Ehrlich gestellt.
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Wir fühlen uns zurzeit in unserer Rolle als Eltern gar nicht wohl, weil wir einfach nicht mehr wissen, wie wir handeln können.
Unser Sohn wird im Oktober 4, er ist wirklich zuckersüß, wissbegierig, neugierig und schon sehr weit für sein Alter, aber seit ein paar Wochen begleiten uns tägliche Wutanfälle, meistens sogar mehrere am Tag. Wir kennen Wutanfälle schon, aber seit ein paar Wochen sind sie so richtig heftig. Von einer zur anderen Sekunde wird er sooooo unglaublich wütend und dann lässt er es sehr oft an uns (besonders mir) aus. Dann schlägt und boxt er uns und so richtig um sich, oftmals ganz gezielt ins Gesicht (erst heute hat er genau auf meine Nase gezielt), er tritt, beißt und spuckt und er schreit – so unfassbar laut. An Beruhigen ist dann lange nicht zu denken, er flippt so schlimm aus, dass es uns Angst macht.
Oft sagt er auch, „dann trete ich Mama gleich wieder“ oder „dann mache ich das eben kaputt“, wenn wir ein wenig Ruhe reingekommen ist, fast so, als würde er wieder etwas provozieren wollen.
Ich weiß einfach nicht, wie wir damit weiter umgehen sollen.
In diesen Momenten immer ruhig zu begleiten, ist wirklich nicht einfach, weil man so gar nicht an ihn rankommt. Und ja, ich gebe ganz ehrlich zu, auch hier wird es dann mal lauter, weil wir nicht mehr können. Dass das totaler Quatsch ist, merken wir dann natürlich, aber manchmal überkommt es auch uns und dann wird man lauter oder es kommen Konsequenzen, die wir eh niemals einhalten könnten bzw. wollen… aber auch wir lernen immer noch dazu und wollen, dass es besser wird.
Wir, als Eltern, haben schon unglaublich viel gelesen und versuchen ganz viel Geduld aufzubringen, versuchen zu reden, zu verstehen, mit „Ich-Botschaften“ zu kommunizieren und immer auf Augenhöhe zu bleiben und herauszufinden, wieso gerade jetzt diese Wut in ihm aufkocht. Oft sind es natürlich Gründe, bei denen wir wissen, dass es unschön werden kann, weil der TV nach einer Folge ausgeht (so wie angekündigt, aber er es sich anders vorgestellt hat) oder es kein neues Kuscheltier oder Spielzeug beim Einkaufen gibt usw., aber manchmal sind es auch Situationen, da weiß niemand, was los ist.
Das Problem ist dann oft auch, dass er uns gar nicht sagt, was los ist (obwohl er für sein Alter wirklich schon sehr gut kommunizieren kann), sondern er einfach haut oder ähnliches. Es macht unseren Alltag zurzeit zum Teil unangenehm.
Manchmal ist dann von jetzt auf gleich seine Wut vorbei und er „tut“, als sei gerade gar nichts passiert, lenkt komplett ab und will uns dann etwas zeigen, was er gerade gesehen hat.
Ein Beispiel von heute: Wir sind gerade im Urlaub und waren auf einer Alm unterwegs mit Spielplatz und Co. Wir haben gespielt, er durfte „100x“ rutschen und dann haben wir über ein Mittagessen gesprochen. Er wollte auch unbedingt etwas essen und meinte dann selbst, dass er noch 1x rutschen will und dann gehen wir etwas essen. Haben ihm auch versichert, dass er nach dem Mittag wieder spielen kann.
Nach 1x rutschen ging es dann los, er wurde so extrem wütend und hat gehauen, gebissen und war nicht mehr zu beruhigen. Wie reagieren wir in diesen Situationen richtig? Ich versuche mich dann, ehrlicherweise, zu schützen und halte ihn auch mal fest (natürlich nur so, dass es ihm nicht wehtut), aber ich gebe zu, ich hab auch etwas Angst, dass er wieder so schlägt. Wenn man ihn dann festhält, spuckt er ganz oft. Wir sind einfach ratlos.
