Darum geht es
Unser fast dreijährige Tochter kann sich nicht vom Schnuller trennen. Wie begleitet man das Ende einer wichtigen Gewohnheit? Weder wollen wir ihn radikal entziehen, noch lügen und sagen, er wäre verloren gegangen. Wie geht das: Den Schnuller abgewöhnen?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Uns beschäftigt aktuell sehr das Thema Schnuller und Schnuller abgewöhnen.

Unsere Tochter wird nächsten Monat 3 Jahre alt und benutzt (immer noch) ihren Schnuller. Zur Zeit ist es wieder sehr intensiv, wo sie ihn eigentlich den kompletten Tag haben möchte – zumindest an Tagen mit normalem Familienalltag. Sind wir unterwegs mit Freunden und anderen Kindern oder machen Ausflüge, vergisst sie ihn total. Höchstens wenn sie sich weh getan hat oder gegen Abend wenn sie müde wird.

Versuchen wir an einem „normalen“ Tag den Schnuller zu reduzieren, kriegen wir großem Widerstand bis zu hysterischen Schrei-/Weinanfällen. Jegliche Ablenkung oder alternatives Regulationsangebot wird abgelehnt oder funktioniert nur kurzfristig.

Sodass sie irgendwann doch wieder den Schnuller von uns bekommt.

Die Versuche mit ihr zusammen herauszufinden, was ihr eigentliches Bedürfnis in der jeweiligen Situation ist, sind bisher leider gescheitert. Vermutlich kann sie es selbst nicht definieren und in Worte fassen. Wir Eltern sind von der ständigen Frage „Wo ist mein Schnuller?“ und „Mama/Papa ich will jetzt mein Schnuller!“ absolut entnervt und wissen nicht weiter.

Aus unserem Bekanntenkreis kennen wir nur die Varianten, dass der Schnuller radikal entzogen wird von heute auf morgen oder dass dem Kind vorgelogen wird, der Schnuller sei „verloren gegangen“. Beide Varianten sind für uns keine Alternative, aber wir wissen auch keinen besseren/anderen Ansatzpunkt, um mit unserer Tochter gemeinsam den Weg weg vom permanenten Schnuller zu gehen.

Wir hoffen ihr könnt uns etwas weiterhelfen und sind dankbar für jeden Input!!

Die Antwort
unserer Expertin.
Schnuller abgewöhnen
Astrid Draxler — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

ihr schreibt von eurem Prozess in der Begleitung der Selbstregulation eurer Tochter. Daraus lese ich, wie viele Schritte ihr dabei schon gegangen seid. Ihr habt einst entschieden, ihr den Weg zur Regulation über den Schnuller zu ermöglichen, und ihr den Schnuller zur Beruhigung anzubieten oder abzuwarten, bis sie den Schnuller selbst verlangt. Mittlerweile erlebt sie damit ihre Selbstwirksamkeit und setzt oder fordert ihn ein, wenn sie ihn braucht. Das waren wichtige Schritte für eure Tochter, sie konnte in ihrem Entwicklungsfluss damit wachsen, und der nächste Schritt steht bevor. 

Euer Einverständnis, dass über eine gewisse Entwicklungsphase ein Schnuller Entlastung bietet, hat bei eurer Tochter ein Gefühl der Sicherheit bewirkt. Sie wurde durch euch und den Schnuller in Phasen von Unruhe, Erregung, Schmerz oder Frust begleitet. Das gehört zu den tragfähigen Ritualen, mit denen sich die Bedürfnisbefriedigung und der Familienalltag bisher gut meistern ließen. 

Und nun kam der Moment, in dem der Umgang damit eure Stimmung zuhause belastet. Das geschieht oft in diesem Alter der Kinder. Dann überlegen die Erwachsenen, wie man das Kind zu einem guten „Abschied vom Schnuller“ begleiten kann, meist angeregt durch einen Anlass in der Kita, einen Zahnarztbesuch oder das Besprechen und Reflektieren im Freundeskreis.

