Ehrlich gestellt.
Liebes Familylab-Team,
wir haben drei Kinder. Zwei Jungs (8 und 6 Jahre) und eine dreijährige Tochter. Unser Alltag ist seit Jahren geprägt von einer angespannten und stressigen Atmosphäre. Mein Partner und ich sind uns in vielen Verhaltensweisen sehr ähnlich und wir sind beide Menschen, denen es schwer fällt, trotz der Herausforderungen, in etwas mehr Gelassenheit und Entspannung zu finden, was uns zusätzlich zu den grundsätzlichen Belastungen des Alltags viel Energie raubt.
Ich habe mich vor ca. drei Jahren auf den Weg gemacht, um Lösungen dafür zu finden und als ich auf die Bücher von Jesper Juul gestoßen bin, habe ich sofort gemerkt, dass die Sichtweisen und die Haltung der Bücher mich sehr ansprechen. Ich habe dann angefangen mich intensiv mit vielen, vor allem auch mit eigenen biografischen, Themen auseinanderzusetzen. Ich habe mittlerweile sehr viel Wissen angeeignet, aber ich komme immer wieder an den gleichen Punkt, an dem ich in Muster und Verhaltensweisen rutsche, die mir, den Kindern und uns als Familie nicht gut tun.
Wir haben schon seit Jahren Probleme mit einer liebevollen Führung der Kinder und es passierte in den letzten Jahren häufiger, dass wir, natürlich auch aufgrund der mangelnden Kapazitäten, die Geduld verloren haben und in destruktive Konflikte vor allem auch mit den beiden Jungs geraten sind. Mir fällt es unglaublich schwer, in einem klaren, liebevollen und konstruktiven Ton meine Grenzen zu setzen. Ich versuche die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zu entschlüsseln, ihnen gerecht zu werden oder sie zumindest zu sehen, aber vor allem unsere Jungs sind mittlerweile an einem Punkt, dass sie bei einem „Nein“ von meiner Seite in eine starke Konfrontation gehen. Sie laufen weg, lachen, reißen mir Sachen aus der Hand und beschimpfen mich, seitdem sie in der Schule sind mit diversen Schimpfwörtern, die sie aufgeschnappt haben.
Ich kann mittlerweile ganz gut meine Gedanken in diesen Situationen beobachten, aber ich bin oft nicht in der Lage, mich davon zu distanzieren.
Ich spüre Gefühle von Hilflosigkeit, dass ich die Kontrolle verliere und als Mutter in puncto Führung und Orientierung total versagt habe. Die Kinder übernehmen dann die Führung, was natürlich keinem in der Familie gut tut. Ich explodiere dann förmlich, bin kaum in der Lage, mich noch zu steuern, schreie, werfe Sachen und packe die Kinder feste am Arm. Danach falle ich in ein Loch aus Scham und Schuldgefühlen und auch die Strategie mit dem Selbstmitgefühl bringt dann nur noch wenig Linderung. Ich bin total hilflos und verzweifelt. Ich weiß auch, dass bei mir in diesen Situationen Themen aus meiner Kindheit berührt werden und bin da auf dem Weg.
Eine weitere Herausforderung und wahrscheinlich ein Spiegel der Gesamtsituation sind die Konflikte zwischen unseren Jungs.
Es gab schon von klein auf immer wieder Konflikte zwischen den Jungs, die uns stark an unsere Grenzen gebracht haben. Im Rückblick, mit dem Wissen von heute, haben wir sicherlich auch mit unseren Strategien zur Konfliktlösung häufig die Konflikte eher befeuert, als sie gleichwürdig und ohne Verurteilung zu lösen. So haben wir sicherlich dem Älteren häufig das Gefühl gegeben, dass er für die Konflikte verantwortlich ist und seinen jüngeren Bruder in Schutz genommen. Heute eskalieren fast täglich die Auseinandersetzungen zwischen den beiden. Der ältere beleidigt den jüngeren heftigst. Dieser wird dann mittlerweile sehr aggressiv und geht auf ihn los oder wirft Dinge nach ihm. Ich merke, dass sein Selbstwertgefühl durch die Abwertungen des großen Bruders sehr leidet und ich habe das Bedürfnis, ihn davor zu schützen, aber komme in diesen Situationen nicht weiter, weil der Große auf unsere Aufforderungen, dies sein zu lassen, nicht reagiert und ihn dann erst recht weiter beleidigt.