Die letzten Tage waren auch ähnlich, sodass wir heute kurz davor waren, den Urlaub abzubrechen, denn mit Erholung hat es nichts zu tun. Die letzten Wochen waren hart, man schaut immer, dass er ja keinen so heftigen Wutausbruch bekommt, überlegt, was einen solchen auslösen könnte, was könnte man wie umgehen – immer ist man auf so einer „Hab-Acht-Stellung“, das kann doch nicht „normal“ sein, oder?
Wir haben ja auch unsere Wünsche und Bedürfnisse und klar, die schraubt man auch gern für das Kind zurück. Aber so?
Vielleicht bekomme ich einen Rat, einen Hinweis für unsere derzeitige Situation.
Über eine Antwort wäre ich so dankbar!
unserer Expertin.
Liebe Fragestellerin,
vielen Dank für deine Nachricht. Ich habe den Eindruck, dass ihr sehr liebevolle und engagierte Eltern seid, die mit ganz viel Wertschätzung auf ihr Kind blicken. Und gleichzeitig kann ich den großen Leidensdruck spüren, mit dem du dein Anliegen formulierst und wie sehr euch die Gefühlsausbrüche eures Sohnes belasten. Deshalb freue ich mich sehr, dir einige Gedanken und Impulse mitzugeben.
Wut gehört dazu
Zunächst möchte ich kurz darauf eingehen, dass solche Gefühlsstürme ein ganz normaler Teil der kindlichen Entwicklung sind. Der Grund dafür ist ein überreiztes Nervensystem. Weil ihr Gehirn noch mitten im Lernen und Wachsen ist, werden gerade sehr junge Kinder von ihren Emotionen oft regelrecht überrollt; für uns Eltern manchmal scheinbar aus dem Nichts und ohne ersichtlichen Grund. So oder so ähnlich erlebt ihr das auch bei eurem Sohn. Obwohl er schon weit entwickelt ist, ist er noch sehr klein und altersgemäß noch nicht in der Lage, anders zu reagieren. Deshalb braucht er im Umgang mit starken Gefühlen eure Hilfe. Wir haben dabei oft die Idee, wenn wir nur ruhig, geduldig, verständnisvoll genug bleiben und alles besprechen und erklären, können wir einen Wutausbruch verhindern. Aber das ist nicht das Ziel und nicht unsere Aufgabe.
Wenn die Stimmung kippt
Wut ist ein wichtiger Wegweiser in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie macht darauf aufmerksam, dass etwas gerade nicht passt, Bedürfnisse nicht erfüllt sind oder Grenzen überschritten. Die Frage, die sich stellt, ist also nicht, wie ihr die Wut loswerdet oder Gefühlsausbrüche verhindert, sondern wie ihr da bleibt. Gar nicht so sehr mit vielen Worten oder Erklärungen, denn das kann oft überfordern, sondern selbst reguliert, mit innerer Klarheit und dem Ziel, bewusst miteinander durch den Gefühlssturm zu gehen. Damit meine ich nicht, dass ihr alle Verhaltensweisen dem Schicksal ergeben aushalten und über euch ergehen lassen müsst, sondern, dass ihr, wie Leuchttürme, im Gefühlssturm Orientierung und Halt bietet.
Wie kann das gelingen? Auch wenn wir wissen, dass Wut sein darf und warum, sind Gefühlsausbrüche unserer Kinder oft wahnsinnig anstrengend und fordern uns immer wieder aufs Neue gewaltig heraus. Nur allzu verständlich, wenn wir uns in so einer „Hab-Acht-Haltung“, wie du sie beschreibst, wiederfinden und uns einfach nur wünschen, den nächsten Wutanfall irgend möglich vermeiden zu können. Dazu kommt häufig die Unsicherheit bei uns Eltern, wie wir jetzt eigentlich mit einem so wütenden Kind umgehen sollen. An dieser Stelle empfinde ich es als hilfreich, sich zunächst wirklich nochmal bewusst zu machen, dass Gefühlsausbrüche normal sind, dass sie vorübergehen und keine Gefahr darstellen – auch wenn sie manchmal ganz schön bedrohlich wirken.