Es liest sich stimmig, wie ihr beschreibt, dass es nun mit 3 Jahren auch bei euch Überlegungen gibt, den Schnuller langsam zu verabschieden. Denn ihr habt beobachtet, wie weit sie schon ist, und an gewissen aktiven Tagen fast ohne auskommt. Das ist die Spur, die ich weiterverfolgen würde.

Ihr habt wohl auch entschieden, ihn nicht zu verlieren oder an die „Schnullerfee“ zu übergeben. Das finde ich persönlich recht gut. Auch wenn die Kinder in der sogenannten magischen Phase mit unsichtbaren Begleitern und Ereignissen so einiges erleben, wird in diesem Zusammenhang so manches Erzieherische an diese magischen Figuren abgegeben, dessen Resultat später für das Kind schwierig zu bewältigen ist. Mit der Verlockung eines besonderen Geschenks und meist verbunden mit einer unwiderruflichen „Absprache“ werden alle Schnuller eingesammelt. Das schmerzt.

Das Kind erlebt: Die Schnullerfee nimmt einen bisher „wichtigen Teil von mir“ mit. Dafür bekomme ich ein Geschenk. Die Eltern erhoffen sich von der Fee, dass das Kind so wenig wie möglich trauern wird und sich an die Abmachung halten kann, denn es wurde dafür beschenkt. Die Wut des Kindes kann sich auch nicht wirklich auf die Schnullerfee richten. Wer kennt schon die Macht der Fee? Wer weiß, was sie noch alles verschwinden lassen kann? 

Ihr seht, Geschenke, die mit einem heimlichen Erziehungsauftrag verbunden sind, sehe ich etwas kritisch.

Solche Feen oder plötzliche Entscheidungen und Verluste läuten oftmals eine Phase der Wut und Unsicherheit ein. Für mich bedeutet es auch, dass sich die Eltern (meist unbewusst) hinter dieser magischen Figur verstecken. Sie entscheiden zwar darüber, was geschehen wird, übernehmen damit jedoch nicht die Verantwortung für die Gefühle, die der Verlust auslöst. Das wiederum würde die Beziehung der Akteure sehr viel klarer darstellen:

„Ja, wir Eltern haben entschieden (aus ganz persönlichen Überzeugungen), dass du den Schnuller nicht mehr bekommen sollst, und ja, du darfst darüber klagen und auf uns sauer sein. Das werden wir miteinander aushalten.“ 

Eltern haben immer mehrere Möglichkeiten, mit Entwicklungen, die das Kind oder sie selbst herausfordern, umzugehen. Sie haben natürlich die Macht, manche für das Kind noch unverständliche oder unliebsame Entscheidungen zu treffen und einen Zeitpunkt zu bestimmen. Auch wenn der innere Wunsch besteht, das Kind in seiner Entwicklung respektvoll begleiten zu wollen, wird dieses endgültige Verbot oft gewählt. Das sollte eigentlich auch beinhalten, zu der gewählten Entscheidung zu stehen, und ein Anker zu sein für die Wucht der kindlichen Gefühle. Um dann als Eltern auch zu sich sagen zu können: Ja, ich habe dir etwas zugemutet, ich traue dir und uns zu, darüber hinwegzukommen und ich bleibe warm und wohlwollend in der Begleitung deiner Gefühle von Trauer, Wut und Schmerz.

Eine andere Möglichkeit ist, dem Prozess zu vertrauen und den Zeitpunkt zu erkennen, in dem sich ein Abschied von etwas Liebgewonnenem ankündigt, so wie ihr es gerade wahrnehmt. Eure Tochter kann es schon immer besser ohne aushalten. Und vielleicht spürt sie schon den Druck, dass es von euch nicht mehr so gewollt ist und muss an manchen Tagen noch richtig festhalten.
Kinder profitieren in ihren Entwicklungsschritten immer wieder von Ritualen, die dann zu Gewohnheiten werden wie das Schnullern, aus denen sie mit der Zeit durch neue Kompetenzen entwachsen können. Nun ist die Frage, wie könnt ihr eure Tochter in den Phasen zuhause gut begleiten, damit sie den Schnuller langsam auch da vergisst? Da ist eine innere Bewegung der Eltern hilfreich, weg von den Gedanken: Jetzt willst du ihn schon wieder haben – hin zu – bald brauchst du ihn auch hier nicht mehr.

