Ehrlich gestellt.
Mein Sohn ist 4. Aktuell kann er einfach nicht genug neues Spielzeug bekommen und fragt uns fast täglich, wann wir mal wieder endlich ein neues Spielzeug kaufen können.
Der Dezember war wegen der Weihnachtszeit voll von kleinen und großen Geschenken: Adventskalender (Playmobil), Nikolaus und Weihnachten. Dazwischen gab’s hier und da auch nochmal Kleinigkeiten z.B. von Bekannten, weil es sich so ergeben hat.
Seitdem Weihnachten vorbei ist, bekommt unser Sohn nicht genug und fragt täglich nach neuem Spielzeug und ist dabei auch sehr fordernd. Manchmal hab ich auch schon den Gedanken, dass ich sein Verhalten undankbar finde, weil ich nur selten das Gefühl habe, dass er seine neuen Sachen wertschätzt. Direkt an Heiligabend hat er sogar beim Einschlafen geweint, weil er nicht alles bekommen hat, was er sich gewünscht hat und hat sich in meinen Augen nur sehr kurz über die Sachen gefreut, die er bekommen hat. Vermutlich war es die Müdigkeit, die da aus ihm sprach, und doch war er zum Teil enttäuscht. Mir fällt es aktuell sehr schwer Empathie zu diesem Thema für ihn aufzubringen, weil es irgendwie auch frustrierend ist Sachen zu schenken, von denen man denkt, dass sie unserem Kind Freude bereiten und dann kann es am Ende einfach nicht genug sein. Es kommt mir schon wie eine Art Kaufsucht vor, die ja auch immer nur kurz Glücksgefühle auslöst…
Ich vermute, dass er schon zu viele Spielsachen hat, wobei ich auch denke, dass wir ihn nicht überschütten.
Ich frage mich, ob in dem Alter das Einführen von Taschengeld schon sinnvoll sein kann, damit er den Wert eines Spielzeugs kennenlernt. Wieviel und in welchem Abstand wäre da aber angemessen?
Wir versuchen ihm immer wieder zu erklären, warum es nicht gut für ihn ist, ständig Spielzeug zu bekommen. Dies dringt gefühlt gar nicht zu ihm durch. Man muss sagen, dass er wirklich schlau ist und schon vieles verstehen kann.
Ich vermute, seine Sprache der Liebe ist Geschenke machen. Er liebt es, uns immer wieder etwas zu verpacken und uns das zu schenken.
Ich sage ihm oft, dass ich ihn lieb habe/ liebe, auch wenn er nicht ständig was geschenkt bekommt.
Wie gehen wir also am besten damit um?
Aktuell meide ich es, mit ihm einkaufen zu gehen, um dem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Immer wieder einfach nur Nein sagen und den Frust unseres Kindes begleiten? Was kann man einem 4-Jährigem sagen, damit er es besser versteht? Wieviel ist überhaupt zu viel, wie oft sind kleine Geschenke auch außerhalb von Ostern, Geburtstag und Weihnachten in Ordnung?
Fragen über Fragen von sehr genervten und überforderten Eltern zu diesem Thema.
Ich würde mich sehr über eine professionelle Meinung freuen.
unserer Expertin.
Ihr lieben genervten Eltern, seid gewiss, Ihr seid damit nicht allein.
Erstmal bedanke ich mich für deine detaillierten Fragen und Reflexionen rund um das Schenken. Denn besonders nach den vielen Gelegenheiten in der Adventszeit und zu den Weihnachtsfeierlichkeiten fragen sich bestimmt viele Eltern, wie sie die Wünsche nach MEHR nun wieder einfangen können.
Besonders bei Kindern im Alter eures Sohnes, etwa zwischen 3,5 – 6 Jahren, wird Ähnliches erlebt. In diesen sogenannten „magischen Jahren“ entwickelt sich die Fantasie und Kreativität des Kindes, es sprüht vor Ideen und Wünschen, die Vorstellungskraft kennt fast keine Grenzen. Gleichzeitig hat es noch keine wirkliche Vorstellung davon, welche Kosten und Anstrengungen der Erwachsenen mit dem Kauf von Geschenken verbunden sind.
Die eigene Haltung herausfinden
So eingetaucht in die magische Welt und die vielen Rollenspiele, die den Alltag des Kindes füllen, ist es dennoch eine lohnende Überlegung, wie viele Dinge neu gekauft werden müssen. Die temperamentvolle, ungestüme Art, mit der euer Sohn seine Wünsche einfordert, verlangt euch einiges ab. Er zwingt dich oder euch als Eltern, herauszufinden, welche Werte ihr vorleben wollt. Denn ihr müsst herausfinden, welches Maß für euch ausgewogen ist. Wieviel ihr ausgeben könnt oder wollt, und welche Regeln und Grenzen ihr setzten wollt. Ist euch Nachhaltigkeit wichtig, findet ihr vielleicht Gefallen an den Hofflohmärkten oder Second Hand Basaren etc., an denen sich euer Sohn im Handeln üben kann. Das eigene Konsumverhalten kommt dabei in den Blick – was wollen wir unserem Kind vorleben? Auch wenn wir es uns leisten könnten, wo setzen wir als Eltern die Grenzen und stehen dazu, in freundlicher Beharrlichkeit die Fragen nach weiteren Geschenken und Einkäufen mit „heute nicht“ zu beantworten.
Besonders zu den Geburtstagen und Weihnachtsbräuchen wollen die Erwachsenen so gerne schenken und dadurch ihre Gefühle oder Liebe deutlich machen. Und oft überfordert das die Kinder so sehr, dass die Fülle in ein Fordern mündet, wie du es oben beschrieben hast. Da hast du dich so mit den Wünschen deines Kindes beschäftigt, dich angestrengt, es besonders schön zu machen und dir vorgestellt, wie die Augen glänzen und das Kind glücklich einschlafen wird. Und dann erlebst du, wie er nicht genug bekommen kann, und das Viele nicht ausreicht.