Dann ist es wichtig, Gefühl und Verhalten unseres Kindes zu trennen: „Das Gefühl darf ich annehmen, das Verhalten darf ich begrenzen.“ Denn unsere Kinder brauchen einerseits Freiraum, sich mit all ihren Gefühlen entwickeln zu dürfen und andererseits Orientierung, Sicherheit und Halt bezüglich des Rahmens, in dem sie sich dabei bewegen dürfen. Diese bekommen sie durch eine freundliche, entschlossene Haltung von uns Eltern: „Du darfst wütend sein. Ich halte die Wut mit dir aus. Aber ich will nicht, dass du mir weh tust.“
Eine gute Idee finde ich es auch, sich einen inneren Fahrplan zurechtzulegen, auf den man dann in der Stress-Situation zurückgreifen kann. Das könnte in etwa so aussehen:
- Situation annehmen: „Mein Kind ist in Not und braucht meine Hilfe“
- „Stopp“ sagen (ruhig und klar); wenn nötig, sich und andere schützen: „Halt, ich lasse nicht zu, dass du mir oder anderen weh tust!“
- Eigene Grenzen benennen: „Ich will nicht, dass du mich haust. Das tut mir weh!“
- Gefühle annehmen, Verhalten begrenzen: „Du bist wütend, das ist okay. Aber ich will nicht, dass du schlägst, beißt, trittst!“
- Wenn der Gefühlssturm abebbt: Nähe anbieten, wieder in Verbindung kommen.
Das gibt nicht nur uns Eltern, sondern auch unseren Kindern Sicherheit und Stabilität und wir können so der Leuchtturm für unsere Kinder sein, der sie durch den Gefühlssturm navigiert. Dann ist es auch möglich, den Gefühlsausbrüchen mit mehr Gelassenheit zu begegnen.
Im Akutfall, so wie bei eurer Spielplatz-Situation im Urlaub, könnte das so aussehen: Reagiert mit Empathie, wenn ihr merkt, dass „die Stimmung kippt“. Erkennt an, wie es eurem Sohn gerade geht und sprecht für ihn aus, wie er sich vermutlich fühlt, zum Beispiel: „Ich habe das Gefühl, dass du richtig viel Spaß beim Rutschen hast. Da hast du jetzt überhaupt keine Lust, mitzukommen, stimmts?“. Das wird ihn langfristig unterstützen, seine Gefühle einzuordnen und sich nicht falsch zu fühlen. Gleichzeitig ist es dann aber hilfreich, sanft und bestimmt bei eurem verhandelten Plan zu bleiben. Denn gerade Übergänge, wie hier vom Spielen zum Essen, sind oft anstrengend für Kinder.