Ich bin sehr verzweifelt und fühle mich, als stünde ich vor einem riesigen Berg an Herausforderungen, dem ich mich nicht mehr gewachsen fühle.
Ich würde mich freuen eure Gedanken dazu zu hören. Vielen Dank!
unserer Expertin.
Liebe Mutter,
ich freue mich sehr, dass du auf deinem Weg auf Jesper Juul aufmerksam wurdest. Seine Haltung zu Familienthemen hat dich erreicht und begleitet dich nun schon seit Jahren. Auch ich bin dankbar für die Begegnungen mit ihm und den Werten wie zum Beispiel der Gleichwürdigkeit, die mich als Fachfrau und Mutter durch tiefe Prozesse getragen haben. Ich werde eine Situation im Training nie vergessen. Von einem Teilnehmer gefragt nach der Möglichkeit mit immer wieder aufbrandenden Konflikten besser umgehen zu können, sagte er in einem ganz nüchternen Ton: „Konflikt ist!“ und so stand es dann den ganzen Tag auf dem Flip Chart.
Konflikt ist.
Vielleicht hilft es auch dir, öfter durch diese Türe zu gehen, die dich in den Raum der Akzeptanz und Annahme führt. „Konflikt ist.“ hat mir gezeigt, und das klingt jetzt so einfach daher gesagt, dass Auseinandersetzungen in unser Leben gehören. „Konflikt ist“ lädt ein, der inneren Stimme, der eigenen Grenze einen Ausdruck zu geben, denn da wo Menschen aufeinandertreffen, gibt es unterschiedliche Meinungen, herrschen andere Sichtweisen. Das macht das Zusammenleben bunt, und wenn einem die aufgeheizte Stimmung unter den Kindern zu bunt wird und es kommt zu diesem Ton, der in uns auslöst: „Jetzt passiert gleich was“, ist es sicher gut, sichtbar zu werden und mit einer persönlichen Meldung den Konflikt anzuhalten: „Es ist gerade sehr heftig für mich, wer braucht was von mir?“
Ja, solche Sätze hören sich gut an, und hast du wahrscheinlich schon x-mal gelesen. Wie kannst du eigene Sätze oder Beschreibungen finden, für das, was du in diesen Momenten fühlst? „Dieses Hänseln und Auslachen erlebe ich ……, kannst du mir sagen, was dich stört?“, wäre eine Frage, die einlädt, ins Gespräch zu kommen. Es ist mühsam und dennoch wertvoll, wenn wir Erwachsenen versuchen, das jeweilige Bedürfnis dahinter zu entdecken; nicht nur bei dem Anderen, sondern auch bei uns selbst, damit es dann zur Bereicherung der Beziehung werden kann. Denn es geht ja darum, sich immer besser verstehen zu lernen.
Oder du könntest das Verhalten der Kinder als Einladung ansehen, in Kontakt zu kommen und es mit Humor nehmen. Vielleicht entsteht daraus ein gemeinsames Erfinden neuer, kreativer Ausdrücke, über die alle dann auch wieder lachen können?
Wie ich aus deiner Beschreibung herauslese, strengst du dich sehr ernsthaft an, den großen Familienhaushalt mit 3 Kindern verantwortlich zu führen. Du arbeitest an dir selbst, an der eigenen Geschichte und als Paar miteinander, und sehnst dich nach Gelassenheit und Entspannung. Im Konflikt hilft es erstmal den eigenen Zustand und Ressourcen wahrzunehmen, zum Beispiel sind es Faktoren wie unser momentanes Befinden, die Stimmung, die Überlastung, die Wunschvorstellung, die Erwartungen an sich oder an die anderen, die einen Konflikt eskalieren oder befrieden können.
