Darum geht es
Wie geht es einem Kind, das sich im Alltag jahrelang nach dem Geschwister richten muss? Das sagt, es wäre lieber Einzelkind geblieben. Wie können wir als Familie mit der Krankheit umgehen, die im Mittelpunkt steht?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Wir sind eine vierköpfige Familie, mein Mann, unsere Tochter (im Januar 8 Jahre alt geworden) und unser Sohn (wird im April 5) und ich. 

Unser Sohn leidet seitdem er 5 Monate ist an Epilepsie, an epileptischen Anfällen (nur im Schlaf, oder beim Aufwachen). Die Zeit, in der er anfallsfrei war (Januar 2022- April 2024), war wie ein Wunder für uns als Familie. Jetzt sind wir wieder an einer Klinik und einem SPZ angebunden, mit regelmäßigen Kontrollterminen. Ich arbeite an drei Tagen, da er an zwei Vormittagen Förderangebote wahrnimmt. 

Also haben wir seit ein paar Jahren mehr Schlafmangel, als andere Eltern und die Abende sind mit dem regelmäßigen Schauen auf die Kamera gefüllt, sobald er schläft.

Unsere Tochter hat Zeiten mit uns jeweils alleine, den Alltag nach Schule, Betreuung und Kindergarten verbringen sie bis abends mit mir, beziehungsweise sind in Vereinen angebunden. 

Aktuell sind wir am Ausziehen aus unserer Eigentumswohnung, da diese kernsaniert und umgebaut wird. (wir bekommen zusätzlich ein zweites Kinderzimmer und ein zweites Bad)

Momentan ist unsere Tochter noch sentimentaler und sie fragt sich, was passiert mit ihrem Bruder, wenn wir als Eltern gestorben sind. 

Meine Mutter ist erst im Juli letzten Jahres gestorben und mein Vater davor im Dezember 2023. Sie weiß also, wie sich Verluste anfühlen können. 

Sie fragt sich allerdings auch, wie ein Leben ohne ihren Bruder wäre…. mehr Zeit mit uns, kein Wegnehmen, kein Kaputtmachen von ihm mehr….

Da wir uns als Eltern auch schon diese Frage gestellt haben, wie es mit nur einem Kind wäre, kann ich ihr leider „nur“ meine Antworten geben.

„Wir lieben ihn und dich, so wie ihr seid.
Wir halten zusammen, das schaffen wir auch.
Er wird größer, es wird einfacher…“

Das reicht ihr allerdings momentan nicht an Antworten….

Gibt es so etwas wie „bereuende Geschwister“? Die Kinder, die gerne Einzelkind geblieben wären? 

Da mein Mann und ich auch jeweils die Erstgeborenen sind, wissen wir, wie sich das Leben mit einem jüngeren Geschwister anfühlen kann. 

Die Antwort
unserer Expertin.
Wäre unsere Tochter lieber Einzelkind geblieben?
Christiane Mathis — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

wie geht es Euch gerade? Das ist wirklich Einiges, was Euch das Leben gerade zumutet. Die Situation ist sehr komplex und hat viele Facetten. Um den Rahmen nicht zu sprengen, konzentriere ich mich hier auf die Aspekte, von denen ich meine, dass sie für Euch gerade besonders bedeutsam sein könnten.

Ein ganzes Spektrum an Herausforderungen

Zum einen scheint Eure Tochter belastet zu sein durch Überforderung, die ihr selbst vermutlich nicht vollständig bewusst ist. Es ist nicht einfach, einen kleinen Bruder zu haben, der durch seine Erkrankung häufig im Mittelpunkt steht und Elternfürsorge, Zeit und andere Ressourcen an sich bindet. Sie ist offenbar sehr verantwortungsbewusst und hilfsbereit, denkt weit voraus, versucht, sich durch Planung und Kontrolle Sicherheit zu schaffen, und möchte Euch als Eltern entlasten. Sie macht das Gleiche für Euch, wie Ihr für Eure Kinder. 

Lebensumstände wie die Euren (Verlust und Erkrankung) lassen Kinder manchmal schneller reifen und sich um andere Dinge Gedanken machen, als das bei Gleichaltrigen ohne diesen Kontext der Fall ist. Durch diese Umstände entstehen auch manchmal unerfüllte Bedürfnisse und Wünsche, wie beispielsweise nach Ruhe, Zeit, Fürsorge der Eltern, Normalität, Angstfreiheit, Leichtigkeit, Vorhersehbarkeit.

All das überschreitet bei Eurer Tochter bereits ihr halbes Leben lang täglich ihre Grenzen, und kann sie abwechselnd ganz schön wütend, verzweifelt, verletzlich, überkooperativ und vieles mehr werden lassen. Dann ist es möglich, dass sie sich für ihre Gedanken und Gefühle vielleicht schämt, schuldig fühlt oder sich in psychisch stabilisierende Fantasien flüchtet („Ein Leben ohne Bruder wäre ein Leben ohne Belastung“). Das ist ganz normal und nicht pathologisch. Wie gut, dass sie sich bei Euch so sicher und gehalten fühlt, dass sie sich traut, Euch davon zu erzählen. Normalerweise wünschen sich Kinder nicht wirklich, dass ihre Geschwister nicht mehr da wären. Und: Wie fühlt sich wohl Euer Sohn, dem das alles vermutlich ebenfalls bewusst ist?