Damit ladet ihr die Zuversicht in den Entwicklungsprozess des Kindes ein, und gebt nicht das Signal, dass am Kind etwas falsch ist. Mit eurer Hilfe und Geduld wird sie mehr und mehr erkennen, wann es nur Lust ist, wann Langeweile, Anspannung oder Müdigkeit. Das sind ja wichtige Erkenntnisse. Und ihr könnt sagen, wann ihr es zu viel findet, sie fragen, ob sie eine Pause machen kann. Im Gespräch bleiben, ohne zu insistieren, manchmal etwas einfordern und verhandeln, im Wissen, es wird bald vorbei sein mit dem Schnuller, es kündigt sich ja schon an. Wichtig ist auch, dass sich nicht alles um den Schnuller dreht.

Manche Angebote helfen: „Möchtest du kuscheln oder mit mir raufen?“, oder ihr erlaubt euch abzuwarten, ihr die Ruhephase mit dem Schnuller gönnend.
Dazu braucht es weiterhin eure gute Beobachtung: Wann nuckelt sie noch, wie beruhigt sie sich sonst schon ohne? Und das könntet ihr dann ab und zu auch zu ihr sagen. „Heute war ganz wenig Nuckelzeit, ich bin sicher, bald brauchst du ihn nicht mehr, und du wirst es nicht vermissen, aber das dauert noch ein Weilchen.“ 

Das Gespräch um herauszufinden, welches Bedürfnis dahinter ist, überfordert sie bestimmt noch. Wenn euch ihre Fragen nach dem Schnuller, und die ewige Suche danach nerven, könntet ihr einen Platz für gefundene Schnuller ausmachen: „Wenn ich beim Aufräumen einen finde, lege ich ihn dort hin. Bitte lege auch du deine Schnuller an diesen Platz, ich mag jetzt nicht mit dir suchen“. Und ein Wutanfall, weil ihr nicht suchen helft, kann dann auch für den inneren Ausgleich sorgen. Hauptsache ihr lasst sie dabei nicht allein. 

Es ist wichtig, als Eltern eine Art Resilienz oder Abstand zu entwickeln, dann lässt sich das wüten darüber, dass ihr zur Suche nicht immer zur Verfügung steht, besser aushalten.

Das Nuckelbedürfnis als Beruhigungsventil hört ja meist mit dem Abschied vom Schnuller nicht ganz auf. Manche Geschichten und Erlebnisse können nur verdaut werden, indem die Kinder sehr bewegungsaktiv werden, oder sie wählen andere Dinge, an denen sie ihre Anspannung abreagieren können, sie nuckeln an Ärmeln oder Krägen der Kleidung, finden den Daumen plötzlich auch ganz gut, oder drehen an den Haaren. Das kennen viele Eltern aus der eigenen Geschichte und erinnern sich an positive oder negative Interventionen ihrer Eltern. Die meisten aber haben irgendwann andere, passendere Strategien entwickelt, um sich zu entspannen oder sich in aufregenden Zeiten zu beruhigen. Manche suchen noch immer danach, weil sie es vielleicht früher nicht selbst herausfinden durften, wie die verschiedenen Angebote beispielsweise für Achtsamkeitskurse zeigen. Und für viele ist das tatsächlich sehr hilfreich.

Ich wünsche euch hierbei ein wenig Geduld und Gelassenheit, denn noch hat sie einen guten Grund, wie Müdigkeit, Aufregung oder Selbstbestimmung, den Schnuller an gewissen Tagen nicht hergeben zu können. Mit eurer freundlichen Beharrlichkeit den Schnuller zu gewissen Zeiten zu begrenzen und nicht ganz zu verbieten, mit Rücksicht auf ihre und eure Grenzen, und die Wertschätzung für das, was eure Tochter gerade alles lernt und bewältigt, wird sie sich in ihrer Zeit vom Schnuller verabschieden. Dann hat sie eine wichtige Lernphase alleine und in guter Begleitung abgeschlossen, was ihrem Selbstgefühl sehr gut tun wird.

Alles Gute für euch,

Astrid Draxler