Manche Zusammenhänge eurer Konflikte sind dir in den letzten Jahren sehr bewusst geworden. Im Zuge der Erkenntnis fällt einem oft noch deutlicher auf, wann wir es verpasst haben, den Sicherungsknopf in uns zu bedienen. Wenn es so weit kommt, dass, wie du schreibst, immer wieder im gleichen Muster, an gleichen Punkten aggressive Verhaltensweisen den Konflikt anschüren, hast du dich weit aus deinem eigenen Schutzraum herausbewegt oder dich von den Emotionen der Anderen anstecken lassen. Dann übernimmt die Hilflosigkeit das Ruder. Wenn du in dem Moment sagen kannst: „Stopp mal, ich brauche eine Pause um mich zu sammeln, um dann den Kindern eine passende Antwort geben zu können“, hast du einen neuen Entwicklungsschritt geschafft. So behältst du das Steuer in der Hand, und das Kind bekommt eine stärkende Information von dir, wie es auch für sich mit solchen Situationen umgehen kann.
Konflikte als Spiegel der kindlichen Lebenswelt
Gerade bei den Söhnen erlebst du diese Hilflosigkeit und machst dir Vorwürfe, in puncto Führung und Orientierung zu versagen. Wenn du dir überlegst, welche „Frage“ deine Kinder an dich stellen, wenn sie weglaufen, Sachen aus der Hand reißen, beschimpfen, etc. steigst du vielleicht nicht so intensiv mit in den Konflikt ein. Such das Gespräch mit deinem Mann in solchen erstmal „unfassbaren“ Situationen. Vielleicht hat er ähnliches auch schon bemerkt, denn oft tragen die Kinder aus dem Alltagserleben in Schule und Vereinen neues Verhalten nach Hause. Die Kinder präsentieren euch das, was sie selbst mit ihren Peers oder Lehrer*innen als schwierig oder beschämend erleben und wollen von euch hören – oder besser – erleben, wie sie auf diese Herausforderungen reagieren können. Da hilft grob werden und schreien als Muster nicht gut.
Was also würde unseren Kindern in solchen Situationen auf dem Pausenhof helfen? Diese Frage kann es uns erleichtern, zu verstehen, welche Lektionen unsere Kinder in ihren Konflikten eigentlich gerade (unbewusst) lernen möchten. Aber oft haben wir selbst keine guten Erfahrungen gemacht und fühlen uns hilflos. Unter Druck kommen wir, wenn wir passende Lösungen präsentieren wollen oder besseres Verhalten einfordern. Hier ist oftmals ein Perspektivenwechsel hilfreich. Wie wäre es einmal in einem ruhigen Moment zu erzählen, wie ihr Schule und Pausenhof-Situationen erlebt habt? Werdet sichtbar durch das Teilen eigener Erinnerungen. Was schwierig war und was euch wichtig war, hören die meisten Kinder gern. Mitzubekommen, dass die Eltern etwas mit ihnen teilen wollen, ohne manipulativem Unterton, kann die Stimmung und die Beziehung verändern. Natürlich dem Alter gemäß erstmal in kleineren Dosen. Wenn dies den Kindern gefällt und sie mehr hören wollen, kann ja noch weitererzählt werden.
Für den Moment, in dem sich die Kinder euch gegenüber so herausfordernd verhalten, wäre gut zu erinnern, wie das Nein, das dann starke Konfrontationen auslöste, ausgedrückt wurde. Wenn du Nein sagst, ist das dann ein Ja zu deiner Grenze oder ein Erziehungsversuch? War es eine gleichwürdige Formulierung deiner Grenze? Da du ja intensiv an deinen Themen der Kindheit arbeitest, sind das sehr fruchtbare und gleichzeitig sehr anstrengende Prozesse.