Es gibt zusätzlich für Euch alle Tod, Trauer und Verlust zu bewältigen. Das dauert seine Zeit und ist nicht nach einer „Phase der Trauerarbeit“ vorbei. Mit Sanierung, Schlafmangel, Arbeitsbelastung und dem ganz normalen Familienalltag kommt immer mehr zu Bewältigendes auf Eure Schultern. Das bedeutet, dass auch Ihr als Eltern besonders herausgefordert seid. Auch Eure Grenzen werden täglich überschritten, und Ihr habt Gefühle, Ängste, Sorgen und manches mehr zu bewältigen. Währenddessen macht ihr euch verantwortungsbewusst und feinfühlig Gedanken darüber, wie ihr alles für eure Kinder noch besser machen könnt. Das geschieht in so liebevoller und warmherziger Absicht, dass ihr den fast unmenschlichen Leistungsdruck, unter den ihr euch dabei selbst setzt, vielleicht wenig bemerkt. Das berührt mich sehr. 

Ernstes kann auch leicht sein

Wenn Ihr mögt, gebe ich Euch einen kleinen Gedankenimpuls: Kinder wünschen sich nicht, dass Ihre Eltern sich bis zur Erschöpfung für sie verausgaben. Kinder wünschen sich auch nicht, ein Familienmitglied zu verlieren.  Stattdessen wünschen sich Kinder, dass sie mit ihren Eltern zusammen die Herausforderungen des Lebens kennenlernen dürfen, davon nicht ausgeschlossen oder über die Maßen geschont werden. Dass sie, ihrer Entwicklung entsprechend, Situationen mit den Erwachsenen zusammen erkunden und verstehen dürfen, nach Gestaltungsmöglichkeiten und Lösungen suchen können (Kinder haben oft wundervolle Ideen und Vorschläge, wenn man sie mit einbezieht), und dass Ihr als Familie dabei fest zusammenwachst. Vor allem wünschen sich Kinder, dass sich alle lieb haben, dass Schwächen erlaubt sind, dass man Unperfektes genießen kann und dass man bei all dem möglichst viel Spaß hat und gemeinsam Quatsch macht. Ernstes kann auch leicht sein.

Wenn Ihr mögt, könnt ihr in Eurer besonderen Situation gemeinsam verschiedene Dinge entwickeln. Zum Beispiel, wie man Krankheit aus dem Mittelpunkt entlässt, aber nicht aus der Fürsorge. Wie man negative Erlebnisse zur Entwicklung von Mitgefühl und Ausdauer nutzt, um weicher und resilienter anstatt härter zu werden. Wie man spürt und beobachtet, was stärkt und was schwächt. Wie man durch unschöne Gefühle wachsen kann. Wie man seinen Gedanken auf die Schliche kommt. Wie man sich in herausfordernden Rahmenbedingungen selbst kennenlernt und das geduldig zur eigenen Entwicklung nutzt. Wie man liebevoll zu sich selbst ist, anstatt sich immer weiter unter Leistungsdruck zu setzen. Wie man das Leben genießt, auch wenn man es nicht in der Hand hat. Wie man balanciert und aushält, wenn Dinge nicht so leicht zu bewältigen sind. Wie man geduldig mit sich selbst ist. Dass „gut“ meist gut genug ist. Und dass man große Sachen innerlich auch mal kleinmachen und irgendwo zwischenparken darf, um tief Luft zu holen und sich einen Moment der Ruhe und Erholung zu gönnen.

Euer individueller Weg

Nehmt Erkrankung und Therapie ruhig etwas Raum, in dem ihr als Familie mit der Krankheit lebt, aber nicht für sie. Krankheit lässt sich nicht immer im Griff haben. Entscheidet immer wieder neu, was gerade jetzt Eurer Aufmerksamkeit oder Aktivität bedarf und was warten kann. Nehmt, wenn ihr mögt, Euch selbst wieder mehr in Eurer Bedeutsamkeit als Mensch und Individuum wahr. Ihr dürft Euch, Eure Bedürfnisse und Wünsche zu jeder Zeit wertschätzen und wichtig nehmen.

Wenn Ihr könnt, atmet durch und lasst ein wenig locker. Ihr erlebt besondere Rahmenbedingungen für Euer Familienleben. Ihr tragt schon genug. Ihr tragt mehr als andere. Ihr dürft erschöpft sein. Manches lässt sich gerade nicht besser machen. Eure Uhren ticken anders als die des Durchschnitts. Und: Ihr müsst nicht auf zukünftiges Glück oder bessere Umstände warten, um Genuss und Wohlsein einen großen Platz in Eurer Familie einzuräumen.

Ihr seid Experten. Für Eure Familie, Eure Kinder, für die Erkrankung Eures Sohnes, Euer Leben, Eure Umstände und für Euch selbst. Niemand kann so gut Eure Situation durchfühlen und einschätzen wie ihr. Und niemand kann Euren Weg für Euch gehen. Ihr dürft Euch Eure Art, unter diesen besonderen, verletzlichen Umständen Euer Familienleben nach Eurem Gutdünken zu gestalten und nach dem, was für Euch im Alltag funktioniert, erlauben. Es ist nicht wichtig, was andere Menschen denken und sagen, solange Ihr sie nicht darum gebeten habt. Entscheidet ganz behutsam, wer Zugang zu Eurem privaten Raum erhält. So könnt ihr neue Kräfte schöpfen. 

Aus meiner Sicht dürft Ihr Euch erlauben, Euch selbst zu vertrauen und Eurem Herzen zu folgen. Vertraut Eurer Wahrnehmung und Eurer Weisheit. Es gibt kein Richtig und Falsch. Nur Euren Weg, der sich vor Euch entfaltet, während Ihr ihn geht. 

Von Herzen,

Eure Christiane Mathis