Kinder solche Nachmittage völlig selbstverständlich und freudig annehmen.

Natürlich habe ich meine Tochter schon oft gefragt, warum sie nicht gerne zu Oma und Opa geht, doch meist kommt von ihr nur ein „Ich weiß es nicht“. Auffällig ist, dass sie bei meinen Schwiegereltern, die direkt mit uns auf demselben Grundstück wohnen, keinerlei Schwierigkeiten hat. Dort fühlt es sich für sie offenbar einfach wie ein zweites Zuhause an.

Ich würde mich sehr freuen, wenn meine Frage einmal in der Elternberatung aufgegriffen werden könnte.

Vielen Dank und alles Gute!

Die Antwort
unserer Expertin.
Unser Kind will nicht zu den Großeltern
Annette Sperling — FamilyLab Deutschland

In Deiner Schilderung spüre ich, wie viel Liebe, Achtsamkeit und Verantwortungsgefühl in Eurem Familienleben steckt. Ich spüre, wie sehr Ihr darum ringt, allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und Ihr geht bereits den wichtigsten Schritt: Ihr schaut hin.

Das Bedürfnis Eurer Tochter nach Sicherheit und Euer Bedürfnis nach Entlastung stehen scheinbar im Widerspruch zueinander. Wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass diese Bedürfnisse nebeneinander stehen – und das ist absolut legitim und gut.

Lasst uns sehen, was hinter dem Verhalten des Kindes stehen könnte:

  • Schwierigkeiten mit Übergängen: Der Schritt weg von zuhause fällt Eurer Tochter schwerer als der Aufenthalt bei den Großeltern. Der Übergang ist der herausfordernde Moment, nicht der Besuch selbst.
  • Bindungsbedürfnis („Ich will wissen, wo du bist“): Wenn Deine Tochter weiß, dass Du zuhause bist, bleibt die innere Hoffnung, bei Dir bleiben zu können. Das ist kein Trotz, sondern ein Ausdruck von Bindung und dem Wunsch, in deiner Nähe zu sein.
  • Entwicklungsphase: Mit 6 Jahren ist der Wunsch nach Kontrolle, Vorhersehbarkeit und Selbstbestimmung besonders ausgeprägt. Zu Oma und Opa gehen zu müssen, kann diesen Wünschen verständlicherweise entgegenstehen.
  • Zwei unterschiedliche Großeltern-Settings: Bei den Schwiegereltern hat Eure Tochter eine Art „Zweit-Zuhause“: dieselben Wege, dieselbe Geräuschkulisse, konstantes Umfeld. Das Kind erlebt diese Großeltern als Erweiterung seines Alltags.
    Bei den anderen Großeltern fühlt es sich mehr nach Besuch an – und „Besuch sein“ kostet oft mehr Energie. Nichts davon bedeutet, dass sie „nicht gerne“ bei Oma und Opa ist. Es bedeutet nur, dass der Weg dorthin emotional anspruchsvoll ist.

Eure Frage: Müssen wir unsere Pläne umwerfen?

Kurz gesagt: Nein.
Es ist völlig in Ordnung und verantwortungsbewusst, die Großelternzeiten beizubehalten. Kinder dürfen erleben, dass auch die Bedürfnisse der Eltern zählen und dass Familie ein Netzwerk ist.
Gleichzeitig ist wichtig: Ihr könnt die Wege dorthin leichter und vorhersehbarer gestalten. Das ist der Punkt, an dem ihr ansetzen könnt – nicht beim kompletten Ändern der Struktur.

Mein Ideen-Buffet für Euch:

  • Radikale Ehrlichkeit, auf kindgerechte Weise:
    Wenn du zuhause bist und arbeitest oder Luft zum Leben brauchst, ist das keine Lüge und kein Verrat an euren Werten. Eine kindgerechte Wahrheit könnte lauten:
    „Heute brauche ich Zeit, um Dinge zu schaffen. Du bist bei Oma gut aufgehoben. Ich hole dich später wieder ab.“
    Daran kann sich ein Kind orientieren.
  • Ein „Übergangs-Ritual“, das Eurer Tochter Sicherheit gibt:
    „Du schaffst das. Oma freut sich auf dich. Du bist sicher. Ich male Dir ein Herzchen auf den Arm, das Du bis heute Abend mit Dir tragen kannst.“
  • Eine klare Botschaft ohne Druck:
    „Heute ist Oma-Opa-Tag. Du musst es nicht mögen – aber du bist dort sicher, und ich vertraue darauf, dass du einen Weg findest, es dir gut zu machen.“
    Damit nimmst du den Widerstand ernst, ohne in Verhandlungen zu rutschen.
  • Den Abend davor entlasten:
    Wenn der Vorabend schon schwierig ist, helfen eine klare, kurze Info und der Fokus auf Sicherheit statt auf Überzeugungsarbeit. „Morgen ist Oma-Opa-Tag. Ich sage es dir zur Orientierung, damit Du weißt, was morgen kommt. Zusammen schaffen wir das.“
  • Den Großeltern ein kleines Briefing geben (falls diese offen dafür sind):
    Manchmal reicht eine winzige Veränderung wie ein ruhiger Start statt direkt Aktion und die Möglichkeit, etwas auswählen zu können. „Willst du erst malen oder erst Kakao trinken?“

Dein schlechtes Gewissen zeigt, wie wichtig Dir eure Tochter ist. Es bedeutet nicht, dass Du etwas falsch machst. Kinder dürfen Frust haben. Kinder dürfen Übergänge doof finden. Und Eltern dürfen Entlastung brauchen und bekommen. Bindungsorientierung heißt nicht, Kindern jede Unannehmlichkeit zu ersparen. Es bedeutet vielmehr, Kinder in ihren Gefühlen zu begleiten, während das Leben weitergeht.

Ihr könnt euch merken: Der Widerstand zeigt Bindung, nicht Ablehnung.
Eure Tochter lehnt nicht die Großeltern ab. Sie kämpft nicht gegen Aktivitäten oder Personen. Sie kämpft gegen den Übergang, die Unsicherheit, den inneren Aufwand eines Besuchs und vielleicht gegen das Gefühl, weniger Kontrolle zu haben. Das ist verständlich und gleichzeitig gut begleitbar. Mit kleinen Anpassungen kann der Übergang leichter werden.

Ihr seid auf einem guten Weg. Ihr seht eure Tochter, ihr nehmt sie ernst – und gleichzeitig sorgt ihr dafür, dass euer Familiensystem funktioniert. Genau das ist gelungene Beziehungsarbeit.