Konflikte sind Training
Lösungswege im Konflikt miteinander erproben die Kinder ja schon eine Weile. Ihre Konflikte sind nicht nur Spiegel der Gesamtsituation, sondern auch wichtige Lernschritte auf dem Weg der Persönlichkeitsentwicklung. In diesem Alter 6 + 8 Jahre können sie sich schon ab und zu in die andere Person oder Situation einfühlen, ihre Fähigkeit zu Empathie wächst. Eine passende Reaktion auf Angriffe gelingt noch nicht so oft. Wie gut, dass sie sich haben, besonders der engere Altersunterschied bei den Jungs fordert sie heraus, zu entdecken, wer sie sind. Was gelingt dem einen besser als dem anderen, wer bin ich – wer bist du, fragen sich hier auch die Kinder. Und sie wissen schon genau, wie sie den anderen herauslocken können, um die nächsten Lektionen zu lernen. Das ist der Gewinn, Geschwister zu haben.
Bei Streit unter Kindern sind die Eltern gefragt, den Blick auf die echten Bedürfnisse eines jeden zu richten. Hier geht es nicht darum, dass beiden Gleiches erlaubt wird. Die Kinder profitieren davon, sich von den Eltern als Individuum gesehen zu fühlen und individuelle Angebote zu bekommen.
Durch das Beleidigen seines Bruders bekommt Ihr Ältester sehr viel Aufmerksamkeit von euch, und er nimmt dabei das Negative in Kauf. Er ruft damit regelrecht danach, genauer hinzuschauen. Was braucht er, um das lassen zu können und was überseht ihr? Wenn wir so sauer auf ein Kind sind, schieben wir es innerlich von uns weg, signalisieren „so will ich dich nicht“. Wahrscheinlich ermahnt ihr ihn oft und er schämt sich, denn er weiß ja längst, dass das nicht richtig ist, er kommt da nur alleine nicht raus.
Ein Ausweg aus der Spirale kann sein, einmal weg von dem Ärger, mit freiem Blick auf den Sohn zu schauen und zu überlegen, was er gerade alles meistert, wo er sich besonders anstrengen muss, was ihm schon gut gelingt, was ihm schwerfällt. Was ist in der Schule los? Wo erlebt er sich wertlos? Wo kommen ihm sein Bruder oder seine Schwester zu nahe? Welche Rolle übernimmt er in der Familie?
Und wenn du aus diesen Betrachtungen gemeinsam mit deinem Mann einen umfassenderen Eindruck gefunden hast, sag ihm was du an ihm schätzt, was dir aufgefallen ist und du neu sehen kannst, etc. und damit verbunden auch, was du zuhause nicht erlaubst, nämlich emotionale und körperliche Gewalt. Du könnten ihm sagen, dass auch du dich oftmals schlecht fühlst, weil du laut und grob geworden bist, und dass du ernsthaft an dir arbeitest, um das zu verändern. Vielleicht kannst du ihm schon ein Beispiel nennen, was sich bereits verändert hat? Lade ihn ein, dabei aufmerksam zu sein und erlaubt euch, euch gegenseitig zu erinnern, wenn etwas zu gewaltvoll wird.
Manchmal ist die Verzweiflung so übermächtig und die Selbstvorwürfe groß. Dann liegt da, wie du schreibst, tatsächlich ein scheinbar unüberwindbarer Berg vor uns.
Jeder Tag zählt, schenke dir Anerkennung für deine wertvolle Reflexion deiner Gefühle. Ich wünsche dir und deiner Familie neben den Konflikten, die weiter zu bewältigen sein werden, auch viel Leichtigkeit auf eurem gemeinsamen Weg. Und behalte gern in Gedanken: „Konflikt ist.“ – Nicht als Folge von Fehlern, sondern als notwendiger Bestandteil der großen Nähe, die wir innerhalb einer Familie miteinander teilen.
Herzlich
Astrid Draxler