Mit 4 Jahren darf das noch so sein, das Belohnungszentrum will mehr und mehr und mehr. Jedoch möchte ich dich beruhigen, nur wenn ein Kind über einen langen Zeitraum immer wieder statt Aufmerksamkeit, Anteilnahme und echtem Interesse immer nur Geschenke bekommt, wird es glauben, dass beschenkt werden geliebt werden bedeutet.
Beidseitiger Frust
Mit der Erfahrung der Enttäuschung braucht er dich, um sich zu regulieren, „Ja du bist traurig oder frustriert, denn du wolltest auch das und jenes noch haben. Ich versteh dich, das wäre toll gewesen.“ Die Kunst der Begleitung liegt darin, in diesem Moment der Überforderung bei dem Gefühl des Kindes zu bleiben und dies anzuerkennen. Also weder Einsicht oder Absolution vom Kind einzufordern, dass Geschenke auch zu viel sein können, keine Erklärung warum etwas nicht geschenkt wurde, kein Apell, dass es nicht alles haben kann und doch zufrieden sein soll mit dem, was es bekommen hat, etc.
Der Frust deines Sohnes hat in dir ähnliche Gefühle ausgelöst, wie bei ihm. Du bist verärgert oder irritiert, verlierst deine Empathie, weil all die Anstrengungen nicht gereicht haben, du für ihn nicht genug warst, um dafür mit Zufriedenheit belohnt zu werden. Ja, daran wachsen auch wir Eltern. Wir können und sollen nicht alle Wünsche erfüllen, so ist die Welt nicht, in die wir unsere Kinder hineinbegleiten. Wir müssen aushalten lernen, ihren Frust und ihre starken Gefühle begleiten lernen und können die Anerkennung für unsere Mühen nicht vom Kind erwarten. Im besten Fall kommt das später als Wertschätzung zurück. Nämlich dann, wenn du erkennen wirst, welche Persönlichkeit sich entwickeln konnte, durch deine Werte, deine klaren und liebevollen Grenzen, deine Haltung zu wichtigen Themen, deine Führung und Anteilnahme.
Du vermutest, seine Sprache der Liebe ist Geschenke machen. Du schreibst: „Er liebt es, uns immer wieder etwas zu verpacken und uns das zu schenken.“ Was für ein gutes Beispiel, um den Faden aufzunehmen. Er ist im Rollenspiel, liebt es zu schenken, er ahmt die schönen Erfahrungen nach. Darüber kannst du dich freuen, es ist jedoch keine Aufforderung den Wunsch nach immer mehr Geschenken umsetzen zu müssen. Echte Bedürfnisse müssen befriedigt werden – Wünsche können, müssen aber nicht. Der Frust wird vergehen, muss nicht bewertet werden. Spiel einfach noch eine Weile Geschenke verpacken mit, es muss ja nicht immer Neues sein. Eine Umarmung kann ein Geschenk sein, eine lustige Geschichte kann ein Geschenk sein, seid kreativ, gemeinsam mit eurem Kind. Und zieht euch nicht vor ihm zurück, denn wenn ihr ihm eure Liebe über die Freude am Zusammensein, am Interesse aneinander und Spaß miteinander zeigt, wird euer Sohn spüren, dass eure Liebe ihn trägt.
Es ist eine gute Idee, für eine Weile nicht mit ihm einkaufen zu gehen. Nach den vielen Einflüssen auf Weihnachtsmärkten und Festen schafft das Erleichterung. Du reduzierst damit den Stress und das ist eine gute Sache. Bald wird ein anderes Thema für ihn wichtig werden, und du wirst sehen, wie sich alles wieder einpendeln wird. Vielleicht entwickelt sich durch diese Erfahrung eine neue Idee im Umgang mit Geschenken innerhalb der Familie, manche begrenzen die Geschenkeflut durch „wichteln“, oder ähnliche Strategien.
Beschenken ist keine Pflichtübung und an manchen Geschenken hängen unsichtbare Erwartungen oder Bedingungen. Auch das wird euer Sohn mit der Zeit entdecken und mit eurer Unterstützung bewältigen lernen. Ich wünsche euch das Hineinwachsen in eine stimmige Balance, das Immer-vertrauter-werden miteinander, bei dem ihr euch viel schenken werdet, was mit Geld nicht aufzuwiegen ist. Habt einen guten Start in das Neue Jahr!
Mit herzlichen Grüßen
Astrid Draxler
Hier noch ein paar Infos zum Thema Taschengeld:
Ja, Taschengeld ist ein Baustein, mit dem Kinder lernen können, mit Geld umzugehen und dessen Wert zu verstehen. Einen Link zu der Taschengeldtabelle des Deutschen Jugendinstituts, DJI, findest du im hier. Die meisten Eltern starten ab ca. 6 Jahren mit einem wöchentlichen Betrag zwischen 2-3 €, unter 6 Jahren ca. 50 ct.- 2 €. Falls dein Sohn bereits Geld geschenkt bekommen hat, gab es vielleicht schon die Gelegenheit, manche Wünsche über das Angesparte (mit Sammelbüchse/Sparschwein etc.) zu erfüllen. Wichtig dabei ist, die Rahmenbedingungen rund um das Taschengeld gut zu überlegen und zu besprechen. Es gibt einige No-Goes für Eltern und Kinder, und da hilft die Einschätzung z.B. des DJI, um sicher zu werden, ab wann ihr das eurem Sohn anbieten wollt.