Wenn dann, wie vermutlich bei euch, auch noch Hunger oder Müdigkeit ins Spiel kommen, brauchen sie umso mehr unsere Unterstützung: „Ich sehe, wie schwer es dir gerade fällt, eine Pause zu machen. Das kann ich gut verstehen. Und trotzdem entscheide ich, dass wir jetzt erstmal essen gehen. Ich merke, dass du damit nicht einverstanden bist, das ist ok. Aber wir gehen jetzt trotzdem. Nach dem Essen kann es weiter gehen.“ Wenn die Reaktion eures Sohnes dann sehr heftig ausfällt, ist es völlig legitim, euch selbst zu schützen und euch dabei authentisch in eurer Reaktion zu zeigen: „Stopp. Hier ist meine Grenze.“
Eure Aufgabe ist es, die Gefühle eures Sohnes zu akzeptieren und zu begleiten, aber eben gleichzeitig auch dafür zu sorgen, dass niemand zu Schaden kommt. Oft ist die Wut so stark, dass Worte nicht mehr durchdringen. Dann ist es wichtig und richtig, ins Handeln zu kommen, also eben zum Beispiel Hände oder Füße eures Sohnes festzuhalten und ihn dadurch vom Hauen, Beißen oder Treten abzuhalten. Diese Art der schützenden Gewalt ist nicht schön. Aber manchmal ist sie schlicht notwendig, denn sie dient dem Schutz aller:
Wenn sich euer Sohn erstmal nicht zugänglich zeigt, ist das ebenfalls normal. Dann ist wichtig, in der Nähe und zugewandt zu bleiben: „Ich bin da. Ich halte die Wut mit dir aus. Ich habe dich lieb, auch wenn du es gerade schwer hast.“
Ergänzend möchte ich noch genauer auf das Thema Urlaub mit kleinen Kindern eingehen. Ich kann gut verstehen, dass ihr an dieser Stelle enttäuscht und frustriert seid. Ihr hattet euch auf die gemeinsame Zeit gefreut und anstelle von Entspannung gab es eine Menge Stress und Frust.
Betrachten wir den Urlaub einmal aus der Perspektive eures Sohnes. Neben all den schönen und spannenden Erlebnissen kann so ein Urlaubsaufenthalt für Kinder tatsächlich erst einmal ziemlich viel Stress bedeuten: die fremde Umgebung, ein ungewohntes Bett, das Essen schmeckt ganz anders, es gibt andere Abläufe als zu Hause… Unglaublich viele neue Reize auf einmal – puh! Ganz schön viel zu verarbeiten und vielleicht auch ein Grund für die besonders heftigen Gefühlsausbrüche eures Sohnes. Das bedeutet nicht, dass ihr etwas falsch gemacht habt oder nicht auf Erholung hoffen dürft. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass der Urlaub für euer Kind wahrscheinlich sehr aufregend und anstrengend war – nochmal mehr ein Nährboden für wilde Gefühlsstürme. Daher könnte es zunächst sinnvoll sein, vielleicht bei der Tagesplanung eher nach dem Motto „weniger ist mehr“ vorzugehen oder bewusst Pausen und Rückzugsmöglichkeiten einzubauen. Es ist total ok, hohe Erwartungen an die Urlaubszeit zu haben. Aber vielleicht darf der Maßstab für einen gelungenen Familienurlaub stärker auf dem bewussten Miteinander, als auf dem Aspekt der Erholung liegen.
Die gute Nachricht: Es braucht Zeit und Geduld, aber euer Sohn wird mit zunehmender Reife immer besser mit seinen Gefühlen umgehen können. Dabei könnt ihr ihn wunderbar unterstützen: Nutzt die ruhigeren Momente für gemeinsame Aktivitäten, die die verschiedenen Sinne ansprechen und einfach gut tun. Das kann genauso Vorlesen, wie in der Natur herumtollen, Kuscheln, Malen und Basteln, Schüttspiele oder Singen sein – was eben zu eurer Familie passt. Das schafft Freude am Miteinander und eure Bindung wird gestärkt. Gleichzeitig entlastet ihr das Nervensystem eures Sohnes und unterstützt langfristig seine Fähigkeit zur Selbstregulation.
Mindestens genauso wichtig ist es, dass ihr als Eltern gut für euch sorgt. Was tut euch gut? Wo könnt ihr zwischendurch mal aufatmen und kleine Momente schaffen, in denen ihr kurz auftanken könnt? Gefühle zu begleiten ist ein unglaublich fordernder Teil des Elternseins und kann einen wirklich an die eigenen Grenzen bringen. Und dabei dürft ihr auch sanft und voller Mitgefühl mit euch selbst sein.
Herzliche Grüße
Lena